Die Sklaverei annehmen oder selbstbestimmt handeln Drucken
Vielen Jugendlichen werden heute gute Erziehung, Zuwendung und Geborgenheit verweigert. Oft suchen sie vergeblich nach Vorbildern, Anerkennung, Gemeinschaftssinn und klaren Regeln /61/. 2007 wurden in Deutschland 157 Selbstmorde von Jugendlichen registriert. Einige wurden im Internet verabredet /71/. 2008 nahm sich ein im Internet Geschmähter das Leben. Dafür war »Agency Spy« – ein Blog (ein auf der Internetseite öffentlich einsehbares Tagebuch/Journal) verantwortlich /72/. Parallel dazu haben kriminelle Delikte Jugendlicher zugenommen – insbesondere die schwere Körperverletzung. Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens machte vor allem junge Türken, Albaner und Russen als gewaltbereit aus /103/. Andere Quellen sehen nur noch in drei Bundesländern Hinweise auf den Migrationshintergrund bei Straftaten. Bundesweit fehlten 4.000 Richter, was das Tempo der Verbrechensahndung erheblich bremse /104/. Gestern noch habe man von der Netzgeneration gesprochen, also den neuen Medienakteuren, die mit der Allgegenwärtigkeit von Computer, Internet und Handy aufgewachsen seien. Und von der »Generation Praktikum«, deren Job-Nomaden sich flexibel und unterbezahlt von einem Praktikum zum anderen durchschlugen. Doch diese Begriffe kennzeichneten nur unzureichend, was die Menschen und ihr Tun tatsächlich ausmachten. Weniger die Verbundenheit, denn die Beliebig- und Ratlosigkeit kennzeichneten das Leben. Früher wurde heftiger protestiert – gegen den Vietnamkrieg, gegen Atomkraftwerke, gegen Franz Josef Strauß, gegen Springer, gegen Umweltvergehen, gegen Angriffe auf den Rechtsstaat. Lichterketten und massive Demos/Streiks waren an der Tagesordnung. Heute ist all das zu Einzelaktionen der Globalisierungsgegner/-opfer (»Die Linke«, Attac etc.), Feldverwüster (genmanipuliertes Saatgut) und Ostermarschverwalter verkommen – die oft harmlos scheinen und in karikaturhaften Umzügen steckenbleiben. Erst dreimal in der letzten Dekade ging es kraftvoll zur Sache – in Heiligendamm gegen die Anmaßungen/Tatenlosigkeit der G-8-Staaten (2007), in Berlin und Stuttgart gegen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan (jeweils 2008). Wo steckt unsere Jugend? Wird auch ihr politisches Potential von Ratlosigkeit bestimmt/blockiert? Ist es die Erkenntnis, dass Gewalt à la Bader-Meinhof das politische System nicht zu ändern, sondern ausschließlich zu radikalisieren vermag? Ist es der Zusammenbruch des Kommunismus, der Alternativen im Denken brachlegt? Oder gar die Absage Schröders an den Irakkrieg? Ist es ein neuer, subtiler Politikansatz, der den Widerstand lähmt? Sind es die Medien und Spektakel der Postmoderne, die aktives Denken und Handeln ausdünnen? Oder geht es den Nachkommen – trotz Lohndumping und Hartz IV – einfach nur zu gut, um dem Zeitgeist Paroli zu bieten? Hier anzuknüpfen, bereitet Furcht. P.M. spiegelt das wider: Müsse die Massengesellschaft – so fragt das Blatt – den Verlust einer Aura von Erlebnissen und Erfahrungen beklagen? Seien alle Lebenserfahrungsbereiche ausgeschöpft und entzaubert? Und verstelle gar die zunehmende Virtualität den Weg für die eigene authentische Erfahrung? Die halbe Antwort überlässt man dem Soziologen M. Rainer Lepsius. Der setzt es wie einen Hammerschlag: »Die Trivialität des Lebens, das wir unter den Bedingungen des Wohlfahrtsstaates führen, ist unglaublich. Da gibt es nichts, was einen existentiell fordert, keinen einzigen heroischen Moment.« Und P.M. ergänzt: Abenteuer und Erfahrungen gebe es größtenteils nur noch passiv. Sie seien künstlich oder aus zweiter Hand. Medial vermittelte Welten seien immer schon vorgefertigt, Freiräume schwänden. Offenbar nicht zu Unrecht werde der Begriff »Generation der Erlebnislosen« geprägt. Der Jugend von heute mangele es nicht nur an Visionen und Überzeugungen, sie habe auch keine Utopien. Das mag, so mutmaßt P.M., auch daran liegen, dass in der Kommunikationsgesellschaft viel zu viel Sprachlosigkeit herrsche. Dem »Kinderfreundlichkeitsbericht der UNICEF« entnehme man, dass mehr als 50 % der 15-Jährigen ausbleibende Gespräche mit den Eltern beklagten. Die vermittelten Botschaften glichen Cartoons. Geschichte aber – so die Verfasser – entstehe nur, wenn eine Generation etwas zu erzählen habe.