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Sehr gut, Yogeshwar, fehlt nur noch die Machtergreifung

Nächste Ausfahrt Zukunft

Ranga Yogeshwar: Nächste Ausfahrt Zukunft, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2017, ISBN: 978-3-462-05113-1  https://www.amazon.de/N%C3%A4chste-Ausfahrt-Zukunft-Geschichten-Wandel/dp/346205113X/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1521735391&sr=8-1&keywords=N%C3%A4chste+Ausfahrt+Zukunft

 

 

 

Ein sehr lesenswertes, brillant geschriebenes Buch! Ranga Yogeshwar hat mit ihm eine Lunte gezündet. Eine Lunte, von der niemand wissen kann, ob sie je an die Sprengladung gerät, geschweige denn, ob sie so zündet, dass die Überbleibsel von Wert sind. Um genau zu sein: Der Autor hat die heutige Welt mit all ihren Facetten – vor allem mit den wissenschaftlich beeindruckenden, aber auch mit den unheilvollen – beschrieben und dabei versucht, die Herausforderungen und Chancen, die sich der Menschheit künftig eröffnen könnten, zumindest ansatzweise zu skizzieren. Yogeshwar schwärmt von technischen Innovationen und ist völlig hin, wenn er von Ray Kurzweil, dem US-Genie mit Vorhersagekraft, erzählt. Und dabei doch so fest vom Gegenteil – dem Nichtvorhersagenkönnen – überzeugt. Und auch davon, dass Technikgläubigkeit ins Unglück führen muss. Wo bist du, Yogeshwar? frage ich dann. Machst du bewusst auf Widerspruch?

Der Autor ist er tief verzweifelt über den Zustand des Planeten. Der sich im Griff  der maßgeblichen, d. h. machthabenden Akteuren  – ohne erkennbaren STOP – weiter verschlechtert. So zumindest ist der Eindruck und Yogeshwar zögert nicht, das hemmungslose Streben nach Wachstumsraten, Profiten und Vormacht mit den dazugehörigen Hausnummern zu versehen: den zuständigen Staaten, Regierenden und Konzernen. Ja, dieser Mann nennt fast überall Ross und Reiter.

Umso seltsamer mutet es an, wenn Yogeshwar trotzdem an die Kraft einer neuen „Wir-Gesellschaft“ glaubt, wenn er meint, dass der Wunsch nach Teilen und Mitteilen auf Dauer größer sei als jedes egoistische Profitdenken, wenn er formuliert, dass die Menschen nicht so selbstsüchtig sind, wie oft angenommen. Hier schwingt Wunschdenken mit. Dass die Sehnsucht nach Liebe und Gemeinsamkeit obsiegen könnte, genau das bimmelt wie Märchenland. Wieder mal geht es um Utopien, für die die Brücke vom Heute zum spärlich definierten Morgen aussteht. Yogeshwar möchte (und da bin ich völlig auf seiner Seite), dass künftige Innovationen das Leben der Menschen erleichtern, dass sich Kooperation und Menschlichkeit Bahn brechen, vermag es aber nicht, die wesentlichen Inhalte von Zukunft darzustellen. Dazu sei auch niemand anderes fähig, sagt er. Das Künftige werde vor allem von dem bestimmt, was heute noch unbekannt ist.

Leider hat sich der Autor zu wenig mit der Natur und Geschichte des Menschen beschäftigt – und dann auch auf die Projektion von Herrschaftsverhältnissen verzichtet. Schließlich wird das Leben, schließlich werden die Ergebnisse von Wissenschaft vor allem durch diejenigen bestimmt, die am Hebel sitzen. Und hier könnte einiges sehr viel ungünstiger verlaufen als uns, als den Bürgern dieser Welt, zuträglich wäre. Unser Problem: Niemand kann die Herrschen auf friedliche Weise von ihrem Geld und ihrer Macht trennen.

So gesehen übertrifft Yogeshwar andere Zukunftsforscher allenfalls in der Analyse des Jetzigen.  In der Bebilderung künftiger Gesellschaften, auch bei der Wegweisung in neue Gefilde bleibt er genauso stecken wie die Altvorderen. Allzu schnell werden Eingriffe in die menschlichen Keimbahnen unterstellt, die das Evolutionäre in der menschlichen Entwicklung schlagartig verändern würden. Der Mensch könnte dann völlig anders aussehen. Ja, Yogeshwar, aber die entscheidenden Manipulateure wären wieder die üblichen verdächtig Geldmächtigen und verändert würde vermutlich, was deren Vorsprung und Macht weiterhin sichert. ODER?

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Homo rapiens rapiens

Helder Yuren:

Homo rapiens rapiens – der Beherrscher des Planeten Erde

ISBN: 978-3-7357-7316-6 

©2014 helder yuren


Helder Yuren hat auf beeindruckende Weise mit dem Hier und Heute abgerechnet und seine Schlussfolgerungen in eine neue, nachhaltige Welt verbaut. Dass er sich dazu eines faszinierenden Stils bediente, verleiht dem Ganzen eine zusätzliche, literarische Dimension. Interessant sind auch die nachgeschobenen Stichwortproben, die bewusst als Richtigstellung der alten, konservativen Duden- und Lexika-Einträge konzipiert sind. Leider hält der Autor auch diesmal an der Kleinschreibung fest, was zumindest mein Leseerlebnis ein wenig eintrübte.

Mein Gesamturteil: Sehr lesenswert! Homo rapiens rapiens weiterlesen

Die Schockstrategie

Naomi Klein: Die Schockstrategie, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M., 2009, ISBN: 978-3-596-17407-2
http://www.amazon.de/Die-Schock-Strategie-Katastrophen-Kapitalismus-Naomi-Klein/dp/3100396111

In ihrem 2009 erschienenen Buch attackiert die Autorin die rigorosen Strategien der neoliberalen Chicagoer Schule.
An deren Spitze stand bis 2006 der Wirtschaft-Nobelpreisträger Milton Friedman, der als Antipode von John Meynard Keynes für einen deregulierten freien Markt, eine weitgehende Einschränkung der staatlichen Macht/Einflussnahme und ein Minimum an staatlichen Sozialleistungen plädierte – und diese Vorstellungen mit Hilfe seiner Schüler auch massiv umzusetzen versuchte: in Chile, Bolivien, Argentinien, in den ostasiatischen Tigerstaaten, in Polen, Russland, China, im Irak, in Südafrika, in Israel etc. Mehr als drei Jahrzehnte lang hatten Friedman und seine mächtigen Anhänger ihre so genannte „Schockstrategie“ perfektioniert: Auf eine große Krise oder einen Schock warten, dann den Staat an private Interessenten verfüttern, solange die Bürger sich noch vom Schock erholen, und diesen „Reformen“ rasch Dauerhaftigkeit verleihen (S. 17).
Friedman & Co. glaubten also, dass vorhandene Strukturen radikal beseitigt und „auf der Basis von Null“ durch neue, Friedmansche ersetzt werden könnten. Ein fataler, zumeist blutiger Irrtum! Die Schockstrategie weiterlesen