Hans Küng: Anständig wirtschaften – warum Ökonomie Moral braucht; Piper München 2010; ISBN: 3-492-05424-9
http://www.amazon.de/Anst%C3%A4ndig-wirtschaften-Warum-%C3%96konomie-braucht/dp/3492054242
Soeben wird uns das groteske Gegenüber von privatisierten Gewinnen und vergesellschafteten Verlusten so richtig klar. Gerade fordern wir eine radikale Aufarbeitung der Finanzkrise und straighte Schlussfolgerungen. Da beobachten wir, dass so gut wie gar nichts geschieht – weder in der Politik, noch in der Wirtschaft und schon gar nicht bei Banken, Versicherungen und Rating-Agenturen. Auch Hans Küng, der seit langem, mal als Papstkritiker, mal als moralische Instanz durchs Land wandert, tut sich schwer. Zwar findet er deutliche Worte, zwar geißelt er Unmoral und Handlungsweisen anonymer Finanz- und Wirtschaftsbosse, fragt nach Verantwortung, Schuld und Strafe. Doch damit hat es sich auch. Küng geht nicht tiefer. Er versucht erst gar nicht, den systemischen Übeln auf den Grund zu gehen, geschweige denn, sie mit dem sie umgebenden Konstrukt über Bord zu werfen. Gewiss findet Küng den Turbokapitalismus schrecklich. Aber der – so seine schlichte Schlussfolgerung – ist eben ein Produkt der Globalisierung, und die lasse sich – ob man das nun wolle oder verabscheue – nicht zurückdrehen. Den verrohten Sitten will Küng mit mehr Ethik beikommen, wobei er die allen Menschen, vor allem aber den Mächtigen und ihren Kronprinzen androht. Kindergarten, Schule und Universität müssten ihren Wertekanon umschreiben, sprich: überall dort, wo gelehrt und gelernt werde, müsste dem Thema Ethik, und im Besonderen dem Weltethos, der Stellenwert eingeräumt werden, der ihnen zukommt. Zwar seien die Ökonomie, zwar seinen Wissenschaft und Technik entscheidende Größen für die weitere Entwicklung von Mensch und Gesellschaft – doch ohne ausreichendes Verantwortungsbewusstsein, ohne Regelwerke zu menschlichen Rechten und Pflichten, ohne ein fundamentales Bekenntnis zur Fairness könne die Zukunft weder gewonnen noch gestaltet werden. Diese prinzipiell richtigen Feststellungen kollidieren dann schroff mit der Wirklichkeit. Wie auch könnte man davon ausgehen, dass ein Mann, dem es sichtlich schmeichelt, bei den Promis dieser Welt Gehör zu finden, der es nett findet, mit George Soros, Ex-Bundespräsident Horst Köhler, seinem Freund, dem Ex-Bundesbankpräsidenten, Karl Klasen, und Wallstreet-Brokern auf dem Sofa gesessen zu haben, grundsätzlich Neues zu bieten hat. Wer IWF, Weltbank und WTO als reformbedürftige, aber im Grunde sehr nützliche Ordnungsinstanzen empfindet, steht auf der falschen Seite. Möglich, dass Küng nicht spürt, wie er von denen, die er "ethikieren" möchte, vereinnahmt wird – als kooperatives Feigenblatt, als Alibi-Veranstaltung. Möglich, dass er meint, mit dem Teufel tanzen zu müssen, bevor er läutert. Daran, dass sich eingeschliffene Charaktere grundsätzlich ändern können – wie er das an einer Stelle seines Buches in Aussicht stellt – kann indes nur glauben, wer Zeit hat und nicht in Not ist und ... den Raubtieren einen Willen zur Selbstreinigung/-verpflichtung zubilligt. Ich glaube nicht daran. Ähnlich wie andere Autoren, die einen Zielzustand aufzeichnen, offeriert uns Küng am Ende des Buches ein Manifest. Es beschreibt so ziemlich alles, was beim Wirtschaften in dieser Welt wie und in welcher Wichtung und Rücksichtnahme Sinn macht. Alles soll auf gleicher Augenhöhe ohne Verletzung des Wirtschafts- oder Handelspartners quasi zum gegenseitigen Nutzen ablaufen. Mit dem Ziel mehr Gerechtigkeit auf dem Planeten herzustellen, die Menschenrechte zu wahren, den Hunger zu verbannen, jedem Menschen ein würdiges Auskommen zu bescheren etc. etc. etc.. Ein solcher Appell ist wertvoll. Doch was er bei sich täglich verschärfendem Wettbewerb, bei gefährlicher werdenden Machtverschiebungen zwischen West und Ost auszurichten vermag, steht in den Sternen. Ich – für meinen Teil – spüre, dass die Spannungen eher zunehmen und die Protagonisten – gleich welcher Färbung – bemüht sind, oben zu bleiben. Ein Land wie China wird den Teufel tun, sprich: sich auf ethisches Verhalten festlegen lassen, wenn dadurch sein 8-10%iges Wachstum (Grundvoraussetzung für die innere Stabilität) gefährdet ist. Zumal die westliche Welt ihren Vorsprung vor allem durch weltweite Unmoral erlangt hat (Raub von Rohstoffen und natürlichen Ressourcen, Umweltvernichtung, Ausbeutung von Arbeitssklaven, wirtschaftliche Dominanz durch erzwungene Marktöffnung etc.). Zwar ist es richtig, bei der Erziehung die wirklichen Werte (s. Weltethos) bzw. die Ethik an sich zu lehren und zu verfestigen. Zwar wäre es gut, wenn derart gereiften Marktteilnehmern bei wichtigen Entscheidungen so etwas wie das Gewissen schlüge. Doch davon, dass verlesene oder oktroyierte Moral quasi von selbst zu humaneren, einvernehmlicheren und faireren Entscheidungen führt, kann niemand ausgehen. Es gibt diese Konstellation, und es wird sie auch in Zukunft vor allem zwischen kleineren, gleichrangigen Partnern geben – vorausgesetzt, dass keiner von ihnen existenziell bedroht ist. Aber dort, wo die Verdrängungsfronten brutal aufeinander stoßen, dürfte Ethik auch künftig ein Fremdwort bleiben. Ganz gleich, ob wir vom IWF, der Weltbank, der WTO oder von den USA, China, Indien, Russland, oder Brasilien sprechen. Man muss Küng vorwerfen, dass er echte Alternativen zum heutigen Wirtschaften weder nennt, noch in Erwägung zieht. Die Möglichkeit, dass das alte System abbrennt, existiert nicht. Für ihn ist alles reformierbar – durch gutes Zureden. Dabei weiß er den Global Compact der UNO auf seiner Seite. Vielleicht brauchen wir ja irgendwann beides – eine grundlegende Reform in der Sache und die Moralisten, die das gut heißen.
Das Buch zu lesen lohnt auch, wenn man dem Anliegen Küngs nicht folgen mag.
Ulrich Scharfenorth
Im Detail formuliert Hans Küng/ reagiert Ulrich Scharfenorth:
S. 22/23: Diese revolutionäre Transformation anzuhalten oder gar rückgängig zu machen, wäre ein vergebliches Unterfangen. Kein neuer Isolationismus in den Vereinigten Staaten, keine Opposition gegenüber einer Freihandelszone in Mexiko, keine Aversionen gegen den Kapitalismus im frühern Sowjetblock, keine totalitäre Parteiideologie in China und auch keine sozialistischen Nostalgien in Europa ließen es zu, sich aus diesem Prozess der Globalisierung einfach auszuklinken und ohne Liberalisierung der Finanzmärkte und Zollabbau stur wieder den eigenen nationalen Weg zu gehen. Es zeigt sich rasch: Wer hier nicht mitmacht, degradiert sich von vornherein zu einer drittklassigen Wirtschaftsmacht .... Es geht somit um einen inneren Strukturwandel der Industrienationen, aber zugleich auch nach außen um eine neue wirtschaftliche und politische Machtverteilung auf unsrem Globus, bei der es für keine Volkswirtschaft garantierte Besitzstände gibt .... Auch die Entwicklungsländer und besonders die industriellen Schwellenländer wünschen verständlicherweise die Globalisierung herbei.
Hier argumentiert Küng oberflächlich und undifferenziert. Er schaut zu und nimmt hin. Wir aber wissen, dass Globalisierung kein nach festem Schema ablaufender komplexer Prozess ist, sondern vor allem wirtschaftlicher (und nur wirtschaftlicher) Wildwuchs – der den reichen Industrieländern nützt und den einige Drittwelt- und Schwellenländer (vor allem China, Indien und Brasilien), aber eben nur sehr wenige, vorteilhaft zu gestalten verstehen.
Fast allen unterentwickelten Ländern hat die Globalisierung – vor allem der von ihr ausgehende Freihandel – nur Not und Verschuldung beschert. Gerade die so genannten Liberalisierung der Finanzmärkte und der Zollabbau sind vielerorts für den Ruin der heimischen Industrie und Märkte verantwortlich. Niemand nämlich kann in einem wirtschaftlich schwachen Land mit billigen einheimischen Arbeitskräften preiswerter produzieren als ausländische Konzerne, die ein erprobtes Know-how mitbringen und stabil finanziert werden. Für die Industrieländer bedeutet Globalisierung, dass sie jedes ihrer Produkte mit einem anderswo hergestellten vergleichen und wettbewerbsfähig stellen müssen. Langfristig führt das zum Untergang der mittelständischen Industrie, die den immer besseren und auch langfristig sehr viel preiswerteren Erzeugnissen aus Billiglohnländern nichts entgegenzusetzen hat. Küng blendet diese Vorgänge einfach aus, lässt sich die Machtspielchen ausbreiten und hofft mit Ethikdebatten Besserung zu erreichen. Im bevorstehenden Kampf um die ausgehenden Rohstoffe, um Absatzmärkte und militärische Vorherrschaft werden die aber eher keine Rolle spielen. Tatsächlich dürfte es schwer sein, den Unbilden der entfesselten Globalisierung beizukommen. Voraussetzung wäre die Erkenntnis, dass sie im Endeffekt auch denen schade, die sie lostraten. Und natürlich stimmt nicht, was Küng sagt: Protektionistische Maßnahmen könnten sehr wohl überbordende globale Vorgänge stoppen. Die USA machen es regelmäßig vor. Wird ihnen der Importdruck (z.B. bei Stahl) zu groß, dann schotten sie ihren Markt – allen WTO-Regeln zu Trotz – einfach ab. Die Kombination von Freihandel, den man anderen verordnet und Einfuhr-Verboten auf eigene Terrain, erweist sich dann als überaus vorteilhaft – selbst wenn die Zwerge jenseits der großen Teiche vor Wut ins Schwitzen geraten. Ähnlich wie die USA könnten natürlich auch Staatenbunde (z.B. die EU) handeln.
S. 38: Am Ende des 20. Jahrhunderts erlebte die sozialistische Planwirtschaft mit der Implosion des Sowjetimperiums den schon lange sich abzeichnenden epochalen Zusammenbruch von der Elbe bis zum Gelben Meer. In Theorie und Praxis findet sie sich widerlegt. Weltpolitisch von besonderem Gewicht ist, dass die Volksrepublik China sich dem westlichen marktwirtschaftlichen System geöffnet hat, ohne bis heute zum eigenen Nachteil auch die westliche Demokratie zu übernehmen .... Auch alle Bemühungen in den USA, von der Gesundheitsreform bis zu den Veränderungen an der Wallstreet, konzentrieren sich zur Zeit darauf, eine sozial verpflichtende Marktwirtschaft zu etablieren.
Nun, keine Ahnung, warum Küng so wenig über China weiß. Das bloße Nachplappern westlicher Parolen nervt jedenfalls. Wenn der Welt etwas wichtig sein muss, dann die friedliche und störungsfreie Entwicklung im Reich der Mitte. Jeder, der etwas von Wirtschaft und innerer Stabilität versteht, weiß ziemlich genau, dass Länder wie China und Russland genau der strikten Führung bedürfen, die jetzt praktiziert wird. Jede grundsätzliche Veränderung brächte Unruhen unvorstellbaren Ausmaßes, die dem Westen zwar zu Pass kämen, sehr schnell aber auch auf die politische Weltlage durchschlagen könnten. China – so schätzen Experten – braucht eine positive wirtschaftliche Entwicklung mit Steigerungsraten von 8-10%, um innerlich stabil zu bleiben. Küng verkennt auch die Situation in den USA. Zwar kann man Obamas Willensbekundungen mit einem Mehr an Sozialstaat zusammenbringen. Daraus aber auf eine Abkehr vom Neoliberalismus zu schließen, ist wirklichkeitsfremd. Schon die nächsten Wahlen dürften einen Rückschwenk auf die Politik von Bush jun. einläuten. Dann könnten nicht nur die kaum angebahnte Gesundheitsreform, sondern auch die (eher unscheinbaren) Fesseln fallen, die Obama der Wallstreet angelegt hat.
S. 53: Milton Friedman: "Die soziale Verantwortung des Unternehmens besteht darin, seinen Gewinn zu steigern." .... Dabei, so Friedman, sollen selbstverständlich die geltenden Gesetze eingehalten werden. Aber niemand rede von einer sogenannten "gesellschaftlichen Verantwortung", die sich auf so diffuse Kollektivziele wie "Gemeinwohl" oder "soziale Gerechtigkeit" beziehen soll .... Möglichst wenig Staat, wenig Gesetze, wenig Rücksicht auf die Verlierer .... Schlussfolgerung Küng: Zahllose Finanzjongleure, Firmenaufkäufer und Börsenspekulanten haben mit solcher "Moral" der Weltwirtschaftskrise den Weg bereitet.
S. 62: Die höchste Rate an Verbrechen, Strafgefangenen, Scheidungen, minderjährigen Müttern, Drogenhandel, Armut (besonders Kinderarmut) unter allen Industriestaaten einerseits und andererseits niedrige Wahlbeteiligung zeigen die aktuellen Schwächen der amerikanischen Gesellschaft (die stark von der Friedmanschen Philosophie geprägt ist – u.s.) .... Persönliche Freiheit und Unternehmergeist, große Meinungs- und Versammlungsfreiheit, Spitzenuniversitäten und ausgebaute Minderheitenrechte, geringe Steuerbelastung und viel freiwilliger Einsatz im sozialen und karitativen Bereich sind die traditionellen Stärken der Vereinigten Staaten.
S. 72: Sowohl die nazistische oder sozialistische Wirtschaftslenkung wie die rein liberale Marktwirtschaft galten als "innerlich verbraucht"; man wollte ganz bewusst eine "neue dritte Form" als "wirtschaftspolitische Synthese" verwirklichen. Auch verglichen mit dem damals noch nicht sehr starken angelsächsischen Neoliberalismus besaß die soziale Marktwirtschaft (in Deutschland) ein durchaus eigenes Profil: Ein Leitbild: ... Nicht nur der freie Markt/Kapitalismus ..., sondern eben die Soziale Marktwirtschaft. Ein Konzept, das die vorrangigen Ziele umschreibt: Nicht nur die wirtschaftliche Freiheit des Einzelnen, seine individuellen und ökonomischen Interessen zu verfolgen, sondern auch die soziale Gerechtigkeit und die Erfordernisse des Gemeinwohls. Ein Programm, welches Leitbild und Konzept für die ganz spezielle Situation konkretisiert: nicht nur ... das Vertrauen auf Selbststeuerung und Selbstheilungskräfte von Markt und Wettbewerb, sondern zugleich sozialer Ausgleich und Ordnungsfunktion des Staates. ... Aber zugleich wollte man nicht wieder den alten "Klassenkampf" zwischen Arbeit und Kapital aufwärmen. Man suchte auf neuen Wegen einen politischen Konsens zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu finden. In diesem Sinne hat das Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland – im Gegensatz zu anderen Ländern, wo Streiks an der Tagesordnung waren – lange Zeit als Friedensformel funktioniert. Positiv wirkte sich dabei aus, dass man hier Ideen der evangelischen Sozialethik mit solchen der katholischen Soziallehre verband .... Aus der katholischen Soziallehre übernahm man ... das Solidaritätsprinzip (dieses verlangt angesichts der Partikularinteressen den politisch-sozialen Ausgleich und die Beförderung des Gemeinwohls) und das Subsidiaritätsprinzip (diesem Zuständigkeitsprinzip zufolge soll das, was der Einzelne aus eigener Initiative tun kann, nicht durch die Gemeinschaft, und was die kleinere Gemeinschaft aus sich heraus tun kann, nicht durch die übergeordnete Gemeinschaft oder den Staat getan werden.)
S. 80: Die Soziale Marktwirtschaft ist, was Ordoliberale (http://de.wikipedia.org/wiki/Ordoliberalismus) schon in den 1960er Jahren erkannten, verstärkt auf ökologische Ziele auszurichten. Sie muss zu einer nicht nur sozial, sondern auch ökologisch verpflichteten Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung werden, welche die Probleme der Umweltbelastung und Umweltgefährdung von der Landwirtschaft über den Verkehr bis zur Kernenergie und zum Klimawandel ernst nimmt und deshalb sozial- und umweltverträgliche Produktionsweisen anstrebt: eine öko-soziale Marktwirtschaft .... Die ethische Basis der Sozialen Marktwirtschaft ist programmatisch neu zu bedenken .... Die Politik muss demnach nicht nur "marktgerecht" und "marktkonform" sein (keine direkten Interventionen in den Marktprozess), sondern muss in der Gestaltung der Rahmenbedingungen (Ordnungspolitik), nach allen Seiten wohl abgewogen, immer die Interessen aller betroffenen Menschen (und nicht nur die der Kapitaleigner) im Auge haben. Der Rahmen für die Marktmechanismen (auch die Regulierung der Finanzmärkte) muss sich an bestimmtenpolitischen und ethischen Werten und Maßstäben ausrichten.
Gut und schön, Herr Küng. Aber wenn Sie, was die Soziale Marktwirtschaft und die just aus der Taufe gehobene öko-soziale Marktwirtschaft angeht, keinerlei charakteristische Elemente nennen (mal das im weiteren Text gebrauchte Stichwort „Kurzarbeit“ ausgenommen), bleibt alles unbestimmt und parolehaft. Vor allem wird nicht klar, wie der Mutation der sozialen Markwirtschaft zum Turbokapitalismus begegnet werden kann. Hier müssten konkrete Hinweise zur Zukunft des Arbeitsmarktes (Flächentarifverträge, Mindestlöhne, Kündigungsschutz, Leiharbeit, Kurzarbeit, Sozialabgaben, Streiks, Massenentlassungen etc. etc.), zum Verhältnis von Exportwirtschaft zu Binnenwirtschaft, zur Reform des Finanzsystems usw. angebracht und diskutiert werden. Ethische Grundsätze machen nur Sinn, wenn sie mit fundierten Fakten gebündelt werden.
S. 92: Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank: "An einem bestimmten Punkt in der jüngsten Vergangenheit verlor die Finanz ihren Kontakt mit ihrer Raison d'etre (Daseinszweck). Die Finanz hörte auf, eine Quelle der Dienstleistungen für die Realwirtschaft zu sein und entwickelte ein Eigenleben. Die Finanz wurde zum Selbstzweck. Um zukünftige Krisen zu vermeiden, brauchen wir absolut intelligente Reglungen, die eine Selbstzerstörung verhindern können."
S. 104/109: Was ist der Auslöser dieses ganzen Börsenfibers? Es ist nicht nur das grundsätzliche berechtigte Gewinnstreben, sondern es ist die Gier nach Profit, nach raschem Geld, easy money .... Die Gier des Individuums wird damit zu einem systemischen Problem .... George Soros: „Man kann die Zukunft nun einmal nicht vorhersagen, weil sie ungewiss ist. Deshalb kann man in der Finanzwissenschaft eben keine gesicherten Aussagen treffen, wie sie in manchen Naturwissenschaften möglich sind .... Joachim Starbatty: "Ökonomen nehmen immer weniger wahr, was um sie herum vorgeht. Sie reduzieren ökonomische Realität auf statistische Zeitreihen. Diese können uns helfen zu erklären, was passiert ist, nicht aber zu erkennen, was sich zusammenbraut. Was nicht in gerade modischen, mathematisch gefassten Modellen behandelt wird, existiert nicht mehr." .... Küng: Was keine Chancen habe, in US-amerikanischen Zeitschriften publiziert zu werden, werde beiseite geschoben. Weil sich die Zunft der Ökonomen nicht mehr um das kümmere, was jenseits von Angebot und Nachfrage liege, könne sie sich kein umfassendes Bild mehr von Wirtschaft und Gesellschaft machen.
Trotz aller Unwägbarkeiten ist eines klar: Wall Street und London geben vor, was läuft. Niemand auf der Welt kann internationale Vereinbarungen durchsetzen, die den Interessen dieses mächtigen Finanzkonglomerates zuwiderlaufen. Folglich gibt es in den Industriestaaten auch keinen Politiker, der der neuerlich aufbrandenden Spekulation Einhalt gebieten wird. Und viele der Medien kolportieren brav, dass die Spekulation dazugehöre, die Wirtschaft animiere und Wachstum generiere. Eng aneinander geschmiegt – so scheint es – reiten die „Wagenlenker“ auf den Wellen, deren zeitlicher Abstand immer kürzer und deren Amplitude (Ausschlag) immer größer wird. Sie wollen und werden dieses Wechselspiel ausreizen, weil sie sicher sind, dass ihre Gewinne wachsen und die der Hausse folgenden Verluste von den Steuerzahlern dieser Welt getragen werden. Selbst der Zusammenbruch (die Hyperinflation, das systemische Aus) schreckt sie wenig, denn was passiert ihnen schon? Sie haben große Teile ihres Vermögens in Fabriken, Minen, Ölfeldern, Immobilien, Edelmetallen und Wertgegenständen angelegt. Der Tod trifft nicht einmal die Staaten, denn die sind schlagartig ihre Schulden los. Er trifft auch nicht den Bürger, der ständig in Schulden lebt. Er trifft die, die redlich sparten und plötzlich alles einbüßen.
S. 113/116: Wenn an einem Tag mehr Devisen um den Globus zirkulieren, als der reale Welthandel von mehreren Monaten ausmacht, hätte man die weltweiten Kapitalmärkte meines Erachtens nie, wie von interessierter Seite suggeriert, als Katalysator für Transparenz, unternehmerische Effizienz und demokratische Kontrolle verklären dürfen .... Es ist nicht einzusehen, warum der immens komplex und gefährlich gewordene Luftverkehr einiger weltweit akzeptierter Regeln und Kontrollen bedarf, der ebenso komplexe und auf seine Weise nicht weniger gefährliche internationale Geldverkehr aber nicht. Selbstverständlich aber gibt es einen Unterschied: Das Finanzsystem muss Ungleichgewichte wirtschaftlich unterschiedlicher Entwicklung zulassen und ausgleichen. Aber bestimmte elementare Regeln und Kontrollen müssen auch im Finanzsystem für alle gelten .... Sobald man die damaligen Krisen durch finanzielle Rettungsaktionen einigermaßen im Griff hatte, machte man an der Wallstreet weiter wie bisher. Und der "Korridor Wallstreet-Washington" funktionierte wieder. Präsident Clinton wie sein Finanzminister Rubin verloren das Interesse an einer grundlegenden Reform .... (Später wurde Rubin Chefberater und Direktor ... der Citibank Group. Er gilt als einer der Hauptverantwortlichen für die Abschaffung des Glass-Steagall-Actes von 1933, eines Gesetzes aus der Großen Rezession, welches die Trennung des traditionellen und des Investment-Bankings verfügte). Rubin trat auch für das risikoreiche Engagement auf dem Subprime-Markt ein, das die Citibank in den Kollaps ... führte. ... Auch der Gründer und Präsident des Weltwirtschaftsforums (WEF), Professor Klaus Schwab, hatte schon im Jahr 2000 gefordert: "Wir brauchen mehr globale Regeln, zuallererst für grenzüberschreitende Investitionen. Wir brauchen zudem eine Weltumweltbehörde. Der Internationale Währungsfond müsste die weltweite Finanzarchitektur weiterentwickeln. Die Internationale Arbeitsorganisation sollte weltweite Mechanismen für Arbeitsstandards schaffen. Das Problem liegt weniger bei den Unternehmen als vielmehr bei den Staaten. Sie müssen einen Teil ihrer Souveränität abgeben." Aber auch im Weltwirtschaftsforum verlor man das Interesse an einer grundlegenden Finanzmarktreform .... Viele Mainstream-Ökonomen lehnten damals weitergehende Reformmaßnahmen ab, sei es eine globale Schuldenversicherungsagentur..., eine Weltzentralbank ..., einen internationalen Superregulator oder eine minimale Wechselkurs- oder Finanztransaktionssteuer. Gegen jede dieser Reformmaßnahmen ... gab es wohlbegründete Einwände .... Wer als Ökonom stets weiß, "was nicht geht", müsste auch selber einmal einen Vorschlag machen, "was geht". Ich habe mich bereits oben zu einigen der hier aufgeführten Aspekte geäußert.
Im Gegensatz zu Küng glaube ich nicht, dass die Verantwortlichen jeweils "ein Interesse an den notwendigen Reformen verloren", im Gegenteil: die Ex-Akteure, Lobbyisten und Galionsfiguren der Politik blieben extrem aktiv – sie taten alles, um die Probleme und schmerzlichen Erfahrungen aus dem kollektiven Gedächtnis der Völker zu löschen. Sie setzten auf Vergessen – zweifellos in dem Glauben, dass der Kapitalismus ein ständiges, hinzunehmendes Auf und Ab (die ständige Zerstörung und den ständigenAufbau/den Blasenzyklus) impliziere, das man ausbeuten müsse und ... in blindem Vertrauen darauf, dass die alles vernichtende Explosion (vorerst) ausbleibe. Küng präsentiert sich in dieser Gemengelage entweder als unwissend oder als Opportunist. Wie kann er davon ausgehen, dass die Ablehnung eines jeden der unterbreiteten Reformvorschläge wohlbegründet ist? Viel näher liegt doch, dass diese Vorschläge den Interessen der Beurteilenden zuwider laufen, sprich: ihre Renditevorstellungen konterkarieren. Und wie kann Küng geradezu naiv darauf vertrauen, dass die notorischen Neinsager zu ihren Ungunsten mal Ja sagen?
S. 134: Die neueste Entwicklung im Wallstreet-Casino aber ist ein Kampf von Maschinen: Im Hochgeschwindigkeitshandel können Computer in Bruchteilen von Sekunden Aktien kaufen und sofort wieder abstoßen .... Der Börsenkrach vom 13. Mai 2010 wurde in New York durch diesen Hochgeschwindigkeitshandel verursacht: Der ... Dow Jones sackte in einer halben Stunde um rund 1.000 Punkte ab. 700 Milliarden Dollar wurden vernichtet. Dieser automatisch ablaufende "Flasch-Crash" erschütterte die Börsen weltweit. Eine Systemstörung oder menschliches Versagen (Tippfehler) wurde nicht nachgewiesen, wohl aber ein Zusammenhang zwischen Kursverlusten bei Index-Derivaten und dem Einsatz von "Stop-Loss-Aufträgen" (Verkaufsorder bei vorgegebener Verlustgröße). Das zeigt die ganze Gefährlichkeit des computerdominierten Börsenhandels .... Ob die von der US-Börsenaufsicht SEC neu eingeführte Notbremse eines Ausschaltmechanismus einen neuen Kurssturz samt Börsenpanik verhindern wird, ist keineswegs sicher. Durch den automatischen Aktienhandel hat die institutionalisierte Profitgier zweifellos eine neue bedrohliche Dimension angenommen. Sollen in Zukunft faktisch programmierte Computer selbständig über Zeitpunkt, Preis und Volumen der Order entscheiden? .... Sollten elektronische Handelssysteme, die anscheinend schon 20-30 Prozent des Umsatzes erreichen, nicht gewissen Beschränkungen unterliegen? Einige arbeiten ja mit hohen Risiken, so der "Raubtier-Algorithmus" (mehrere Aufträge im Millisekundentakt zu unterschiedlichen Verkaufspreisen) oder der "Baisse-Algorithmus", der ebenfalls immer wieder gefährliche Kursabstürze zur Folge hat, die Gift sind für die Wirtschaft.
S. 138/139: Bundeskanzler Helmut Kohl ... gab die D-Mark, sein einziges Druckmittel, aus der Hand, ohne vorher die dringlichsten Maastrich-Beschlüsse zur Strukturreform der EU (Abstimmungsmodus, Bedingungen der Neuaufnahme) durchzusetzen – von einer gemeinsamen oder zumindest abgestimmten Finanz- und Wirtschaftspolitik ganz zu schweigen. Ein Konstruktionsfehler aufgrund eines schon damals durchschaubaren verhängnisvollen Politikversagens .... So wurde die gemeinsame Währung als Buchgeld schon am 1. Januar 1999 eingeführt, ohne dass eine einzige entscheidende Strukturreform erfolgt war .... Statt des Innenausbaus ließen opportunistische und gedankenlose Politiker immer neue Staaten – mit höchst unterschiedlichen Ausgangsbedingungen! – als europäische Anbauten zu.
S. 143: Jedenfalls bräuchten die internationalen Finanzmärkte mehr Transparenz. Außerbilanzliche Aktivitäten der Banken (innovative Instrumente außerhalb der Bilanzen) sollten grundsätzlich verboten werden. Investmentbanking sollte wieder einen deutlichen Bezug zur Realwirtschaft bekommen und Spekulationsgeschäfte, die keinen realen Mehrwert schaffen, möglichst eingeschränkt werden. Banking sollte kein Selbstzweck sein, und der "Finanzialisierung" des gesamten menschlichen Verhaltens gewehrt werden.
Küng listet hier sehr allgemein und unvollständig einige Maßnahmen auf, die qualitativ logisch scheinen aber als Handlungsanleitung völlig versagen. Hier bedürfte es sehr viel konkreterer Forderungen, u. a. eines Verbotes sämtlicher außerbörslicher OTC-Geschäfte, neuer Regeln für Rating-Agenturen (Stichwort: Korruption!), eines Verbots von Ratings auf ganze Volkswirtschaften (Stichwort: Staatsanleihen) sowie eines solchen von ungedeckten Leerverkäufen, Derivaten, Zertifikaten und anderen toxischen Papieren, die Wetten auf politische Konflikte, auf Katastrophen, auf künftige Rohstoff- und Nahrungsmittelpreise, auf Zinsdiffernzen, auf den Niedergang von Unternehmen etc. betreffen. Wer davon spricht, Spekulationsgeschäfte möglichst einzuschränken, suggeriert bereits fehlende Kenntnis oder fehlenden Willen. Offenbar ist Küng nicht in der Lage ist, Funktion und Wirkung der Spekulation in Finanzwesen und Wirtschaft zu bewerten.
S. 150: Präsident Obama hat jedoch erneut gezeigt, dass die USA reformoffen und reformfähig sind. Nach einer Reform des Gesundheitssystems im Jahr 2010 folgte im selben Jahr die Reform der Finanzmärkte, beides hat man mit Franklin Roosevelts "New Deal" in den 30er Jahren verglichen.
Diese Euphorie von Küng, die auch anderswo durchbricht, ist m. E. völlig unangebracht. Weder glaube ich an eine wirkliche Zügelung der Wallstreet, noch daran, dass die Gesundheitsreform in trockenen Tüchern ist. Überhaupt ist die Bilanz der Obama-Regierung eher dürftig, wenn nicht haarsträubend → http://www.phoenix.de/content/phoenix/die_sendungen/obama_land_ist_abgebrannt_/335257?datum=2011-01-16 . Alles – vor allem aber das Erstarken der Republikaner (Tea-Party) weist darauf hin, dass die USA eben nicht reformfähig sind, sondern nur auf die Wiederholung "der alten Spiele" aus sind. Bereits heute hat die von Wallstreet und London, aber auch von deutschen Baken betriebene Spekulation das Vorkrisenniveau überschritten.
S. 154/155: Das ökonomische Rationalitätsprinzip hat ... nur relative Berechtigung. Im ökonomischen Ultraliberalismus jedoch besteht die Gefahr, dass das marktwirtschaftliche System faktisch zu einem Totalsystem überhöht wird: Recht, Politik, Wissenschaft, Kultur und Religion werden dann nicht nur mit ökonomischen Instrumentarien analysiert – was berechtigt ist. Vielmehr werden sie in der Praxis der Ökonomie unterworfen, von ihr domestiziert und faktisch entmachtet .... Eine totale Marktwirtschaft, wie sie sich in vielen Bereichen und Regionen bereits abzeichnet, hat verheerende Folgen: Das Recht ... kann je nach wirtschaftlichen „Zwängen“ und Gruppeninteressen formuliert und manipuliert werden. Die Politik kapituliert vor dem Markt und den lobbyistischen Pressure Groups, und die globalen Spekulationen vermögen bei falschen politischen Vorgaben sogar nationale Währungen und den Euro zu erschüttern. Die Wissenschaft sieht sich wirtschaftlichen Interessen ausgeliefert und büßt ihre Funktion einer möglichst objektiven, kritischen Kontrollinstanz ein. Die Kultur verkommt zur Zuträgerin des Marktes .... Das Ethos wird ... der Macht und dem Profit geopfert. Auch die Religion ... wird nach Belieben gemischt zu einem synkretistischen Cocktail (einer Mischung aus unterschiedlichen religiösen Vorstellungen und Philosophien) – zur bequemen Stillung religiösen Durstes ... und weniger als moralisches Korrektiv und als Orientierungsinstanz. Verschärfend kommt hinzu: Von Ökonomen wie Politikern werden bei allen berechtigten Sachargumenten faktische "Sachzwänge" immer wieder als axiomatische (unanzweifelbare) Denkzwänge hingestellt. Grundsätzliche Alternativen erscheinen dann praktisch ausgeschlossen. "Zum Afghanistankrieg gibt es keine Alternative", "zum Stützungsfond von 750 Milliarden Euro gibt es keine Alternative", so proklamieren Politiker, wenn ihnen die Argumente ausgehen, weil sie womöglich die Alternative verpasst haben oder sie vielleicht gar nicht ernsthaft erwägen wollen.
S. 156: Markt und Wettbewerb sind Mittel und Instrument, Markt und Wettbewerb dürfen nicht zum obersten Ziel der Wirtschaft werden. Dies bleibt das allgemeine Wohl .... Zuerst kommt die Ethik, dann die Politik, erst dann die Ökonomie .... Auch in einer globalisierten Weltwirtschaft darf kein Sozialdarwinismus oder Raubtierkapitalismus herrschen, demzufolge im „Kampf um Dasein“ einfach nur „der Tüchtigste“ überleben wird.
Küng formuliert, was ihm wünschenswert scheint. Doch mit Worten sind weder die Verläufe und Auswirkungen von Finanzkrisen, noch die Machenschaften der Rating-Agenturen (Wetten gegen EU-Staaten) zu beeinflussen. Solange der Aufbau von Rettungsschirmen, sprich: die Bürgschaft des Steuerbürgers strikte konzertierte Politik (strenge internationale Gesetzgebung, Verbote toxischer Papiere und Verhaltensweisen) ersetzen soll, wird sich Küngs flotte Reihung nicht einstellen. Leider beginnt der Fisch am Kopf zu stinken. Da die Politik fast immer die Interessen der wirklich Herrschenden – also der Wirtschaft, der Finanzwelt, der Vermögenden – spiegelt, sind Veränderungen dieser Schieflage („Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren“) nicht zu erwarten. In der Finanzkrise suchen die Politiker – ganz gleich, ob sie der CDU, FDP oder SPD angehören (Merkel, Steinbrück etc.) – den besonders dichten Schulterschluss zu Bankern und Finanzexperten – in der Hoffnung, dass die (Mit-)Verursacher des Übels dasselbe auch beheben werden. Diese Affinität ist grotesk. Denn warum sollte man den Zerstörern (Bomberpiloten) den Rückbau der ausgelöschten Substanz (Menschen und Bauten aller Art) zutrauen? Man tut es dennoch, offenbar, weil man allein den Bankern systemisches Wissen zutraut. Das widerspricht zwar der gültigen Lehrmeinung, nach der das internationale Finanzgeschehen unvorhersehbar/unbeherrschbar/chaotisch ist. Muss aber mangels besserer Alternative als Flickhilfe herhalten. Das ("staatliche") Unwissen scheint nicht nur, es ist groß, und unabhängige Finanz-Experten und -Institutionen gibt es nicht (auch staatliche Überwachung und Rettungsfond – BaFin und SoFFin– "speisen" sich, was ihre Mannschaften angeht, aus Ex-Bankern und verzeichnen Abgänge in die Finanzbranche). Ethik, Fach- und Insiderwissen liegen von Natur aus im Interessenkonflikt. Hier kommt Wahrheit, hier kommt die Kraft zum Paradigmenwechsel nicht auf.
S.168: Nicht tauglich für eine neue Weltwirtschaftsordnung ist die bloße Gesinnungsethik der Ideal-"Ökonomen", für die eine rein moralische Motivation und der gute Zweck (Gerechtigkeit, Liebe, Wahrheit, Frieden) ausreichen, die sich aber um gegebene ökonomische Gesetzlichkeiten und die konkrete Durchsetzbarkeit in einem hochkomplexen Wirtschaftssystem nur wenig Gedanken machen .... Wettbewerb, Verfolgen von Eigeninteressen und Gewinnstreben, sind, wenn sie höhere Güter und die Rechte anderer nicht verletzten, legitim.
Auch ich will den Ideal-"Ökonomen" nicht das Wort reden. Küng kennt aber offensichtlich nur weltfremde Typen und dann die, die auf Konkurrenz und Gewinnstreben aus sind. Letztere lassen sich schwer zügeln, und wer entscheidet schon, wann höhere Güter und die Rechte anderer beschädigt werden? Ich meine, Küng müsste sich von diesen Floskeln befreien. Klar ist doch, dass wir eine dem Gemeinwohl dienende Ökonomie brauchen, die auf Kooperation und gesunden Wettbewerb (zugunsten von mehr Nachhaltigkeit und Menschlichkeit) setzt – und die ... neoliberale Fehlentwicklungen in Wirtschaft und Finanzwesen ausschließt. Denkmodelle und Muster dafür gibt es bereits (Christian Felber: "Die Gemeinwohl-Ökonomie"; Harald Müller: "Wie kann eine neue Weltordnung aussehen"; Gero Jenner: "Das Pyramidenspiel").
S.174: Bundespräsident Horst Köhler am 21. November 2008: "Wir müssen uns als Weltgemeinschaft auf ein gemeinsames Ethos verständigen, auf Werte, die wir alle teilen und deren Missachtung von der Gemeinschaft bestraft wird. Das Grundprinzip lautet: Wir dürfen andere nur so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen. Daran wollen wir uns halten. Daran wollen wir uns messen lassen." (so genannte "Goldene Regel")
S. 176: Wie versucht das neue US-Gesetz das Finanzmonster zu bändigen? Nach unvermeintlichen Zugeständnissen an die republikanische Opposition sind folgende einschneidende Maßnahmen vorgesehen: Die Großbanken müssen die künstlichen Finanzprodukte (Derivate) zwar nicht ausschließlich, aber überwiegend auf transparenten Plattformen oder Börsen handeln. Der spekulative Eigenhandel der Banken wird ebenso eingeschränkt wie die Investition der Banken bei Beteiligungs- und Hedgefonds. Letztere müssen sich registrieren lassen und ihre Geschäftsbücher offen legen. Die Banken dürfen zwar weiterhin Kredite verbriefen, müssen aber 5% ihres Risikos in den Büchern behalten. Bei drohender Pleite eines Finanzkonzerns kommt ein besonderes staatliches Insolvenzverfahren zur Anwendung, um in Zukunft den Einsatz von Steuermitteln unnötig zu machen. Im Rahmen der Federal Reserve wird eine neue Verbraucherschutzbehörde eingerichtet, die Vorgaben für die Kreditkarten-Firmen und Hypotheken-Verträge erlassen wird. Schließlich wird ein neuer Regulierungsrat aus Vertretern der wichtigsten Aufsichtsbehörden geschaffen, der verhindern soll, dass Regulierungslücken durch Finanzinstitute ausgenutzt werden. Damit ist freilich ein neuralgischer Punkt diese Gesetzes angesprochen, nämlich ob die Finanzinstitute, unter deren politischem Druck Obama bereits zu Kompromissen gezwungen war, diese Reform ehrlich mittragen oder erneut mit allen möglichen Tricks und Schleichwegen die Bestimmungen zu umgehen suchen.
Küng reagiert euphorisch. Er spricht von "einschneidenden" Maßnahmen, ohne die konkreten Ausführungsbestimmungen zu kennen. Er vermisst nichts, und er hofft auf "ehrliches Mittragen" der "Reform" durch die Reglementierten. Dabei fehlt im Programm alles, was Gefahren wirklich ausschließt (vgl. oben) – selbst Vorgaben für die Eigenkapitalerhöhung der Banken und neue Vorschriften für Rating-Agenturen. Der o.a. Selbstbehalt von 5% ist viel zu gering. Er hindert niemanden ernsthaft daran zu spekulieren. An einer Stelle freilich hat Küng Recht – wenn er mutmaßt, dass das spärliche Regelwerk ebenso gut wieder umgangen oder ausgehebelt werden könnte.
S. 176: (Die Protagonisten für Waffenexporte an Saddam Hussein und Muammar Gaddafi:) "Wenn das, was wir gemacht haben, unmoralisch sein soll, dann stimmt mit unseren Gesetzen etwas nicht." Küng: Selbstverständlich müssen in einem solchen Fall Gesetze geändert oder sogar neu geschaffen werden. Und die betreffenden Unternehmer und Manager sollten über ihre Organisationen ihren ... ordnungspolitischen Einfluss geltend machen, um ökonomisch sinnvolle und ethisch verantwortbare Rahmenbedingungen durchzusetzen.
Hier auf freiwillige Selbstbeschränkung und Bewusstsein, ja sogar auf die Eigeninitiative von Managern zu setzen, ist mehr als blauäugig. Ausfuhr-Gesetze – so zeigt die Praxis – werden immer erst dann verschärft, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, sprich: ein Geschäftemacher durch Umgehen von Gesetzlichkeiten/Ausnutzen bislang legaler Nischen die falsche Ware an den falschen Adressaten gebracht und Letzterer damit Unheil vor oder angerichtet hat.
S. 199: In den 1960er und 1970er Jahren betrugen die durchschnittlichen Vergütungen der CEO (der geschäftsführenden Vorstandsmitglieder) in den größten Firmen der USA das 40fache eines durchschnittlichen Arbeitergehaltes. In den 1990er Jahren stiegen sie auf das 367fache. In Deutschland, wenn die Zahlen richtig sind, von früher dem 40fachen auf das bis zu 300fache heute.
S. 211: Kenner der Szene bestätigen ja auch, ein neuer Menschenschlag von gewinnorientierten, rührigenund nicht immer moralisch ahndelnden jungen Männer (Yuppies“ ...)... habe bereits seit der Zeit von Reaganomics und Thatcherismus die Führungsetagen der amerikanischen und europäischen Wirtschaft und besonders der Banken erklommen. Eine Haltung des Opportunismus sei überhaupt weit verbreitet: einerseits eine Ausrichtung am materiellen Erfolg, andererseits die Bereitschaft, zur Erreichung des Erfolges auch unredliche Mittel einzusetzen und Lebensregeln zu bejahen, die in eine ähnliche Richtung weisen.
S.216: Aber kann man eingeschliffene Verhaltensweisen ändern? Ja, ich habe das bereits aufgezeigt. Ein Bewusstseinswandel ist mittel- und langfristig möglich.
S. 232: Wenn man die "Angemessenheit" oder gar "Notwendigkeit" exorbitanter Gehälter begründen will mit dem Argument, die "Besten" würden sonst abwandern, so kann man getrost antworten: Diese sogenannten "Besten" sind es, die uns die weltweite Finanzmisere eingebrockt haben! Und wer sind überhaupt die wirklich Besten? Sicher auf Dauer nicht jene Banker, die mit einer "Söldnermentalität" keine andere Loyalität kennen als die zum Geld.
S. 235: Welche Chancen bietet angesichts mancher skrupelloser Wettbewerber eine ethische Geschäftsführung? ... Dass Anstand ein erfolgreiches Wirtschaften unterstützt! Mehr als ein erfolgreicher Unternehmer antwortete mir auf die Frage nach dem Geheimnis seines Erfolges: Integrität! Und Integrität heißt, den anderen nicht über den Tisch ziehen, heißt Ehrlichkeit und Verlässlichkeit. Daher bin ich überzeugt, dass die Formulierung von ethischen Standards ... vorteilhaft ist.
S. 241: Man kann es durchaus verstehen, dass heutzutage nicht nur Muslime, sondern auch Asiaten ... zwar die Modernisierung bejahen, jedoch das westliche Wertesystem skeptisch betrachten. Es geht hier um die grundsätzliche Frage, ob die asiatischen Völker den schrankenlosen Individualismus (ihre Rücksicht auf die Gemeinschaft) und die zügellose Freiheit (mit den damit verbundenen Erscheinungen westlicher Dekadenz) übernehmen. Oder ob sie ... "die zehn Werte, die ostasiatische Stärke und Erfolg stützen, nicht doch beibehalten und fördern sollten, indem man wie eh und je Gewicht legt auf starke Familien, intensive Erziehung, strenge Arbeit, auf Sparsamkeit, Anspruchslosigkeit und nationales Teamwork. Und da stellt man nun fest: Die Übernahme des amerikanischen Way of Life durch die Mittelklassen in Ost- und Südasien hat nicht dazu geführt, dass die Asiaten amerikanischer wurden, sondern dass sie sich ihrer chinesischen, koreanischen, japanischen, indischen, indonesischen, malayischen Identität mehr bewusst wurden: dass sie stolz sein können auf ihre eigene Kultur, Geschichte, Werte und Erfolge. Unter ihrer westlichen Kleidung schlägt nach wie vor ein asiatisches Herz."
S. 262: Auch ein Mensch ohne Religion kann ein echtes menschliches, also humanes und in diesem Sinn moralisches Leben führen; eben dies ist der Ausdruck der innerweltlichen Autonomie des Menschen. Doch zugleich möchte ich festhalten: Eines kann der Mensch ohne Religion nicht, selbst wenn er sich selber auf gültige sittliche Normen verpflichtet: Die Unbedingtheit und Universalität ethischer Verpflichtung begründen. Philosophie kann selbstverständlich für universelle Normen plädieren und argumentieren, sie aber zweifelsfrei letztbegründen, scheint auch mir, kann sie nicht. Denn ungewiss bleibt: Warum soll der Mensch unbedingt, das heißt in jedem Fall und überall, solche Normen befolgen – selbst da, wo sie den eigenen Interessen völlig zuwider laufen.
Diese Feststellungen sind nicht nachvollziehbar. Und finden auch in der Praxis kein Gegenüber. Wenn heute immer mehr Bürger das C (für christlich) in der CDU vermissen, wird klar, dass die Bezüge selbst im eigenen christlichen Umfeld entgleisen. Nimmt man hinzu, dass Vertreter unterschiedlichster Religionen auch das Gegeneinander der Kulturen anheizen (Stichworte: Evangelikale in den USA, Islamisten etc.), dann erschließt sich die von Küng bemühte Zwangsläufigkeit noch weniger.
S. 275: Man kann es nicht oft genug wiederholen, dass alle Menschen Rechte, Menschenrechte, haben .... Aber die Menschenrechte haben eine oft nicht beachtete Rückseite .... Mit den Rechten sind auch konkrete Pflichten, Menschenpflichten, verbunden: "Gleichzeitig haben alle Menschen die Pflicht, zum Gemeinwohl beizutragen, die Auswirkungen ihrer Handlungen auf die Sicherheit und das Wohlergehen anderer zu berücksichtigen, die Gleichberechtigung, einschließlich die der Geschlechter, zu fördern, die Interessen künftiger Generationen zu wahren, indem eine nachhaltige Entwicklung verfolgt wird und die globalen Gemeingüter geschützt werden, das kulturelle Erbe der Menschheit zu wahren, sich aktiv an der Ordnungspolitik zu beteiligen und sich für die Beseitigung der Korruption einzusetzen." (Kommission für Weltordnungspolitik, eingesetzt von der UNO).
S. 276: Bereits heute bestehen mehrere globale Wirtschaftsorganisationen, die Ordnungsfunktionen für die Weltwirtschaft wahrnehmen: die Welthandelsorganisation WTO und trotz vieler Misserfolge unersetzlich – der Internationale Währungsfond und die Weltbank, an deren notwendigen Reformen zur Zeit gearbeitet wird. Erfreulicherweise setzte die WTO erstmals global verbindliche Rahmenbedingungen durch zur Regelung von Auslandsinvestitionen, internationalen Dienstleistungen und der handelsrelevanten Aspekte des Schutzes geistigen Eigentums, auch die Aufhebung der Handelsbeschränkungen für Computer- und Kommunikationstechnologien.
Was Küng hier anzieht, ist haarsträubend. Offenbar ignoriert er, dass die von ihm angeführten Organisationen vor allem eine Ordnungsfunktion haben: die dauerhafte Dominanz der mächtigen Industriestaaten und neuerdings auch Chinas zu sichern. Dies im Einzelnen zu begründen, ist hier nicht möglich. Ich verweise vor allem auf die entwürdigenden Bedingungen für die Kreditvergabe an arme, verschuldete Länder durch IWF und Weltbank, auf die Durchsetzung von rechtswidrig erworbenen Patenten (z.B. auf gestohlenes und dann modifiziertes Saatgut, auf Lebewesen) und die Förderung des schrankenlosen Kapitalverkehrs (z. B. rigoroser Abzug von Kapital aus Krisengebieten). O. a. Kredite sind in der Regel an neoliberale ("Milton Friedmansche") Auflagen gebunden: Öffnung und Deregulierung der Märkte (Freihandel), Reduzierung der Sozialleistungen einschließlich der Bildungsausgaben, Privatisierung des öffentliches Sektor und der Gemeinschaftsgüter sowie Preisgabe von Rohstoffen (soweit vorhanden) zu aufdiktierten Abbau- und Verkaufsbedingungen. IWF, Weltbank und WTO forcieren – wo immer möglich – den so genannten Freihandel, der zwischen ungleich Starken zur weiteren Versklavung wirtschaftlich schwacher, vor allem rohstoffarmer Länder führt.
S. 279: Die Zusammenarbeit zwischen Menschen verschiedener Kulturen und Interessen kann erleichtert und ihre Konflikte können vermindert und begrenzt werden, wenn alle Menschen und Gruppen "sich selber gebunden und motiviert sehen durch gemeinsame Verpflichtungen .... Es ist deshalb geboten, nach einem Kern gemeinsamer ethischer Werte und Prinzipien zu suchen .... Die Idee ist, dass die Werte und Prinzipien einer globalen Ethik gemeinsame Bezugspunkte sein sollen, die eine minimale moralische Anleitung bieten, welche die Welt in ihren mannigfachen Anstrengungen zur Bewältigung der genannten globalen Probleme beachten muss." (wörtliche Rede aus dem Bericht der Weltkommission für Kultur und Entwicklung, 1995)
S. 293: Der United Nations Global Compact ist ein Aufruf der Vereinten Nationen an alle Unternehmen der Welt, sich freiwillig nach zehn allgemein akzeptierten Kriterien in den Bereichen Menschenrechte, Arbeit, Umwelt und Korruptionsbekämpfung auszurichten und entsprechend zu handeln. Dadurch sollen die Unternehmen aktiv die Ziele der Vereinten Nationen, vor allem aber die Millenium Development Goals (Milleniumsziele) unterstützen.
S. 294: Als Präsident der Stiftung Weltethos hatte ich Gelegenheit, bei der Jubiläumsveranstaltung "UN Global Compact Leadership Summit" im Juni 2010 in New York ein kurzes Votum für die Notwendigkeit eines Weltethos abzugeben ...: „Die Weltwirtschaftskrise erfordert ein Weltethos.“ .... Der 2000 in Kraft getretene Global Compact hat in seinen ersten zehn Jahren gewaltige Fortschritte gemacht. Quantitativ: Bis 2010 haben sich rund 6.000 Wirtschaftsunternehmen und 2.000 Einrichtungen der Zivilgesellschaft in mehr als 135 Ländern dem Global Compact angeschlossen. Qualitativ: Es wurde ein umfassendes Konzept zur Implementierung ... vorgelegt. Ohne die gleichzeitige Realisierung globaler ethischer Prinzipien werden die Kriterien des Global Compact auch keine praktische Umsetzung erfahren .... Auch das Manifest für ein globales Wirtschaftsethos ist kein Gesetz, das mit Sanktionen durchgesetzt werden kann. Es ist ein Appell zur Selbstverpflichtung an jede einzelne Person und Institution.
S.304 ff.: Das Manifest "Globales Wirtschaftsethos – Konsequenzen für die Weltwirtschaft" - eine Initiative der Stiftung Weltethos in Tübingen
UN-Hauptquartier, New York 6. Oktober 2009
Präambel
Die Globalisierung des wirtschaftlichen Handelns wird nur dann zum allgemeinen und nachhaltigen Wohlstand und Vorteil aller Völker und ihrer Volkswirtschaften führen, wenn sie auf die beständige Kooperationsbereitschaft und werteorientierte Kooperationsfähigkeit aller Beteiligten und Betroffenen bauen kann. Das ist eine der grundlegenden Lehren der weltweiten Krise der Finanz- und Gütermärkte. Die Kooperation aller Beteiligten und Betroffenen wird nur dann verlässlich gelingen, wenn das Streben aller nach Realisierung des legitimen Eigeninteresses und nach gesellschaftlicher Wohlfahrt eingebettet ist in globale ethische Rahmenbedingungen, die allgemein als gerecht und fair akzeptiert werden. Eine solche Verständigung über global akzeptierte Normen wirtschaftlichen Handelns und Entscheidens, über ein Ethos der Wirtschaftens, existiert erst in ersten Anfängen. Ein globales Wirtschaftsethos, also gemeinsame fundamentale Vorstellungen über Recht, Gerechtigkeit und Fairness, baut auf moralischen Prinzipien und Werten auf, die seit alters her von allen Kulturen geteilt und durch gemeinsame praktische Erfahrung getragen werden. Wir alle in unseren Funktionen als Unternehmer, Investoren, Kreditgeber, Mitarbeiter, Konsumenten und unsere jeweiligen Interessensverbände in allen Ländern der Welt tragen gemeinsam mit politischen und staatlichen sowie internationalen Organisationen und Institutionen wesentliche Verantwortung für die Herausbildung und Umsetzung eines solchen globalen Wirtschaftsethos. Aus diesen Gründen unterstützen die Unterzeichner diese Erklärung zu einem Globalen Wirtschaftsethos. In dieser Erklärung werden die grundlegenden Prinzipien und Werte einer globalen Wirtschaft deklariert, so wie sie sich aus der Erklärung des Parlaments der Weltreligionen zum Weltethos (Chicago 1993) ergeben. Die in dieser Erklärung ausgesprochenen Prinzipien können von allen Menschen mit ethischen Überzeugungen, religiös begründet oder nicht, mitgetragen werden. Die Unterzeichner verpflichten sich, sich von Buchstaben und Geist dieser Erklärung in ihrem alltäglichen wirtschaftlichen Entscheiden, Handeln und Verhalten leiten zu lassen und sie so mit Leben zu erfüllen. Diese Erklärung zu einem Globalen Wirtschaftsethos nimmt die Gesetzlichkeiten von Markt und Wettbewerb ernst, will diese aber zum Wohl aller auf eine ethische Grundlage stellen. Gerade die Erfahrungen in der Krise des Wirtschaftslebens unterstreichen die Notwendigkeit international akzeptierter ethischer Prinzipien und moralischer Standards, die im Geschäftsalltag mit Leben erfüllt werden können und müssen.
I. Das Prinzip der Humanität/Ethischer Bezugsrahmen:
Unterschiede zwischen den kulturellen Traditionen dürfen kein Hindernis sein, sich gemeinsam aktiv für den Respekt, den Schutz und die Erfüllung der Menschenrechte einzusetzen. Jeder Mensch – ohne Unterschied von Alter, Geschlecht, Rasse, Hautfarbe, körperlicher oder geistiger Fähigkeit, Sprache, Religion, politischer Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft – besitzt eine unveräußerliche und unantastbare Würde. Alle, der Einzelne wie der Staat, sind deshalb verpflichtet, diese Würde zu achten und ihren wirksamen Schutz zu garantieren. Auch in Wirtschaft, Politik und Medien, in Forschungsinstituten und Industrieunternehmen soll der Mensch immer Rechtssubjekt und Ziel sein, nie bloßes Mittel, nie Objekt der Kommerzialisierung und der Industrialisierung. Das Grundprinzip eines anzustrebenden Globalen Wirtschaftsethos ist Humanität. Sie soll ethischer Maßstab des wirtschaftlichen Handelns sein und konkretisiert sich in den folgenden Leitlinien für ein Wert schaffendes und an Werten orientiertes Wirtschaften zu allgemeinem Nutzen:
Artikel 1 Ethisches Ziel und zugleich gesellschaftliche Bedingung eines nachhaltigen ökonomischen Handelns ist es, für alle Menschen Rahmenbedingungen zu schaffen zur dauerhaften Deckung ihrer Grundbedürfnisse und für ein Leben in Würde. Daher ist bei wirtschaftlichen Entscheidungen als oberstes Gebot der Humanität darauf zu achten, dass sie die Herausbildung und Entwicklung derjenigen individuellen Ressourcen und Kompetenzen fördern, die notwendig sind für eine menschliche Entwicklung und ein gutes Miteinander.
Artikel 2 Humanität gedeiht nur in einer Kultur des Respekts vor dem Individuum. Die Würde und Selbstachtung aller Menschen, seien es nun Vorgesetzte, Mitarbeiter, Geschäftspartner, Kunden oder andere Interessensträger, sind unverletzlich. Sie dürfen weder durch individuelle Verhaltensweisen noch durch unwürdige Geschäfts- und Arbeitsbedingungen missachtet werden. Die Ausbeutung und Ausnutzung von Abhängigkeiten und die willkürliche Diskriminierung von Menschen sind unvereinbar mit dem Prinzip der Humanität.
Artikel 3 Gutes zu fördern und Böses zu meiden ist eine Menschenpflicht, die als moralischer Maßstab auch an wirtschaftliches Entscheiden und Handeln angelegt werden muss. Eigeninteressen zu verfolgen ist legitim, doch das Suchen des eigenen Vorteils durch eine gezielte Schädigung des Partners, also mit unethischen Mitteln, ist unvereinbar mit einem nachhaltigen Wirtschaften zum wechselseitigen Vorteil.
Artikel 4 Was du nicht willst, das man dir tut, das füg’ auch keinem anderen zu. Diese seit Jahrtausenden in allen religiösen und humanistischen Traditionen bekannte Goldene Regel der Gegenseitigkeit fordert wechselseitige Verantwortlichkeit, Solidarität, Fairness, Toleranz und Achtung von allen Akteuren ein. Solche Haltungen oder Tugenden sind Grundsäulen eines globalen Wirtschaftsethos. Fairness im Wettbewerb und Kooperation zum wechselseitigen Nutzen sind grundlegende Prinzipien einer sich nachhaltig entwickelnden Weltökonomie, die im Einklang mit der Goldenen Regel stehen.
II. Grundwerte für globales Wirtschaften:
Die folgenden Grundwerte für globales Wirtschaften entwickeln das Grundprinzip der Humanität weiter und geben Empfehlungen für das Entscheiden, Handeln und Verhalten im praktischen Wirtschaftsleben. Grundwerte: Gewaltlosigkeit und Achtung vor dem Leben Ethischer Bezugsrahmen: Wahrhaft Mensch sein heißt im Geist der großen religiösen und ethischen Traditionen, rücksichtsvoll und hilfsbereit zu sein, und zwar im privaten wie im öffentlichen Leben. Jeder Mensch, jedes Volk, jede Rasse und jede Religion soll den anderen Toleranz, Respekt, gar Hochschätzung entgegenbringen. Minderheiten – sie seien rassischer, ethnischer oder religiöser Art – bedürfen des Schutzes und der Förderung durch die Mehrheit.
Artikel 5 Alle Menschen haben die Pflicht, das Recht auf Leben und auf seine Entfaltung zu achten. Die Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben ist ein besonders hohes Gut. Jede Form von Gewalt als Mittel zum wirtschaftlichen Zweck ist abzulehnen. Sklavenarbeit, Zwangsarbeit, Kinderarbeit, körperliche Züchtigung sowie andere Formen der Verletzung international anerkannter Normen des Arbeitsrechts müssen zurückgedrängt und abgeschafft werden. Alle Wirtschaftsakteure müssen in erster Linie den Schutz der Menschenrechte in ihren eigenen Organisationen sicherstellen. Sodann müssen sie alle Anstrengungen unternehmen, dass sie in ihrem Einflussbereich nicht zu Menschenrechtsverletzungen ihrer Geschäftspartner oder anderer Parteien beitragen oder gar von ihnen profitieren. Die gesundheitliche Beeinträchtigung von Menschen durch defizitäre Arbeitsbedingungen ist zu vermeiden. Arbeitssicherheit nach dem Stand der Technik, Produktsicherheit und die Unschädlichkeit der Produkte für die menschliche Gesundheit sind grundlegende Anforderungen einer Kultur der Gewaltlosigkeit und Achtung vor dem Menschen.
Artikel 6 Der nachhaltige Umgang mit der natürlichen Umwelt des Menschen durch alle Teilnehmer am Wirtschaftsleben ist ein hoher Wert des wirtschaftlichen Handelns. Die Verschwendung von natürlichen Ressourcen und die Verschmutzung der Umwelt sind durch Ressourcen sparende Verfahren und umweltschonende Technologien zu minimieren. Zukunftsfähige, möglichst erneuerbare Energie, sauberes Wasser und unverschmutzte Luft sind Elementarbedingungen des Lebens überhaupt, zu denen jeder Mensch Zugang haben muss. Grundwerte: Gerechtigkeit und Solidarität Ethischer Bezugsrahmen: Wahrhaft menschlich sein heißt im Geist der großen religiösen und ethischen Traditionen: Wirtschaftliche und politische Macht darf nicht zum rücksichtslosen Kampf um Herrschaft missbraucht werden, sie ist vielmehr für den Dienst an den Menschen zu gebrauchen. Eigeninteresse und Wettbewerb dienen der Entwicklung der Leistungsfähigkeit und der Wohlfahrt aller Beteiligten. Daher sollen der gegenseitige Respekt, der vernünftige Interessenausgleich, der Wille zur Vermittlung und zur Rücksichtnahme herrschen.
Artikel 7 Recht und Gerechtigkeit bilden füreinander Voraussetzungen. Verantwortung, Rechtschaffenheit, Transparenz und Fairness sind Grundwerte eines Wirtschaftslebens, das von Rechtstreue und Integrität gekennzeichnet ist. Die Einhaltung des je geltenden nationalen und internationalen Rechts ist eine Pflicht für alle Wirtschaftsakteure. Wo es Defizite in der Qualität oder der Erzwingung der Rechtsnormen eines Landes gibt, sind diese durch Selbstverpflichtungen und Selbstkontrolle auszugleichen; keinesfalls dürfen sie zu Gewinnzwecken ausgenutzt werden.
Artikel 8 Das Erzielen von Gewinn ist die Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit und den Bestand der Unternehmen und damit für dessen soziales und kulturelles Engagement. Korruption aber schadet dem Gemeinwohl, der Wirtschaft und den Menschen, weil sie systematisch zur Fehlallokation und zur Verschwendung von Ressourcen führt. Die Zurückdrängung und Abschaffung aller korrupten und unlauteren Praktiken, wie etwa Bestechung und Kartellabsprachen, Patentverletzung und Industriespionage, erfordern ein präventives Engagement, das Pflicht für alle Handelnden in der Wirtschaft ist.
Artikel 9 Die Überwindung von Hunger und Unwissenheit, Armut und Ungleichheit der Lebenschancen in allen Ländern des Globus ist ein großes Ziel einer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, die auf Chancengleichheit, Verteilungsgerechtigkeit und Solidarität zielt. Selbsthilfe und Fremdhilfe, Subsidiarität und Solidarität, privates und öffentliches Handeln sind je zwei Seiten einer Medaille. Sie konkretisieren sich vor allem in privaten und öffentlichen Investitionen im Wirtschaftssektor, aber auch in privaten und öffentlichen Initiativen zur Schaffung von Institutionen, die der Bildung aller Bevölkerungsteile und dem Aufbau eines Systems sozialer Sicherheit dienen. Grundlegendes Ziel all dieser Bestrebungen ist eine menschliche Entwicklung, die auf Förderung all jener Kompetenzen und Ressourcen abzielt, mit denen Menschen befähigt werden, ein selbstbestimmtes und menschenwürdiges Leben zu führen. Grundwerte: Wahrhaftigkeit und Toleranz Ethischer Bezugsrahmen: Wahrhaft Mensch sein heißt im Geist der großen religiösen und ethischen Traditionen: Statt Freiheit mit Willkür und Pluralismus mit Beliebigkeit zu verwechseln, der Wahrheit Geltung zu verschaffen; statt in Unehrlichkeit, Verstellung und opportunistischer Anpassung zu leben, den Geist der Integrität und Wahrhaftigkeit auch in den alltäglichen Beziehungen zwischen Mensch und Mensch zu pflegen.
Artikel 10 Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit sind Werte, ohne die nachhaltige und Wohlfahrt fördernde Wirtschaftsbeziehungen nicht gedeihen können. Sie sind Voraussetzungen für die Bildung von Vertrauen im zwischenmenschlichen Miteinander sowie im ökonomischen Wettbewerb. Zudem gilt es, das Recht auf Privatsphäre sowie persönliche oder berufliche Vertraulichkeit zu schützen.
Artikel 11 Die Vielfalt der kulturellen und politischen Überzeugungen, wie auch der individuellen Begabungen und der Kompetenzen von Organisationen sind eine mögliche Quelle der globalen Wohlfahrt. Ihre Kooperation zum wechselseitigen Vorteil setzt die Akzeptanz gemeinsamer Werte und Normen, gemeinsames Lernen und Toleranz gegenüber Anderssein voraus. Die Diskriminierung von Menschen wegen ihres Geschlechts, ihrer Rasse, ihrer Nationalität oder ihres Glaubens ist unvereinbar mit den Prinzipien eines globalen Wirtschaftsethos. Menschenverachtendes und Menschenrechtsverletzendes Handeln ist nicht zu tolerieren. Grundwerte: Gegenseitige Achtung und Partnerschaft Ethischer Bezugsrahmen: Wahrhaft Mensch sein heißt im Geiste der großen religiösen und ethischen Traditionen: statt patriarchaler Beherrschung oder Entwürdigung, die Ausdruck von Gewalt sind und oft Gegengewalt erzeugen, gegenseitige Achtung, Verständnis, Partnerschaftlichkeit. Jeder und jede Einzelne hat nicht nur eine unverletzliche Würde und unveräußerliche Rechte; alle Menschen haben auch eine unabweisbare Verantwortung für das, was sie tun und nicht tun.
Artikel 12 Wechselseitige Achtung und Partnerschaft der Beteiligten, gerade auch von Mann und Frau, ist sowohl Voraussetzung als auch Ergebnis wirtschaftlicher Kooperation. Sie basiert auf Respekt, Fairness und Aufrichtigkeit gegenüber dem Anderen, seien es nun die Verantwortlichen der Unternehmen, die Mitarbeiter, die Kunden oder andere Interessensträger. Achtung und Partnerschaft sind die unverzichtbare Basis, auf der auch die nicht intendierten negativen Konsequenzen wirtschaftlicher Interaktionen als gemeinsames Dilemma aller Involvierten akzeptiert und im gemeinsamen Bemühen aufgelöst werden können.
Artikel 13 Partnerschaft findet ihren Ausdruck auch in der Möglichkeit zur Teilhabe am Leben, den Entscheidungen und den Erträgen der Wirtschaft. Diese variiert je nach den kulturellen Voraussetzungen und den ordnungspolitischen Rahmenbedingungen eines Wirtschaftsraumes. Das Recht sich zusammenzuschließen und kollektiv seine Interessen verantwortungsbewusst wahrzunehmen ist jedoch ein Mindeststandard, der überall anzuerkennen ist. Schluss Alle Akteure sollen die international akzeptierten Verhaltensnormen des Wirtschaftslebens respektieren, schützen und an deren Verwirklichung im Rahmen ihrer Einflusssphäre mitwirken. Grundlegend dafür sind die von den Vereinten Nationen (UN) im Jahre 1948 proklamierten und inzwischen global anerkannten Menschenrechte und Menschenpflichten. Andere globale Leitlinien anerkannter transnationaler Institutionen, wie etwa der "Global Compact" der Vereinten Nationen, die "Declaration on Fundamental Principles and Rights at Work" der International Labour Organization (ILO), die "Rio Declaration on Environment and Development" und die UN "Convention Against Corruption", um nur einige zu nennen, stimmen überein mit den in dieser Erklärung festgehaltenen Erfordernissen eines globalen Wirtschaftsethos.
Erstunterzeichner
A.T. Ariyaratne, Gründer-Präsident, Sarvodaya Bewegung, Sri Lanka Leonardo Boff, Theologe und Schriftsteller, Brasilien Michel Camdessus, Gouverneur honoraire der Banque de France Walter Fust, CEO, Global Humanitarian Forum Prinz El Hassan bin Talal, Jordanien Margot Kässmann, Landesbischöfin von Hannover und Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland Georg Kell, Executive Director, UN Global Compact Office Samuel Kobia, Generalsekretär des Ökumenischen Rats der Kirchen Hans Küng, Präsident der Stiftung Weltethos Karl Lehmann, Kardinal, Bischof von Mainz Klaus M. Leisinger, CEO, Novartis Stiftung Peter Maurer, Botschafter und ständiger Vertreter der Schweiz bei den Vereinten Nationen Mary Robinson, Präsidentin von Realizing Rights: The Ethical Globalization Initiative Jeffrey Sachs, Direktor, The Earth Institute, Columbia University Juan Somavia, Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) Desmond Tutu, em. Erzbischof, Friedensnobelpreisträger Daniel Vasella, CEO, Novartis International Tu Weiming, Professor für Philosophie, Harvard Universität und Peking Universität Patricia Werhane, Professorin für Wirtschaftsethik, University of Virginia, Darden School of Business and DePaul University James D. Wolfensohn, ehemaliger Präsident der Weltbank Carolyn Woo, Dekanin, Mendoza College of Business University of Notre Dame Die Erklärung wurde verfasst von einer Arbeitsgruppe der Stiftung Weltethos: Prof. Dr. Heinz-Dieter Assmann (Universität Tübingen) Dr. Wolfram Freudenberg (Freudenberg-Gruppe) Prof. Dr. Klaus Leisinger (Novartis Stiftung) Prof. Dr. Hermut Kormann (Voith AG) Prof. Dr. Josef Wieland (Federführung, Hochschule Konstanz) Prof. h.c. Karl Schlecht (Putzmeister AG) Von der Stiftung Weltethos: Prof. Dr. Hans Küng (Präsident) Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel (Wissenschaftlicher Berater) Dr. Stephan Schlensog (Generalsekretär) Dr. Günther Gebhardt (Wissenschaftlicher Koordinator)
Tübingen, 1. April 2009 |