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Vergesst Obama!

 

Spätestens seit dem  2. Mai 2011 ist klar, dass ein Schwarzer – wollte er weiterhin Präsident der USA sein – ungleich straighter auftreten muss als weiße Schwachköpfe à la Bush jun. Und so wie Mr. Präsident  da gemeinsam mit Hillary Clinton im Situations Room des Weißen Hauses – kamerafixiert und für die Weltöffentlichkeit sichtbar – dem Einsatz des von ihm befohlenen Killerkommandos folgte (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,760622,00.html), ist er schon aus dem Schatten seiner Vorgänger herausgetreten. Spätestens seit dem 2. Mai ist klar, dass unser Bild von Obama  genauso mutiert, wie ich das in „Störfall Zukunft“ vor 30 Monaten vorausgesagt hatte (S. 463 ff.). Dieser Mann, der im Wahlkampf zum Vorkämpfer für ein neues Amerika hochstilisiert wurde und dazu selbst kräftig beitrug, ist alles andere als ein Hoffnungsträger für diese Welt. In den USA mag man das anders sehen, weil die Ereignisse des 11. September 2001 einen direkten Pool aus Schmerz und unbefriedigten Rachegelüsten hinterließen. Doch es waren ganz augenscheinlich weniger die Angehörigen der Opfer, die den Tod Bin Ladens bejubelten, es war der von den Medien aufgeputschte Mob.

Barack Obama hat mit der Intensivierung des Afghanistankrieges, den ferngesteuerten, völkerrechtswidrigen Attacken von US-Drohnen gegen Pakistan (die Zahl der getöteten Zivilisten wurde per 5. Mai 2011 mit dreiundfünfzig sicher zu niedrig angegeben) und der Bombardierung Libyens eine neue Blutspur gezogen. Er hat die Signale der sogenannten arabischen Befreiungsbewegung undifferenziert verkannt und im Westjordanland den israelischen Siedlern das Feld überlassen. Man darf auch vermuten, dass von den Geheimdiensten weiter gefoltert wird – ohne ausdrückliche neue Befehle und  … im Ausland (http://www.wdr.de/tv/monitor/sendungen/2011/0505/terror.php5).  Guantanamo –  wo mindestens 150 Gefangene unschuldig einsaßen und z. T. auch heute noch einsitzen – besteht weiter (http://www.taz.de/1/netz/netzpolitik/artikel/1/unschuldige-sassen-jahrelang-ein/). Dass die Opfer nur deshalb nicht freigelassen werden, weil sich niemand findet, der sie aufnimmt, ist grotesk.

Was also hat Obama – abseits einer halbherzigen, noch keineswegs gesicherten Gesundheitsreform und untauglicher Finanzmarktregeln – zu Stande gebracht?

Wo und wie ist er anders als bisherige US-Präsidenten?

Mir fällt da nichts ein.

Amerika bleibt – ob nun mit oder ohne Obama – ein Land mit Vormachtanspruch, ein Land, das mit Microsoft, Apple, Google etc. im Internet herrscht … das eine Vielzahl übermächtiger Global Player, die drei maßgeblichsten Rating-Agenturen der Welt, die fiesesten Rüstungsgüter, die weltgrößte Militärmaschinerie und das Abhörsystem Echelon etc. gegen die Restwelt ausschickt …,

das mit Schulden von gut 14 Billionen US-$ kurz vor dem Kollaps steht und damit eine reale Gefahr für die Finanz- und Realwirtschaft der gesamten Welt darstellt (http://www.abendblatt.de/wirtschaft/article1751239/Die-14-Billionen-Dollar-Frage-der-USA.html) …,

das seine Bevölkerung ungefragt mit gentechnisch veränderten Lebensmitteln zuschüttet und  40 Millionen seiner Bürger dem radikalen Evangelismus ausliefert.

Dort, wo der Rauschgiftkonsum einsame Rekorde feiert, wo es jährlich mehrere tausend sexuelle Übergriffe gegen weibliche Militärangehörige gibt, wo mehr als 200 Millionen Waffen in privatem Besitz sind und pro Kopf der Bevölkerung achtmal so viele Leute eingelocht werden wie im europäischen Durchschnitt, wo Städte wie Maywood, Oakland, San Diego etc. einfach verkommen, wo deutsche Au Pairs immer mal gefragt werden, ob es in Germany auch Autos oder doch eher Regenwälder gebe, dort also … hat Obama gerade seine höchste Wertschätzung erfahren.

(http://www.sueddeutsche.de/digital/echelon-berunruhigt-das-europa-parlament-die-big-brother-hotline-1.622678)

http://programm.ard.de/TV/Programm/Jetzt-im-TV/weltbilder/eid_287216400135086?list=themenschwerpunkt&start=21;

http://www.sueddeutsche.de/wissen/privater-waffenbesitz-mehr-schusswaffen-mehr-opfer-1.833490;

http://de.wikipedia.org/wiki/Gefangenenquote;  http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/services/nachrichten/ftd/PW/60047559.html;

„Rheinische Post“/Regionalteil Ratingen, 23. Juni 2011).

 

Nachtrag vom 24. Juni 2011: Am 13. Juni wurde in den USA ein streng gehütetes Staatsgeheimnis gelüftet: Der Vietnamkrieg war illegal. Er wurde unter falschen Voraussetzungen begonnen, mit Lügen fortgesetzt − und zu gewinnen, auch das wird jetzt offiziell bekannt gemacht, war er auch nicht. Ganz neu ist die Erkenntnis nicht: Vor genau vierzig Jahren stahl ein ehemaliger Elitesoldat, der Regierungsberater Daniel Elsberg, die hoch geheimen „Pentagonpapiere“, kopierte sie und trug sie zur New York Times, die sie nach einigem Zögern veröffentlichte. Präsident Nixon persönlich versuchte, die Zeitung zu verbieten. Elsberg wurde als Landesverräter verhaftet und wäre beinahe für Jahrzehnte im Gefängnis verschwunden. In Vietnam aber starben Millionen Vietnamesen und fast 60.000 Amerikaner.

Derzeit beschäftigt ein ähnlich gelagerter Fall die USA. Wieder ist ein Soldat, diesmal der Obergefreite Bradley Manning, auf erschreckende Missstände/Verbrechen gestoßen. Die diesmal nicht über die Presse, sondern über den inzwischen inhaftierten Julian Assange  und Wikileaks an die Öffentlichkeit gelangten (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,750257,00.html). Wir wissen, dass im betreffenden Dossier von fundamentalen Menschenrechtsverletzungen und anderen tödlichen Übergriffen der US-Army die Rede ist – in einem Krieg, der ähnlich wie der in Vietnam … unter falschen Voraussetzungen begann, mit Lügen fortgesetzt wurde und nicht zu gewinnen ist.

Obama nun tut nichts, um dem unter unwürdigen Umständen eingekerkerten Bradley Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen (http://www.sueddeutsche.de/politik/wikileaks-informant-bradley-manning-held-hinter-gittern-1.1107592). Im Gegenteil: Er billigt die laufende Prozedur. Und fährt dafür – ebenso wie für die Bin-Laden-Show – Pluspunkte ein. Der mittlerweile achtzigjährige Ellsberg missbilligt Obamas Verhalten ausdrücklich, ja er nennt es einen Verstoß gegen die amerikanische Verfassung („Süddeutsche Zeitung“, 11./12./13.Juni 2011).

Der US-amerikanische Philosoph Noam Chomsky  ging vom 6. – 8. Juni 2011 in der Kölner Universität einen Schritt weiter. Wörtlich formulierte er: „Seit der Monroe Doktrin 1823 betrachteten die Vereinigten Staaten die Welt als politische und wirtschaftliche Verfügungsmasse, den eigenen Interessen untergeordnet oder noch unterzuordnen.“

Kersten Knipp, der Chomskys Vorlesungen beiwohnte, spürte einmal mehr dessen Grundannahme. Knipp wörtlich: „Die Außenpolitik der USA ist die Wurzel aller Übel weltweit. Ändert sich diese Politik, steht es auch um die Welt als Ganzes besser“ („Süddeutsche Zeitung“, 10 Juni 2011).

Auszug aus „abgebloggt“ , Heiner Labonde Verlag 2011, S. 368 ff.

Gemeinwohl-Ökonomie

Christian Felber: Gemeinwohl-Ökonomie – Das Wirtschaftsmodell der Zukunft, Deuticke im Paul Zsolnay Verlag Wien 2010, ISBN: 978-3-552-06137-8

http://www.amazon.de/Die-Gemeinwohl-%C3%96konomie-Das-Wirtschaftsmodell-Zukunft/dp/3552061371

Es gibt eine Alternative zu den realsozialistischen Irrwegen und zum Kapitalismus, der uns in die Krise geführt hat. So der nüchterne und dabei zutiefst spannende Epilog des vorliegenden Buches. Christian Felber komme – so der (leider anonyme) Ausrufer – mit einem fundamentalen Neuansatz. Und tatsächlich: Das, was der Autor in seinem Buch anbietet, unterscheidet sich von den landläufigen Betrachtungen zu Wirtschaft und Finanzwesen signifikant – weil es die traditionellen Triebfedern der „freien“ Marktwirtschaft – die Kombination aus Gewinnstreben und Konkurrenz – durch einen neuen „mehrheitsfähigen Leitstern“ mit den Grundwerten Vertrauensbildung, Kooperation, Solidarität und Teilen ablöst. Felber weiß, dass die Konkurrenz im derzeitigen Getriebe zu manch einer Leistung ansport, ist sich aber genauso sicher, dass eben diese Konkurrenz einen ungemein größeren Schaden an der Gesellschaft und an den Beziehungen zwischen den Menschen anrichtet. Der so genannte „freie Markt“ sei nur für diejenigen frei, die sich schadlos aus jedem Tauschgeschäft zurückziehen könnten. Das treffe nur auf die stärksten der Marktteilnehmer zu. Alle anderen blieben in den Schleppnetzen der Abhängigkeit. Felber beschreibt sehr anschaulich, wohin uns der Kapitalismus bisher geführt hat. Seine Analyse filtert die zehn Krisen des Kapitalismus, die sich mit kurzen Schlagworten umreißen lassen: Konzentration und Missbrauch von Macht; Ausschaltung des Wettbewerbs und Kartellbildung; Standortkonkurrenz zu lokalen Kleinbetrieben; ineffiziente Preisbildung infolge manipulierter Marktmacht; soziale Polarisierung und Angst in einer sich öffnenden Schere zwischen arm und reich; Nichtbefriedigung von Grundbedürfnissen und Hunger; Umweltzerstörung; Sinnverlust, Werteverfall und Ausschaltung der Demokratie. In einem System, das die Anhäufung materieller Werte zum nahezu einzigen Ziel habe, gerieten andere, weitaus wichtigere Werte (Beziehungs- und Umweltqualität, Zeitwohlstand, Kreativität, Autonomie u.a.) unter die Räder. Und es sei offensichtlich, dass globale Unternehmen, Banken und Investmentfonds über Lobbying, Medienbesitz, Public Private Partnerships und Parteienfinanzierung Parlamente und Regierungen erfolgreich dazu bringen, ihren Partikularinteressen und nicht dem Gemeinwohl zu dienen. Die Demokratie werde so zum letzten und prominentesten Opfer der „freien Marktwirtschaft“. Felber bringt Alternativen ins Spiel. Für ihn ist allein das Gemeinwohl Ziel allen Denkens und Handels. An ihm misst sich, was der Gesellschaft und dem Einzelnen nützt. Felber schafft neue Definitionen für unternehmerischen Erfolg, regt an, das Gemeinwohl als solches zu definieren, zu messen und eine Gemeinwohlbilanz aufzustellen. Sei dies geschehen, müsse jedes Bestreben, das Gemeinwohl zu mehren, belohnt werden. Das gelte gleichermaßen für Unternehmen, Organisationen, Einzelpersonen etc. Was den konkreten Wandel angeht, so formuliert der Autor durchaus strikt. U. a. beschränkt er die Gewinnverwendung von Unternehmen, sieht Aktiengesellschaften und folglich die Gewinnausschüttung an Aktionäre total im Aus, schreibt klar umrissene Mindestlöhne (etwa 1.250 €/Monat- S. 80) und Sozialhilfeleistungen ins Register, schlägt Veränderungen im Arbeitsleben – so z.B. vier Freijahre im Berufsleben – vor, „gründet“ die so genannte “ Demokratische Bank“ – deren fast ausschließliche Aufgabe es ist, eine dem Gemeinwohl und der Nachhaltigkeit verpflichtete Realwirtschaft mit Geld auszustatten und hofft, dass das Ganze im Wechselspiel von Subsidiarität, Demokratie, Kontrolle und Transparenz gar wird. Und mehr noch. Felber fordert darüber hinaus, bestehende Regeln für Vermögen, Eigentum und Unternehmensgrößen zu ändern. Auch das bestehende Erbrecht soll radikal verändert und zu Gunsten einer „demokratischen Mitgift“ für alle neu gestaltet werden. Große Bedeutung weist Felber der künftigen Erziehung und Bildung zu, wobei der Erwerb von sozialer und kommunikativer Kompetenz, Gefühlskunde, Wertekunde sowie Naturerfahrenskunde im Vordergrund stehen. Scharf kritisiert der Autor das Gerangel um die EU-Verfassung. Hier habe man den Souverein (die Völkern) zu Gunsten von Wirtschaft und Finanzwelt schlicht ausgeklinkt. So etwas sei mit seinen Vorstellung zu direkter Demokratie (dabei Teilhabe aller Gruppierungen der Bevölkerung) und Gemeinwohl-Ökonomie nicht vereinbar.

Auch dazu, wie die von Felber konstruierte Welt realisiert werden soll, gibt es Hinweise. Der Autor spricht von breiter Diskussion über das Konzept, über den notwendigen persönlichen Einsatz derer, die verändern wollen, beschwört die Ansetzung/Einberufung des Gemeinwohlkonvent, der Druck gegenüber Parlament und Regierung aufmachen müsse. Schließlich sei auch der Weg über die direkte Demokratie, also die Einberufung des Gemeinwohlkonvents auf Initiative und Druck allein der Bürgerbewegung – also ohne Dazutun von Regierung und Parlament – möglich, ja vielleicht sogar der bessere. Ziel sei in beiden Fällen eine Gesetzesänderung. Sie soll alle Unternehmen, die dem Gemeinwohl und der Nachhaltigkeit verpflichtet sind (z. B. steuerlich) besser stellen, sprich: deren Tätigkeit ausdrücklich gut heißen und fördern. Damit soll u. a. erreicht werden, dass diese Firmen Produkte und Dienstleistungen zu Preisen anbieten können, wie sie sonst nur bei traditionell wirtschaftenden Unternehmen üblich sind.

Die meisten von Felbers Ideen geraten angesichts des laufenden Finanz- und Wirtschaftswahnsinns in eine Art heilsbringerische Aura. Ja, möchte man rufen: Lasst uns unser Handeln am Gemeinwohl messen, lasst uns kooperieren statt konkurrieren, übt die direkte Demokratie, gebt dem Souverän (dem Volk), was des Souveräns ist und lebt die wirklichen Werte! Doch es ist wie so oft in Zukunftsentwürfen: Obwohl der Zielzustand – zumindest in den Hauptachsen – gut definiert ist, ist der Weg dahin zu dünn ausgeleuchtet. Aber auch das Konstrukt an sich wirft Fragen auf. So möchte man doch wissen, wie die Zahlen zu Einkommen und Vermögen entstanden sind, ob Felber sein neues Wirtschaften tatsächlich ausreichend stimuliert hat, wo und wie die „demokratische Mitgift“ überhaupt verwaltet,und den Bürgern (allen oder doch nur den „vertrauenswürdigen“?) in die „Treuhand“ gedrückt werden soll. Der Autor geht in seinem „Maßnahmeplan“ relativ weit, lässt aber wichtige Fragen – davon manche, die der Bürger zuerst aufgreift – offen. Vor allem aber versucht er, den zweifellos zu erwartenden massiven Widerstand seiner Gegner kleinzureden. In Düsseldorf hieß es am 9. Mai 2011 sinngemäß: Wir fragen nicht, wo der mächtigste Gegner steckt, wir arbeiten dort, wo es den geringsten Widerstand und das höchste Maß an Unterstützung gibt. Dieser Slogan ist sicher richtig, solange man auf niedrigem Level agiert. Doch sobald größere Unternehmen Felberscher „Machart“ zu Konkurrenten werden, dürfte sich die Lage schlagartig ändern. Dann wird – man verzeihe mir die schändliche Sequenz – zurückgeschossen. Wie er die derzeitigen „Weltwagenlenker“ von ihren Zügeln, sprich: von Macht und Vermögen zu trennen gedenkt, sagt Felber nicht – zumindest nicht explizit. Scheut er das Spiel mit dem Feuer? Setzt er stattdessen auf physische Vergänglichkeit und die strikte Durchsetzung seiner Erbrechtsreform? Ja – genau diesen Eindruck vermittelte Felber am 9. Mai. Was sei schon dabei, wenn man Tote besteuere, fragte er lächelnd. Und machte dabei deutlich, dass nix vererbt werde (in seinem Buch schlägt Felber ein maximales Erbe an Finanz-und Immobilienvermögen von 500.000 € vor). Glaubt der Autor wirklich, dass ein solcher Mechanismus bei alten Machtverhältnissen einfach so – von einer zur anderen Generation – durchsetzbar ist? Bisher vermochten nur Revolutionen das Oberste nach unten und das Untere nach oben zu kehren. Warum sollte das künftig anders sein? Felber meidet auch manche Begrifflichkeit. Die Weltreligionen, der Rheinische Kapitalismus, die öko-soziale Marktwirtschaft, der Kommunismus, ja selbst der demokratische Sozialismus kommen nicht vor bei ihm – folglich auch keinerlei Abgrenzungsversuche in diese wie jene Richtung.

Bleibt die Frage, wo und wie diese Kraft entsteht, die den Paradigmenwechsel quasi zwingend, wenn nicht zum Selbstläufer macht. In dem derzeit dominierenden Mix aus Konsum, Lifestyle, Desinteresse und Phlegma – meine ich – findet sie kaum Wurzeln. Felber sieht das offenbar anders. Ja er wartet sogar mit überzeugenden Beispielen auf. Das sind Privatpersonen, Attac-Aktivisten und kleine Unternehmen, die Felbers Ideale z. T. um den Preis ihrer Existenz aufs Schild heben. Hut ab! sage ich da. Doch wie lange hält das im gnadenlosen Wettbewerb mit den alten Mächten? Dazu schweigt der Autor, glaubt aber dennoch, dass die Idee sich durchsetzen könnte. Sie lebe – sagt er – durch ihre Ausstrahlung, und sie zehre von drei Katalysatoren: von der Tatsache, dass es eine Vision gebe, von guten Instrumenten und Konzepten sowie einer wachsenden Community. Felber setzt auf die Kraft und Unfehlbarkeit der Demokratie, die sich (Gottseidank!) nicht abschaffen, wohl aber in der Substanz und nach demokratischen Regeln verändern könne. Aber macht es sich Felber nicht zu leicht, wenn er diese durchaus begrüßenswerte, offenbar aber nur sehr langsam wachsende Bewegung zur ersten Etappe des großen Umbruchs erklärt? Ist es mit der Mund-zu-Mund-Propaganda, mit Vorträgen und kleinen Netzwerken – engagiert und vernunftgesteuert – tatsächlich getan, und wenn ja: auf welcher Zeitachse? Wird es nicht zusätzlicher Notlagen, Spannungen, Zuspitzungen und Kontroversen bedürfen, um diesen Wende-Prozess wirklich loszutreten – vor allem, wenn er die ganze Welt betrifft, ja – wie Felber selbst sagt – betreffen muss?

Ein wirklich wichtiges Buch für all diejenigen, die sich für eine neue, zukunftsfähige Welt interessieren !

Ulrich Scharfenorth

 

Im Detail formuliert Christian Felber:

S. 12: Adam Schmith hoffte, dass eine „unsichtbare Hand“ die Egoismen der Einzelakteure zum größtmöglichen Wohl aller lenken würde …. Bis heute bildet diese Annahme den Legitimationskern der kapitalistischen Marktwirtschaft. Aus meiner Sicht ist diese Annahme jedoch ein Mythos und grundlegend falsch; Konkurrenz spornt zweifellos zu so mancher Leistung an, aber sie richtet einen ungemein größeren Schaden an dr Gesellschaft und an den Beziehungen zwischen den Menschen an. Wenn Menschen als oberstes Ziel ihren eigenen Vorteil anstreben und gegeneinander agieren, lernen sie, andere zu übervorteilen und dies als richtig und normal zu betrachten. Wenn wir jedoch andere übervorteilen, dann behandeln wir sie nicht als gleichwertige Menschen: Wir verletzen ihre Würde.

S. 17: Keiner der nobelpreisgekrönten Ökonomen hat jemals mit einer Studie bewiesen, dass „Wettbewerb“ die beste Methode ist, die wir kennen. Das Fundament der ökonomischen Wissenschaft ist eine pure Behauptung, die von der großen Mehrheit der Ökonomen geglaubt wird. Und auf diesem Glauben beruhen Kapitalismus und Marktwirtschaft, die seit 250 Jahren das weltweit dominante Wirtschaftsmodel sind.

S. 18: Das Ziel unseres Tuns sollte nicht sein, dass wir besser sind als jemand anderer, sondern dass wir unsere Sache gut machen, weil wir sie gerne machen und für sinnvoll halten. Daraus sollten wir unseren Selbstwert beziehen …. Sich besser zu fühlen, weil andere schlechter sind, ist krank.

S. 24: Die hier vorgestellte Alternative beruht auf der Korrektur der fundamentalen und katastrophalen kulturellen Fehlentwicklung, dass wir in der Wirtschaft die gegenteiligen Werte fördern, die unsere Beziehungen gelingen lassen: In Zukunft sollen auch in den Wirtschaftsbeziehungen die humanen Grundwerte, die das menschliche und gemeinschaftliche Leben gelingen lassen, gefördert und belohnt werden.

S. 28/35: Da das neue Ziel aller Unternehmen das Gemeinwohl ist, muss dieses konsequenterweise auch in der unternehmerischen Hauptbilanz gemessen werden: in der Gemeinwohlbilanz. Die bisherige Hauptbilanz, die Finanzbilanz, wird zur Nebenbilanz …. Die Gemeinwohlbilanz könnte … auch die gesetzlichen Mindeststandards beinhalten – zum Beispiel zu Umweltstandards, Regelarbeitszeit, Mitbestimmungsrechten, Mindest- und Höchsteinkommen. Vor allem aber müsste sie aus Kriterien bestehen, bei deren Erreichen ein Unternehmen Gemeinwohlpunkte erhält, die ihm das Leben erleichtern …. Je mehr Gemeinwohlpunkte ein Unternehmen hat, desto mehr rechtliche Vorteile kann es in Anspruch nehmen (niedriger Mehrwertsteuersatz, niedriger Zolltarif, günstigerer Kredit bei der Demokratischen Bank etc.) …. Die Finanzbilanz bleibt weiterhin bestehen, weil es in der Gemeinwohlökonomie nach wie vor Geld und Produktpreise gibt; sie wird aber zur Nebenbilanz. Der Gewinn wird vom Zweck zum Mittel …. Da Gewinne sowohl nützlich als auch schädlich sein können, werde sie differenziert auf bestimmte Verwendungen begrenzt, um das „Überschießen“ in den Kapitalismus – die Akkumulation um der Akkumulation willen – in eine sinnvollere Richtung umzulenken. Verwendungen von Überschüssen, die zu Fressübernahmen, Machtdemonstrationen, Ungleichheit, Umweltzerstörung und Krisen führen, müssen sogar unterbunden werden, während Überschüsse, die zur Schaffung von sozialem und ökologischen Mehrwert, für sinnvolle Investitionen und Kooperationen – kurz: zur Steuerung des Gemeinwohls – verwendet werden, weiterhin wünschenswert sind.

S. 41: Die von der „Gewinnbeschränkung“ hauptsächlich Betroffenen wären Aktiengesellschaften. Diese Unternehmensform soll es … in Zukunft nicht mehr geben …. Heute haften immer öfter die SteuerzahlerInnen für die Aktionäre, zum Beispiel wenn marode Banken oder Autofirmen gerettet werden. Anstatt von den EigentümerInnen einen Nachschuss einzufordern, werden diese von den SteuerzahlerInnen für ihre schlechte Performance und die mangelnde Verantwortung belohnt. Das fördert die Tendenz von Aktiengesellschaften zu besonderer Rücksichtslosigkeit, Verantwortungslosigkeit und Untergrabung der Demokratie.

S. 42: Unternehmen sollen ihr Einkommen ausschließlich aus dem Zweck gewinnen, dem sie gewidmet sind, und nicht aus Finanzgeschäften.

S. 50: „Globale Finanzmärkte“ sind bei näherer Betrachtung ein Widerspruch in sich: Im liberalisierten Markt tendieren Banken dazu, eine global wettbewerbsfähige Größe anzustreben. Dadurch werden sie aber zwingend „systemrelevant“, wodurch eine fundamentale Marktsregel, der Konkurs, nicht mehr auf sie angewendet werden kann. Sie sind zu ewigem Leben verdammt (too big to fail – zu groß, um stürzen zu dürfen). Damit ist der faire Wettbewerb vorbei.

S. 48: Im System der Gemeinwohl-Ökonomie dürfen sich alle Menschen pro Dekade ihres Berufslebens ein Jahr Auszeit nehmen und anderweitig verwirklichen. Bei vierzig Arbeitsjahren wären das vier Freijahre pro Person. Aus heutiger Sicht würde das den Arbeitsmarkt um rund zehn Prozent entlasten; die heutige EU-Arbeitslosigkeit wäre allein dadurch beseitigt.

S. 52: (Wichtiger Bestandteil der neuen Ökonomie ist die Demokratische Bank). Sie ist dem Gemeinwohl verpflichtet und nicht gewinnorientiert …. Insbesondere sollen regionale Wirtschaftskreisläufe und sozial wie ökologisch nachhaltige Investitionen gefördert werden. Sie erbringt u. a. folgende Kernleistungen u. a.: Kostenloses Girokonto für alle WohnsitzbürgerInnen, unbeschränkte Garantie der Spareinlagen, kostengünstige Kredite für Privathaushalte und Unternehmen bei ökonomischer Bonität und Schaffung von ökologischem und sozialem Mehrwert durch die Investition …. Die Demokratische Bank ist subsidiär aufgebaut. Die große Mehrheit aller Kredite wird auf kommunaler Ebene vergeben. Die Demokratischen Banken entscheiden autonom. Auf der kommunalen Ebene wird der Vorstand ebenso direktdemokratisch gewählt wie der Aufsichtsrat („Demokratischer Bankenrat“), von dem er kontrolliert wird. Der Demokratische Bankenrat besteht aus VertreterInnen der Beschäftigten, KonsumentInnen, SchuldnerInnen, regionalen Kleinbetrieben (KMU) sowie einer Gender-Beauftragten und einer ZukunftsanwältIn …. Alle Gremien der Demokratischen Bank tagen öffentlich.

S.62: Das Prinzip der Gewaltenteilung besagt im Kern: Die Macht im Staat muss aufgeteilt werden (zwischen Legislative, Exekutive und Judikative), damit keine Instanz im Verhältnis zur anderen zu mächtig werden kann. Heute ist es dringend nötig, dieses Prinzip auf die Wirtschaft zu übertragen, weil dort die Macht so stark konzentriert ist, dass die übermäßige (Eigentums-)Freiheit der einen die Freiheit aller massiv gefährdet. Zur Trennung der Gewalten schlage ich so genannte „negative Rückkopplungen“ vor …. Kapitalismus ist ein positiv rückgekoppeltes System, weil es mit fortschreitendem Reicherwerden und Größerwerden für Individuen und Unternehmen immer leichter wird, noch reicher und größer zu werden. Die erste Million ist die schwierigste. Die zweite Million geht schon viel einfacher. Bei der 101. Million weiß man oft schon gar nicht mehr, was man für diese noch geleistet hat, und wer tausend Millionen beisammen hat, muss bei durchschnittlicher Verzinsung täglich 220.000 Euro ausgeben, um nicht reicher zu werden. Negative Rückkopplung hieße, dass die erste Million die am leichtesten zu erwerbende ist und dadurch für die große Mehrheit erreichbar wird, während das zusätzliche Reicher – oder Größerwerden immer schwieriger wird, bis es schließlich gar nicht mehr weiter geht. Folgende „Rückkopplungen“ könnten das bewirken: die relative Begrenzung der Einkommensungleichheit, die Begrenzung des Rechts auf Aneignung von Privatvermögen, die Begrenzung der Größe von Unternehmen in Privatbesitz und die Begrenzung des Erbrechts.

S. 64: Da es in der Gemeinwohl-Ökonomie keine Kapitaleinkommen mehr gibt, stellt sich das Problem der Addition von Arbeits- und Kapitaleinkommen nicht. Mieteinkommen und Schenkungen werden dem Personeneinkommen hinzugerechnet und dieses in Summe mit dem Faktor 20 des Mindestlohnes begrenzt …. Das Verstecken von Einkommen und Vermögen vor dem Finanzamt ist nicht mehr möglich, da es im Wesentlichen nur noch die Demokratische Bank gibt und diese – wie alle anderen Banken auch – sämtliche Einkommen automatisch dem Finanzmarkt meldet …. Deshalb schlage ich vor, dass neben den Einkommensungleichheiten auch das Eigentumsrecht (Privatvermögen) mit zehn Millionen Euro begrenzt werden sollte.

S. 78: Im neoliberalen Kapitalismus wird Eigentumsfreiheit als eine der höchsten Freiheiten angesehen und deshalb absolut gestellt. Doch Gleichheit im Sinne des gleichen Rechts aller Menschen auf Leben, Chancen und Freiheiten ist ein höherer Wert als Freiheit, weil die zu große Freiheit der einen die Freiheit anderer gefährdet …. Gleichheit ist deshalb ein absolutes Prinzip, Freiheit ein relatives …. Für Eigentum bedeutet das, dass alle Menschen das gleiche Recht auf ein begrenztes (für ein gutes Leben nötiges) Eigentum erhalten sollten, aber niemand ein unbegrenztes Eigentumsrecht.

S. 66: Deshalb sollten große Unternehmen in dem Maße, in dem sie größer werden, demokratisiert und vergesellschaftet werden. Das könnte so aussehen: Ab 250 Beschäftigte erhalten die Belegschaft und die Gesellschaft 25% der Stimmrechte; ab 500 Beschäftigten erhalten sie 50% der Stimmrechte; ab 1.000 Beschäftigten zwei Drittel der Stimmrechte; ab 5.000 Beschäftigten gehen die Unternehmen zur Gänze in das Eigentum der Beschäftigten und der Allgemeinheit über.

S. 68: Wäre es nicht gerechter und leistungsfördernder, wenn alle unter gleichen Bedingungen starten könnten? Bis 2001 kamen in Deutschland nur fünfzehn Prozent der Erwachsenen in den Genuss einer Schenkung oder Hinterlassung. 85% sind also faktisch enterbt. In der Gemeinwohl-Ökonomie würde es gerechter zugehen: Das Erbrecht bei Finanz- und Immobilienvermögen wird zum Beispiel mit 500.000 Euro pro Person begrenzt (Startwert). Darüber hinausgehende Erbvermögen gehen in das Eigentum der Allgemeinheit über und werden zu gleichen Teilen an die Nachkommen der nächsten Generation verteilt („demokratische Mitgift“). Das vererbte Vermögen summiert sich in Deutschland jährlich auf 130-200 Milliarden Euro – ungefähr ein Fünfzigstel des Gesamtvermögens von 8,1 Billionen Euro. Würde dieses zu gleichen Teilen auf alle neu in das Erwerbsleben Eintretenden verteilt, wären das bis zu 200.000 Euro pro Person – kein schlechtes Startkapital!

S. 70: (Vererbung von Unternehmen). In der Gemeinwohl-Ökonomie ist das Ziel, dass Unternehmen von möglichst vielen, wenn nicht allen Personen besessen werden. Deshalb werden demokratische Unternehmen auch gefördert, und es ist anzunehmen, dass es einen wachsenden Anteil von GenossInnenschaften oder ähnlichen Unternehmensrechtsformen geben wird. In diesen Fällen entfällt die Erbschaftsproblematik: Genossenschaftsanteile sind in der Regel sehr klein. Mit Aktiengesellschaften gäbe es ebenfalls kein Problem …. Diese Rechtsform soll es in der Gemeinwohl-Ökonomie ohnehin nicht mehr geben …. Wirklich knifflig sind damit nur die Familienunternehmen. Als Kompromiss zwischen Chancengleichheit und Familientradition könnte das Erbrecht hier so gestaltet werden, dass Familienmitglieder Unternehmensanteile im Wert von maximal zehn Millionen Euro erben dürfen (Startwert). Die darüber hinausgehenden Anteile gehen in das kollektive Eigentum der Beschäftigten über, die das Unternehmen mittragen und zum Teil mit aufgebaut haben … oder an ausgewählte Nichtfamilienmitglieder, die Verantwortung im Unternehmen zu übernehmen bereit sind. Hier ist der Anteil wiederum mit einer halben Million Euro begrenzt und würde als „demokratische Mitgift“ gewertet.

S.82: Immer mehr Menschen hätten die Möglichkeit, Unternehmen zu gründen, weil sie mit einem ansehnlichen Startkapital ins Berufsleben starten: Sie können sich sofort an Unternehmen beteiligen oder selbst neue Unternehmen gründen. …. Die gerechtere Verteilung von Kapital bewirkt, dass sich die Risikobereitschaft gleichmäßiger über die Bevölkerung verteilt. Das Gemeinwesen ist dann weniger auf schillernde Persönlichkeiten angewiesen, die zu herausragenden LeistungsträgerInnen stilisiert werden, obwohl sie ihre Vermögen zum Teil bloß geerbt und nicht selbst erarbeitet oder durch positive Rückkopplungseffekte auf Kosten anderer erworben haben.

S.: 76: Neben einer Mehrheit von privaten Kleinunternehmern und einer kleinen Zahl von Großunternehmen im gemischten Eigentum soll es in der Gemeinwohl-Ökonomie – so wie in der sozialen Marktwirtschaft – eine dritte Kategorie von Eigentum geben: öffentliches Eigentum …. Mein Vorschlag ist nicht, dass wir zurückkehren zu staatlichen Versorgungsunternehmen, wie wir sie kannten, sondern dass essenzielle Wirtschaftszweige direkt von der Bevölkerung kontrolliert und gesteuert werden …. Davon inspiriert könnten „moderne“ oder „demokratische Almenden“ die Bahn oder die Post sein, Universitäten, Stadtwerke, Kindergärten oder eben die Banken …. Im kalifornischen Energieversorgungsunternehmen Smud, das in der Hauptstadt Sacramento und rundherum 1,5 Millionen Menschen mit Strom versorgt, wird das Leitungsgremium direktdemokratisch gewählt. Dieses muss sich deshalb nach den Prioritäten der Bevölkerung richten, was ihm exzellent gelingt. Smud ist bei den Präferenzen der Bevölkerung – Umweltschutz und hochwertiger Service – konstant an der Spitze der USA und weit über dem gesetzlichen Mindeststandard in Kalifornien. In den wichtigsten Fragen dürfen die EigentümerInnen selbst entscheiden. Diese unternehmensinterne direkte Demokratie wurde bisher einmal angewandt: 1989 stellte Smud den BürgerInnen-EigentümerInnen die Frage, ob das einzige betriebseigene Atomkraftwerk weiterlaufen oder ein neuer Weg in Richtung erneuerbare Energien eingeschlagen werden solle. Die Mehrheit der Versorgten entschied sich für die Einfriedung des Atomkraftwerkes und die massive Förderung grüner Energiequellen. Der Erfolg dieser „souveränen“ Entscheidung ist heute gut sichtbar.

S. 79: Der häufigste und einfachste Beweggrund, einem Unternehmen beizutreten oder es zu gründen, liegt darin, dass Menschen ein Einkommen benötigen. Der Erwerbszwang ist in der Gemeinwohl-Ökonomie nicht abgeschafft, zumal es neben der „demokratischen Mitgift“ und den vier Freijahren nur eine bescheidene Grundsicherung geben wird, die zwar für das Überleben ausreicht, aber nicht zu einem „guten Leben“. Wer ein gutes Leben haben möchte, muss dafür etwas tun. Der Rahmen wird aber ein ganz anderer und für das Finden einer Erwerbsarbeit viel günstiger sein als heute: Denn die Menschen werden in der Gemeinwohl-Ökonomie a) weniger gestresst und überfordert sein, b) mehr Sinn finden, c) mehr mitgestalten und mitentscheiden können, weil die Rollen von „UnternehmerInnen“ und „ArbeiterInnen“ zunehmend verschwimmen; und d) werden die Unternehmen nicht zueinander in Kontrakurrenz stehen und höhere Gewinne erzielen müssen als die anderen, weshalb sie nicht um die Wette Arbeitsplätze abbauen werden.

S. 84: (Wir wissen), warum die Konkurrenz gar so fest auf dem Thron unseres Wertesystems sitzt: Viele, wahrscheinlich die Mehrheit von uns, sind nicht oder schwach intrinsisch (aus ihrem eigenen Inneren heraus) motiviert, weil sie sich nicht kennen und in sich nichts Sinnvolles erfahren, das sie zu Höchstleistungen ohne jede Konkurrenz treiben könnte. Sie sind innerlich leer und können Sinn nur von außen beziehen. Und wenn die Außenwelt unentwegt schreit: Geld, Karriere, Erfolg und Macht sind die „Werte“, auf die es ankommt, dann „verinnerlichen“ viele von uns diese Werte, auch wenn sie noch keinen Menschen glücklich gemacht haben …. Es reicht schon aus, dass eine Kultur „falsche“ Werte wie Konkurrenz, Profitstreben oder Karrieredenken von Generation zu Generation tradiert und heute noch die Mehrheit glaubt, das Menschen von Natur aus so seien, bloß weil sich die Mehrheit der GenerationskollegInnen, die dazu erzogen wurden, tatsächlich so verhält …. Kinder, die nicht gelernt haben, ihre eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Gedanken wahrzunehmen, sondern stattdessen für Gehorsam und Leistung mit „Liebe“ belohnt zu werden, werden ihr Leben lang weiterversuchen, durch Leistung die Liebe anderer zu erheischen. Sie werden nicht oder nur halbherzig hinterfragen, was sie da eigentlich leisten, und anstelle von elterlicher Liebe – bald Geld für ihre Leistungen annehmen, bis sie fast alles nur noch für materielle Entlohnung machen.

S. 87: Eine der wichtigsten Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für das Gedeihen der Gemeinwohl-Demokratie ist die Erziehung zu neuen Werten, die Sensibilisierung für das eigene Menschsein, die Einübung von sozialer und kommunikativer Kompetenz und die Vermittlung von Achtung vor der Natur. Deshalb schlage ich fünf Pflichtgegenstände für alle Schulstufen vor, die mir allesamt wichtiger erscheinen als die meisten der gegenwärtigen Unterrichtsfächer …: Gefühlskunde, Wertekunde, Kommunikationskunde, Demokratiekunde und Naturerfahrenskunde.

S. 91: Obwohl wir formal in Demokratien leben, empfinden immer weniger Menschen, dass sie das gesellschaftliche Leben tatsächlich mitbestimmen können. Immer häufiger treffen Regierungen Entscheidungen, welche den Bedürfnissen und Interessen der Mehrheit der Bevölkerung zuwiderlaufen: Die Deregulierung der Finanzmärkte, die Nichtzerschlagung systemrelevanter Banken, die Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen wie Trinkwasser- und Energieversorger, Bahn, Post oder Banken; das Lostreten globaler Standortkonkurrenz durch „Freihandelsabkommen“, die Liberalisierung des Kapitalverkehrs bis in die letzte Steueroase; das Zulassen der Einkommensungleichheit bis zum 300.000fachen; die Durchsetzung von Gentechnik in der Landwirtschaft; die Legalisierung von Patenten auf Lebewesen; der Euratom-Vertrag; die Aufrüstungsverpflichtung im EU-Lissabonvertrag; die brutale Repression der DemonstrantInnen beim Klimagipfel in Kopenhagen oder der völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen den Irak: Bei direktdemokratischen Verfahren wäre in den meisten Ländern vermutlich keine dieser Entscheidungen mehrheitsfähig.

S. 92: Das Problem der sozialen Intimität zwischen Politik und Wirtschaft wird umso brennender, je reicher und mächtiger die ökonomischen Eliten werden. Das zeigt, das ökonomische Eliten an sich das Problem sind – und erhärtet die Forderung nach Begrenzung der Ungleichheiten …. Diese Eliten haben auch einen überproportionalen Einfluss auf die maßgeblichen Medien: durch persönliche Kontakte mit leitenden JournalisInnen, die diesen Kontakt suchen und pflegen, um sich wertvolle Informationsquellen zu sichern; durch das Teilen von Werten mit den medialen Eliten (die Mächtigen sind, wenn es um den Machterhalt geht, hochgradig kooperativ); durch Werbeschaltungen, von denen die Medien ökonomisch abhänging sind; und in Form direkter Kontrolle über Eigentum: Viele Zeitungen gehören heute Banken, Finanzinvestoren und sogar Rüstungskonzernen: Das darf nicht sein. Auch der wissenschaftliche Mainstream folgt mitunter der Meinung der Mächtigen …, weil viele Intellektuelle aus gutem Hause kommen und Partei für die eigene „Klasse“ ergreifen und die Universitäten im Zuge der Liberalisierung immer mehr auf Drittmittel aus der Wirtschaft angewiesen sind …. Think-Tanks arbeiten für diejenigen, die sie bezahlen. Das sind in der Regel einflussreiche ökonomische Kreise …. Parteien werden von Unternehmen … finanziert – mit entsprechenden Ergebnissen …. Die Demokratie ist infolge dieser Bedingungen und Entwicklungen in einer schweren Krise. Wenn wir die ökonomischen Ungleichheiten unangetastet lassen und „Demokratie“ auf ein Wahlkreuz alle vier oder fünf Jahre reduzieren, dann schafft sie sich von selbst ab. Um lebendige Demokratie zu erreichen, muss es … zu einem historischen Ausbau demokratischer Beteiligungs- und Kontrollrechte kommen, und müssen möglichst viele Menschen auf möglichst vielen Ebenen mitdiskutieren, mitentscheiden und mitgestalten können – auch in der Zeit zwischen den Parlamantswahlen und in demokratisierten Bereichen des sozioökonomischen Lebens.

S.97/101: (Direkte Demokratie bedeutet), dass die souveräne Bevölkerung ein Gesetz, das ihr Missfallen erregt, mit Stimmenmehrheit ablehnen kann. Und zum anderen, dass sie selbst ein Gesetz, das nicht im „Angebot“ der Regierung enthalten ist, auf Schiene bringen und beschließen kann. Für beide Rechte kann dasselbe Verfahren angewendet werden: die von einer wachsenden Zahl von Organisationen geforderte dreistufige direkte Demokratie. Erste Stufe: Findet ein Gesetzesvorschlag aus der Mitte der Bevölkerung eine ausreichende Zahl von UnterstützerInnen, zum Beispiel ein halbes Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung, wird ein bundesweites Volksbegehren eingeleitet. Zweite Stufe: Überwindet dieses Volksbegehren – die Sammlung von Unterschriften im ganzen Land in den Wahllokalen – eine weitere und größere Hürde, wie zum Beispiel drei Prozent, kommt es zur verpflichtenden Volksabstimmung. Die dritte Stufe gibt es derzeit nur in der Schweiz. Dort sind die Bürgerinnen und Bürger der eigentliche Souverän. In Deutschland, Österreich, Italien und den meisten anderen Ländern hat das Parlament das letzte Wort. Und es kann auch gegen den Willen der Bevölkerung Atomkraftwerke bauen, dem Kapital den Fluchtweg in die Steueroasen öffnen, Patente auf Lebewesen legalisieren oder an einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg teilnehmen …. In Deutschland wurde das Instrument des Volksentscheids in den letzten 15 Jahren in den meisten Bundesländern sowie auf kommunaler Ebene eingeführt, in Bayern gibt es seit 1995 die Bürgerentscheide …. Alle zeitgemäßen Initiativen für direkte Demokratie fordern …, dass weder die Demokratie selbst noch schon erstrittene Grund-, Menschen- und Minderheitenrechte durch direkte Demokratie infrage gestellt werden dürfen …. In Zeiten, in denen die Regierungen immer mehr von den ökonomischen Eliten vereinnahmt werden („Postdemokratie“) ist die direkte Demokratie ein Gebot der Stunde. Dass der Souverän dies will, sollte eigentlich Grund genug sein: 75% der CSU/CDU-Getreuen sind für direkte Demokratie und 81 % der SPD-Fans.

S.102/105: Der nächste Schritt ist die Trennung der Gewalt, welche die Verfassung schreibt, von derjenigen, die durch die Verfassung eingesetzt wird. In der Politikwissenschaft versucht man die „verfassungsgebende Gewalt“ (Souverän) von der „verfassten Gewalt“ (Parlament, Regierung) zu trennen. Der Gedanke dahinter leuchtet ein: Wenn die demokratischen Institutionen die Spielregeln des Regierens selbst machen dürfen, dann werden sie dem Volk möglichst wenig Rechte einräumen, um selbst die ganze Macht zu behalten. Schreibt hingegen das souveräne Volk die Verfassung, dann wird es sich sehr wahrscheinlich das letzte Wort sowie umfassende Mitbestimmungs- und Kontrollrechte reservieren …. Dieser Punkt ist besonders vor dem Hintergrund der Entwicklung der Europäischen Union relevant. Bisher wurden die Grundlagenverträge stets von den Regierungen geschrieben. Die Bevölkerung war vom Entwicklungsprozess der neuen Verträge ausgeschlossen und durfte auch über das Endergebnis nur selten abstimmen. Diese Praxis wird in dem Maße problematischer, in dem die EU immer mehr Kompetenzen übertragen bekommt und staatsähnlichen Charakter annimmt. Spätestens aber bei der sogenannten „EU-Verfassung“ hätten die Regierungen die Souveräne ans Ruder lassen müssen …. Der Vorschlag von Attac lautet: Aus der Mitte der Bevölkerung soll eine demokratische Versammlung gewählt werden, die sich aus VertreterInnen aller Mitgliedstaaten und mindestens 50% Frauen zusammensetzt und den neuen Grundlagenvertrag, heiße er nun Verfassung oder nicht, schreibt. Üblicherweise wird eine solche Versammlung Konvent genannt …. Ein demokratisch entstandener Grundlagenvertrag würde nicht nur das schmerzlich vermisste Vertrauen der BürgerInnen in die EU herstellen, er würde das Projekt der Europäischen Integration auch auf einen anderen inhaltlichen Kurs bringen …. Die BürgerInnen würden vieles von dem, was in den jetzigen Verträgen steht – Binnenmarktstrategie, Wettbewerbsimperativ, Ausschreibungszwang, blinder Freihandel oder schrankenloser Kapitalverkehr -, nie und nimmer hineinschreiben. Dafür würden die Grundrechte an höchster Stelle stehen und einen gedeihlichen Rahmen nicht zuletzt für die Gemeinwohl-Ökonomie bilden.

S. 116: In der Gemeinwohl-Ökonomie würden fair gehandelte Produkte so lange gegenüber unfairen in Vorteil gestellt, bis nach einer mehrjährigen Übergangszeit nur noch faire Produkte in den Regalen stünden. Das ließe sich mit einem jährlichen Zollaufschlag von beispielsweise zehn Prozent auf unfaire Produkte erreichen.

S. 118: Bank ist nicht gleich Bank. Schon heute haben sich einige Banken dem Dienst am Gemeinwohl verschrieben. Die deutsche Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken (GLS), eine Genossenschaftsbank, wurde 1974 von Anthroposophen gegründet. Sie ist die erste Universalbank in Deutschland, die nach sozialökologischen Grundsätzen arbeitet …. Als Ausschlusskriterien gelten für das gesamte Bankgeschäft u. a. Alkohol, Atomenergie, Embryonenforschung, grüne Gentechnik, Rüstung, Tabak, Kinderarbeit und Tierversuche …. Kredite werden grundsätzlich nicht weiterverkauft, ebenso wenig gehören spekulative Geschäfte zu ihrem Geschäftsmodell.

S. 128/131: Das grundlegende Unbehagen mit der Wirtschaft, die strukturell auf Egoismus, Kontrakurrenz, Besitzorientierung, Wachstumszwang und Naturzerstörung beruht, kann nur durch einen völlig neuen Ansatz ersetzt werden. Und dieser muss langsam in die Gesellschaft und in das kollektive Bewusstsein einsickern – durch intensive öffentliche Diskussion und Wertebildung  …. Nichts ist mächtiger als die Idee, deren Zeit gekommen ist. Anstatt uns also von der behaupteten Unerreichbarkeit einer attraktiven Alternative entmutigen zu lassen, sollten wir selbst mithelfen, sie weiter auszuarbeiten, bekanntzumachen und schließlich durchzusetzen …. Es reicht aus, dass alle, die eine Änderung des Status quo wünschen, ihren kleinen Beitrag leisten – sofort würde eine mächtige soziale Bewegung entstehen. Deshalb ist es nur konsequent, dass alle, die die Gemeinwohl-Ökonomie befürworten, sie auch ins Gespräch bringen, bewerben und einfordern …. Sobald der Druck auf Parlament und Regierung groß genug geworden ist, könnten diese jederzeit die Wahl zum Gemeinwohlkonvent ansetzen. Dieser könnte sich aus 100 bis 200 Personen aus allen Gesellschaftsbereichen zusammensetzen, deren Auftrag es ist, jene Kriterien zu finden, mit denen der Beitrag von Unternehmen zum allgemeinen Wohl am besten gemessen werden kann …. Erreichen Gemeinwohlziele und –bilanz die Mehrheit, werden sie in der Verfassung verankert und können nur noch durch den Souverän selbst abgeändert werden …. Sobald die Ergebnisse per Volksabstimmung angenommen und damit Gesetz geworden sind, beginnt die Phase der Umsetzung. Hier ist es wichtig, niemanden zu überfallen und zu überfordern. Damit Unternehmen langfristig planen und ihre „Umwandlung“ vorbereiten können, könnte die Gemeinwohlbilanz zwei Jahre lang „trocken“ erstellt werden, das heißt noch ohne rechtliche Verbindlichkeit. Und auch nach dieser Einübungsphase geht es nicht ruckartig los. Die Mindeststandards könnten beispielsweise in Fünf- bis Zehn-Jahres-Schritten eingeführt und die Gemeinwohlpunkte anfangs in geringen Maße ausgegeben und später gesteigert werden …. Die Regelarbeitszeit sinkt nicht schlagartig von 38,5 auf 25 Wochenstunden, sondern in einem Übergangszeitraum von zehn bis fünfzehn Jahren …. Ein alternativer, vielleicht der konsequentere Weg führt über die direkte Demokratie. Sobald diese auch auf Bundesebene in Deutschland, Österreich, Italien und vielleicht auch auf der EU-Ebene erstritten ist, kann eine breite BürgerInnenbewegung für die Wahl des Gemeinwohlkonvents eintreten und diesen im Erfolgsfall erzwingen – ohne auf die Initiative der Regierung angewiesen zu sein.

S. 137: Mir ist keine Geistesschule oder Weltreligion bekannt, die uns zur Konkurrenz oder zum Egoismus erziehen wollte. Umso erstaunlicher ist es, dass das westliche Wirtschaftssystem auf Werten aufbaut, die von keiner Religion oder Ethik empfohlen werden.

S. 141: Würden wir es heute den Unternehmen freistellen, wie sie sich verhalten, würden sich zwar einige für Gemeinwohlorientierung entscheiden, andere aber nicht, weil viele von uns asoziale Werte wie Egoismus und Konkurrenzverhalten verinnerlicht haben und diese leben würden. Und sie würden sich durchsetzen, weil in der gegenwärtigen Systemdynamik das Unternehmen mit dem höchsten Finanzgewinn den Wettbewerb gewinnt! Das lässt sich nur durch „weiche“ Werte-Bildung, Anreizmechanismen und „harte“ Gesetze zusammen umsteuern.

S. 145: Unter den gegenwärtigen Bedingungen des Freihandels und des freien Kapitalverkehrs müsste die Gemeinwohl-Ökonomie weltweit eingeführt werden, weil andernfalls die Dumpingkonkurrenz die Gemeinwohlbetriebe vermutlich vernichten würde.

S. 146: Das Ziel der unternehmerischen Tätigkeit und der unternehmerische Erfolg werden nicht mehr in Geld gemessen, sondern in Gemeinwohlpunkten …. Folglich wird es – hoffentlich – ein dauerhaftes Wachstum an Gemeinwohl geben, aber nicht notwendigerweise eines an Geld …. Die Hauptursache des (heutigen) Wirtschaftswachstums … liegt meines Erachtens darin, dass die zentralen Erfolgsindikatoren auf makroökonomischer und mikroökonomischer Ebene in Geld gemessen werden. Geld bildet jedoch nicht den Nutzwert von Gütern und Leistungen ab, sondern lediglich ihren Tauschwert …. Weder ein Zuwachs des Bruttoinlansproduktes (BIP) noch ein höherer Unternehmensgewinn sagen etwas über die Entwicklung der Nutzwerte aus.

 

Die widerliche Aura des Militarismus (1)

Wieder einmal sind es die Hardliner der „Rheinischen Post“, die den Afghanistan-Feldzug beweihräuchern. Dass selbst Experten diesen Krieg für verloren und nur 30% der Deutschen an ihm fest halten, interessiert sie nicht. Im Gegenteil: Die Reise des eigens nach Kabul entsandten Helmut Michaelis muss sich lohnen – ganz gleich, ob das, was der dort recherchiert, repräsentativ ist oder embedded aus den Gefälligkeitsquellen der Brandstifter stammt. Diesmal drückt uns Michaelis ein Interview mit David Petraeus aufs Auge, und genau der ist es auch, der uns uniformiert und ordensgeschmückt aus dem Blatt heraus angrinst http://nachrichten.rp-online.de/politik/petraeus-druck-auf-taliban-wirkt-1.314206.

Damit nicht genug. Die RP hat die einzelnen brustbildenden Abzeichen und Insignien detailliert erklärt – sicher, um die Glaubwürdigkeit des Interviewpartners zu befestigen. Der umgebende Text aber sagt nichts, nichts über die wirkliche Lage am Hindukusch. Solch Wertung mag angesichts fehlender eigener Recherchen anmaßend wirken. Doch das Gegenteil ist der Fall. Denn wenn – wie hier – ausschließlich von Fortschritten bei der Intervention, vom erfolgreichen Aufbau afghanischer Sicherheitskräfte und realen Chancen für die Übergabe der Macht an Karsai & Co gesprochen wird, spiegelt das nicht nur Wunschdenken – es ist schlichtweg falsch. Und wenn Michaelis dümmlich anfragt, ob eine Pflanzenkrankheit bei der Bekämpfung des Drogenanbaus helfe, hat man die Leserei doppelt satt. Setzen sie Amis Mikroben ein, oder fault’s von selbst? fragt man sich. Petraeus klärt das nicht auf, meint nur, die ISAF habe kein Rauschgift-Mandat. Das andere aber, das zur Transition (der Machtübergabe an die afghanischen Galionsfiguren) nehme er verdammt ernst, und es reiche bis (mindestens) 2014.

Afghanistan wird auch in der „ZEIT“ zerkocht. Da gibt es in der letzten Dezemberausgabe eine Rezension zu „War“ – dem gerade übersetzten Buch von Sebastian Junger. Junger, sehe ich und denke: Jünger. Und tatsächlich: Der embedded US- reporter beschwört neue Stahlgewitter. Folgt man den Auslegungen des „ZEIT“-Journalisten (http://www.zeit.de/2011/01/L-B-Jungers) ,dann sträuben sich einem die Haare: „WAR (so heißt es im Text wörtlich) ist ein bedrückendes Buch über den Krieg oder über das Kämpfen im Krieg, und gleichzeitig ist das Buch – so sieht es für mich aus – Jungers ganz persönliches Heldenepos, was wahrscheinlich damit zusammenhängt, dass er in Afghanistan zwei überwältigende Erfahrungen gemacht hat, die sich schon in den Titeln der drei Teile andeuten, aus denen das Buch besteht: Angst – Töten – Liebe. Die Soldaten, wie Junger sie beschreibt, überwinden ihre Angst, und das Kämpfen wird für sie zu etwas, ohne das sie fast nicht mehr leben können. Das sollte einen nicht überraschen, schließlich sind sie Profis, aber es überrascht mich trotzdem. An einer zentralen Stelle schreibt Junger, es sei sinnlos, so zu tun, als sei der Krieg nicht auch aufregend, wahnsinnig aufregend sogar: »Krieg muss als schlecht gelten, denn im Krieg geschehen zweifellos schlechte Dinge, aber ein Neunzehnjähriger am Abzug eines .50 Kaliber Maschinengewehrs während eines Feuergefechts, das alle heil überstehen, erlebt den Krieg als einen so extremen Nervenkitzel, wie ihn sich niemand vorstellen kann. In mancher Hinsicht verschaffen zwanzig Minuten Kampfgeschehen mehr Lebensintensität, als man sie während eines Daseins zusammenkratzen kann, das mit anderem beschäftigt ist.« So ein militaristischer Unflat macht mich sprachlos. Die Bundeswehrreform steht an, und da muss sich niemand über politischen und Medien-Geleitschutz wundern. Tacheles reden will man dennoch nicht. Wer schon spricht von sanktioniertem Mord, wer schon stellt fest, dass deutsche Rekruten künftig kein Wahlrecht haben. Einmal in der Truppe, müssen sie mitziehen. Überall hin und ohne Abstriche. Ganz gleich, ob es sich um humanitäre Aktionen oder aber um schnöde Rangeleien um ausgehende Rohstoffe handelt. Noch freilich gibt es ein Verweigerungsrecht aus Gewissensgründen. Den Spielraum dafür dürfte man künftig einengen. Wer sich künfig für den Bund entscheide, müsse wissen … Dass zu Guttenberg bei dieser Sachlage auch weiterhin den Bürger in Uniform verkauft, ist hanebüchen.

Und dann – wiederum aus der „ZEIT“ – ganz frisch die Botschaft: Siegen lernen – Die Militäreinsätze in Afghanistan und im Irak werden nach dem Vorbild europäischer Kolonialkriege geführt („DIE ZEIT“, 5. Januar 2010). In einer Sprache zwischen betroffen und süffisant macht sich Stephan Malinowski über einen Strategietransfer her, der seinesgleichen sucht. Worum geht es. Es geht um den „Erfahrungsschatz“, den Raubritter aller Couleur (bei der Unterwerfung und Ausbeutung fremder Länder und Völker) gesammelt haben. Malinowski berichtet darüber, dass US-Geheimdienste bereits gegen Ende des Algerienkrieges französische Militärstrategen – darunter Fachleute für Folter – rekrutieren konnten, dass die Thesen der „großen Theoretiker für Aufstandsbekämpfung“ in die Standardwerke der US-Army und damit in die Eroberungskonzepte für Vietnam, Irak und Afghanistan eingingen und der Versuch, zumindest Teile der Zivilbevölkerung (der unterjochten Länder) zu „gewinnen“ weniger humanitär als strategisch motiviert sei. Malinowskis Recherche mündet schließlich in schierer Unerträglichkeit: “ … Die Zukunft der westlichen Kriegsführung im Zeughaus spätkolonialer Kriege zu suchen, mutet daher nur auf den ersten Blick als historische Ironie an. Von den für die Öffentlichkeit westlicher Staaten unerträglichen Elementen entschlackt (zivile Opferzahlen von mehreren Hunderttausend, Vertreibung ganzer Bevölkerungsteile, Lagersysteme), erscheint die Kopplung von vergleichsweise dosiertem Gewalteinsatz und „Entwicklungsarbeit“ eher zukunftsträchtig denn vorgestrig. Diese Politik als eine gegen „Terroristen“ gerichtete bewaffnete Aufbauhilfe darzustellen, macht den Krieg auch für postheroische Gesellschaften akzeptabel ...“ Zynischer, menschenverachtender geht’s nicht. Was der Autor hier an stinkender Masse seziert, ist beispiellos. Doch nicht minder verwerflich ist der Ton der Aufbereitung. Mich schaudert’s!

 

20 Jahre deutsche Zwei-Heit

Es ist wahrlich kein Wunder, dass heute – zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung – das Gros der Westdeutschen dieses Ereignis befeiert, während Zehn-, ja vielleicht Hunderttausende im Ostteil unseres Landes hinter die Mauer zurück wollen. Der Rest mag realistischer denken und die deutsche Einheit als Mix von punktuellem Erfolg und massenhafter Bauchlandung empfinden – für die Ostdeutschen wohlgemerkt.
„War nicht besser möglich“, höre ich dann, „keine Erfahrungen mit der Transformation und … die sollten sich freuen … bei den Wahnsinns-Transferzahlungen. Nun, die reichlich 1 Billion Euro für den Aufbau Ost haben alle erbracht – auch die Ossis. In den Genuss des Geldsegens indes kamen vor allem Konzerne – eben die, die die neue Struktur östlich der Elbe gestalteten/verunstalteten. Für den Bürger selbst ist manche „Errungenschaft“ zweitrangig – ganz gleich, ob sie der öffentlichen Hand oder der Privatwirtschaft entsprang. Die extreme Radfahrweg-Dichte, überdimensionierte Erlebnisbäder und Kläranlagen, ja selbst die hochwertigsten Straßen der Welt werden mit Kopfschütteln quittiert, wenn man die Existenz- und Lebensbedingungen der Wendeverlierer dagegen hält. Und die Konsumpaläste geben nur denen etwas, die darin nicht traumtänzeln, sondern auch kaufen können. Hier aber klemmt es, seit der Osten den Großteil seiner Betriebe und Einrichtungen in der Landwirtschaft verloren hat. Auch nach zwanzig Jahren ist die Arbeitslosigkeit im Osten doppelt so hoch wie im Westen und zahllose Jobs werden noch immer schlechter bezahlt als im „Kernland“.
„Pech gehabt“, tönen die Gazetten. Die DDR-Mädels und -Jungs haben zwar 735 Milliarden Ostmark Reparationen an die Sowjets gezahlt (der BRD blieben solche Opfer – die Israelhilfe ausgenommen – erspart) und mäßig bis tapfer im Käfig geackert. Dass ihnen heute dennoch das Stigma des Mittelmäßigen, des Maroden oder kurz gesagt: der Verlierer anhaftet, sei hausgemacht. Wo alles nur knapp war, blieb wenig zum Wundern. Schließlich habe man dem Einigungsvertrag mit der „Anschluss-Klausel“ zugestimmt. Ob da ein Lothar de Maiziere um die Würde des Osten rang, ein Schäuble seine Mitspieler süffisant übertölpelte oder ein Krause alles zur Flotte gab („DIE ZEIT“, 30. September 2010), tue hier nichts zur Sache. Man habe sich in die westdeutsche Verfassung/in das westdeutsche Grundgesetz einzugewöhnen, und damit … basta!
Genau hier begannen die Desinformationskampagnen, die unliebsame Wahrheiten mit permanenten Debatten über Unrechtsstaat, Stasi, Mauer und Wirtschaftschaos zu löschen suchten. Natürlich war die DDR ein Unrechtsstaat – wenn man die Gesetze und das Rechtsverständnis der Bundesrepublik West zu Grunde legt. Und natürlich liegt es mir fern, die Machenschaften des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) durch Kritik an westlichen Geheimdiensten zu relativieren. Menschenverachtung und Menschenrechtsverletzungen bleiben was sie sind – ganz gleich, auf welchem Nährboden sie gedeihen.
Ganz sicher konnten die Wirtschafts-„Strategien“ des Ostens denen des Westens nicht Paroli bieten. Was nicht heißt, dass alles, was die Ex-DDR hervorbrachte, Murx war und dem Schlendrian anheimfiel. Wenn ich Bekannten hier im Westen erzähle, dass es z. B. für die ostdeutsche Stahlindustrie über dreißig so genannte Kompensationsvorhaben (Barter-Geschäfte) gab, sind sie erstaunt. Vor allem darüber, dass die im Westen gekaufte Technik höchstes Niveau hatte und mit Produkten aus den zugehörigen Anlagen bezahlt wurde. Aber nicht nur diese Stahlwerke, Walzwerke und Bandbehandlungsanlagen repräsentierten Hightech. Auch die aus dem Westen importierten Werkzeugmaschinen in Europas größtem (!) Fertigungsbetrieb „Fritz Heckert“, Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), die Ausrüstungen in der Möbelindustrie (z. B. Zeulenroda), in der Lebensmittelbranche etc. mussten den Vergleich mit westeuropäischen Produktionsstätten nicht scheuen. Bei Computern freilich konnte die DDR (Robotron) nicht mithalten. Die wurden aus dem Westen importiert, entsprachen aber nicht dem neuesten 16-bit-Standard (Embargo). Ich erinnere mich noch: Im Frühjahr 1987 war das Entree des Ministeriums für Erzbergbau, Metallurgie und Kali bis zur Decke mit westlichen Commodore-PCs zugestellt. Der „embargo-gestörte Rest“ wurde irgendwann „privat“ dazu gekauft. So dauerte es nur ein paar Monate, bis ein über Ost-Berlin hinaus reichendes, komplexes Rechnernetz existierte, das die Zentrale mit wichtigen Fertigungsbetrieben verband. Wichtigstes Ergebnis: Ein EDV-Embargo des Westens – diese Netze betreffend – war durchbrochen. Auch, weil die Spionage funktionierte und „geschäftstüchtige“ westliche Verkäufer ihren Reibach machen wollten.
Nun, am Ende des Endes hatte die DDR 20 Milliarden DM Schulden – eine Summe, die groß scheint, aber heute und in anderen Ländern wie Peanuts anmutet. Gleichwie, die Machthaber knickten, knickten ein oder wurden geknickt. Für mich sah das – bei allem Protest, bei allen Montags-Demos, bei aller Neutralität der Sowjettruppen – wie eine Übergabe aus. Längst geplant und dann umgesetzt – ohne dass ein Schuss fiel (!!!). Westliche Politik und Medien sind diesem Phänomen nie wirklich nachgegangen – obwohl ihnen die Mittel dafür sicher zur Verfügung standen/stehen. Ganz so als gäbe es Absprachen, die bis irgendwann geheim bleiben müssten.
Umso intensiver bemühten sich die westlichen Medien, die dominierenden technischen Dinosaurier abzulichten und den DDR-Bürger als Wesen von gestern, als faul und dumm ins Bewusstsein der Westbürger einzupflanzen. Ein Vorgehen mit Kalkül – denn wo man etwas als unmodern und hinterwäldlerisch stigmatisieren konnte, war es leicht, einfach abzuräumen. Und so schliff man mit Bedacht vor allem das, was zum Wettbewerb fähig schien. Die betroffenen Ostdeutschen waren schockiert. Es tat ihnen weh, auch Hochwertiges in den Schrottpressen verschwinden zu sehen. Aber letztlich mussten sie akzeptieren und hinnehmen.
So die Botschaft an diejenigen, die den Osten bis heute nicht besucht haben, aber trefflich über ihn Bescheid wissen.
In den Köpfen der Vereinigungsgewinner, aber auch vor Ort gab es die wahren Bilder. Hier wurde kurz nach dem Mauerfall ein blutiges Spiel in Gang gesetzt, das nur einen Gedanken zuließ. Nämlich den, die zulaufende Substanz optimal, sprich: zum maximalen Nutzen des Westens auszubeuten. Zwar musste den Ossis zumindest der Schein einer künftigen würdevollen Existenz vermittelt werden, doch dafür sollte und musste der Staat, sprich: der Steuerbürger herhalten. Vorrang hatte zweifellos der Aufbau einer neuen Finanz- und Wirtschaftsstruktur – mit veränderten Besitz- und Machtverhältnissen. Ursprünglich – kurz nach dem Mauerfall – hatte alles noch ganz anders ausgesehen. Die Teilnehmer des Runden Tisches – allen voran Wolfgang Ullmann – hatten dem zerrissenen Land einen „Dritten Weg“ jenseits der Plan- und Marktwirtschaft in Aussicht gestellt. Dabei sollte den Bürgern der ehemaligen DDR ein möglichst großer Anteil am ehemaligen Volkseigentum übereignet werden (http://www.bundestag.de/dasparlament/2010/11/Beilage/006.html)
Zur Regelung aller sich verändernden Vermögensverhältnisse hatte Hans Modrow, vorletzter Ministerpräsident der DDR, die Order erteilt, eine Treuhandanstalt zu schaffen. Das Schicksal wollte es allerdings, dass Modrow die kommende Wahl verlor. Ihm folgte der CDU-Mann Lothar de Maizière, der auf Druck westdeutscher Politiker all das umwarf und eine neue Devise herausgab: privatisieren und sanieren – wo eben sinnvoll und liquidieren, wo aussichtslos. 20 Jahre deutsche Zwei-Heit weiterlesen

Erst schickt man sie in sinnlose Kriege, dann glaubt man PTSB heilen zu können

Man sollte annehmen, dass sich Militärpsychologen und Erfinder von Streubomben täglich in tiefste Verließe zurückziehen und dort die Schnauze halten. Doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Spätestens seit sich westliche Demokratien als Vorkämpfer für Menschenrechte begreifen, tickern die Gewissen auf problemlos – und die Ratten kriechen ans Licht. Wir aber wissen, dass Kriege nicht „nur“ Tote, sondern auch Neurosen im Schleppnetz führen. Konnte man bei den Veteranen des amerikanischen Bürgerkriegs zunächst „nur“ häufige Herzattacken und bei den Überlebenden von Weltkrieg I heftige Schüttelfröste ausmachen, so wusste man spätens nach Vietnam von posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSB) im spätfolgenreichen Krankheitsbild. Hinzu kam nach dem ersten Irak-Abenteuer das Golfkriegs-Syndrom, das Böswillige auch heute noch der westlichen, „uranösen“ Munition zuordnen.

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Einmal Weltraum und … vielleicht zurück

Man kann davon ausgehen, dass die Weltraumforschung den derzeit höchsten Stand von Naturwissenschaft und Technik spiegelt, wenngleich sie anwendungsbedingt nur Teilthemen abdeckt. Andererseits umfasst sie fast alle relevanten Sparten, die »am Boden« im Fokus stehen. Das sind Kybernetik/künstliche Intelligenz,  Robotertechnik und Werkstoffentwicklung ebenso wie Biotechnologie, Nanotechnik und Bionik – nur eben auf höherem Niveau. Denn die Substanz dieser Sparten unter den Bedingungen des Alls zu schultern, heißt meist, sie auf Erden zu beherrschen. Gleichzeitig eröffnet das Experiment im Weltraum Möglichkeiten, die der schwerkraftgebundene Planet ausschließt.

Eines allerdings dürfte auch künftig nur am Erdboden stattfinden – obwohl es, zumindest in Teilen, den Kosmos betrifft: der Protonenbeschuss im Teilchenbeschleuniger. Was derzeit im »Large Hadron Collidor« (LHC) der Europäische Organisation für Kernforschung (CERN) abgeht,  ist schon vom Apparatetechnischen her wenig alltauglich. Im Mittelpunkt steht ein 27 km langer ringförmiger Tunnel, dessen Innenraum von Magneten umgeben ist. In ihm wollen Forscher Milliarden von Wasserstoff-Protonen mit annähernder Lichtgeschwindigkeit aufeinander jagen –  um aus entstehenden Fragmenten auf die Situation nach dem Urknall zu schließen. Fachleute halten dies für das bisher spektakulärste Experiment überhaupt, schließen dabei aber Risiken völlig aus – auch die durch sogenannte »schwarze Löcher«, die »die Erde verschlingen« könnten /44/. Nach einer eher abseitigen Theorie, so die Mehrheit der Experten, könnten »schwarze Löcher« zwar entstehen, würden aber unmittelbar darauf zerfallen – aus Energiemangel. Im Weltall seien Zusammenstöße in der vom CERN geplanten Art gang und gäbe – sogar auf weit höheren Energieniveaus. Wären diese Kollisionen mit »materieverzehrenden« Folgen verbunden – man wüsste es /45, 46/.

Ein Prozess der Kritiker, der die Versuche am Teilchenbeschleuniger stoppen sollte, ging 2008 verloren /53/.

Obwohl CERN-Experten zugeben, dass sie nicht einmal 5 % des Universums verstehen, verfolgen sie die Versuche mit großer Akribie – und hoffen, in den riesigen Detektoren auf die in ihrem »Baukasten« noch fehlenden Higgs-Teilchen zu stoßen (Zur Erklärung: Die Higgs sind Gegenstand einer Hypothese. Sie werden als mögliche Bestandteile im Standardmodell der Elementarteilchenphysik vorhergesagt).

Was die Forscher treibt, sind Fragen, die sie vermutlich nie restlos beantworten können: Woraus besteht das Universum? Wie entstand es, und wodurch wird es zusammengehalten? Wo stecken dunkle Materie und dunkle Energie, wenn die bekannte Materie bislang nur 4 % unseres Universums ausmacht? /46, 54/. Gibt es die vermutete Symmetrie zwischen Materiebausteinen und sogenannten »Feldquanten« und folglich für jedes »normale« Teilchen einen »supersymmetrischen« Partner?  Auch die sogenannte Stringtheorie, die Gravitationskraft und Quanten zusammenbringen möchte, harrt ihrer Bestätigung /54/.

Für absehbare Zeit allerdings dürfte es beim Halbwissen bleiben. Technische Schwierigkeiten haben im Herbst 2008 zum Abbruch der ersten Anlauf-Tests geführt.

Das CERN birgt seine Absonderlichkeiten. Es befindet sich auf exterritorialem Gebiet, wird von einem 20-köpfigen internationalen Gremium (Rat des CERN) geführt und agiert wie ein selbständiger Staat. Ein wissenschaftlicher Beirat von unabhängigen Experten soll das Tun vor Ort überwachen – wird allerdings vom CERN selbst berufen /45/. Dieser Sachverhalt irritiert – weil er an der objektiven Bewertung anstehender Projekte zweifeln lässt. Bei aller Bewunderung für die nationenübergreifende Kooperation: Es ist gut möglich, dass erst ein koordinierter »Befehl« aus den beteiligten Mitgliedstaaten bedenkliche Experimente wirklich ausbremsen könnte. Vorausgesetzt, man erfährt davon und ist schneller als die Hacker, die schon mal vorher den »Saft« abdrehen /55/.

Es ist nicht mein Ziel, einzelne, für die Weltraumfahrt entwickelte Produkte oder Softwareleistungen aufzulisten – geschweige denn sie zu beschreiben. Dafür gibt es einfach zu wenige Informationen. Auch fehlt mir der Ehrgeiz, die von den Weltraumnationen (USA, Russland, EU, Japan, China, Indien und Brasilien) durchgeführten, angeschobenen oder geplanten Missionen im Detail auszuleuchten. Mein Focus liegt auf der Grobstruktur – und dann auch bei strategischen Zielen. So gehört nicht nur »schieres Wundern« in dieses Kapitel, sondern auch ethisch-philosophisches Werten. Denn die Frage, warum wir in die Ferne schweifen, statt uns den »Übeln« der Erde zu widmen, steht am Anfang. Und sich ihr zu widmen, dürfte ähnlich interessant sein wie der Ausflug nach Hightech-Country.

Beginnen wir bei Stephen Hawking. Der englische Astrophysiker, von dem wir wissen, dass er an Amyotrophischer Lateralsklerose (ALS) leidet und nur über die Gesichtsmuskeln mit einem Spezialcomputer kommuniziert, ist das wohl treffendste Beispiel für meine erste Feststellung: Es drängt den Menschen fortwährend, mehr zu erfahren, mehr zu wissen. Und selbst, wenn er sich in der Situation eines Hawking befindet, reißt er sich los, überwindet Lethargie und Nichtstun.

Unser Protagonist nun setzte sich, so grotesk das auch anmutet, in einer umgebauten Boeing acht absturzähnlichen Tests aus und erlebte knapp 30 Sekunden Schwerelosigkeit /2/ – wurde also von Ärzten und Pflegern in diese abstruse Position bewegt, um ein Highlight auszukosten. Jahrzehntelang hatte sich Hawking mit den Geheimnissen des Weltraums befasst. Diesmal wollte er seine Erkenntnisse in der Praxis prüfen. Schon bald, so erfuhr man später, wird er als Weltraumtourist die volle Runde machen – um den Planeten. Dafür trainiere er bereits.

Was, wenn nicht diese Tatsache, beweist eindrucksvoller, wozu Menschen fähig sind? Dass sich hinter diesen Vorhaben eine andere, vakante Seite befindet, wissen wir auch. Denn Hawking sieht die Zukunft des Menschen außerhalb unserer Erde. Die – so seine Vermutung – »rauche bald ab« – in einem Atomkrieg, den er nach wie vor für möglich hält, infolge der Klimakatastrophe, die er offenbar kommen sieht, oder weil der Mensch genetisch veränderte Viren irgendwann nicht mehr abwehren kann. Der Forscher sieht die Zukunft auf dem Mars, und er ist sicher, dass wir eines Tages dorthin ausweichen müssten /38/.

Allein in unserer Milchstraße soll es 100 Milliarden Sterne geben, denen etwa 10.000 Zivilisationen – wie auch immer geartet – zugeordnet werden /16/. Euphoriker sprechen gar von 100 Milliarden bewohnter Planeten im gesamten Universum /1/. Und das Leben auf der Erde – so wieder andere Experten – könnte durchaus »eingeflogen« worden sein.

Tatsächlich sehen auch Science-fiction-Autoren wie Hans-Arthur Marsiske unsere Zukunft auf fernen Gestirnen /38/. Dabei schwelt die Hoffnung, der Mensch könnte im All ein anderer (besserer) werden. Mehr als naiv klingt das nicht. Denn Astronauten mit ihrem Ballast an irdischen Eigenschaften/Erfahrungen umzubestimmen, mutet seltsam an. Es sei denn, man hat sie bis dahin genetisch manipuliert.

Noch sind die Weltraumfahrer unserer Tage normale Menschen – wenn auch sorgfältig sortiert. Sie müssen mit der Enge und Absurdität ihrer Situation klar kommen. Ihre Lage zwingt sie, um den Preis des Überlebens, friedlich zu sein. Das gilt für den Raumflug, das gilt für kritische Situationen. Spätestens dann aber, wenn sie irgendwo sicher verankert wären, dürften schnell die alten Instinkte durchbrechen – vor allem das Machtbewusstsein. Wer dann glaubt, dass die »Auswanderer von morgen« ausnahmslos geläuterte Menschen würden, irrt zweifellos. Denn die Befehlshaber, die heute das Sagen haben, werden wohl mitwollen – und das im Befehlston auch durchsetzen.

Alle können nicht dabei sein. Warum aber sollte es einer Elite/Macht-Clique erlaubt werden, außerhalb unseres Planeten zu siedeln – um am neuen Ziel die alten Muster zu streuen?

Was heute in die Raumfahrt investiert wird, sprengt oft das Vorstellungsvermögen. Immerhin kostet es durchschnittlich 20.000 US-Dollar, um ein Kilogramm Ausrüstung in den Orbit zu transportieren /9, 50/. Das Budget allein der US-Luft- und Raumfahrtbehörde NASA lag 2007 bei 16,8 Milliarden US-Dollar, was angesichts zurückliegender und künftiger Programme viel und wenig zugleich ist. Immerhin hat das Mondprogramm der Amerikaner 50 Milliarden US-Dollar verschlungen. Rund das Doppelte dürfte die internationale Raumstation ISS »gefressen« haben – wenn sie 2014 fertig gestellt ist. Gut vorstellbar, dass ein durch Astronauten bestimmtes Marsprogramm nochmal erheblich mehr kosten würde. Die NASA spricht vorerst von 55 Milliarden US-Dollar (»semi direkt«, s. S. 31).

Einigermaßen verkraftbar scheinen die unbemannten Projekte – etwa das bisher spektakulärste Unternehmen „Lunochod“ (vollautomatisiertes Einsammeln von Mongestein https://de.wikipedia.org/wiki/Lunochod),  das Aussetzen von Satelliten oder die Mitwirkung an der ISS. Doch überall dort, wo die Raumfahrtnationen/-Staatenverbunde separat »wursteln«, wird schnell das Geld knapp (»Galileo«). Dennoch sind alle Akteure äußerst motiviert.

Von der Weltraumfahrt profitieren vor allem die Luftfahrt- und Militärindustrie, die Informationstechnologie und die Elektroindustrie – der führenden Industrieländer. Konkrete Zahlen dazu gibt es allerdings nicht/14/.

Vor allem die Amerikaner, aber auch Russen, Europäer, Chinesen und Japaner wollen auf den Mond – was die Mission der ISS aushöhlt, zumindest aber in Frage stellt /4/. Einige der Teilnehmer könnten durchaus zum Spagat gezwungen werden, wollten sie den Anschluss an das weitere, möglicherweise wichtigere Weltraumgeschehen halten. Fragt sich, ob die USA – ähnlich wie im Kalten Krieg – die Konkurrenten totrüsten wollen. Denn eines steht fest: Bemannte Missionen können nur sie sich leisten – oder ein Verbund verschiedener Staaten (unter Einbeziehung der USA). Ob die Kooperation allerdings eine für US-amerikanische Vormachtstrategen reale Option darstellt, bleibt offen. Allenfalls dann, wenn die Partner viel Substanzielles – auch für die USA Interessantes – zu bieten haben, hätte sie eine Chance.

Die Raumfahrt hat uns wichtige Impulse für das Erdenleben vermittelt – nicht Teflon, wie oft fälschlich behauptet wird, wohl aber eine Reihe anderer Nützlichkeiten: die genaue Beobachtung von Klima und Umwelt (einschließlich genauerer Wettervorhersage), das Satelliten-Fernsehen, Navigationsgeräte, eine nährstoffreiche Babynahrung, Reinigungssysteme für Swimmingpools, spezielle Sportschuhe und »power riser« (Springunterstützer), schockabweisende Helme, den Taschenrechner, Flachbildschirme, den Strichcode auf Warenverpackungen, den Nierensteinzertrümmerer, Geräte zum Auffinden von Brustkrebs, Augendruckprüfgeräte, die Gefriertrocknung von Lebensmitteln, die Radialreifen und neuartige Sauerstoffflaschen für Feuerwehrleute. Dennoch wäre es naiv anzunehmen, dass derartige Errungenschaften die Raumfahrt rentabel machten. Hier wird weniger gerechnet als auf Prestige gesetzt. Es geht um technologische Führerschaft und dient der Schaffung ökonomischer Potentiale – ohne dass diese sofort greifbar sind.

Tatsächlich sind Projekte der »Außenseiter« alles andere als marginal – wenngleich auch weniger kostenträchtig als ein Ausflug zum Mars. Doch der Mond ist mehrfach anvisiert. Europa beispielsweise arbeitet intensiv am Lastenschiff ATV (7 t Nutzlast), das heute die ISS bedient, morgen aber bereits modifiziert zum Mond oder Mars aufbrechen könnte (Projekt »Vinci«) /4, 51/). Für 2012 plant die EU die Aussetzung eines Flugkörpers, der den Mond umrunden soll (geschätzte Kosten: 350 Millionen Euro, Dauer: 4 Jahre). Ob das Geld allerdings reicht, um anschließend (2013) ein Observatorium zu errichten /4/ und 2020 eine Crew auf dem Erdtrabanten zu landen /6/, muss die Zukunft zeigen. Selbst über einen Alleingang Deutschlands wird nachgedacht: Man täumt von »Leo«, der Luna umkreisen soll. Doch auch hier sieht es mit der Finanzierung schlecht aus /56/.

Etwas näher am Mond sind Japan und China. Seit 2007 umkreisen sowohl das Raumschiff »Kaguya« als auch »Chang’e–1« den Erdtrabanten. Beide observieren den Mond – mit beträchtlichem Erfolg. »Kaguya« sendet phantastische Bilder aus der HDTV-Kamera, und die chinesische Kapsel versucht sich in dreidimensionalen Fotos – vor allem von den Mond-Polen /54/. Auch Indien hat im Herbst 2008 einen ähnlichen »Ausflug« gestartet.

Allenfalls die USA können eine erneute Mondlandung mühelos schultern. Zumal sie auf Erfahrungen aus den Apolloprojekten zurückgreifen können. Sie planen eine feste Station für 2020. Chinesen (2024), Russen und Japaner (jeweils undatiert) haben dasselbe vor.

Was nun sind die substantiellen Beweggründe und Forschungsziele der Weltraumnationen?

Zum einen sicherlich das Fernziel Mars. Der – so eine erste Vorausschau – soll zwischen 2016 und 2030 zum ersten Mal betreten werden /9, 50/. Doch bis dahin gibt es eine Unzahl von Problemen, deren Lösung u.a. auch auf dem Mond gesucht wird. Gut möglich, dass die Reise zum Mars dort beginnt. Voraussetzung ist allerdings, dass die erforderlichen Energieträger vor Ort aufbereitet und nutzbar gemacht werden können /7/. Ein möglicher Ausgangsstoff, Rigolit, ist dort reichlich vorhanden. Nur dürfte sein Aufschluss – mit dem Ziel der Methangewinnung – erhebliche Schwierigkeiten bereiten. Andere, in absehbarer Zeit nutzbare Energieträger bieten sich derzeit nicht an – ein Umstand, der den Spielraum einschränkt. Denn »methangestützte« Raketen gibt es bisher nicht. Sie gelten – zumindest für erdgestützte Manöver – als zu leistungsschwach. Was nicht heißt, dass sie die Gravitation des Mondes nicht doch überwinden könnten. Die nämlich beträgt nur ein Sechstel der Erdanziehung.

2004 verkündete US-Präsident George Bush, Amerika wolle das Sonnensystem in den »wirtschaftlichen Einflussbereich der Menschheit« einbeziehen und den Mond für den Markt öffnen. Seitdem wittern Unternehmer aller Couleur das große Geschäft. Dennis Hope (»Lunar Embassy«) beispielsweise soll bereits 4 Millionen Grundstücke im Weltraum verkauft haben – an Hollywoodstars, Immobilienhaie und ehemalige US-Präsidenten.

Auf welcher rechtlichen Grundlage er dies tat, bleibt schleierhaft. Gleichwie: das Interesse am Mond und seinen Schätzen ist ungebremst – nicht nur in den USA, sondern auch in Russland, in der EU, in China und Japan. Seit Monaten wird es angeheizt durch die Erkenntnis, dass im Mondgestein (Rigolit) nicht nur Titan- und andere wertvolle Metalloxide, sondern auch große Mengen an Helium-3 abgelagert seien. Entsprechende Analysen aus den Appollomissionen lassen solche Schlussfolgerungen zu. Helium-3 stamme – so die Wissenschaftler – von der Sonne, deren Winde das kostbare Gut auf all den Planeten ablagerten, die keine bzw. keine nennenswerte Atmosphäre besitzen. Das Mineral sei vor allem deshalb so kostbar, weil es eines der gravierendsten Probleme der Kernfusion beseitigen könne. Ersetze man nämlich die gegeneinander »gehetzten« Wasserstoffatome im Reaktor durch Heliumatome, könnte man die beim konventionellen Fusionsprozess auftretenden hochenergetischen Neutronen weitgehend bannen. Die seien heute für die rapide Zerstörung der Reaktorwände verantwortlich. Und stellten folglich eine kaum überwindbare Hürde bei der wirtschaftlichen Vermarktung der neuen Technik dar.

Allein dieser Sachverhalt dürfte den Preis von einer Tonne Helium-3 auf mehrere Milliarden US-Dollar treiben – und den Abbau des Minerals (einschließlich seines Transportes in flüssigem Zustand) sinnvoll erscheinen lassen. Experten meinen, dass die o. a. Menge ausreichen könnte, um beispielsweise die britischen Inseln komplett mit Energie zu versorgen /52/.

Kein Wunder, wenn die Großmächte (vor allem die USA und Russland) nach Ressourcen wie diesen lechzen – und ihre Mondprogramme entsprechend forcieren. Noch 2008 will die NASA eine robotergestützte Erkundung starten und 2017 bereits eine ständig besetzte Mondstation unterhalten. Ähnliches planen die Russen. Sie wollen Helium-3 bereits 2020 abbauen /52/.

Wenn die Apologeten derartiger Strategien davon sprechen, dass mit dem Import von Helium-3 die Energieprobleme unseres Planeten gelöst werden könnten, wirkt das wie Zündstoff.  Dennoch bleibt die Ansage fragwürdig. Niemand außer den Großmächten nämlich dürfte in der Lage sein, das neue Energiepotential zu nutzen/zu vermarkten. Wobei völlig ungeklärt ist, wer welche Besitzansprüche auf dem Mond überhaupt durchsetzen darf/wird.

Auf und um den Mars herum sind inzwischen zahlreiche Satelliten (u. a. Sonde »Mars Reconnaissance Orbiter« der NASA /33/) und Gefährte zugange, die neue Informationen über den Planeten erlangen sollen. Das Hauptaugenmerk ist derzeit auf die Wasservorräte gerichtet, die sich im Untergrund des Planeten befinden. Im Mai 2008 hatte der NASA-Roboter »Phoenix« den Mars echt »angekratzt« /25, 26, 55/ – und auf der Schaufel Eis gefunden /31/. Eine Sensation, die um die Welt ging – und Mutmaßungen über mögliches Leben neu anheizte.

Außerdem geht es darum, weitere Landeplätze zu erkunden und Orte, die Sicherheit vor kosmischer Strahlung versprechen /23/. Den Europäern ist das Projekt zur Marserkundung (»Mars Express«/10/) z.T. misslungen. Zwar kreist das Trägermodul seit 2003 um den Planeten und macht vortreffliche Bilder. Doch das Landefahrzeug »Beagle« ging verloren.

Deutschland setzt im Rahmen der ESA mehr auf das neue Erdüberwachungssystem GMES (Einsatz für Umwelt- und Sicherheitsaufgaben) sowie das Navigationssystem Galileo /24/.

Die Europäische Weltraum-Organisation (ESA) möchte jetzt den verlorenen Boden schnell gutmachen – liegt aber vorerst in Schaukämpfen, weil Deutschland die Benachteiligung bei relevanten Aufträgen befürchtet. Frankreich hingegen (bisher größter Investor) will die ESA in kürzere Reichweite zur EU-Kommission bringen, um dann mehr Geld vor allem für die eigene Industrie zu erlangen. Wie auch immer: Der Mars bleibt im europäischen Blickfeld – allerdings mit einem zeitlichen Ziel, das weit hinten liegt: 2020. Auch bei diesem Vorhaben soll ein Roboter die oberen Gesteins-/Eisschichten anbohren /4/.

Folgt man den Enthusiasten, dann steht die erste Hälfte des 21. Jahrhunderts im Zeichen des größten Abenteuers der Menschheitsgeschichte – der Landung des Menschen auf dem Mars /48/. Pläne, den roten Planeten zu erobern, gibt es schon seit vielen Jahrzehnten. Doch von den bisher abgeschickten 38 Raumsonden haben nur 16 ihr Ziel erreicht – mit unterschiedlichem Erfolg. Was Beobachtungen von der Erde, marsumkreisende Stationen und gelandete Roboter feststellen konnten, lässt sich schnell zusammenfassen: Die Mars-Schwerkraft beträgt nur etwa ein Drittel der Erd-Schwerkraft. Aufgrund der geringen Anziehung konnten sich große Teile des CO2 und des Wassers, die in den Frühphasen des Planeten durch aktive Vulkane reichlich nachgeliefert wurden, nicht halten. Sie »entfleuchten« in den Weltraum. Mit der Folge, dass heute lediglich eine extrem dünne, vor allem aus CO2 (95,3 %), Stickstoff (2,7 %)und Argon (1,6 %) bestehende Atmosphäre existiert. Sie enthält auch Wasser – wenngleich nur in geringer Menge (0,03 %). Dieses Wasser bildet Wolken und dünne Eisschichten. Der Luftdruck ist mit 0,007 bar extrem niedrig. Auf der Oberfläche des Planeten ist es relativ kalt (-140˚C bis 20˚C; Durchschnitt: -63˚C) und unwegsam. Vor allen an den Polen gibt es auf hunderten von Kilometern gewaltige Sandstürme. Auch Tornados bis 80 km Höhe sind bekannt. Das CO2 der Atmosphäre wird vom Sonnenlicht gespalten, wobei der Sauerstoff das reichlich im Boden vorhandene Eisen oxidiert (»roter Planet«). Die extreme Dürre des Bodens und die durch Oxidation bestimmte Bodenchemie stellen die Existenz organischen Lebens in Frage. Ein Marstag entspricht in etwa einem Erdentag /9, 49/.

Trotz dieser unwirtlichen Verhältnisse vor Ort sind zahllose Wissenschaftler vom Mars fasziniert. Und nicht nur das. Sie sehen in ihm ein künftiges Siedlungsgebiet des Menschen. Derzeit laufen bereits erste Planungen für bemannte Raumflüge. Doch zu den Inhalten gehen die Auffassungen auseinander. Soviel jedoch scheint klar: Die Reisen müssten kurz sein, von gemischten Besatzungen (4-6 Männer und Frauen) bestritten werden und in mehreren Phasen verlaufen. Dabei sollten zunächst Versorgungsraketen und zwei Jahre später die Crew verschickt werden. Eine jeweils kurze Flugzeit setzt voraus, dass sich Mars und Erde in geringem Abstand voneinander befinden (Minimum: 60 Millionen Kilometer) – was etwa alle 26 Monate gegeben ist. Auf Basis heutiger Raketenantriebstechnik müsste dann ein festes Regime gelten: ca. 6 Monate Hinflug, 18 Monate Aufenthalt und 9 Monate Rückflug. Experten sprechen von ca. 1.000 Tagen im All.

Uneinig ist man sich bei der NASA vor allem in einer Frage: Sollte  der Flug direkt von der Erde aus erfolgen? Oder müsste es Startbasen auf dem Mond bzw. im Orbit geben? Vor allem die Masse der Versorgungsraketen (man spricht von bis zu 520 t Ladung) bereitet Kopfschmerzen. Derzeit stehen Transportmittel für derart anspruchsvolle Aufgaben nicht zur Verfügung. Um die Anforderungen zu reduzieren, prüft man die Option, den Treibstoff für die Rückreise auf dem Mars zu erzeugen. Theoretisch ständen dort alle Ausgangsstoffe zur Verfügung. Ob sie allerdings in einem automatisch ablaufenden Prozess – ohne Anwesenheit des Menschen – in ausreichender Menge und Qualität produziert und gespeichert werden könnten, ist vorerst offen. Ähnlich wichtig ist die Frage des Raketenantriebs, weil er nicht nur auf die beförderbare Masse, sondern auch auf die Fluggeschwindigkeit (und damit Reisezeit) Einfluss hat. Zur Debatte stehen neben dem chemischen der thermonukleare sowie ein spezieller Turboantrieb, der den laserähnlich gebündelten Ausstoß eines ionisierten Gases vorsieht. Im zweiten Fall würde tiefgekühlter Wasserstoff (möglicherweise erst nach Erreichen des Orbits) nuklear erhitzt und gasförmig ausgestoßen werden – was den Treibstoffbedarf halbierte. Beim Turboantrieb – so die Wissenschaftler – könne die Flugzeit möglicherweise auf jeweils 90 Tage verkürzt werden. Aber nur, wenn man einen im Orbit erzeugten Plasmastrahl zu Hilfe nähme, der das Raumschiff berührungslos auf nahezu 30 km/s beschleunigt /48/.

Wo und vor allem wann derartige Techniken zur Verfügung stehen werden, ist vorerst kaum abzusehen. Mittelfristig scheinen deshalb nur konventionelle Projekte (chemische Antriebe) realistisch. Dabei gibt es drei Alternativen: den Start von der Erde, aus dem All oder vom Mond. Die zuletzt genannte Variante hätte den Vorteil, dass die erforderliche Beschleunigung auf über 40.000 km/h kraftsparender und schneller erreicht werden könnte als bei anderen Lösungen. Voraussetzung wäre allerdings eine aufwendige Mondbasis. Für den Flug selbst müssten Bedingungen eingestellt werden, die nicht nur ein Überleben, sondern einen zumutbaren Aufenthalt der Mannschaft sicher stellen. Pläne dafür, wie ein künstliches Gravitationsfeld erzeugt werden könnte, gibt es bereits (Rotation zweier verbundener Raketenelemente). Und an Technologien zur Erzeugung einer abgeschlossenen erneuerbaren Biosphäre wird heftig geforscht /27/.

Auch ein spezielles psychologisches Training des handverlesenen Teams ist zwingend erforderlich –  als Prävention gegen »Lagerkoller«. Nur dem möglichen Strahlen-Gau weiß man noch nichts entgegenzusetzen. Weder eine Schutzverkleidung des Raumschiffes, noch das Zurückziehen der Mannschaft in einen besonders abgeschirmten Raum scheinen tauglich. Zwar ist es möglich, das Gesamt-Timing auf bekannte Sonnenzyklen abzustimmen. Volle Sicherheit gegen unkalkulierbare Überraschungen ist damit aber nicht gegeben. Die Besatzung könnte vor ihnen zwar gewarnt, aber nicht bewahrt werden. Schließlich drohen auch Gefahren von Meteoriten – ein Risiko, das mit steigender Flugzeit zunimmt.

Selbst die Tatsache, dass der Informationsaustausch mit der Erde bis zu 40 Minuten dauert (Frage bis Rückantwort), stellt eine psychologische Belastung dar. Sie dürfte auf den letzten 50-100 km vor der Landung – hier reißt der Funkkontakt völlig ab – ihren Höhepunkt erreichen.

Die Vorstellungen über den Marsaufenthalt selbst sind vage. Ein 18-monatiger Aufenthalt stellt höchste Anforderungen an Raumanzüge (Neuentwicklung), Unterbringung (Schutz vor kosmischer Strahlung) und Ernährung. Derzeit wird über die Mitführung/Errichtung eines Gewächshauses, Einbeziehung von Haustieren u. ä. debattiert.

Was sich Projektanten/Ingenieure und Crew nicht leisten können, sind technische Fehler, Unsicherheiten bei der Navigation und sonstiges menschliches Versagen. Einmal auf den Weg gebracht, kann das Marsraumschiff nicht einfach wenden. Und Ersatzteile für ausfallende Komponenten dürften nur begrenzt zur Verfügung stehen. Experten halten das Unglücksrisiko für vertretbar. Sie sprechen von einer Misserfolgswahrscheinlichkeit von 1:10 bis 1:5 /48/.

Einer der ungeduldigsten Verfechter von Marsflügen ist der Amerikaner Robert Zubrin. Er favorisiert den Direktflug von der Erde, der die Mission von Mondexpeditionen/-basen unabhängig macht und aufwendige Raumschiffvormontagen im All vermeidet – ist dann aber auf extrem starke Raketen und/oder ein Abmassieren der Nutzlast angewiesen. Seine Kalkulationen für ein aus 4 Männern und 4 Frauen bestehendes Expeditionsteam erscheinen im Vergleich zu anderen äußerst »knappkantig«. So geht er von nur 1 kg Sauerstoff, 1,5 kg Nahrung, 4 kg Trinkwasser und 25 kg Nutzwasser pro Tag und Person aus. Andere Einschätzungen führten bislang zu 20 Tonnen Verpflegung und 110 Tonnen Wasser. Zubrin kann nach seinem Konzept derartige Lasten nicht befördern. Folglich unterstellt er deshalb die Produktion von Wasser und Sauerstoff auf dem Mars (auf Basis von 6 t mitgeführtem flüssigem Wasserstoff). Die Mannschaft verbleibe vor Ort in einem 5 m hohen Modul, der über ein Lebenserhaltungssystem mit geschlossenem Sauerstoff- und Wasserkreislauf verfüge. Ein Erkundungsfahrzeug mit klimatisierter Druckkabine müsse nach gefrorenem oder geothermisch erhitztem unterirdischem Wasser suchen. Es solle auch prüfen, auf welche Weise Mars-Atmosphäre und -klima verändert werden könnten.

Zubrins Pläne waren lange umstritten, wurden aber in letzter Zeit mehrfach aus der Schublade gezogen. Ginge es nach ihm, würde 2016 ein erstes, 2017 ein zweites unbemanntes Raumschiff Richtung Mars starten. Letzteres sollte einen Atomreaktor ausfahren, der eine gleichfalls an Bord befindlichen »Chemiefabrik« – zur Herstellung von Treibstoff – energetisch versorgen würde. 2018 müsste dann die Mannschaft folgen /50/.

Die NASA will es etwas anders. Ihrer Version (»semi direct«) zufolge umfasst das Projekt insgesamt 6 Raumschiffe, von denen jeweils drei um drei Jahre versetzt »auf Tour« gehen. Die erste Runde wird dabei von 2 Versorgungs- und einer bemannten Rakete, die zweite von einer bemannten Rakete (2. Crew) und zwei Reserveraketen (für künftige Expeditionen/ Notfall) bestritten.

Ob Vorstellungen dieser Art je realisiert werden, steht in den Sternen. Die Entscheidung wird vor allem vom Entwicklungstempo für neue Techniken abhängig sein. Vor allem von neuen Raketenantrieben und der »mannlosen« Treibstofferzeugung auf dem Mars. Voraussetzung wäre auch, dass Zubrins Einschätzungen zur Nutzlast einer Überprüfung standhalten – und seine optimistischen Einschätzungen zur Gesamtstrahlenbelastung während der Expedition zutreffen. Hier geht Zubrin von nur 0,6 Sievert aus, während andere Forscher mit 2-4 Sievert rechnen.

Trotz aller Unsicherheit –  Zubrins Träume reichen noch weiter. Er möchte bis 2026 einen idealen Platz finden und 2030 die erste feste Station auf dem Mars einrichten. Künftige Forscher sollten dann beginnen, die Atmophäre des Mars »aufzupeppen«. Durch Erzeugung von Gasen könnte diese –  so die abstrus wirkende Idee –  über Jahrzehnte hinweg »urbar« gemacht werden. Gelänge es, nur 10 % des Sonnenlichts einzufangen, wäre in 100 Jahren auch eine merkliche Erwärmung des »Lebensraumes« möglich. Irgendwann sei so an den Anbau von Getreide und anderer transgener Pflanzen zu denken. Im 23. Jahrhundert schließlich stünde einer großflächigen Besiedlung unseres Nachbarplaneten nichts mehr im Wege /50/ – zumal dann auch der Mensch genetisch präpariert und bestens für die Einöde programmiert sei.

Zubrin wirkt wie ein Phantast. Sich vorzustellen, dass man dem Mars eine passable Atmosphäre verpassen, ja ihn sogar »aufwärmen« könnte, grenzt an Irrwitz. Denn die Frage, warum ein solches Szenario angesichts des in Mars-Urzeiten erfolgten Atmosphäre- und Wärmeverlustes gelingen sollte, bleibt unbeantwortet. Eiferer wie Zubrin gleichen Amokläufern, Typen, die schnell ans Ziel wollen und Risiken jeder Art billigend in Kauf nehmen – auf Kosten anderer. Mich macht das mehr als misstrauisch. Denn Muster wie diese gibt es bereits – in der Waffen- und Gentechnik, bei der Vermarktung von Chemikalien/Medikamenten. Ethik und Verantwortung werden auch dort schnell beiseite geschoben. Und kaum ein »Pionier« stellt sich selbst als Testperson. Es ist demnach Vorsicht geboten. Niemand kann ernsthaft davon ausgehen, dass bevorstehende Operationen im All ohne Opfer abgehen. Man wird sie – das impliziert jede Entwicklung – in bestimmtem Maße hinnehmen müssen. Sie indes durch rücksichtslose Verknappung von Ressourcen/Tests zu provozieren, käme einem Verbrechen gleich.

Ehe an den Transport von Menschen auf den Mars gedacht werden kann, müssen weit mehr Aufgaben als nur die der Kartografierung, geologischen/mineralogischen Erkundung und Treibstofferzeugung gelöst werden. Vor allem geht es darum, günstige Bedingungen für den Raumflug zu gestalten – was mit Blick auf die Querelen, die der All-Aufenthalt an Körper und Geist verursacht, nicht einfach ist. Zum einen führt die Schwerelosigkeit zu Verlusten an Muskeln, Knochen und roten Blutkörperchen. Andererseits sind Raumfahrer hohen Strahlenbelastungen ausgesetzt (Krebsrisiko/13/). Hinzu kommt, dass ein auf Erdschwere getrimmtes Herz mehr Blut in den Kopf pumpt als nötig – was zu »dünneren« Beinen und einer »aufgeblähten« Kopf-/Brust- bzw. Schulterpartie führt. Astronauten leiden zudem an Veränderungen des Augendrucks (Folge: Linsentrübung /13/) und an Rückenschmerzen. Noch ganz andere Probleme tun sich bei Geist und Psyche auf. Ein langer Raumflug zehrt/zerrt an den Nerven, weil nur wenig Raum zur Verfügung steht und absolute Askese angesagt ist. Selbst willensstarken und teamfähigen Akteuren dürfte das Sorgen bereiten /11, 47/. Ausflüge in fernere Gefilde bedingen zudem, dass Nahrungsmittel unabhängig von der Erde im Raumschiff erzeugt und aufbereitet werden können (Treibhaus an Bord). Darüber hinaus drohen Gefahren von mitgeschleppten irdischen und importierten marsianischen Keimen und Viren – sofern es letztere geben sollte /4/.

Der Problemkatalog »Raumfahrt« ist folglich prall gefüllt – Ideen für mögliche Abhilfen wachsen langsam. Nicht von ungefähr taucht die Frage auf, ob der Schritt ins entferntere All überhaupt möglich ist. Wenn Astronauten schon heute 6 Monate brauchen, um sich nach Rückkehr aus dem Weltraum zu regenerieren, dann dürfte ein »Reset« nach dem Marsaufenthalt ungleich schwieriger ausfallen. Verschärfend kommt hinzu, dass die während einer Marsmission aufgenommene Strahlung nicht nur ein Vielfaches der normal zulässigen beträgt, sondern auch immens lange wirkt. Sollten die Probanden dann zusätzlich sogenannten Flares/Coronare Mass Ejections (extrem starken Sonnenaktivitäten) begegnen, wäre das mehr als die Hölle (bis zu 10 Sievert pro Tag /13/). Auch eine zentimeterdicke Aluminiumbeplankung des Raumschiffs wäre ihnen nicht gewachsen.

Die »Marsflieger« müssten – klassischen Berechnungen  zufolge –  ein tägliches Strahlenvolumen von 0,7-1,5 Millisievert verkraften.  Die vergleichbare Dosis auf der Erde (Deutschland auf Meereshöhe) beträgt etwa 2,1 Millisievert pro Jahr /13/. Astronauten sollten folglich über 50 Jahre alt sein, weil eintretende Chromosomenschäden dann weniger ins Gewicht fielen.

Dass die aufgezeigten Probleme den Menschen nicht hindern, über Camps oder gar Hotels auf Mond und Mars nachzudenken, macht eines deutlich: Der Homo sapiens hält fast alles, was ihm heute Bauchschmerzen bereitet, für lösbar. Und er ist gewillt, Kontaminationen, körperliche Einbußen, farblose Wüsten /36/ und Wahnsinn in Kauf zu nehmen.

Vorerst jedoch sind die kleinen Ausflüge angesagt: mit  »rotierenden« Wissenschaftlern und 2-Wochen-Touristen. Hier will sich künftig auch Deutschland beteiligen /32/. Hobby-Astronauten sind im Vorteil: Sie können ein wenig im All fenstern und gleichzeitig das Erdenleben genießen. Ihre Fotos im Kosmos werden diesen Luxus deutlich und Furore machen – zum Verdruss des Nachbarn, der wieder nur Neuseeland geschafft hat.

Bleiben der Urknall, eine nicht definierte Anzahl schwarzer Löcher und energiespuckender Zwerge, Nebel und Galaxien, die Antimaterie, ein riesiges, anscheinend planeten- und sternefreies Loch bei Eridanus (1 Milliarden Lichtjahre Durchmesser) /15/, die noch immer ausbleibenden Signale ferner Zivilisationen und die Außerirdischen selbst. Auf all das Spektakel will ich Ihnen nur kurz einen Reim machen. Denn Vollprosa wäre wie ein Brett, das prächtig verheizt werden, schnell aber auch vor den Kopf schlagen könnte.

Mir fällt da immer ein Witz ein: Zwei Leute schauen aus entgegengesetzten Richtungen in ein gerades Rohr von zwei Meter Durchmesser – und sehen sich nicht. Warum nicht? fragt der Erzähler und erntet Verständnislosigkeit. Nun klar, erklärt er verschlagen, der eine schaut Montag rein, der andere Dienstag. Die Zuhörer lachen dann amüsiert, bleiben aber in ihrer Sphäre. Würden sie sich dem Weltraum zuwenden, stießen sie vermutlich auf eine Analogie. Signale aus der Ferne müssten ein winziges (irdisches) Zeitfenster treffen – wollten wir sie wahrnehmen. Sie könnten Jahrtausende oder Jahrmillionen unterwegs gewesen sein und uns Menschen trefflich verfehlen – weil wir in der galaktischen Zeitrechnung nur einen Wimpernschlag lang existieren.

Kurz und gut. Man schickt Sonden an den Ort des vermutlichen Beginns (»New Horizons«) /8/, fokussiert mittels »Hubble« schwarze Löcher, die alles anziehen und verschwinden lassen und hofft, dunkle Materie, dunkle Energie und Antimaterie ausfindig zu machen. Ganze Scharen von Wissenschaftlern lauschen mit Riesenteleskopen auf Signale, die irgendwann an unbekannte Adressaten ausgesandt wurden oder einfach nur galaktischen Ereignissen entstammen. Sie setzen auf grüne Männchen und sind sicher, dass ihre Hoffnungsfülle ein Gegenüber hat.

Wenn sie nicht kommen oder ewig auf sich warten lassen, dann machen wir sie selbst – die Außerirdischen. Warten Sie ab, irgendwer narrt uns irgendwann damit!

 

Zwar ist es denkbar, dass Außerirdische bei uns ankern wollen, dass sie großhirnig oder schleimmassig den Kontakt suchen /17, 18/. Eine Kommunikation aber, so die Experten, wäre nur mit Hilfe technischer »Apparate« möglich. Ihr Ergebnis sei ungewiss. Denn ständen die Besucher bereits am Boden, würden sie vermutlich absaugen – Dinge, die sie wollten oder dringend benötigten. Abkömmlinge aus fernen Galaxien nämlich könnten wie Menschen auf der Flucht sein – auf dem Level des 22. oder x-ten Jahrhunderts. Dabei wären sie abgeschlagen – gänzlich ohne Beziehung zu dem, was sie verloren haben oder verließen. Sie kämen – sähe man es freundlich – als potentielle Mieter. Fragt sich, ob wir uns – so gelandet/so überrumpelt – arrangieren würden oder überhaupt die Wahl hätten. Harald Lesch, Professor für Astrophysik in München, sieht das ähnlich. Der Entdeckte – so seine Vermutung – habe naturgemäß »schlechte Karten« /38/. Gut vorstellbar, dass ein Kampf um die Plätze begänne – mit ungewissem Ausgang.

So weit denkt heute niemand. Wir wollen im Grunde «ET« (den Extra-Terres-

trial) und beginnen zu lieben.

Was auch immer geschieht, wir sollten für den Ernstfall gewappnet sein. Und zumindest erkennen, was und wann etwas auf uns zukommt. Vorerst könnten es Asteroiden/Kometen sein. Ihr Auftauchen ist durchaus wahrscheinlich. Und ihr Zuschlagen könnte mehr bedeuten als das Aufsetzen von UFOs. Weltraumforschung an dieser Stelle macht zweifellos Sinn. Denn nicht alles, was auf unseren Planeten niedergeht, ist vom Schlage des Dinosaurier-Töters (Komet von vermutlich 10 km Durchmesser). Gegen kleineres »Geröll« hätten wir durchaus Chancen – zurzeit allerdings nicht. Das hat der letzte Brocken, den man erst sichtete, als er vorüber war, anschaulich demonstriert. 30.000 km waren ein winziger Abstand. Da halfen weder SETI (der emsige US-amerikanische Sucher nach außerirdischer Intelligenz), noch nacheilende Gebete. Die Expertenwaren erschrocken. Plötzlich investieren die USA in neue, aufwendige Technik zur Überwachung – in ein Observatorium auf dem Mount Haleakala ((Insel Maui/Hawaii). Mit 4 Riesenteleskopen ausgestattet, soll es ab 2010 große Ausschnitte des Alls (jeweils 90-fache Mondfläche) beobachten. Prof. Ralf-Peter Kudritzki, Leiter des Institute for Astronomy, Hawaii, will die Suche auch auf die kleinen Asteroiden/Meteoriten fokussieren – ihr Durchmesser: 140-1000 m. Gefährliche Gesteinsbrocken – so seine Annahme – kämen mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem zwischen Mars und Jupiter befindlichen Asteroidengürtel (»Oortsche Wolke«). Dieser berge Zehntausende von Objekten, von denen einige schon mal in Kollision gerieten. Die Trümmer aus diesen »Ereignissen« würden neue Bahnen annehmen und könnten durchaus in Richtung Erde stürzen. Kometen seien noch bedrohlicher, weil ihr Schweif erst dann sichtbar werde, wenn er in den Bereich der Sonne gelange /19, 20/.

Beobachten hin, Abwehren her. Die bedrohlichen Felsen auszumachen, dürfte vergleichsweise einfach sein – sie abzulenken, ungleich schwerer. Denn niemand weiß, ob nukleare Sprengsätze auf ihnen angebracht und wirksam zur Explosion gebracht werden können. Keinesfalls darf das «Objekt« gesprengt werden, weil es dann Trümmer gäbe, die unkontrollierbar einschlügen.

Die europäische Raumsonde »Rosetta« ist seit März 2004 auf dem Weg zum Kern des Kometen »Tschurjumow-Gerasimeko«, den sie 2014 umrunden und studieren soll. Im September 2008 flog sie am Kleinplaneten »Stein« vorbei, den sie ausgiebig fotografierte /52/.

Die Vorstellung, dass man den Stein- oder Eisbrocken entgegenfliegen, sich auf ihnen einnisten und dann ausreichend große Ladungen auf/in ihnen anbringen könnte, steckt noch in den Kinderschuhen. Zuerst aufgegriffen wurde sie offenbar von den Japanern. Die nämlich schickten  das Raumschiff «Hayabusa« in Richtung eines Asterioden /2/, landeten dort eine Sonde und sind derzeit bemüht,  Proben zu nehmen. Auch die NASA-Raumsonde »Dawn« ist auf Gesteinstripp – hier in Richtung Asteroidengürtel. Sie allerdings soll »nur« fotografieren – zwei unterschiedliche Kleinplaneten /29/. Beides klingt beachtlich und könnte die Vermutung nähren, dass sich wirksame Prävention durch Automaten erledigen ließe. Dem ist nicht so – zumindest aus heutiger Sicht. Experten meinen, der Mensch müsse schon »vor Ort« sein. Das aber setzte geeignete Raumfahrzeuge, Andockmechanismen und Werkzeuge voraus, die derzeit nicht zur Verfügung, wohl aber im Bypass zu neuen Mondraketen (Projekte »Ares 1« der NASA /7/ und »Vinci« der ESA /4/) auf dem Programm stehen. Ein Bonbon nebenbei: Auch Marsfahrer könnten sich (theoretisch) eines Asteroiden bedienen /22/ – vorausgesetzt, dass er Höhlen besitzt. Das mögliche Verkriechen vor kosmischen Strahlen allein nützte allerdings wenig, wenn das Ziel verfehlt würde (ab in die Unendlichkeit!).

Wie man Forschungsgelder künftig zu verteilen gedenkt, ist schwer auszumachen. Was Weltraumforscher davon abbekommen, dürfte von Interessenlagen geprägt sein. Rohstoffe vom Mond versprechen mit Sicherheit höhere Profite als bloße Kollisions-Prävention. Und Ideen wie künftiges Siedeln im All suggerieren scheinbare Zukunftsorientiertheit. Dabei ist das Abwandern ein Traum künftiger Jahrhunderte – ein Beschwichtigungsvehikel, das eben mal in die Gegenwart gezerrt wird. Könnte heißen: Wenn wir die Erde nicht retten wollen/können, bleibt immer noch die Flucht. Oder: Kommt ein wirklich dicker Brocken, dann weichen wir eben. Oder: Siedeln im All folgt zwanghaft einem Forschungsdrang.

Das alles ist Zukunftsmusik und teilweise anrüchig. Denn es schwächt die Kräfte, die auf Bewältigung irdischer Probleme setzen – aber auch die, die sich intensiv auf die Abwehr bedrohlicher Objekte konzentrieren.

Welches Handeln künftig präferiert wird, ist nicht absehbar. Allem Anschein nach werden Egoismus, das »separate Wursteln«, das Nebeneinander von wenig koordinierten Aktivitäten zunächst fortdauern. Man wird die Möglichkeiten der Allbeobachtung verbessern, an Mond- und Marsprojekten basteln und den Weltraumtourismus weiter vorantreiben. Irgendwann geht es dann konkret um Rohstoffe (vom Mond oder aus dem Asteroidengürtel /27/).

2005 gab es acht und 2006 neun kommerzielle Ausflüge in den Weltraum – alle mit russischer Technik /8/. Vier von ihnen organisierte das US-amerikanische Unternehmen Space Adventures. Virgin Galactic – ebenfalls USA – wollte ähnliche Leistungen ab 2008 anbieten (voraussichtlicher Preis: 200.000 US-$). Die EADS-Tochter Astrium Space Transportation rührt sich ebenfalls. Ab 2012 möchte auch sie Schwerelosigkeit vermitteln – in 100 km Höhe (voraussichtlicher Preis: 150.000-200.000 E). Die Firma Bigelow Aerospace (USA) geht einen Schritt weiter. Sie entwickelt ein Weltraumhotel. Es soll bis 2015 bezugsfertig sein. Ähnlich extrem ist ein Anliegen der Russen. Ihr Unternehmen RKK Energija plant gemeinsam mit Space adventures Exkursionen um den Mond (ab 2011 – für 100 Millionen US-$).

Bei aller Aufbruchstimmung: Art und Ausmaß künftiger Expeditionen könnten auch ganz anders ausfallen – dann nämlich, wenn erdnahe Krisen brennender oder unser Planet als Ganzes zum Problem würde (Kriege, Klimakatastrophen etc.). Doch selbst wenn dieser Fall nicht eintritt, bleiben offene Schecks. Größere Unternehmungen kann keine Nation allein schultern. Sie erfordern das Miteinander der Menschen/Länder/Unternehmen – ganz unabhängig davon, ob man diese für »moralisch reif« hält oder nicht. Und sie setzen Frieden voraus – eine Basis, die angesichts zahlloser Differenzen, Konflikte, Kriege und Katastrophen kaum gegeben scheint. Folglich wird es Korrekturen geben – an den Plänen und in zeitlichen Abläufen. Der Griff nach den Sternen ist auf Nachfassen programmiert.

Bangemachen gilt nicht, sagen Roman Retzbach und Ning Huang. Die Menschen werden auf fernen Planeten siedeln, und die Mutmaßung, der Mensch würde auch dort nur Verwüstungen anrichten, sei irrelevant /53/.

Viele der heutigen virtuellen Gebärden werden auf Dauer Science fiction bleiben – in guter Gesellschaft mit den anspruchsvollen und platten galaktischen Attitüden (Stanislaw Lem, Gebrüder Strugazki vs. Independence Day), mit den Warp-Antrieben der Enterprise /12, 34/ und den Beam-Exzessen. Ach Warp! Wer verpasst dir Tempo jenseits des Lichts, wenn das illusorische Gravitationsfelder voraussetzt – und zehn Milliarden mal mehr Energie als die gesamte sichtbare Masse des Universums aufbringt /28/.

Es sind die Phantasten, die uns löchern. Sie löschen (für Momente) unsere Desillusion und liefern die erfundene Zukunft. Wer, wenn nicht sie, können unsere Sorgen, Hoffnungen und Ängste besser spiegeln /30/. Da beamt man sich schon mal weg – ganz gleich, ob das möglich scheint oder nicht /28, 35/. Und schießt die, die das miesmachen, genüsslich auf den Mond.

Nach Roman Retzbach und Ning Huang seien bis 2010 alle bekannten Technologien »nur« Übergangsformen und Nachbesserungen bisheriger Fehler, Irrtümer und Vernachlässigungen. Große Schritte in die Zukunft werden heute vor allem durch drei Dinge behindert: durch zeitlich zu früh verortete Neuentwicklungen, fehlende Benutzerfreundlichkeit/zu hohe Multifunktionalität und zu hohe Kosten von EDV- und anderen Hightech-Tools (Anwendung bleibt auf betuchte Eliten beschränkt). Bis heute gebe es noch keine wirklich intelligenten Produkte, sondern nur Placebos. Erst in 10-15 Jahren komme es zur Entwicklung von intelligiblen, integrierten und interaktiven Erzeugnissen, die instant rund um uns herum existieren /41/.

Text und Quellen s. „Störfall Zukunft“, Heiner Labonde Verlag, Grevenbroich 2008

 

 

„Störfall Zukunft – Schlussfolgerungen für einen möglichen Anfang“

Rezension vom Dezember 2008:

„Ich kenne kein Buch, bei dem sich der Verfasser die Mühe gemacht hat, aus einer solchen Fülle von Einzelinformationen die einflussreichsten Entwicklungslinien unserer Zeit und die wichtigsten Gedankengebäude der ´Opinion leader´ herauszuarbeiten.“

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Ulrich Scharfenorth: Störfall Zukunft – Schlussfolgerungen für einen möglichen Anfang – Heiner Labonde Verlag, Grevenbroich 2008, Taschenbuch, 632 Seiten, ISBN 978-937507-15-6, Preis: 34,- € .

Wir leben in einer Informationsgesellschaft – so sagt man jedenfalls. Tag für Tag strömen auf jeden von uns Dutzende von Informationen ein, Informationen, die meist keinen inneren Zusammenhang aufweisen. Die widersprüchlichsten Aussagen werden in Umlauf gebracht, von den Medien häufig ungeprüft übernommen,. Wir hören, sehen, lesen all das und sind verwirrt. Es fehlt der Überblick. Wie soll man in solch einer Situation eine Vorstellung davon gewinnen, wie die Zukunft unseres Planeten und die künftigen „Rahmenbedingungen“ unseres eigenen Lebens aussehen werden? „Störfall Zukunft“ heißt ein neues Buch, ein Kompendium von bemerkenswerten Fakten, wichtigen Positionen und gegensätzlichen Meinungen in zwölf technisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch für uns alle sehr bedeutsamen Feldern. Die hauptsächlichen Themen sind: Weltraumfahrt, Biotechnologie und Gentechnik, Agrarwirtschaft , Nanotechnik, Bildungsreform, Energieversorgung, Globalisierung der Wirtschaft und Arbeitsmärkte, Klimawandel, weltwirtschaftliche Ungleichgewichte und Finanzkrise, Denk- und Verhaltensmuster der Menschen, politische Dauerprobleme und Zukunftsszenarien. All diese Themen werden nicht isoliert für sich, sondern in ihrer Verknüpfung und Verflechtung untereinander betrachtet. Der Autor hat sage und schreibe über 1.600 Zeitungsartikel, Fernsehbeiträge und Bücher der Jahre 2006 bis 2008 (alle im Anhang einzeln dokumentiert ! ) ausgewertet und daraus die bemerkenswertesten Informationen und Positionen herausgezogen und gegenübergestellt. Ich kenne kein Buch, bei dem sich der Verfasser die Mühe gemacht hat, aus einer solchen Fülle von Einzelinformationen die einflussreichsten Entwicklungslinien unserer Zeit und die wichtigsten Gedankengebäude der „Opinion leader“ herauszuarbeiten und gegenüberzustellen.

Wenn man das Buch liest, hat man das Gefühl, man befindet sich auf einem Aussichtsturm: Man kann den Blick rundum über unsere „technisch-sozio-ökonomisch-gesellschaftlich-politische“ Landschaft schweifen lassen. Man erkennt deutlich jeden Hügel und jedes Tal, die Kleinstadt mit Krankenhaus und Kreishaus, Hochspannungsleitungen, Mobilfunkmasten, die Windräder, den Gewerbepark, sogar die Kläranlage und die Mülldeponie, und man sieht den Verlauf der verbindenden Straßen – besser als wenn man sie mit dem Auto entlang fährt. Man wundert sich, wie viele Tatsachen der Autor zu Tage fördert, von denen man selbst als gut informierter Mensch noch nie etwas gehört hat. Und man stellt fest, die Landschaft, in der wir leben, ist extrem verwirrend.

Der Autor scheut sich nicht, die Probleme im Klartext auszusprechen. Er schreibt subjektiv, provokativ, oft polemisch. Er sagt seine Meinung unmissverständlich, er will den Leser provozieren und damit zum Nachdenken anregen, aber er stellt – journalistisch sauber – seine eigenen Ansichten den Meinungen anderer klar unterschieden gegenüber. Er will auch dem Leser keine Meinung aufdrängen, und er tut nicht das, was Interessengruppen so gern tun: ihre ausschließlich dem eigenen Nutzen dienende Meinung hinter ausgewählten richtigen oder gar falschen Fakten unsichtbar zu machen. Das Buch ist dick (600 Seiten), aber man kann es abschnittweise studieren. Das Layout kommt dem Leser entgegen: Wichtige Zitate sind durch Fettdruck aus dem laufenden Text hervorgehoben. Man kann daher sehr gut selektiv lesen, indem man zunächst nur die fett gedruckten Zitate betrachtet oder sich einzelnen Kapiteln zuwendet, die einen besonders interessieren. „Störfall Zukunft“ ist erstaunlich aktuell, es schließt mit den Konsequenzen aus der Wahl Obamas.

Sicher – bereits in einem halben Jahr wird sich manches verändert haben, und die Aktualität wird sinken. Das wird aber nur in Einzelbereichen der Fall sein, aber meiner Meinung nach spielt das keine Rolle, im Gegenteil: Ein Vergleich der überholten mit den dann aktuellen Fakten wird die längerfristigen Trends umso klarer erkennen lassen. Um das Bild vom Aussichtsturm noch einmal aufzugreifen: Das Buch ist wie ein Panoramafoto der Landschaft und als solches ist es eine Momentaufnahme. So wird man später leicht erkennen können, wo eine neue Straße gebaut wurde oder wo der Wald abgeholzt wurde. „Störfall Zukunft“ ist bemerkenswert dadurch, dass ein Dutzend wichtiger Gebiete weiträumig und intensiv behandelt wird, und einem die Informationen der letzten drei Jahre gebündelt „unter die Nase gehalten“ werden mit allen Widersprüchen, die darin enthalten sind.

Wenn man das Buch gelesen hat, dröhnt einem der Kopf – kein Wunder bei dieser Fülle an Themen und Fakten mit ihrer immanenten Widersprüchlichkeit. Wenn man es aus der Hand legt, hat man das Gefühl, einen riesigen Patchworkteppich betrachtet zu haben. Aber das sollte man nicht dem Autor anlasten, und daran darf man sich nicht stören: Unsere Informationsgesellschaft ist genau das: ein kurioser Patchworkteppich. Aber damit müssen wir jeden Tag leben, und so ist das Buch eine hervorragende Ausgangsbasis, um sich selbst mit dem einen oder anderen Bereich noch gezielter auseinander zu setzen und seine eigenen Ansichten zu überprüfen. Der Rezensent ist der Meinung, dass dieses Buch für jeden politisch interessierten Bürger von großem Nutzen sein kann.

Der Inhalt der einzelnen Kapitel: Die Weltraumfahrt ist aus den Berichten der Medien weitgehend verschwunden. Wer weiß schon, dass Amerikaner, Russen, Europäer, Chinesen und Japaner nach wie vor weitgehende Pläne für die wirtschaftliche Nutzung des Mondes, ja sogar des Mars verfolgen und dass das hochspekulative Wettrennen um den Vorrang im Weltraum weitergeht? Die Biotechnologie – und vor allem spektakuläre Erkenntnisse der Gentechnik – stehen oft im Focus der Aufmerksamkeit, auch wenn ihr praktischer Nutzen bislang eher gering ist. Im Gesundheitswesen jedoch sind die Volkskrankheiten Herz-Kreislauferkrankungen, Krebs, Diabetes und zunehmend auch Altersdemenz die dominierenden ungelösten Probleme. Der Verteilungskampf der Teilnehmer am Gesundheitsmarkt sowie die Desorganisation des staatlich geregelten Gesundheitswesens prägen den Alltag. Auch hierzu liefert das Buch eine Fülle von Fakten und Denkanstößen. Wer weiß, dass heute in Deutschland jährlich 400.000 Gentests von den Krankenkassen bezahlt werden, dass es inzwischen weltweit Patente auf 5000 bis 6000 Gene gibt, dass in Deutschland 1,4 Mio. Menschen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln abhängig sind und dass 80 % aller Arzneiwirkstoffe aus Indien und China stammen? Die Agrarwirtschaft ist aufgerufen, auf unserem Planeten acht, zehn oder noch mehr Milliarden Menschen ausreichend zu ernähren. Im vergangenen Jahr gab es in der Welt 33 durch steigende Nahrungsmittelpreise verursachte Aufstände und in Haiti wurde aus diesem Grund die Regierung gestürzt, während der Deutsche im Durchschnitt nur 11 % seiner Konsumausgaben für Lebensmittel verwendet. Nahrungsmittel als Spekulationsobjekt, der Ruin der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern durch subventionierte Billigimporte, fehlende Risikoabschätzung bei den neuen gentechnisch veränderten Organismen sind nur einige Stichworte zu den behandelten Problemkreisen. Die Nanotechnik spielt im Bewusstsein der Öffentlichkeit bisher so gut wie keine Rolle. Winzigste Quarzkügelchen können beispielsweise Lacken, Textilien oder der Oberfläche von Metallen ganz neue Eigenschaften verleihen, sie z.B. schmutzabweisend machen. Dieser Technik wird eine große Zukunft vorausgesagt – aber was bewirken z.B. aus Kosmetika freigesetzte Nanopartikel im menschlichen Körper? Die Bildungsreform ist – anders als die Nanotechnik – ein Lieblingsthema der Medien, und in der öffentlichen Wahrnehmung ergibt sich das Bild von Inkompetenz und Durcheinander bei den Schulbehörden. Interessant ist es, über die Grenzen zu schauen. So zitiert das Buch einige Untersuchungen und Erfahrungen der USA, der OECD und der EU. Beispielhaft ist das Schulsystem in Finnland, das sich in einfacher, aber schlüssiger Weise der Integration der Einwanderer sehr erfolgreich annimmt. Die Energieversorgung ist ein weiteres umstrittenes Feld der öffentlichen Aufmerksamkeit. Obwohl die Experten weltweit mit äußerst unterschiedlichen Prognose-Szenarien arbeiten, sind sich alle einig, dass der Energiebedarf in Zukunft nicht schrumpfen, sondern wachsen wird. Aber die Ausbalancierung der richtigen Maßnahmen ( z. B. im Transportwesen „Schiene/Straße“, in der Energieversorgung „Kohle/Gas/Öl/Kernkraft/Wind/Solarstrom“, bei der Energieerzeugung „zentral/dezentral“) scheint eine fast unlösbare Aufgabe zu sein – ebenso wie die Bewertung möglicher Energiesparmaßnahmen und der technischen Innovationen z.B. zur Verbesserung der Wirkungsgrade. Hier als Beispiel nur eine Zahl: Um 10% der fossil erzeugten Energie durch Atomstrom zu ersetzen, sollen 1.000 neue Atommeiler erforderlich sein; welche Schlussfolgerung aus diesem Fakt macht Sinn? Die Wachstumsideologie nimmt der Autor im folgenden Kapitel unter die Lupe und er sei hier wörtlich zitiert: „Überschreitet exponentielles Wachstum eine kritische Grenze, so bedroht sie damit ihr eigenes System als Ganzes. Die Gefährdung wirkt grotesk. Doch schließlich sind weder eine unendlich große Bevölkerung auf unserem Planeten, noch eine unendlich hohe Industrieproduktion, eine Lufthülle mit 80% CO2, ein Ölpreis von 10.000 US-Dollar pro Barrel oder hundertstellige Vermögen denkbar, ohne dass vorher etwas explodierte.“ Vor diesem Hintergrund werden die Globalisierung der Wirtschaft, die Nachhaltigkeit, das ökonomische Wettrennen, die WTO-Organisation und die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands betrachtet. Wenn Rohstoffe, Energie, Nahrungsmittelerzeugung und Wassernutzung zum Ziel ungebremster Finanzspekulation werden, wirkt das mit Sicherheit krisenbefördernd. Der Arbeitsmarkt ist ein weiteres Feld der Betrachtung. In ganz Europa blüht die Schwarzarbeit, am meisten in den Niederlanden. 2007 gab es in Deutschland insgesamt 39,7 Mio. Erwerbstätige, davon 7,5 Mio. Industriearbeitsplätze, außerdem 4,5 Mio. Selbständige. Es gab 3,8 Mio. Arbeitslose, rd. 7 Mio. Hartz IV-Empfänger und 1,5 Mio. offene Stellen. 6,5 Mio. Arbeitnehmer verdienten Anfang 2008 im Westen weniger als 9,61 €/h und in Ost weniger als 6,81 €/h und bezogen somit Niedriglöhne. Allein diese nackten Zahlen – einfach nebeneinandergestellt – (warum findet man in der Presse immer nur Einzelwerte??) spiegeln schon einen Großteil der Probleme, die der Autor eingehend beleuchtet. Der Klimawandel ist im öffentlichen Bewusstsein in den Hintergrund getreten, auch wenn er jetzt in der deutschen und europäischen Politik zahlreiche mehr oder weniger sinnvolle Maßnahmen ausgelöst hat und noch auslösen wird. „Nebel im Treibhaus“ hat der Autor dies Kapitel treffend bezeichnet, und er beleuchtet die unterschiedlichen Positionen. Der Finanz- und Wirtschaftscrash war und ist vorprogrammiert . Es gibt Studien, die belegen, dass die Ereignisse an den Börsen zu 80 % nicht makro-ökonomisch (durch die Situation der Wirtschaft usw.) erklärbar sind. McKinsey hat festgestellt, dass das Geschehen an den Finanzmärkten zunehmend von vier institutionellen Investoren getrieben wird: den Petrodollar-Investoren, den asiatischen Zentralbanken, den Hedge Fonds und den Private Equity-Gesellschaften. Zusammen verwalteten diese vier Ende 2006 etwa 8,4 Billionen US-Dollar, dreimal so viel wie im Jahr 2000. Die neuen Großanleger verfolgen aggressive Anlagestrategien und gehen höhere Risiken ein, um größere Erträge zu erreichen. Diese neue Strategie hat an den Finanzmärkten die Finanzinnovationen beflügelt. Hedge Fonds wiesen das größte Wachstum auf und machten 2007 bereits 30 bis 50 % des Handelsvolumens an den angelsächsischen Börsen aus. Und noch ein paar Informationen am Rande: Wussten Sie, dass von den fünf weltgrößten Banken sich drei in China befinden, dass China seinen Bürgern Spekulationen mit ausländischen Währungen Mitte 2008 verboten hat und dass der Finanzsektor mehr als alle anderen europäischen Wirtschaftsbereiche von der Globalisierung profitiert hat? Wie wird der Mensch auf das alles reagieren? Im Verzögern, Vergessen, Nichtlernen und Hinnehmen sieht der Autor die größten Gefahren für die Zukunft, und unter diesem Aspekt macht er noch einmal eine Rundum-Panorama-Aufnahme unserer Gesellschaft, die besonders spannend ist, aber sicher auch zu den Abschnitten gehört, die besonders kontrovers diskutiert werden dürften. Die Politik ist das Thema des umfangreichsten Kapitels des Buches. Die Außenpolitik der großen Mächte im Kampf um Ressourcen und wirtschaftliche Vormachtstellung, der instabile Nahe Osten, die Dauerfehde zwischen Israel und den Palästinensern, der Terrorismus, die Lage in Afghanistan und Pakistan, der Kampf um Öl und Gas, die machtpolitischen Positionen Russlands, Chinas und Indiens, die verworrenen Verhältnisse in Afrika und die Wahrscheinlichkeit von zukünftigen Kriegen sind die Schwerpunkte dieses Kapitels. „Über den Absturz ans Licht“, so hat der Autor sein letztes Kapitel benannt: Die Erde beherbergt 192 Staaten, 6.000 unterschiedliche Völker (Ethnien) und neun größere Gruppen in den „Weltkulturen“. 50-60% der Staaten sind Demokratien – nur ein Teil entspricht dem westlichen Muster. Kann es unter diesen Umständen eine Weltregierung geben? Oder eine Weltordnung durch Nichtregierungsorganisationen? Wohin wird der Weg des weltweiten Freihandels, der globalen Spekulation, der global operierenden Unternehmen uns führen? Sind die bisher überwiegend national gewachsenen politischen Strukturen für die globale Zukunft noch geeignet? Woran sollte sich die Gestaltung neuer Strukturen orientieren? In diesem Abschnitt werden die Zukunftsentwürfe von rund einem Dutzend verschiedener Autoren präsentiert, ohne dass sich schlüssige Antworten daraus ergeben, allerdings – wie im ganzen Buch – viel, viel Stoff zum Nachdenken.

Die persönliche Sicht des Autors klingt nicht sehr optimistisch: „Wir müssen durch ein Tal, bevor es aufwärts gehen könnte …Ich glaube nicht an eine vernunftgesteuerte, sondern an eine katastrophenbedingte Wende“. Dem halte ich entgegen: Es kann so kommen, aber es muss nicht so kommen. Und um zu verhindern, dass es so kommen wird, hat der Autor ja sein Buch geschrieben. Sinngemäß schlussfolgert er: Nur die radikale Abkehr vom heutigen Wachstumswahnsinn und Raubbau sowie nachhaltiges Wirtschaften und die Realisierung des EINE-WELT-Gedankens gestatten das langfristige Überleben der Menschheit. Allein die Konzepte, die allen Menschen ein auskömmliches Leben in Würde ermöglichen, sind zukunftsfähig. Die kommenden vierzig Jahre werden vom Ringen um diese neuen Positionen und folglich durch das Zusammenwirken von Crashs und Umdenken bestimmt sein. Am Ende des Kapitels nennt der Autor in einem kurzen Epilog von anderthalb Druckseiten seine persönlichen Konsequenzen: In einem Satz zusammengefasst, könnten sie etwa so lauten: „Sei achtsam und folge Deinem Gewissen – Dir, Deinen Mitmenschen, Deinen Kindern und Deinen Enkeln zuliebe.“

Dipl.-Ing. Peter Greis, Journalist & Autor, Düsseldorf