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Gut geschrieben, aber politisch ein Blindgänger

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“:

Ich habe zuerst den Film gesehen. Und ihn sogleich in die Mottenkiste der Geschichte verbannt. Gut gemacht, glänzend besetzt, aber politisch verzogen, mit billigen Gags gespickt und deshalb alles andere als spannend. Nicht, dass ich keinen Humor besäße, nicht , dass ich die DDRischen Eskapaden und Fehlschüsse von „institutionalisierten Kämpfern“ irgendwann gut geheißen hätte. Aber das, worauf sich Matti Geschoneck hier  eingelassen hat (sein Vater würde sich im Grab umdrehen) zeugt von grober Fahrlässigkeit,   benutzt den geistreichen Witz des Autors als plumpes Tool zur Geschichtsfälschung.  So etwas geht gar nicht!

Nun hat mir ein Freund geraten,  auch das Buch zu lesen. Eine zunächst fragwürdige, dann aber doch richtige Empfehlung. Denn das, was der Autor da preisgibt, ist vom Schriftstellerischen her mehr als beachtlich – gleichwohl aber auch verhängnisvoll. Denn Ruge zieht alles in den Dreck, was die Aufschriften Sowjetunion oder DDR trägt. Für ihn – das ist sicher den Erfahrungen seines Vaters in russischen Lagern geschuldet – gab es in den untergegangenen Regimes rein gar nichts Brauchbares. Alles war schwarz, sehr viel schwärzer als das, was sich ostdeutschlandweit nach der Wende auftat.

Damit tut Ruge der Geschichte Unrecht, und vor allem: Er bestärkt die Klischees, die hier zu Lande mit der Ex-DDR gleichgesetzt werden. Kein Wunder, dass dieser Mann 2011 den deutschen Literaturpreis erhielt, dass Buch und Film fast überall beklatscht wurden. Der Autor war nicht auf typische Muster aus und schon gar nicht auf Ausgewogenheit/Vollständigkeit.  Was hätte er nur getan, wenn ihm   „Gregor Gysi – ein Leben ist zu wenig“ https://www.deutschlandfunkkultur.de/gregor-gysi-ein-leben-ist-zu-wenig-da-sollen-sie-mich- mal.1322.de.html?dram:article_id=398350 oder „Leben in der DDR – Bilder und Geschichten“ https://www.amazon.de/Leben-DDR-Geschichten-Franziska-Kleiner/dp/3359022092/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1546620366&sr=1-2&keywords=Kleiner%2BLeben+in+der+DDR als Pflichtquellen oktroyiert worden wären. Gleichwie: Die geübte Einseitigkeit passt ins kolportierte Denken und trübt neuerlich die Linsen derer, die Ostdeutschland immer gehasst, aber nie erlebt, geschweige denn verstanden haben.

Gewiss gab es solche Figuren wie Wilhelm Powileit, Charlotte, Kurt, Irina und Alexander, gewiss gab es sie mehrfach. Doch den kommunistischen Funktionär Wilhelm auf Blödmann, Geschichtsfälscher und Ordensempfänger zu reduzieren, legt sehr schnell nahe, dass Funktionäre von Haus aus stalinistisch verbogene Idioten waren.  Die Wirklichkeit aber sah anders aus. Neben den paar Tischlern, Postboten und Zimmerleuten, die es als tatkräftige Antifaschisten bis in ZK und Politbüro der Partei geschafft hatten, gab es natürlich eine Vielzahl hochintelligenter, auch unbequemer Typen, die zwar den Kurs hielten, aber auch gegen den Strich bürsteten. Zugegeben – zuweilen auf Kosten ihrer Reputation/Freiheit.

Was mir besonders aufstieß, ist die von Ruge kaum erwähnte, dann aber verharmloste Kumpanei der MehrheitsSozialdemokraten mit den rechten Kräften im Lande – während des 1. Weltkrieges und danach https://digital.freitag.de/0119/1919-grosse-koalition/, aber auch die Herabwürdigung des kommunistischen Widerstandes vor und während der Nazizeit. Bei Ruge ist alles durch Stalin und seine Mörderbanden entwertet. Ein Umstand, der selbst im konservativen Düsseldorf differenziert betrachtet wird http://www.ns-gedenkstaetten.de/nrw/duesseldorf-mug/forschung-und-projekte/widerstand-in-duesseldorf.html. Es gab viele Kommunisten, die aktiv gegen die Kollaboration der rechten SPD-Genossen (Ebert, Scheidemann etc.) mit den reaktionären Militärs, die vorbehaltlos gegen Hitler kämpften und dann einen hohen Blutzoll entrichteten. Dies in läppischer Weise zu verdrehen und das Scheitern der Einheitsfront gegen Adolf als Versagen  der KPD, also ausschießlich als Blockade von Spartakus und Co. darzustellen, ist verantwortungslos. Eine kurze Nachfrage bei Sabine Kebir https://www.stoerfall-zukunft.de/noch-zwei-worte-zur-novemberrevolution/ oder Georg Fülberth https://digital.freitag.de/5018/1919-auf-die-schanzen/hätte da schnell historische Klarheit erbracht. Aber darauf war Runge nicht aus.  Es wollte es polemisch, antikommunistisch. Und so wurde Wilhelms Tun auf  die angeblichen Lügengeschichten des Protagonisten  verkürzt. Und der Kampf der linken Kräfte  – quasi im Vorbeigehen – diskreditiert. Irgendwie ekelhaft!   Wer von uns wäre bereit gewesen, aktiv gegen die Nazis aufzubegehren?

Eines dürfte inzwischen klar sein: Nicht der Wettlauf bei Verbrechen, nicht die Zahl der Ermordeten, ja keinerlei Statistik ist befugt, über die Tauglichkeit politischer Systeme zu befinden. Es sind allein unser moralisches Empfinden, der Status der Menschenrechte, die Punkt-für-Punkt-Auseinandersetzung mit dem Für und Wider in der jeweiligen Gesellschaft, die hier Wahrheiten ans Licht bringen. Schwarz-Weiß-Malerei hat noch niemandem genützt.

Natürlich loben die konservativen Medien ein solches Häme-Todschlagbuch https://www.perlentaucher.de/buch/eugen-ruge/in-zeiten-des-abnehmenden-lichts.html. Doch genau dieser Umstand sollte uns vorsichtig stimmen. Ich als Ex-DDR Bürger kann die Lektüre – anders als der Unbedarfte – gut einordnen, zuweilen auch verschämt grinsen.    Aber ich lese auch Wolfgang Leonhard („Die Revolution entlässt ihre Kinder“). Oder anders herum: Heiner Müller, Volker Braun und Christa Wolf

Keine Frage: Es ist, wie es ist. Der eine macht sich schlau, differenziert und begreift, der andere sitzt dem Mainstream auf und wird dumm gebrettert.

Eugen Ruge hat leider Letzterem Vorschub geleistet.

Hier sind die Fakten:

2001/S. 21: … So hatte Alexander (Sohn von Kurt, dem DDR-Historiker und Enkel von Altkommunist Wilhelm) gedacht. Wenigstens diesen Triumph hatte er nach der Wende geglaubt verbuchen zu können: Alles das, so hatte er geglaubt, habe sich nun erledigt. Diese angebliche Forschung, dieses ganze halbwahre und halbherzige Zeug, das Kurt da über die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung zusammengehämmert hatte – das alles, so hatte Alexander geglaubt, würde mit der Wende hinweggespült, und nichts von Kurts sogenanntem Werk würde bleiben …

Scharfenorth: Die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung undifferenziert platt gemacht –  und was heißt „halbherzig“?

 

1.Oktober 1989/S. 58: … roch die Majonäse, die ihr aufstieß, nachdem sie aus Langeweile das kalte Buffet durchprobiert hatte, schmeckte das Aluminium-Aroma des in bunten Bechern servierten Kognaks …

Scharfenorth: Immer und überall wird bei Ruge aus Aluminiumbechern getrunken und dann die falsche Wahrnehmung. Heute mag man farbige Alu-Becher geschmacklos finden. Damals wurden sie von einigen Leuten gemocht. Dass der Inhalt nach dem außen schmeckte, ist frei erfunden.

 1959/S. 77: … Im Konsum gab es Milch gegen Marke. Mit einer großen Kelle füllte die Verkäuferin die Kanne. Früher hatte das immer Frau Blumert getan. Aber Frau Blumert hatte man verhaftet. Er wusste auch warum: weil sie Milch ohne Marke verkauft hatte

 Scharfenorth: Verhaftung oder erfundener Sachverhalt?

  1966/S. 161: … Nun war er wieder in Moskau gewesen. Und obwohl ihm die Stadt noch nie so dreckig, so roh, so anstrengend erschienen war wie bei diesem Besuch – die langen Wege, die Betrunkenen, die allgegenwärtigen „Diensthabenden“ mit ihren griesgrämigen Gesichtern, sogar die berühmte Metro, auf die er immer ein bisschen stolz gewesen war, weil er als junger Mann bei Subbotniks an ihrem Bau teilgenommen hatte, alles war ihm auf die Nerven gegangen: die Enge, der Lärm, das guillotineartige Zuschnappen der automatischen Türen (und wieso eigentlich lag diese verdammte Metro fast hundert Meter unter der Erde? …)

 

Scharfenorth: Läppische Bewertungen und vorgetäuschte Unkenntnis. Wer am Bau der Metro mitgewirkt  hat, muss wissen, warum die Metro so tief angelegt wurde … der zuverlässigste Bunker im zweiten Weltkrieg https://de.wikipedia.org/wiki/Metro_Moskau 

Nichtsdesto – in so einem Moskau, muss die Guillotine präsent sein.

 1966/S. 165: … Nach einem Geschenk für Irina hatte er in Moskau vergeblich gesucht. Was konnte man ihr mitbringen? Gegen jede Art russischer Folklore war sie geradezu allergisch, und auch sonst, hatte Kurt festgestellt, gab es im Land der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution eigentlich nur Mist, und so hatte er im letzten Moment eine Flasche „Sowjetskoe Schampanskoje“ gekauft, die er, als Sascha im Bett war, unter ausschweifenden Entschuldigungen auspackte …

 Scharfenorth: Der totale Verriss: Es gab nichts, was mitzubringen sich lohnte. Also die schnelle Notdurft. Heißt hier so, gibt sich hier so. Ein Kunstfehler, wie sich schnell nachweisen lässt. Denn dieser KrimSekt war kein Verlegenheitsgeschenk, eher ein Luxus. Er war deutlich besser als jeder westliche – wirklichen Champagner vielleicht ausgenommen.

 1966/S. 171: … Paul Rohde, ein immer schon etwas übermütiger und nicht immer disziplinierter Mitarbeiter aus Kurts Arbeitsgruppe, hatte in der ZfG (Zeitschrift für Geschichtswissenschaft) das Buch eines westdeutschen Kollegen besprochen, in dem die sogenannte Einheitsfrontpolitik der KPD Ende der Zwanziger Jahre kritisch beleuchtet wurde (welche, wie jedem klar war, in Wirklichkeit natürlich eine Spalterpolitik gewesen war, die die Sozialdemokratie verunglimpft und das Erstarken des Faschismus auf schlimmste Weise befördert hatte), und dann hatte Rohde dem westdeutschen Kollegen persönlich eine Rezension geschickt, versehen mit der Bemerkung, er möge entschuldigen, dass sie so negativ sei, die gesamte Arbeitsgruppe finde das Buch klug und interessant, aber in der DDR sei es leider noch längst nicht so weit, dass das Thema Einheitsfront offen diskutiert werden könne …

(schriftliche Aufzeichnungen von Kurt verweisen am Schluss des Buches darauf, dass Rohde hingerichtet wurde – aus dem einen Sachverhalt heraus … geradezu absurd).

 

Scharfenorth: Ruge führt den Leser entweder bewusst oder aus Unwissen heraus mehrfach hinters Licht. Zum einen ist unklar, ob die in Klammern gesetzte Bemerkung vom Autor ergänzt wurde, oder ob diese einen „Klappentext“ zum westdeutschen Buch darstellt. Zweitens ist es total unwahrscheinlich, dass in der von Kommunisten besetzten Arbeitsgruppe eines führenden DDR-Historikers, der zudem laufend fürs Neue Deutschland (das Parteiorgan der SED) schrieb, ein derartiger Blödsinn passieren konnte. Denn die Korrespondenz mit Westdeutschland oblag mit Sicherheit nicht einmal Kurt, allenfalls seinem Vorgesetzten. Sie wäre auch von der Stasi sofort gestoppt worden. Privat ging schon gar nichts – nur ein Idiot hätte so etwas angesichts möglicher Rückmeldungen gewagt. Richtig ist: Eine Historiker-Arbeitsgruppe hätte dem westdeutschen Autor sofort widersprochen bzw. widersprechen müssen. Die Figur von Rohde, besser gesagt: die gesamte Arbeitsgruppe wirkt wie bösartig hineinmontiert.

Was die Politik der zwanziger und dreißiger Jahre angeht, so suggeriert Ruge, dass die Sicht der Mehrheitssozialdemokraten auf Einheitsfront und Faschismus der Wahrheit entspricht: die KPD habe ein einheitliches Vorgehen gegen Hitler bewusst untergraben. Fakt ist, dass Ebert, Scheidemann und Co. eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten ebenso ablehnten wie umgekehrt.Die Mehrheitssozialisten, Ebert, Scheidemann und Co. Waren es, die schon kurz nach Kriegsende mit den reaktionären Kräften, den Schuldigen am 1. Weltkrieg,  paktierten und die Ermordung von Luxemburg und Liebknecht aktiv unterstützten, zumindest aber mehr als billigten https://www.stoerfall-zukunft.de/noch-zwei-worte-zur-novemberrevolution/

1966, S. 176: … denn zu den erfreulichen Seiten des notorischen Mangels in der DDR gehörte, dass es auch an Büroräumen mangelte, weshalb die Mitarbeiter des Instituts für Geschichtswissenschaft angehalten waren, ihre, wie es hieß, häuslichen Arbeitsplätze zu nutzen …

 Scharfenorth: Meine Güte: wohl ein erfrischender Einzelfall. Von notorischem Mangel an Büroraum war Mitte der Sechziger Jahre vor allem in Berlin und Potsdam nichts zu spüren. Hier wurde immer hineingebuttert/investiert – zu Lasten der Provinz.

 1. 1976/S. 250: … Im März hatte man Petja Schyschkin beraubt, Irinas (russische Frau von Kurt) letzten entfernten Verwandten: Nachts bei 46 Grad Kälte hatte man ihn ausgezogen bis auf die Unterhosen, und Petja, natürlich betrunken, hatte vergeblich an die umstehenden Häuser geklopft und war auf dem Weg nach Hause erfroren …

Scharfenorth: Wenn von Slawa, dem Herkunftsort von Irina und ihrer Mutter die Rede ist, wenn von Slawa als dem Ort gesprochen wird, in dem vor allem Verbannte und entlassene Schwerverbrecher wohnten, überkommen mich neuerlich Zweifel – Zweifel, gemischt mit Grausen. Einmal, weil ich mir die einstmals „Kriminellen“ auch als Oppositionelle, als moralisch Menschen vorstellen kann. Zum Zweiten, weil mir nicht in den Kopf will, dass man in Slawa Menschen bewusst erfrieren ließ.  

 1.  Oktober 1989/S. 275: … Die LPG kam in Sicht, ein verwahrlostes Gelände: überall verrostete Maschinen im hohen Gras. Dann das Schweine-KZ, ein Bauwerk aus rohen Betonplatten, das ihm immer einfiel wenn sie in der Schule das Lied singen mussten: Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer …..

 Scharfenorth: Wer versucht, der 1989 existierenden LPG ein verfallenes Gesicht zu verpassen (genau das hat Ruge hier praktiziert), hat wieder einmal das Verallgemeinerbare, Typische außen vor gelassen. Denn die LPG hatte sich – von Ausnahmefällen einmal abgesehen – in den 80er Jahren als außerordentlich produktiv erwiesen (große, zusammenhängende Flächen, Mähdrescherkolonnen, die auch nachts unter Flutlicht unterwegs waren. Außerdem: Schrott musste nicht unterm Dach liegen (Kosten!). er wurde in regelmäßigen Kampagnen für die Stahlwerke der DDR eingeholt. Und Schlimmeres als die heute verwendeten SchweineBoxen https://albert-schweitzer-stiftung.de/massentierhaltung/schweine/mastschweine hat es zu DDR-Zeiten nie gegeben.

Das o.a. Lied ist ein schönes Lied, das die von Ruge beschriebene Assoziationen geradezu ausschließt. Auch hier wurde böswillig nachgeschlechtert.

 

  1. Oktober 1989/S. 288: … bei einer Art Refrain angekommen war, in dem das wohl einzige Wort vorkam, was alle verstanden, nämlich Wodka

 

Scharfenorth: Alle Gestalten, die anlässlich des Wilhelmschen Geburtstages versammelt sind, werden von Ruge als Halbidioten dargestellt. Obwohl sich da mindestens 15-20 Leute einstellen, ist niemand unter ihnen, der in der Sowjetunion studiert hat oder in der Schule dem Pflichtfach „Russisch“ begegnet ist. Alle verstehen nur „Wodka“. Ein kompletter Blödsinn.

 

  1. Oktober 1989/S. 329: … Die Tür öffnete sich: ein rundes, ein dummes Gesicht – es gab kaum jemanden, fand Kurt, dem man schon auf den ersten Blick so deutlich ansah, was er war, nämlich Funktionärr ……

Scharfenorth: Auf einige von diesen Typen traf das gewiss zu, aber der Mensch hüte sich a) vor Verallgemeinerungen b) vor Urteilen, die ausschließlich auf die Betrachtung von Gesichtern zurückgehen. Ich persönlich habe mich sehr oft geirrt.

 1. Oktober 1989/S. 340: … Nichts in der Rede (betr. Die Festrede für Wilhelm, den 80jährigen) entsprach im Grunde der Wahrheit, dachte Kurt, immer noch klatschend, weder war Wilhelm Parteimitglied „der ersten Stunde“ (sondern hatte – ursprünglich USPD-Mitglied – erst mit der Vereinigung beider Parteien zur KPD gefunden), noch stimmte es, dass er beim Kapp-Putsch verwundet worden war (zwar war er tatsächlich verwundet worden, aber nicht 1920 beim Kapp-Putsch, sondern 1921 bei der sogenannten Märzaktion, einem katastrophalen Fehlschlag, der natürlich weniger gut in eine Kämpferbiographie passte). Schlimmer jedoch als diese kleinen Halbwahrheiten waren die großen Weglassungen, schlimm war das notorische Schweigen über Wilhelms Taten in den Zwanziger Jahren: Damals – und daran erinnerte sich Kurt noch sehr gut – war Wilhelm ein unbeirrter Verfechter der von der Sowjetunion verordneten „Einheitsfrontpolitik“ gewesen, welche die Führer der Sozialdemokratie als „Sozialfaschisten“ verunglimpft und sie sogar als das – im Vergleich zu den Nazis – schlimmere Übel dargestellt hatte. Eigentlich, dachte Kurt, immer noch klatschend, war Wilhelm – ganz objektiv betrachtet – persönlich mitverantwortlich, dass die linken Kräfte sich während der zwanziger Jahre gegenseitig zerrieben und der Faschismus in Deutschland am Ende siegreich gewesen war […]. Die ganzen zwanziger Jahre waren eine einzige Lüge – und die dreißiger Jahre auch. Auch der antifaschistische Widerstand war im Grund nichts als eine Lüge, denn der Grund, aus dem Wilhelm nicht über diese Zeit sprach, war nicht oder nicht nur, dass er ein hoffnungsloser Angeber und Geheimniskrämer war, sondern dass die Geschichte des antifaschistischen Widerstandsnichts anderes war (und vor dem Hintergrund der sowjetischen Politik auch nichts anderes hatte sein können!!) als eine Geschichte des Misserfolgs, der Bruderkämpfe, der Fehleinschätzungen und des Verrats – nämlich des großen „Steuermanns“ an denen, die in der Illegalität ihre Köpfe hinhielten.

 Scharfenorth: Daran, dass es zu keinem Zusammengehen zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten gekommen war, sind alle Gruppierungen Schuld gewesen. Der Verrat der SPD und ihr Zusammengehen mit den reaktionären Kräften hatte fast alle Kommunisten tief verärgert (s. oben). Andererseits steckte in den SPDlern eine tiefe Furcht vor dem Weiterführen der Revolution und der Räterepublik. Im Übrigen gab es dafür, dass die Nazis die Macht erobern konnten, weit mehr Gründe als Ruge hier weismachen möchte – die allgemeine soziale Lage, die Arbeitsplatzversprechen Hitlers und  und  und.. Runge bleibt wie so oft an der Oberfläche. Geradezu lächerlich wirkt sein „ganz objektiv betrachtet“.

Den antifaschistischen Widerstand in Deutschland als Lüge zu bezeichnen, ist geradezu unverschämt und mit Blick auf diejenigen, die in Deutschland die Köpfe hinhalten mussten, mehr als eine bloße Beleidigung der Opfer. Auch Wolfgang Leonhard hat die Probleme innerhalb der Kommunisten beschrieben („Die Revolution entlässt ihre Kinder“), auch den verhängnisvollen Einfluss Stalins und der KOMINTERN auf deutsche Belange. Aber er hat die Fahnen derer, die gegen die Nazis aktiv auftraten (vor allem im Ruhrgebiet), immer hoch gehalten. Bei Ruge dagegen gibt es nur Verächtlichkeit. Nun ja, sein Vater saß lange in russischer Lagerhaft. Was mehr als furchtbar ist.  Andererseits aber sollte niemand einen „DDR-Buddenbrooks-Roman“ (Zitat „DIE  ZEIT“) in Angriff nehmen, wenn er diese GulagBrille aufhat. Einigermaßen Objektives kommt da nicht heraus. Ein beeindruckendes Buch über das menschenverachtende Lagerleben hätte hingegen schnell überzeugen können.  

Sehr gut, Yogeshwar, fehlt nur noch die Machtergreifung

Nächste Ausfahrt Zukunft

Ranga Yogeshwar: Nächste Ausfahrt Zukunft, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2017, ISBN: 978-3-462-05113-1  https://www.amazon.de/N%C3%A4chste-Ausfahrt-Zukunft-Geschichten-Wandel/dp/346205113X/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1521735391&sr=8-1&keywords=N%C3%A4chste+Ausfahrt+Zukunft

Ein sehr lesenswertes, brillant geschriebenes Buch! Ranga Yogeshwar hat mit ihm eine Lunte gezündet. Eine Lunte, von der niemand wissen kann, ob sie je an die Sprengladung gerät, geschweige denn, ob sie so zündet, dass die Überbleibsel von Wert sind. Um genau zu sein: Der Autor hat die heutige Welt mit all ihren Facetten – vor allem mit den wissenschaftlich beeindruckenden, aber auch mit den unheilvollen – beschrieben und dabei versucht, die Herausforderungen und Chancen, die sich der Menschheit künftig eröffnen könnten, zumindest ansatzweise zu skizzieren. Yogeshwar schwärmt von technischen Innovationen und ist völlig hin, wenn er von Ray Kurzweil, dem US-Genie mit Vorhersagekraft, erzählt. Und dabei doch so fest vom Gegenteil – dem Nichtvorhersagenkönnen – überzeugt. Und auch davon, dass Technikgläubigkeit ins Unglück führen muss. Wo bist du, Yogeshwar? frage ich dann. Machst du bewusst auf Widerspruch?

Der Autor ist er tief verzweifelt über den Zustand des Planeten. Der sich im Griff  der maßgeblichen, d. h. machthabenden Akteuren  – ohne erkennbaren STOP – weiter verschlechtert. So zumindest ist der Eindruck und Yogeshwar zögert nicht, das hemmungslose Streben nach Wachstumsraten, Profiten und Vormacht mit den dazugehörigen Hausnummern zu versehen: den zuständigen Staaten, Regierenden und Konzernen. Ja, dieser Mann nennt fast überall Ross und Reiter. Sehr gut, Yogeshwar, fehlt nur noch die Machtergreifung weiterlesen

Homo rapiens rapiens

Helder Yuren:

Homo rapiens rapiens – der Beherrscher des Planeten Erde

ISBN: 978-3-7357-7316-6 

©2014 helder yuren


Helder Yuren hat auf beeindruckende Weise mit dem Hier und Heute abgerechnet und seine Schlussfolgerungen in eine neue, nachhaltige Welt verbaut. Dass er sich dazu eines faszinierenden Stils bediente, verleiht dem Ganzen eine zusätzliche, literarische Dimension. Interessant sind auch die nachgeschobenen Stichwortproben, die bewusst als Richtigstellung der alten, konservativen Duden- und Lexika-Einträge konzipiert sind. Leider hält der Autor auch diesmal an der Kleinschreibung fest, was zumindest mein Leseerlebnis ein wenig eintrübte.

Mein Gesamturteil: Sehr lesenswert! Homo rapiens rapiens weiterlesen

Die Schockstrategie

Naomi Klein: Die Schockstrategie, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M., 2009, ISBN: 978-3-596-17407-2
http://www.amazon.de/Die-Schock-Strategie-Katastrophen-Kapitalismus-Naomi-Klein/dp/3100396111

In ihrem 2009 erschienenen Buch attackiert die Autorin die rigorosen Strategien der neoliberalen Chicagoer Schule.
An deren Spitze stand bis 2006 der Wirtschaft-Nobelpreisträger Milton Friedman, der als Antipode von John Meynard Keynes für einen deregulierten freien Markt, eine weitgehende Einschränkung der staatlichen Macht/Einflussnahme und ein Minimum an staatlichen Sozialleistungen plädierte – und diese Vorstellungen mit Hilfe seiner Schüler auch massiv umzusetzen versuchte: in Chile, Bolivien, Argentinien, in den ostasiatischen Tigerstaaten, in Polen, Russland, China, im Irak, in Südafrika, in Israel etc. Mehr als drei Jahrzehnte lang hatten Friedman und seine mächtigen Anhänger ihre so genannte „Schockstrategie“ perfektioniert: Auf eine große Krise oder einen Schock warten, dann den Staat an private Interessenten verfüttern, solange die Bürger sich noch vom Schock erholen, und diesen „Reformen“ rasch Dauerhaftigkeit verleihen (S. 17).
Friedman & Co. glaubten also, dass vorhandene Strukturen radikal beseitigt und „auf der Basis von Null“ durch neue, Friedmansche ersetzt werden könnten. Ein fataler, zumeist blutiger Irrtum! Bis heute – so vermittelt uns Naomi Klein – habe der Versuch, den so genannten „Washington Consensus“ einzupflanzen, nur jeweils Wenigen genützt, für die Masse der Menschen hingegen meist Unglück, Not und Vernichtung generiert. Zeitgleich sei die Schere zwischen arm und reich massiv aufgesprungen.
Ein spektakuläres Buch mit schonungsloser Analyse und überzeugender Aussage !
Ulrich Scharfenorth

Die folgenden Zitate wurden dem Buch in ungeordneter Folge entnommen. Sie gründen auf persönlichen Erfahrungen/Erkenntnissen der Autorin – die mit einem „Heer von mehr als 100 Mitstreitern“ sämtliche Sachverhalte vor Ort recherchieren lies oder selbst recherchierte.
• Milton Friedman empfahl (dem chilenischen Diktator) Pinochet einen Umbau der Wirtschaft im Schnellfeuertempo – Steuerkürzungen, Freihandel, Privatisierung von Dienstleistungen, Einschnitte bei den Sozialausgaben und Deregulierung. Chile wurde unter Pinochet zum Pionier einer Weiterentwicklung des Korporatismus: Eine sich wechselseitig stützende Allianz von Polizeistaat und Großunternehmen, die mit vereinten Kräften gegen den dritten gesellschaftlichen Machtfaktor – die Arbeiter – Krieg führt und dabei ihren Anteil am gesellschaftlichen Wohlstand kräftig erhöht […]. Als sich die Wirtschaft im Jahr 1988 (also nach dem „Schock-Experiment“) endlich stabilisiert hatte und rasch wuchs, lebten 45 % der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Die Einkommen der reichsten 10% Chilenen waren jedoch um 83 % gestiegen (S. 124) Die Schockstrategie weiterlesen