Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Nur kein Neid!

Nicht zu fassen – diese fiesen Auswüchse des Kapitalismus. Leistungsferne Verdienste haben uns ja bei Finanzmagnaten, Musikern, Malern, Dax-Managern, LottoGewinnern und Profisportlern schon immer aufgeregt. Doch wenn ich jetzt lese, dass der 31-jährige, eher erfolglose  Sam Bradford, Spielmacher bei den Brutalo-Idioten der Minesota Vikings, in seiner kurzen Karriere 129 Millionen US$ gescheffelt hat https://rp-online.de/sport/us-sport/nfl/nfl-wie-footballer-sam-bradford-129-millionen-dollar-verdienen-konnte_aid-34957829  , stehen  mir die Haare zu Berge.

 

Stille Nacht, missbrauchte Nacht

Da flattert mir dieses ARTEMagazin 12/2018 auf den Tisch https://www.zzol.de/objekt/5470/20180012 und darin ein Beitrag des Theologen Michael Neureiter. Er schreibt über Stille Nacht, heilige Nacht, über die Entstehung und Weiterverbreitung des Liedes, das heute überall in der christlichen Welt gesungen wird. Gut und schön, erbaulich und stimmig, wenn es um Stimmung geht.

Dann aber der Verweis auf die heuchlerisch-widerliche Anwendung, auf den liedlichen Missbrauch von Gefühlen an der Front. Dann also der Verweis auf die Feuerpause zum Heiligabend 1914. Auf die Feuerpause im ersten Weltkrieg. Da habe man die Waffen schweigen lassen, sei zueinander gekrochen, habe sich im LautsprecherLied  stille-heilige-nacht-mäßig an den Händen gehalten – so von Feind zu Feind.  Da habe es den Moment Glückseligkeit gegeben, einen gemeinsamen Schluck Kaffee.

Glückseligkeit, die Nähe Gottes? Niemals, Herr Neureiter!

Gott muss sich zornig abgewandt, die Menschen auf sich selbst zurückgestoßen haben. Der Befehl jedenfalls, das nun folgende strikte Gebot, war nicht seines:  Zurück in die Gräben, entsichert das Gewehr und  … Feuer frei. Dieselben, eben jene, die man eben noch bei den Händen gehalten hatte, sie stürzten im Trommelfeuer der jetzt ausbrechenden Geschosse.

Der Theologe hält sich mit einer verlogenen und bis heute bewahrten Phrase auf. Natürlich hat es die Sehnsucht nach Weihnachten, vor allem aber die nach dem Ende des mörderischen Krieges gegeben. Und natürlich wollten die Geschundenen zueinander. Denn dass sie einander hassten, war böser Schein. Das hatten andere verordnet/indoktriniert. Ich nenne sie  Kaiser, Generäle, Kriegsbrandstifter, und genau sie waren es auch, die das plötzliche Einhalten befahlen. Und im liebdienerischen Kotau die Popen. Sie, die den verfeindeten Christen nicht nur das Meucheln abgesegnet hatten, sondern plötzlich auch die Pause davon – sie weihrauchten.

Ich hasse das!

abgespracht?

Unsere Suche nach Demokratie hat uns von selbiger auch entfernt. So wird uns zunehmend übel genommen, wenn wir sorglos mit der Sprache umgehen. Sorglos nicht im Sinne grammatikalischer Liederlichkeit, nicht im Sinne verwirrender Ausdrucksformen. Nein: Wir haben uns im Zeitalter der Gleichberechtigung, der Metoo-Debatte, der Diskussionen um Aufarbeitung, Gender, Ethik und Menschenrechte von vielen Worten, die wir zunehmend als „sprachlich entgleist“/verbrannt empfanden, verabschieden müssen. Vom Neger, Kolonialswarenladen und Schwarzen Kontinent ebenso wie von Schwuchtel, Trany, von ausschließlich maskulin geprägten Begriffen (der Führer, der Führerschein, mannhaft, Mannschaft, Häftling, Bruderschaft, Brüderschaft, seinen Mann stehen etc; Schöpfer und Gott bleiben – warum auch immer – davon ausgenommen), von martialischen bis furchtbaren Wortschöpfungen wie mit der Wurzel ausreißen, bis zur Vergasung, ausgemerzt ect.

Vieles davon ist Jahrzehnte bis Jahrhunderte lang in Gebrauch gewesen. Heute wird es ersetzt, kurvenreich umschifft oder peinlichst vermieden. Während die gerechte Bezahlung von Frauen, ihre Führerschaft in Dax-Unternehmen noch erkämpft werden müssen, schlägt man sich unten mit extremen Wortbildungen durch.  Liebe KünstlerInnen heißt es da, liebe Künstl*innen oder liebe Künstler_innen, wobei nirgendwo geregelt ist, was wann wo wie anzuwenden ist. Da strunzt wild umher, wer partout Gerechtigkeit sucht und nicht findet.

Mit der Zuwanderung von Flüchtlingen geraten Worte/Wortschöpfungen wie Flüchtlingsprobleme oder Flüchtlingswelle ins Visier der Kritikaster, weil ja nicht die Flüchtlinge und schon gar nicht eine aus ihnen gebildete Woge die Sachverhalte beschreiben – weil ja nicht Flüchtlinge sondern die Methode, wie man mit ihnen  umgehe, das Problem darstelle und nicht die Masse, sondern das Individuum, er, der leidende Mensch, betrachtet werden müsse.

Vielerorts gibt es bereits Sprechverbote – vor allem auch für Ostdeutsche, die DDR-typisches Sprachgut  salonfähig machen möchten oder altes, aus der Nazizeit eingesickertes einfach mitschleppen.

Ich komme mit deiner Sprache, deinen Formulierungen nicht zu Recht, fuhr mich ein  Bekannter kürzlich an. Und ich wusste einmal mehr, dass die deutsche Einheit zwar auf dem Papier, aber noch lange nicht im Leben und in der Sprache vollzogen war.

Künftig dürfte uns also nicht nur die neue deutsche Rechtschreibung, sondern auch die ethisch verordnete Wortvernichtung Mühe bereiten. Bleibt zu hoffen, dass deutsche Schulbücher etwas Ordnung schaffen – so sie denn künftig nicht in Leichtdeutsch verfasst werden.

Ingenieur, pass auf, dass Du nicht in Verruf gerätst!

Ich habe 40 Jahre meines Lebens als Ingenieur verbracht. Da muss es niemanden wundern, dass ich auf den in der ZEIT publizierten Beitrag von Marcus Jauer („Was kann  der deutsche Ingenieur“ https://www.zeit.de/2018/41/ingenieure-autoindustrie-motoren-dieselskandal-ansehen) engagiert und sicher auch etwas emotional eingehe. Ich kann euch nur bitten, die angeführte Quelle ausgibig zu studieren.

Ja, der Ingenieur – nicht nur der deutsche, sondern der Ingenieur überhaupt – wird heute ambivalent betrachtet. Weil er wenig verstanden wird und ebenso wie der NaturWissenschaftler für das Streben des Menschen nach immer höher, immer weiter und immer schneller steht. Und nirgendwo Halt zu machen verspricht.

Ja, und diese Haltlosigkeit begleitet ihn tatsächlich – so er denn nicht in der Lage ist, die auch negativen Folgen seines Tuns, die pekuniären und MachtGelüste seiner Auftraggeber zu erkennen und in selbst auferlegte Schranken zu weisen. Tatsächlich muss die höhere Kunst des Ingenieurs gerade darin bestehen, den erzielbaren Fortschritt an die Ressourcen unseres Planeten anzupassen. Was bekannter Weise nur in Ausnahmefällen geschieht, oft erst, wenn das Kind – wie bei der Atombombe, bei Fukushima, beim Klimawandel und Monsanto – in den Brunnen gefallen ist oder solches vorhat.

Und ja: der Ingenieur muss gerade in der heutigen Zeit über seine Fachidiotie hinwegreichen. Er muss im Sinne der Technikfolgenabschätzung verantwortungsvoll handeln, ja mehr: Er muss sein Tun sofort verweigern, wenn er sich missbraucht fühlt, wenn er glaubt für Katastrophen verantwortlich zu werden. An genau dieser Stelle wird die Selbsterkenntnis oft genug zugeschüttet oder sagen wir besser: von falscher  Ideologie korrumpiert. Wie auch sollte ein intelligenter Mensch in einem technisch-industriellen Rüstungskomplex – wie ihn die Großmächte zu Hauf unterhalten – keine Skrupel bekommen, wenn er Splitterbomben entwickelt. Ihm „hilft“ hier fataler Weise das beschwichtigende Argument, dass diese Bomben gegen Terroristen eingesetzt werden, über die moralische Hürde hinweg – eine Hürde, die niemals überschritten werden darf. Dass es dennoch geschieht, liegt auf der Hand. Der Job verheißt Sicherheit und gutes Geld, und auf der richtigen Seite steht man ohnehin – wenngleich etwas angepisst.

Jauer fordert zu Recht das Verantwortungsbewusstsein der Ingenieure ein, lässt sie dann aber auch für alles bluten, was geschieht. Hier tut er der Zunft Unrecht. Denn nicht der Ingenieur bestimmt, was in Zukunft geschieht, welche Erfindungen für Positives, welche für Negatives genutzt werden. Sondern sein Auftraggeber: der profitgierige Konzernboss, der Finanzoligarch, ja in der Verlängerung: auch der Politiker. Den Ingenieuren von VW die Schuld für den Dieselskandal anzulasten, ist halbherzig. Denn sie konnten zwar feststellen, dass der Betrug funktioniert, sind aber sicher nicht auf die aberwitzige Idee gekommen. Die ist Winterkorn &Co. zuzuschreiben, denen es darum ging, die Konkurrenz mit getrickster höherer Leistungsfähigkeit ihrer Motore aus dem Feld zu schlagen.  Denn jede NO2-Eindämmung kostet PS.

Auch der E-oder KI-Ingenieur, der wichtige Elemente auf dem Weg zu Energiewende und Robotik erfindet, ist für die Struktur jetziger und künftiger Anwendung/Versorgung nicht haftbar zu machen. Wenn die Braunkohle allzu lange im Portfolio verbleibt und Roboter auf feindliche Soldaten losgehen, dann ist das der Hinterlist fossiler und waffenproduzierender Lobbyisten und den Politikern zu verdanken, die auf ihrer Lohnliste stehen.

Das alles bedeutet nicht, dass ich den Ingenieur freisprechen will. Im Gegenteil. Ich möchte ihm Carl-Friedrich von Weizäcker vor Augen führen und sagen: So wie dieser Mann und 17 weitere Kernforscher gegen die Atombombe votiert haben, so muss jeder andere Ingenieur aussteigen, wenn sein Wissen und seine Arbeit auf Menschenfeindliches/Verbrecherisches ausgerichtet wird. Das trifft bereits auf weit niedrigerer Eben zu – wenn es um Entwicklung und Einsatz von Drohnen, Fassbomben, PflanzenGiften und dergleichen geht.

Ich habe in meinen Schriften mehrfach darauf verwiesen, dass Wissenschaftler und Ingenieure parallel zu ihrer Fachausbildung ein EthikStudium absolvieren müssten.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

Eine Binsenweisheit: Gute Nachrichten verkaufen sich schlecht

Es stimmt natürlich, dass schlechte Nachrichten mehr beeindrucke als gute,  dass erstere den Umsatz/die Einschaltquoten nach oben treiben und deshalb für die NewsVerbreiter von Vorteil sind. Gute Nachrichten werden von den Medien kaum aufgegriffen, obwohl es sie – wie Martin Spiewak zu Recht bemerkt – Gottseidank gibt https://www.zeit.de/2018/40/pessimismus-medien-stimmung-gesellschaft-verstaerkung. Allerdings rutscht seine Analyse nun in die andere, um 180 Grad versetzte Richtung. Alles wurde und wird gut. Alles wird zu Unrecht mies gemauschelt, und im Grunde geht es uns bestens.

Extremwertbetrachtungen gehen immer an der Wirklichkeit/Wahrheit vorbei, und im Grunde wissen wir eher schlecht über das Bescheid, was uns und andere heute umgibt. Dass  viele Menschen auf unserem Planeten inzwischen besser leben als vor 100 oder 50 Jahren, ist unbestritten. So ungleich das auch verteilt sein mag. Dass es fast einer Milliarde Menschen genauso schlecht geht wie immer, stimmt ebenso (Gerd Müller: „Unfair“, S. 80).

Auch anderes bleibt bei allem Optimismus bedrohlich: die Klimakatastrophe, gegen die niemand wirklich angeht http://www.genios.de/presse-archiv/artikel/FAZ/20171103/patricia-espinosa-chefin-des-klimas/FD1201711035272847.html, die Bevölkerungsexplosion (der man nur mit Bildung und Wohlstand beikommen kann), die weltweit aufgehende Schere zwischen Arm und Reich (die Spiewak schon verharmlost, weil arm heute etwas weniger arm ist als früher), die Vergiftung mit Stickoxyden in den Städten und die mit Pestiziden auf den Äckern https://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/pestizide-106.htmld , die Massentierhaltung und Bodenvernichtung, der Missbrauch von Antibiotika, die Vermüllung von Flüssen, Meeren und Kosmos, die Urwaldabholzung, die Zerstörung von Arten, indigenen Völkern und Sprachen, die Künstliche Intelligenz sowie große Teile der Forschung überhaupt, weil  ohne ethische Begleitung und last but not least … Donald Trump.

Und natürlich ist es sehr viel wichtiger, auf die Gefahren für die Menschheit hinzuweisen als Lobgesänge auf Erreichtes anzustimmen. Obwohl uns Letzteres sicher guttäte/ sehr viel besser bekäme.