Auch Deutschland spielt verrückt

Wie wäre das? Es ist Corona, und niemand geht hin? Oder anders herum: Die Infektionen sind fast weg, und jeder knutscht jeden. Ich habe den Eindruck, dass ein Großteil der Bevölkerung – und nicht, wie immer behauptet wurde: eine Minderheit – die Pandemie eher verlacht, denn ernst nimmt. Es ist der Politik nicht gelungen, diesem Großteil klar zu machen, dass Lockerungen nicht bedeuten, dass alles vorbei ist. Oder besser gesagt: die Politik hat nicht mit der Blödheit/Verstocktheit der Massen gerechnet oder aber selbige ignorieren wollen. Und zudem Öffnungen in einer Komplexität und in einem Ausmaß verkündet, die nicht zu rechtfertigen sind. Beides – die Fehleinschätzung des bundesdurchschnittlichen IQ wie auch das Chaos der Freigaben – haben Verhaltensweisen generiert, die echt wehtun. Da ballen sich die Massen in den Innenstädten, ohne dass auf Mundschutz und Abstand geachtet wird, da ziehen undefinierte Horden Fenster einschlagend und plündernd durch Stuttgart, und es dauert ewig, bis der Staat reagiert. Davon, dass er nicht erklärt, dass er Ross und Reiter nicht zu benennen weiß oder aber genau das fürchtet, ganz zu schweigen. Demos gegen Rassismus werden anstandslos genehmigt, während andere Massenveranstaltungen verboten bleiben. Dabei musste von Anfang an klar gewesen sein, dass emotionales Aufbrennen – so verständlich das angesichts der skandalösen Vorgänge in den USA auch war – alle CoronaRegeln ad absurdum führen würde. Hier wich man einmal mehr der Gewalt des Urkräftigen. Weil die offenbar gefahrloser schien als die Revolution selbst. Gewiss, einige Demonstranten verhielten sich ordnungsgemäß, was auch heißt, dass das möglich war. Aber die meisten hatten weder Auge noch Ohr für die Warnungen von Politik und Ärzteschaft. Auch in Liverpool haben sie ab- und anstandslos verrückt gespielt https://www.youtube.com/watch?v=0pbOJRNuuQQ. Niemand vermutet dort, dass Klopp an Covid 19 krepieren könnte.

Vieles läuft so, wie es niemand vermutet. Gesundheitsämter vermeiden oder verweigern Tests, versuchen nicht einmal aufzuklären, wer hier wen wann angesteckt haben könnte, weil unklar ist, wer für die Kosten aufkommt (so erlebt in einem Kaltwalzwerk im westfälischen Hagen). Ansteckungsfälle werden ohnehin unter der Decke gehalten, weil ihr Bekanntwerden das Schließen betroffener Unternehmen oder Läden bedeuten würde. Hinzu kommt, dass niemand in der Kommune steigende Fallzahlen sehen oder hören möchte. Überhaupt sind Fallzahlen etwas Beliebiges, etwas, das Menschen beruhigen soll. Aber natürlich nicht kann, denn was sagt eine Fallzahl, wenn niemand weiß, wie oft und wieviel in der Heimatstadt/im Heimatort getestet wird. Hier in Ratingen gibt es keinerlei Mitteilungen darüber. Die im März eilig aufgebauten Testzelte sind längst in der Versenkung verschwunden. Ein Unding, wie ich meine.

Bei Tönnes geht es inzwischen weniger um die Profitsucht des Unternehmers als um Kälte und Lüftung. Statt, dass der Mann inhaftiert wird, wird alles dafür getan, die schändliche Produktion abzufedern, damit ja kein Fleischdefizit aufkommt. Immerhin lässt sich schnell feststellen, dass „Fleischverhältnisse“ auch völlig anders gemanaget werden können – wie z. B. im ebenfalls exportorientierten Dänemark, wo hauptsächlich Einheimische die Fallbeile schwingen und dabei gut bezahlt werden https://rp-online.de/panorama/coronavirus/nach-dem-ausbruch-bei-toennies-so-arbeitet-daenemarks-fleischindustrie_aid-51817519. Hier zu Lande hat die Politik die Versklavung von Bulgaren und Rumänen stillschweigend gebilligt und damit sichergestellt, dass Tönnes billiger produzieren konnte als die dänische Konkurrenz. Die Aufträge gingen dann an ihn statt an die Dänen. Auch so – mit krimineller Energie, sprich: prekären Löhnen, skandalösen Unterbringungsverhältnissen, fiesen Akkorden, Beleidigungen und Beschimpfungen, ausfallenden Lohnzahlungen etc. – geht Exportweltmeister. Höchste Zeit, dem Fleischfressen in Deutschland Schranken zu setzen. Ginge es nach mir, ich würde Untergrenzen für Fleischpreise definieren – auf etwa dem doppelten bis dreifachen Niveau von heute. Und den Aufschreien aus einkommensschwachen Milieus mit gesundheitspolitischen, ökologischen und NachhaltigkeitsArgumenten begegnen. Nach dem Motto: zwei-bis dreimal die Woche Fleisch – das reicht. Die pflanzliche Ersatznahrung müsste dann allerding preiswerter werden. An der Stelle Steuern zu senken oder Preise zu stützen – warum nicht?

Massentierhaltung, die Schweinereien mit der Gülle und die ungesunde Ernährung könnten dann der Vergangenheit angehören. Warum muss ein Land wie Deutschland, dass intelligente Höchstleistungen vollbringt, Fleisch exportieren, also einer vergleichsweisen primitiven, das Tierwohl verachtende Strategie folgen – und so wertvolle Ressourcen verschleudern?

Ich bin sicher, dass sich nach Corona nur wenig ändern wird. Sicher: Man wird die Versorgung mit seuchenrelevanten Produkten und Technologien europaweit sicherstellen. Man wird die Fleischwüsten aufpeppen. Freilich auf einem Stand, der heutigen Erkenntnissen folgt. Wobei die Frage, ob Frau Klöckner auch nur ansatzweise durchbringt, was sie heute vollmundig erklärt, offen bleibt. Wobei unklar ist, wie „seuchenspezifische“ Produktion in Zeiten ausbleibender Pandemie Bestand haben soll.

Was heute ebenfalls auf keiner Agenda ist: Wie gelingt es, brauchbare Impfstoffe in einem Zehntel der Zeit herzustellen? Forschung auf diesem Gebiet hieße also nicht nur, die Substanz als solche zu kreieren, sondern deren Verfügbarkeit signifikant vorzuverlegen. Um damit auch das irrwitzige Anrennen von Krankheiten mit einem bereits veralteten Wirkstoff ein für alle Mal auszubremsen. Schließlich könnte auch Covid 19 diesem Absurdum anheimfallen.

Stattdessen arbeiten im Kapitalismus zig Firmen an einer Impfstofflösung- in ruinösem, weil uneffektiven Wettbewerb und einzig darauf fixiert, erfolgreich zu sein, sprich: hohe und höchste Gewinne einzufahren. Eine konzentrierte europäische Forschung an ein oder zwei Standorten, zumal eine vom Staat finanzierte, könnte sehr viel schneller zum Erfolg führen und das beschämende Feilschen um künftige Impfstoffpreise zumindest deckeln.

Neues Thema: Polizei/Ordnungskräfte/Sanitäter. Im reichen, von Individualität, Egoismus und Eigensinn geprägten und verwöhnten Deutschland, führt auch die kleinste Beschneidung von Freiheit zu martialischen Wutausbrüchen.  Freilich von Leuten, die Bescheidenheit und Verzicht nie kennengelernt haben und deshalb Wohlstand und Feierei bis zum Exzess – unaufhörlich, so auch jetzt bei Corona – auskosten müssen. Was da in Ischgl, in der Düsseldorfer Altstadt, in Stuttgart und sonst wo lief – ich hasse es. Weil es einmal mehr die Dekadenz des Abendlandes manifestiert, was angesichts der Not in der Restwelt Schande über uns bringt. Ich spreche nicht von den Menschen, die mit ihren Kindern aus beengten Quartieren ausbrechen wollen. Für die hätte man sich zweifellos sehr viel mehr einfallen lassen müssen. Doch lobbylose Existenzen hatten noch nie großes Glück.

Ich habe dem US-amerikanischen Volk in den letzten Monaten immer weniger vertraut, weil es nicht imstande war, die regierenden Verbrecher abzuschütteln. Dieser Eindruck hat sich angesichts der AntirassismusProteste, angesichts der stärker werden Kräfte um Alexandria Ocasio-Cortez als nicht haltbar erwiesen. Dennoch könnte Trump, der seit Wochen dabei ist, die lästigen Verlierer der Gesellschaft auszutilgen, jederzeit wieder gewählt werden https://www.spiegel.de/consent-a-?targetUrl=https%3A%2F%2Fwww.spiegel.de%2Fpolitik%2Fausland%2Fusa-regierung-von-donald-trump-will-obamacare-mithilfe-des-supreme-courts-abschaffen-a-e8f759ec-e425-41d0-a41c-e13283ce6682&ref=https%3A%2F%2Fwww.google.de%2F.

Ebenso schlimm ist, dass ich auch der Mehrheit unserer Bürger misstraue. Wenn ich sehe, wie dieser schwer zu definierende Block die CoronaRegeln in Frage stellt, den Einflüsterungen des rechten Mobs, der Impfgegner und der Verschwörungstheoretiker aufsitzt, wenn ich sehe, wie sogenannte „freiheitsliebende“ Widerstandsgruppen wie Pilze aus der Erde schießen und ein Mix aus „SystemHass“, Frust, berechtigter Gesellschaftskritik und absurder Wegweisung (man denke nur an die gefährlich verblödende Zeitung „Demokratischer Widerstand“) die Hirne der wenig gebildeten, politikfernen Bürger vergiften,  wird mir übel. Weil aus der kruden Mischung schnell Beschimpfung und Gewalt resultieren. Wenn heute umhertanzende und johlende Typen Polizei, Hilfskräfte und Sanitäter an Unfallorten behindern, wenn Voyeure vor allem Blut filmen und posten möchten, wenn muslimische Clans in NRW und Berlin No-go-Areas permanent ausweiten, wenn zur Ordnung gerufene Passanten Polizisten anspucken, anpöbeln und verletzen, dann stimmt etwas nicht mit Deutschland. Dann müsste einfach mal gezielt und unbrutal dazwischen geschlagen werden. Auch wenn man fürchten müsste, dass das von Grünen oder Linken als staatliche oder polizeiliche Willkür ausgelegt würde. Sicher könnte auch der sonst so überlegt auftretenden Georg Restle zu den Protestlern gehören. Hat er es doch drauf gehabt, die deutsche Polizei mit der US-amerikanischen zu vergleichen https://www1.wdr.de/daserste/monitor/videos/video-black-lives-matter-rassistische-polizeigewalt-in-deutschland-100.html. Seine Bilder, die er  eher plakativ denn tiefgründig aufrief, die aber blitzschnell dokumentieren sollten, dass auch hierzulande Polizisten rassistisch zu Gange sind, haben mich eher verstört als solidarisch gestimmt. Denn zum einen ist der Vergleich mit den USA mehr als hergeholt. Jeder weiß schließlich, dass es diese Brutalität auf unseren Straßen so gut wie nie gibt (selbst die LINKE sieht das so und wird deshalb beschimpft https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/wir-brauchen-neue-wege-des-denkens). Im Gegenteil: deutsche Polizisten wagen es in der Regel nicht, hart zuzupacken, weil ihnen das – zumal, wenn sie mit Kameras und Kennzeichen ausgestattet sind – schnell auf den Fuß fallen würde. So bleibt die strikte, oft dringend notwendige Abschreckung ebenso auf der Strecke wie das Gefühl, verarscht zu werden, wenn Straftreter ebenso schnell durch die Hintertür wieder entlassen werden wie sie vorn hereinmarschiert sind.  Zum anderen finde ich es ehrverletzend, wenn pauschal auf den Uniformierten herumgehackt wird. Immerhin dürfte das Gros derer ordentlich seinen Dienst verrichten (lügt das ZDF, oder sind 86% der Deutschen tatsächlich mit der Arbeit der Polizei zufrieden?). Gerade jetzt, da die deutsche Ordnungskräfte in einem nervenaufreibenden Abwehrkampf gegen die o.a. Misshelligkeiten stehen, sind Restles Warnungen mehr als kontraproduktiv und zudem alles andere als verallgemeinerbar.

Bleiben noch die Mutmaßungen, was den künftigen CDU-Vorsitz, die EU-Präsidentschaft von Merkel und die Aussichten für rot-rot-grün angeht. Viel Stoff, auf den es bei mir  dennoch sehr kurze Antworten gibt:

  • Söder wird CDU/CSU-Parteichef, Laschet hat die Position längst verspielt https://www.presseportal.de/pm/30621/4633693. Merz ist trotz Schmusekurs mit den Grünen fast unsichtbar. Span hat bereits abgedankt, wirkt wenig charismatisch und in Sachen Gesundheit oft hilflos: Es ist frustrierend, nicht zu wissen, ob Kinder nun schneller infizierbar, schneller infizierend oder gar unkritische Akteure im Seuchengeschehen sind. Trotz Drosten sollen Kitas und Schulen sehr schnell den Präsensbetrieb aufnehmen https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly93d3cubmRyLmRlL25hY2hyaWNodGVuL2luZm8vcG9kY2FzdDQ2ODQueG1s/episode/QVUtMjAyMDA2MDQtMTUzNi0xNDAwLUE?hl=de&ved=2ahUKEwjnoMrSq6HqAhWNlIsKHfVUDl4QieUEegQICRAM&ep=6. Gegen den erklärten Widerstand von ängstlichen Eltern und Lehrern.
  • Die Linken fordern Merkel auf, ihre Macht zu Gunsten der Armen/der Unterprevillegierten/der Flüchtlinge einzusetzen und den Klimawandel zu stoppen https://www.freitag.de/autoren/lutz-herden/zur-demut-verdammt. Richtig so, aber: Die Kanzlerin wird auch zum Ende ihrer Regentschaft nur das tun, was ihr mit Blick auf zukünftiges Wirken/ihr Bild in deutschen Geschichtsbüchern opportun erscheint. Der große Aufstand gegen die allesverschlingenden und jetzt zu päppelnden Konzerne wird ebenso ausbleiben wie die Flüchtlingspolitik a la grün-rot oder sea watch. Statt dessen wird sich Merkel bemühen, das europäische CoronaHilfsPaket zu gestalten, von dem wir hoffen müssen, dass es in seiner Größe und Struktur – auch gegen den Widerstand von Österreich, Schweden, Dänemark und den Niederlanden – weitgehend erhalten bleibt und als solidarisches Geschenkpaket bei den Südländern aufschlägt. Wer von Merkel mehr erwartet, muss schon mit Blindheit geschlagen sein.
  • Rot-rot-grün hat zur kommenden Bundestagswahl keinerlei Chancen. Und so mutet es mehr als lächerlich an, wenn die Grünen jetzt Führungsansprüche anmelden https://rp-online.de/politik/deutschland/neues-programm-gruene-wollen-fuehren_aid-51882013 oder ZDF-Sprecher Klaus Kleber Olaf Scholz auf seine Kanzlerkandidatur anspricht – nicht einmal, nein zweimal. Freitag-Journalist Wolfgang Michal hat diesmal voll Recht. Vor grün-rot-rot kommt schwarz grün https://www.freitag.de/autoren/wolfgang-michal/ans-ziel-auf-umwegen und dazwischen vermutlich eine große Leere, über die zu sprechen nicht lohnt. Aber wir ahnen schon …

 

Übrigens kann ich es auch nicht leiden, wenn Hochzeitsgesellschaften, angeführt von PSwütigen SUVs und Cabrios – u. a. hier in Ratingen – bei Rot über die Kreuzungen jagen oder in Düsseldorf Hauptverkehrsstraßen lahmlegen https://rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/hochzeitskorso-in-duesseldorf-fahrer-muessen-geldstrafen-zahlen_aid-51855195. Ist so etwas nun rassistisch? Sorry, ich habe – wie schon brav die Polizei – auf detailliertere Angaben verzichtet. Aber Sie wissen schon …