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„Störfall Zukunft – Schlussfolgerungen für einen möglichen Anfang“

Rezension vom Dezember 2008:

„Ich kenne kein Buch, bei dem sich der Verfasser die Mühe gemacht hat, aus einer solchen Fülle von Einzelinformationen die einflussreichsten Entwicklungslinien unserer Zeit und die wichtigsten Gedankengebäude der ´Opinion leader´ herauszuarbeiten.“

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Ulrich Scharfenorth: Störfall Zukunft – Schlussfolgerungen für einen möglichen Anfang – Heiner Labonde Verlag, Grevenbroich 2008, Taschenbuch, 632 Seiten, ISBN 978-937507-15-6, Preis: 34,- € .

Wir leben in einer Informationsgesellschaft – so sagt man jedenfalls. Tag für Tag strömen auf jeden von uns Dutzende von Informationen ein, Informationen, die meist keinen inneren Zusammenhang aufweisen. Die widersprüchlichsten Aussagen werden in Umlauf gebracht, von den Medien häufig ungeprüft übernommen,. Wir hören, sehen, lesen all das und sind verwirrt. Es fehlt der Überblick. Wie soll man in solch einer Situation eine Vorstellung davon gewinnen, wie die Zukunft unseres Planeten und die künftigen „Rahmenbedingungen“ unseres eigenen Lebens aussehen werden? „Störfall Zukunft“ heißt ein neues Buch, ein Kompendium von bemerkenswerten Fakten, wichtigen Positionen und gegensätzlichen Meinungen in zwölf technisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch für uns alle sehr bedeutsamen Feldern. Die hauptsächlichen Themen sind: Weltraumfahrt, Biotechnologie und Gentechnik, Agrarwirtschaft , Nanotechnik, Bildungsreform, Energieversorgung, Globalisierung der Wirtschaft und Arbeitsmärkte, Klimawandel, weltwirtschaftliche Ungleichgewichte und Finanzkrise, Denk- und Verhaltensmuster der Menschen, politische Dauerprobleme und Zukunftsszenarien. All diese Themen werden nicht isoliert für sich, sondern in ihrer Verknüpfung und Verflechtung untereinander betrachtet. Der Autor hat sage und schreibe über 1.600 Zeitungsartikel, Fernsehbeiträge und Bücher der Jahre 2006 bis 2008 (alle im Anhang einzeln dokumentiert ! ) ausgewertet und daraus die bemerkenswertesten Informationen und Positionen herausgezogen und gegenübergestellt. Ich kenne kein Buch, bei dem sich der Verfasser die Mühe gemacht hat, aus einer solchen Fülle von Einzelinformationen die einflussreichsten Entwicklungslinien unserer Zeit und die wichtigsten Gedankengebäude der „Opinion leader“ herauszuarbeiten und gegenüberzustellen.

Wenn man das Buch liest, hat man das Gefühl, man befindet sich auf einem Aussichtsturm: Man kann den Blick rundum über unsere „technisch-sozio-ökonomisch-gesellschaftlich-politische“ Landschaft schweifen lassen. Man erkennt deutlich jeden Hügel und jedes Tal, die Kleinstadt mit Krankenhaus und Kreishaus, Hochspannungsleitungen, Mobilfunkmasten, die Windräder, den Gewerbepark, sogar die Kläranlage und die Mülldeponie, und man sieht den Verlauf der verbindenden Straßen – besser als wenn man sie mit dem Auto entlang fährt. Man wundert sich, wie viele Tatsachen der Autor zu Tage fördert, von denen man selbst als gut informierter Mensch noch nie etwas gehört hat. Und man stellt fest, die Landschaft, in der wir leben, ist extrem verwirrend.

Der Autor scheut sich nicht, die Probleme im Klartext auszusprechen. Er schreibt subjektiv, provokativ, oft polemisch. Er sagt seine Meinung unmissverständlich, er will den Leser provozieren und damit zum Nachdenken anregen, aber er stellt – journalistisch sauber – seine eigenen Ansichten den Meinungen anderer klar unterschieden gegenüber. Er will auch dem Leser keine Meinung aufdrängen, und er tut nicht das, was Interessengruppen so gern tun: ihre ausschließlich dem eigenen Nutzen dienende Meinung hinter ausgewählten richtigen oder gar falschen Fakten unsichtbar zu machen. Das Buch ist dick (600 Seiten), aber man kann es abschnittweise studieren. Das Layout kommt dem Leser entgegen: Wichtige Zitate sind durch Fettdruck aus dem laufenden Text hervorgehoben. Man kann daher sehr gut selektiv lesen, indem man zunächst nur die fett gedruckten Zitate betrachtet oder sich einzelnen Kapiteln zuwendet, die einen besonders interessieren. „Störfall Zukunft“ ist erstaunlich aktuell, es schließt mit den Konsequenzen aus der Wahl Obamas.

Sicher – bereits in einem halben Jahr wird sich manches verändert haben, und die Aktualität wird sinken. Das wird aber nur in Einzelbereichen der Fall sein, aber meiner Meinung nach spielt das keine Rolle, im Gegenteil: Ein Vergleich der überholten mit den dann aktuellen Fakten wird die längerfristigen Trends umso klarer erkennen lassen. Um das Bild vom Aussichtsturm noch einmal aufzugreifen: Das Buch ist wie ein Panoramafoto der Landschaft und als solches ist es eine Momentaufnahme. So wird man später leicht erkennen können, wo eine neue Straße gebaut wurde oder wo der Wald abgeholzt wurde. „Störfall Zukunft“ ist bemerkenswert dadurch, dass ein Dutzend wichtiger Gebiete weiträumig und intensiv behandelt wird, und einem die Informationen der letzten drei Jahre gebündelt „unter die Nase gehalten“ werden mit allen Widersprüchen, die darin enthalten sind.

Wenn man das Buch gelesen hat, dröhnt einem der Kopf – kein Wunder bei dieser Fülle an Themen und Fakten mit ihrer immanenten Widersprüchlichkeit. Wenn man es aus der Hand legt, hat man das Gefühl, einen riesigen Patchworkteppich betrachtet zu haben. Aber das sollte man nicht dem Autor anlasten, und daran darf man sich nicht stören: Unsere Informationsgesellschaft ist genau das: ein kurioser Patchworkteppich. Aber damit müssen wir jeden Tag leben, und so ist das Buch eine hervorragende Ausgangsbasis, um sich selbst mit dem einen oder anderen Bereich noch gezielter auseinander zu setzen und seine eigenen Ansichten zu überprüfen. Der Rezensent ist der Meinung, dass dieses Buch für jeden politisch interessierten Bürger von großem Nutzen sein kann.

Der Inhalt der einzelnen Kapitel: Die Weltraumfahrt ist aus den Berichten der Medien weitgehend verschwunden. Wer weiß schon, dass Amerikaner, Russen, Europäer, Chinesen und Japaner nach wie vor weitgehende Pläne für die wirtschaftliche Nutzung des Mondes, ja sogar des Mars verfolgen und dass das hochspekulative Wettrennen um den Vorrang im Weltraum weitergeht? Die Biotechnologie – und vor allem spektakuläre Erkenntnisse der Gentechnik – stehen oft im Focus der Aufmerksamkeit, auch wenn ihr praktischer Nutzen bislang eher gering ist. Im Gesundheitswesen jedoch sind die Volkskrankheiten Herz-Kreislauferkrankungen, Krebs, Diabetes und zunehmend auch Altersdemenz die dominierenden ungelösten Probleme. Der Verteilungskampf der Teilnehmer am Gesundheitsmarkt sowie die Desorganisation des staatlich geregelten Gesundheitswesens prägen den Alltag. Auch hierzu liefert das Buch eine Fülle von Fakten und Denkanstößen. Wer weiß, dass heute in Deutschland jährlich 400.000 Gentests von den Krankenkassen bezahlt werden, dass es inzwischen weltweit Patente auf 5000 bis 6000 Gene gibt, dass in Deutschland 1,4 Mio. Menschen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln abhängig sind und dass 80 % aller Arzneiwirkstoffe aus Indien und China stammen? Die Agrarwirtschaft ist aufgerufen, auf unserem Planeten acht, zehn oder noch mehr Milliarden Menschen ausreichend zu ernähren. Im vergangenen Jahr gab es in der Welt 33 durch steigende Nahrungsmittelpreise verursachte Aufstände und in Haiti wurde aus diesem Grund die Regierung gestürzt, während der Deutsche im Durchschnitt nur 11 % seiner Konsumausgaben für Lebensmittel verwendet. Nahrungsmittel als Spekulationsobjekt, der Ruin der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern durch subventionierte Billigimporte, fehlende Risikoabschätzung bei den neuen gentechnisch veränderten Organismen sind nur einige Stichworte zu den behandelten Problemkreisen. Die Nanotechnik spielt im Bewusstsein der Öffentlichkeit bisher so gut wie keine Rolle. Winzigste Quarzkügelchen können beispielsweise Lacken, Textilien oder der Oberfläche von Metallen ganz neue Eigenschaften verleihen, sie z.B. schmutzabweisend machen. Dieser Technik wird eine große Zukunft vorausgesagt – aber was bewirken z.B. aus Kosmetika freigesetzte Nanopartikel im menschlichen Körper? Die Bildungsreform ist – anders als die Nanotechnik – ein Lieblingsthema der Medien, und in der öffentlichen Wahrnehmung ergibt sich das Bild von Inkompetenz und Durcheinander bei den Schulbehörden. Interessant ist es, über die Grenzen zu schauen. So zitiert das Buch einige Untersuchungen und Erfahrungen der USA, der OECD und der EU. Beispielhaft ist das Schulsystem in Finnland, das sich in einfacher, aber schlüssiger Weise der Integration der Einwanderer sehr erfolgreich annimmt. Die Energieversorgung ist ein weiteres umstrittenes Feld der öffentlichen Aufmerksamkeit. Obwohl die Experten weltweit mit äußerst unterschiedlichen Prognose-Szenarien arbeiten, sind sich alle einig, dass der Energiebedarf in Zukunft nicht schrumpfen, sondern wachsen wird. Aber die Ausbalancierung der richtigen Maßnahmen ( z. B. im Transportwesen „Schiene/Straße“, in der Energieversorgung „Kohle/Gas/Öl/Kernkraft/Wind/Solarstrom“, bei der Energieerzeugung „zentral/dezentral“) scheint eine fast unlösbare Aufgabe zu sein – ebenso wie die Bewertung möglicher Energiesparmaßnahmen und der technischen Innovationen z.B. zur Verbesserung der Wirkungsgrade. Hier als Beispiel nur eine Zahl: Um 10% der fossil erzeugten Energie durch Atomstrom zu ersetzen, sollen 1.000 neue Atommeiler erforderlich sein; welche Schlussfolgerung aus diesem Fakt macht Sinn? Die Wachstumsideologie nimmt der Autor im folgenden Kapitel unter die Lupe und er sei hier wörtlich zitiert: „Überschreitet exponentielles Wachstum eine kritische Grenze, so bedroht sie damit ihr eigenes System als Ganzes. Die Gefährdung wirkt grotesk. Doch schließlich sind weder eine unendlich große Bevölkerung auf unserem Planeten, noch eine unendlich hohe Industrieproduktion, eine Lufthülle mit 80% CO2, ein Ölpreis von 10.000 US-Dollar pro Barrel oder hundertstellige Vermögen denkbar, ohne dass vorher etwas explodierte.“ Vor diesem Hintergrund werden die Globalisierung der Wirtschaft, die Nachhaltigkeit, das ökonomische Wettrennen, die WTO-Organisation und die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands betrachtet. Wenn Rohstoffe, Energie, Nahrungsmittelerzeugung und Wassernutzung zum Ziel ungebremster Finanzspekulation werden, wirkt das mit Sicherheit krisenbefördernd. Der Arbeitsmarkt ist ein weiteres Feld der Betrachtung. In ganz Europa blüht die Schwarzarbeit, am meisten in den Niederlanden. 2007 gab es in Deutschland insgesamt 39,7 Mio. Erwerbstätige, davon 7,5 Mio. Industriearbeitsplätze, außerdem 4,5 Mio. Selbständige. Es gab 3,8 Mio. Arbeitslose, rd. 7 Mio. Hartz IV-Empfänger und 1,5 Mio. offene Stellen. 6,5 Mio. Arbeitnehmer verdienten Anfang 2008 im Westen weniger als 9,61 €/h und in Ost weniger als 6,81 €/h und bezogen somit Niedriglöhne. Allein diese nackten Zahlen – einfach nebeneinandergestellt – (warum findet man in der Presse immer nur Einzelwerte??) spiegeln schon einen Großteil der Probleme, die der Autor eingehend beleuchtet. Der Klimawandel ist im öffentlichen Bewusstsein in den Hintergrund getreten, auch wenn er jetzt in der deutschen und europäischen Politik zahlreiche mehr oder weniger sinnvolle Maßnahmen ausgelöst hat und noch auslösen wird. „Nebel im Treibhaus“ hat der Autor dies Kapitel treffend bezeichnet, und er beleuchtet die unterschiedlichen Positionen. Der Finanz- und Wirtschaftscrash war und ist vorprogrammiert . Es gibt Studien, die belegen, dass die Ereignisse an den Börsen zu 80 % nicht makro-ökonomisch (durch die Situation der Wirtschaft usw.) erklärbar sind. McKinsey hat festgestellt, dass das Geschehen an den Finanzmärkten zunehmend von vier institutionellen Investoren getrieben wird: den Petrodollar-Investoren, den asiatischen Zentralbanken, den Hedge Fonds und den Private Equity-Gesellschaften. Zusammen verwalteten diese vier Ende 2006 etwa 8,4 Billionen US-Dollar, dreimal so viel wie im Jahr 2000. Die neuen Großanleger verfolgen aggressive Anlagestrategien und gehen höhere Risiken ein, um größere Erträge zu erreichen. Diese neue Strategie hat an den Finanzmärkten die Finanzinnovationen beflügelt. Hedge Fonds wiesen das größte Wachstum auf und machten 2007 bereits 30 bis 50 % des Handelsvolumens an den angelsächsischen Börsen aus. Und noch ein paar Informationen am Rande: Wussten Sie, dass von den fünf weltgrößten Banken sich drei in China befinden, dass China seinen Bürgern Spekulationen mit ausländischen Währungen Mitte 2008 verboten hat und dass der Finanzsektor mehr als alle anderen europäischen Wirtschaftsbereiche von der Globalisierung profitiert hat? Wie wird der Mensch auf das alles reagieren? Im Verzögern, Vergessen, Nichtlernen und Hinnehmen sieht der Autor die größten Gefahren für die Zukunft, und unter diesem Aspekt macht er noch einmal eine Rundum-Panorama-Aufnahme unserer Gesellschaft, die besonders spannend ist, aber sicher auch zu den Abschnitten gehört, die besonders kontrovers diskutiert werden dürften. Die Politik ist das Thema des umfangreichsten Kapitels des Buches. Die Außenpolitik der großen Mächte im Kampf um Ressourcen und wirtschaftliche Vormachtstellung, der instabile Nahe Osten, die Dauerfehde zwischen Israel und den Palästinensern, der Terrorismus, die Lage in Afghanistan und Pakistan, der Kampf um Öl und Gas, die machtpolitischen Positionen Russlands, Chinas und Indiens, die verworrenen Verhältnisse in Afrika und die Wahrscheinlichkeit von zukünftigen Kriegen sind die Schwerpunkte dieses Kapitels. „Über den Absturz ans Licht“, so hat der Autor sein letztes Kapitel benannt: Die Erde beherbergt 192 Staaten, 6.000 unterschiedliche Völker (Ethnien) und neun größere Gruppen in den „Weltkulturen“. 50-60% der Staaten sind Demokratien – nur ein Teil entspricht dem westlichen Muster. Kann es unter diesen Umständen eine Weltregierung geben? Oder eine Weltordnung durch Nichtregierungsorganisationen? Wohin wird der Weg des weltweiten Freihandels, der globalen Spekulation, der global operierenden Unternehmen uns führen? Sind die bisher überwiegend national gewachsenen politischen Strukturen für die globale Zukunft noch geeignet? Woran sollte sich die Gestaltung neuer Strukturen orientieren? In diesem Abschnitt werden die Zukunftsentwürfe von rund einem Dutzend verschiedener Autoren präsentiert, ohne dass sich schlüssige Antworten daraus ergeben, allerdings – wie im ganzen Buch – viel, viel Stoff zum Nachdenken.

Die persönliche Sicht des Autors klingt nicht sehr optimistisch: „Wir müssen durch ein Tal, bevor es aufwärts gehen könnte …Ich glaube nicht an eine vernunftgesteuerte, sondern an eine katastrophenbedingte Wende“. Dem halte ich entgegen: Es kann so kommen, aber es muss nicht so kommen. Und um zu verhindern, dass es so kommen wird, hat der Autor ja sein Buch geschrieben. Sinngemäß schlussfolgert er: Nur die radikale Abkehr vom heutigen Wachstumswahnsinn und Raubbau sowie nachhaltiges Wirtschaften und die Realisierung des EINE-WELT-Gedankens gestatten das langfristige Überleben der Menschheit. Allein die Konzepte, die allen Menschen ein auskömmliches Leben in Würde ermöglichen, sind zukunftsfähig. Die kommenden vierzig Jahre werden vom Ringen um diese neuen Positionen und folglich durch das Zusammenwirken von Crashs und Umdenken bestimmt sein. Am Ende des Kapitels nennt der Autor in einem kurzen Epilog von anderthalb Druckseiten seine persönlichen Konsequenzen: In einem Satz zusammengefasst, könnten sie etwa so lauten: „Sei achtsam und folge Deinem Gewissen – Dir, Deinen Mitmenschen, Deinen Kindern und Deinen Enkeln zuliebe.“

Dipl.-Ing. Peter Greis, Journalist & Autor, Düsseldorf

 

Die wahren Beweggründe für den Krieg in Afghanistan

… Afghanistan, 2008: Wir sehen ein staubiges, von Hunger gezeichnetes Land am Hindukusch – beherrscht von den Karsai-Marionetten (30 %), den Taliban (10 %) und den Warlords (60 %) – und punktuell besetzt von Soldaten, die »Befreier« heißen, sich als solche aber kaum wiederfinden. Amerikaner, Briten, Kanadier etc. schießen im Süden, was das Zeug hält (»Enduring freedom«) und Deutsche – heute mehr schanzend und deckungsuchend – erwartet im Norden das gleiche Schicksal. Selbstmordattentäter jagen die Konvois, und unschuldige Männer, Frauen und Kinder sterben – mal im Splitterhagel der Bomben, mal im Abwehrfeuer der Angegriffenen. Kabul ist ein Hochsicherheitstrakt – bewacht von Ausländern und dilettantisch ausgebildeten (heimischen) Polizei- und Armeekräften. Viele der afghanischen Offiziere sind korrupt, die Mannschaften vom Feind unterwandert. Nur zwei Dinge florieren im Lande: die Farce und der Anbau von Mohn. Und während letzterer ständig vorankommt, während Opium extrahiert und außer Landes geschafft wird, schleust Al-Qaida Kombattanten aus Pakistan.

Genährt von UN- und Drogengeld formierte sich, was asymmetrisch aufeinander wollte/ musste – die Taliban, verbündete Afghanen und Islamisten aus aller Welt auf der einen, die importierte Schar der Willigen auf der anderen Seite. Dazwischen vegetierten/vegetieren schwer beschreibbare Aufbauleistungen – Schulen und Krankenhäuser, immer mal zerbombt, immer mal wieder aufgetürmt. Afghanistan ist der Schauplatz, ein von Trockenheit ausgelaugtes, von Minen kontaminiertes, von Granaten und Wortbrüchen zerfetztes Eiland – in das ein groteskes Mandat reicht, das Menschen jetzt ausleben müssen.
Dass der Krieg – nach Zerschlagung des alten Scharia-Regimes und selbst gegen den Willen von Karsai – weiter geht, mag mit fehlendem Realitätssinn zu tun haben. Sicher ist das keinesfalls. Denn es gibt fürwahr andere Gründe, Afghanistan straff zu halten. Freilich wird nur der, der längst verdrängte Karten studiert, fündig werden: Es sind Öl und Gas, die vor allem die USA zu weiterer Präsenz drängen.
Wir erinnern uns an die Hurraschreie am Kaspischen Meer – an die Pipeline-Planungen, auch quer durch Afghanistan und Pakistan. Eines der größten Ölvorkommen der Welt, hieß es in den 90er Jahren – ein Quell, der Versorgung und Reichtum verspricht. Die Anrainerstaaten (Russland, Armenien, Aserbaidschan, Iran, Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan) vermaßen die Felder, und die Ölmultis (darunter auch US-Firmen wie Amoco, Unocal, Exxon und Pennzoil) versuchten, die Verlegung künftiger Rohrleitungen zu steuern. Mitte 2005 ging es zur Sache. Die Azerbaijan International Operating Company (AIOC) nahm bei Anwesenheit von US-Energieminister Samuel Bodman die erste wichtige Öl-Trasse in Betrieb. Sie umging Russland und den Iran. In der Folge floss das schwarze Gold bis ins türkische Ceyhan, von wo es mit Hilfe amerikanischer Tanker bis heute in die USA verschifft wird. Das Öl sollte bereits Anfang des Jahrtausends fließen – vom Kaspischen zum Arabischen Meer. Die Routen von Taschkent über Termez, Mazir-i-Schrif, Kabul und Jalalabad sowie von Aschchabat/Turkmenien, über Herat und Kandahar nach Quetta, sprich: quer durch Afghanistan und Pakistan, waren bereits abgesteckt. Doch konkrete Projekte blieben angesichts der politisch labilen Lage im Schubkasten. Da liegen sie bis heute – weil Clanchefs à la Hekmatjar (er beherrscht die Zugänge aus Turkmenien) und die Taliban Pipelinebauten bedrohen. Offenbar glaubt der Westen, offenbar glauben die USA, diese Lage jetzt ändern zu können. Mit der Fortsetzung der Scharmützel, der Aufrechterhaltung des Marionetten-Regimes und dem Aufbau militärischer Schutzzonen …

 

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1993 ist mein erstes Buch „Absturz ins Paradies“ erschienen

Dieser erste Versuch, gedruckt und in Buchform präsent zu werden, war noch weit von professioneller Arbeit entfernt – weniger von den Texten her als von deren layouterischer  Umsetzung.

Ich hatte in der DDR  weder Lyrik noch Prosa veröffentlichen können. Jetzt, im Westen angelangt, war ich heiß darauf, gebunden zu werden.   Die Enttäuschung hielt sich in Grenzen. Sie betraf wohl eher das Umfeld als die Resonanz auf mein Büchlein.

Im Vorspann hatte es geheißen: Die Anthologie enthält Arbeiten aus den Jahren 1963 bis 1993. Sie soll einige ganz persönliche Gedankensprünge und Erlebnisse, aber auch einen kleinen Ausschnitt aus deutsch-deutscher Befindlichkeit vermitteln.

Der Kampf um die Ressourcen hat begonnen

Ausgehende Rohstoffe sind für fast alle Medien ein zentrales Themen – ganz gleich ob es sich um Erdöl, Kohle, Erze oder Mineralien handelt. Viele Substanzen, vor allem extrem wichtige werden knapp, andere gehen gänzlich aus, und das schon in den nächsten 20-40 Jahren (S. 240). Dass einige der Stoffe/Mineralien zudem nur in einzelnen Regionen vorkommen, verschärft die Lage zusätzlich. Wie sollen wir künftig unsere LEDs, Sparlampen, Festplatten und Autos bauen, wenn die sog. „seltenen Erden“ (dazu gehören: Scandium, Yttrium, Lanthan, Cer, Praseodym, Neodym, Promethium, Samarium, Europium, Gadolinium, Terbium , Dysprosium, Holmium, Erbium, Thulium, Ytterbium und Lutetium) noch seltener und schließlich rationiert werden. Womit beschicken wir unsere Chemie- und Pharma-Industrie, wenn die fossilen Rohstoffe wegbrechen? So oder ähnlich klingen die Fragen, die uns jetzt um die Ohren schwirren. , Plötzlich wissen die Geologen, dass China über 50% der Vorkommen an „seltenen Erden“ verfügt und ihren Abbau zu 95 – 97% dominiert („FAZ.NET“, 8. Juli 2010; ARD/“Plus Minus“, 3. August 2010). Ein Fiasko. Denn ein Monopol im Reich der Mitte bedeutet Abhängigkeit – in einem Maße, wie es niemand vorhersah. Bereits jetzt sind die Preise für ausgewählte Elemente um 50 bis 400 % gestiegen, und die chinesische Regierung behält sich vor, die Exporte auf unter 10.000 t pro Jahr zu deckeln – in die gesamte Welt wohlgemerkt. Insider glauben sogar, dass die Ausfuhren mittelfristig auf Null reduziert werden könnten. Keine Ahnung, was in den Köpfen der westlichen Wissenschaftler, vor allem aber in denen ihrer Bosse vorging, als sie ihren Hightech-Träumen nachjagten – und gerade die „seltenen Erden“ in diese Träume einbauten. Die Mutmaßung, dass Chinesen, vielleicht ja sogar Auslands-Chinesen, solcherlei Richtung beförderten, kann schnell als schlechter Witz abgetan werden. So war es offenbar Dummheit, ein Blackout bei der strategischen Planung strategischer Rohstoffe. Gut möglich, dass es jetzt äußerst hektisch zugeht. Wie – so könnte man sich fragen – bewegt man die künftige Weltmacht China, ein stabiler Lieferant zu bleiben? Oder: Ist es nicht närrisch zu unterstellen, dass China ein gutwilliger Partner wird? Antworten dazu dürfte es in Kürze kaum geben. Etwas entspannter geht es bei Lithium zu, dem immer wichtiger werdenden „Baustoff“ für Lithium-Ionen-Batterien. Letztere werden derzeit als Non-Plus-Ultra für die effiziente (memoryeffektfreie) Stromspeicherung gehandelt – zum einen, wenn es ums Elektro-Auto geht, dann aber auch auf nächst höherer Ebene. Lithium gibt es vor allem in Südamerika und in Afghanistan. Derzeit werden ca. 30% der Weltförderung vom chilenischen Konzern SQM bestritten (Atacama-Wüste). Auch in der bolivischen Salzwüste Uyuni lagern riesige Vorkommen (ca. 5,4 Mill. t). Präsident Morales  möchte sie – anders als die Chilenen – allein durch bolivische Unternehmen ausbeuten lassen („3satbörse online“, 11. Dezember 2009). Ob seine Kraft ausreicht, ist fraglich. SQM jedenfalls scheint vor der Übernahme durch den kanadischen Konzern Potash zu stehen, der seinerseits durch den weltgrößten Bergbaukonzern BHP Billiton bedroht wird („Rheinische Post“, 19. August 2010). Wie auch immer die Rennen ausgehen. Die Erschließung neuer südamerikanischer Vorkommen dürfte ebenso dauern wie der Aufschluss der Lagerstätten in Afghanistan. Dort tobt vorerst ein Krieg, bei dem es nicht nur um die Verlegung sicherer Pipelines (vom Kaspischen zum Arabischen Meer/S. 481), sondern natürlich um Rohstoffe geht. Auch hier spielt Lithium neben Eisen, Kupfer, Niob, Kobalt und Gold eine entscheidende Rolle. Insider wollen wissen, dass es gerade dort, wo lukrative Lagerstätten vermutet werden, besondert hart zugeht. Einige der möglichen Ressourcen hat man inzwischen konkret ausgemacht – anhand von „Schatzkarten“, die die Russen hinterließen (“Rheinische Post“, 15. Juni 2010). Auch Teile der verbleibenden 3% an seltenen Erden werden am Hindukusch vermutet (ARD/“Plus Minus“, 3. August 2010). Noch geht es, was Lithium betrifft, halbwegs geregelt zu. Noch wird das Metall an der Börse nicht gehandelt. Noch laufen krampfhafte Bemühungen Aktienfonds für die fördernden Unternehmen zu begründen. Dass allerdings dürfte sich schnell ändern. Experten sind sich sicher, dass es sehr bald eine Lithium-Blase geben wird. Schon jetzt wird die Gier nach gewinnträchtigen Papieren extrem angeheizt – u. a. durch völlig unrealistische Szenarien zum Elektro-Auto. Die Folge sind absehbar: Schon sehr bald dürfte sehr viel mehr Lithium produziert werden als die Welt braucht, was Kursstürze und Werteverfall nach sich zieht. Die große Zeit für das zweifellos wichtige Metall wird sich erst nach 2020 einstellen – so meine Prognose.

Europa blase jetzt zur Aufholjagd, titelte kürzlich die Rheinische Post, und glaubte zu wissen, dass die EU den weltweiten Wettlauf um Rohstoffe bislang verschlafen habe. Da fragt man sich, wer hier wie geweckt was bewerkstelligen möchte. Zunächst hieß es, die EU-Kommission habe gerade ein Register von 14 Mineralien veröffentlicht, deren Lieferung künftig „mit Mitteln der Außen-, Handels- und Entwicklungspolitik gesichert werden soll“ („Rheinische Post“, 21. Juni 2010). Wie das mit Erzeugerländern abläuft, die bisher um- oder vergebens belagert wurden – denn um solche muss es ja im „Nachholeverfahren“ gehen – kann man sich lebhaft ausmalen. Bloße freundliche Diplomatie dürfte da kaum verfangen. Folglich muss man mehr Geld auf den Tisch legen oder mit Druck nachhelfen. Wie der IWF Schuldnerländer zur preiswerten Preisgabe ihrer Rohstoffe „animiert“, ist bekannt. Da könnte man zweifellos – den Anteil-, sprich: Machtverhältnisse entsprechend – mitwirken. Auch wenn der aufzuteilende Kuchen „Afghanistan“ anstünde, wüssten sich deutsche Rohstoffkäufer richtig in Szene zu setzen. Daran besteht kein Zweifel. Nur müsste dann mit möglichst aufgestockter Besatzung bis zum siegreichen Ende gestritten werden. Daran aber glaubt inzwischen niemand mehr. Und so dürften sich auch die Erz-/Mineralabbau-Ambitionen recht schnell verflüchtigen. Mich würde nicht wundern, wenn China, Indien, Russland und Saudi-Arabien maßgeblich am erforderlichen Friedensschluss – und dann auch an den lukrativen Explorationen beteiligt wären. Dem Westen bliebe dann allenfalls ein Rückzugsgefecht. Denn sein selbst verordnetes Recht, Rohstoffe im Ernstfall auch mit Waffengewalt zu sichern (s. auch Weißbuch 2006 zur Bundeswehr), ließe sich hier kaum anwenden. Und weil das so ist, sollten sich die maßgeblichen Politiker weniger darum streiten, wem die Schürfrechte unter dem Nordpol gehören, als vielmehr darum, wie man den Rohstoffmangel als Konfliktgrund ausschaltet. Will die Weltgemeinschaft künftige heiße Kriege um die letzten Ressourcen vermeiden, wird sie wohl oder übel die Internationalisierung (und militärische Sicherung) knapper werdender Rohstoffe ansteuern müssen. Das heißt nicht, dass man Gruben und dazugehörende Produktionsstätten, wo immer sie sich befinden, enteignen muss, wohl aber, dass man den fairen und gleichberechtigten Zugang zu ihnen sichert – auf Basis von Preisen, die unter Aufsicht der UN ausgehandelt werden (S. 598). Diese Lösung ist zwingend, denn jeder, der glaubt, dass man sämtliche ausgehenden Erze/Mineralien durch anders geartete „modernere“ Werkstoffe ersetzen kann, irrt einfach.