Meinhard Miegel: Exit – Wohlstand ohne Wachstum; Propyläen Verlag, Frankfurt 2010
Meinhard Miegel erweist sich als guter Analytiker – vor allem, was die derzeit bestehenden Verhältnisse in den frühindustrialisierten Ländern angeht. Seine Schlussfolgerung, dass der Wachstumswahnsinn heutiger Tage sehr bald ein Ende haben muss, ist richtig. Aber gar kein Wachstum? Ist das nicht zu weit gegriffen. Nun, Miegel, ist kühn und stellt es einfach auf Null – was dem Kapitalismus kurzerhand den Hahn abdreht (denn der ist "laut Statut" ohne Wachstum nicht denkbar). Andererseits aber hat er sich kaum vom System verabschiedet. Zahllose seiner Erscheinungsformen leben im Buch fort. Was also verspricht uns Miegel wirklich? Einen halben gesellschaftlichen Wechsel, dem weder der unmündige Bürger noch der clevere, macht- und geldgeile Weltwagenlenker folgen dürften oder ... den Altruismus der Reichen und Mächtigen, die nett und geldgeberisch für den Rest der weniger Betuchten sorgen? Hier schwingen Wunschdenken und Sloterdijkscher Spenden-Unsinn beliebig in fehlender Matrix. So gut Miegels Jetztzeit-Beobachtung ist, so offen bleiben die "Ausführungsbestimmungen", die Wegebeschreibungen für morgen. Er sagt nahezu nichts darüber, wer den notwendigen Paradigmenwechsel verkünden und dann auch durchsetzen muss. Ergibt sich dieser allein aus Vernunftsgründen – quasi automatisch, oder wird er doch eher als Folge von Katastrophen ins Bild geschickt? Dass Miegel wichtige andere, neben Wachstum und Wohlstand existierende Einflussgrößen ( z.B. den verheerenden Einfluss von Globalisierung und Freihandel, den Wettbewerb zwischen alter und neuer Welt, voraussichtliche wissenschaftlich-technische Entwicklungen, den Widerstand der Herrschenden, quasi unausrottbare negative Eigenschaften des Menschen etc. ) faktisch negiert oder nur schemenhaft aufkommen lässt, ist eine unzulässige Verkürzung – die, daran besteht kein Zweifel, Fehleinschätzungen auf der behandelten Teilstrecke nach sich zieht. Der Verfasser sagt nichts darüber, wie die „Welt-Gesamtheit“ künftig gestrickt sein könnte (angelehnt an jetzige Strukturen oder staatenlos etc.) und welch politischer Reformen sie letztlich bedarf. Dabei hätte er gut auf Ideen und Konstruktionen von Francis Fukuyama, Horst W. Opaschowski, Harald Müller, Ernst Ulrich von Weizsäcker oder Christian Felber eingehen können. Die aber ignoriert er offensichtlich, fischt stattdessen lieber bei Matthias Horx. Gleichwohl gibt Miegel eine Reihe wichtiger Anregungen und breitet zusätzlich eine Fülle interessanter, vor allem statistischer Fakten aus. Beides macht das Buch trotz der erwähnten Unzulänglichkeiten überaus lesenswert.
Ulrich Scharfenorth
Im Detail formuliert der Autor/reagiert der Rezensent:
S. 32: Ganz ähnliche Ergebnisse erbringen entsprechende Untersuchungen in anderen Ländern. Wieder und wieder zeigt sich, dass unterhalb eines bestimmten wirtschaftlichen Versorgungsniveaus das Interesse an materiellen Gütern hoch ist und diese ganz erheblich zum Wohlbefinden des Menschen beitragen. Wird jedoch dieses Niveau, das in Ländern wie Deutschland oder den USA pro Kopf der Bevölkerung bei einem jährlichen Einkommen von 20.000 US-$ liegt, überschritten, leisten weitere materielle Güter bei den meisten Menschen nur noch einen geringen und bei vielen überhaupt keinen Beitrag mehr zur Steigerung von Lebenszufriedenheit und Lebensglück.
S. 33: Deutschland, Europa und die Welt – so heißt es – brauchen auch deshalb Wachstum, damit alle, die dies wünschen, einer ertragreichen Beschäftigung nachgehen können .... Die Wirtschaft muss wachsen, damit die Menschen arbeiten können. Diese Sichtweise hat sich im Laufe von Generationen bei vielen so tief ins Hirn eingegraben, dass sie kaum noch zu sagen vermögen, ob sie arbeiten, um ihren Wohlstand zu mehren, oder ob sie ihren Wohlstand mehren, um arbeiten zu können.
S. 34: Mindestens ebenso wichtig ist jedoch, dass der Einzelne durch seine Erwerbsarbeit in ein soziales Umfeld eingebunden und Teil einer Gemeinschaft wird. Und nicht zuletzt definiert sich durch sie auch sein gesellschaftlicher Status.
S. 36: So haben sie es geschafft, dass sich in den zurückliegenden hundert Jahren in einem Land wie Deutschland die pro Kopf erbrachte Arbeitsmenge – gemessen in effektiv geleisteten Arbeitsstunden – halbiert und die Gütermenge reichlich verfünffacht hat. Das heißt, dass pro Stunde heute rund zehnmal soviel erwirtschaftet wird wie zu Beginn des 20.Jahrhunderts .... In entwickelten Volkswirtschaften erhöht sich die Produktivität jährlich um durchschnittlich zwei Prozent .... Wie die Geschichte zeigt, haben Gesellschaften in der Regel die Wirkungen dieses Produktivitätsfortschrittes in beide Richtungen gelenkt. Sie haben die Arbeitsmenge verringert und gleichzeitig die Wirtschaftsleistung erhöht. Doch inzwischen funktioniert diese Vorgehensweise in den wohlhabenden Ländern immer schlechter. Es fehlt an Nachfrage. Wie diese erzeugt werden kann, ist strittig. Die einen sehen die Lösung in mehr Umverteilung zugunsten wirtschaftlich Schwächerer, die anderen in mehr Deregulierung von Produktion und Konsum, und wieder andere in einem laxeren Umgang mit privaten und öffentlichen Schulden. Gemeinsam ist all diesen Konzepten, dass sie nirgendwo auf der Welt mit einiger Verlässlichkeit funktionieren .... (Die frühindustrialisierten Länder) werden nicht aufhören können, um der Entstehung von Arbeitsplätzen willen, das Wachstum der Wirtschaft voranzutreiben, gleichgültig, ob es Bedarf für zusätzliche Güter gibt oder nicht.
S. 38: Durch die Zunahme der Alten-Zahlen steigt nicht nur der Versorgungsaufwand. Noch wesentlich stärker steigt der Aufwand für Gesundheit und Pflege .... Hinzukommt, dass auch aufgrund des medizinischen Fortschritts der Mittelbedarf des Gesundheitssektors steigt .... Die Völker der frühindustrialisierten Länder sollten sich darauf einstellen, auch ohne Pro-Kopf-Wachstum ihre sozialen Sicherungssysteme und öffentlichen Haushalte stabil und ausgeglichen zu halten .... Erste Schritte in diese Richtung sind getan, beispielsweise mit der Einführung der Rente mit 67.
S. 42: Nein, mit altruistischen Motiven ist der ständige Drang zu materieller Wohlstandsmehrung nicht zu erklären. Weder verringert sich dadurch der Anteil Armer in den gutversorgten Ländern noch die Zahl Bedürftiger weltweit. Ist es nicht ganz normal, von allem mehr haben zu wollen, auch wenn durch dieses Mehr die Lebenszufriedenheit nicht weiter steigt? Ist der Mensch nicht einfach so? Ist das nicht seine Natur? Ja und nein. Ja ..., denn eine lange Evolution hat zwei Neigungen tief in ihm verankert. Wie alles Leben will auch der Mensch expandieren. Und wie alles höhere Leben sucht auch er unablässig nach Anerkennung und sozialem Status. Nein ..., denn diese Neigungen müssen ihren Niederschlag nicht zwangsläufig in materieller Wohlstandsmehrung finden.
S. 51: In unserer Zeit und in unserem Kulturkreis bedürfe Anerkennung – von hohen Orden, Auszeichnungen und Titeln abgesehen – in aller Regel materieller Attribute: eine Geldzuwendung, ein etwas größeres Büro, eine auch finanziell interessante Beförderung, vielleicht sogar ein Dienstwagen. Anerkennung, die ohne solche Attribute auszukommen versuche, werde nicht ernst genommen, bringe keinen Statusgewinn und werde im schlimmsten Fall sogar als Kränkung empfunden.
S. 54: Man stelle sich einmal vor, wir würden unsere irdischen Güter weiterhin schätzen wie bisher, aber sie verliehen kein gesellschaftliches Ansehen mehr. Es wäre unseren Mitmenschen gleichgültig, ob wir nach der neuesten Mode gekleidet sind, ein großes Auto fahren oder viel Geld auf dem Konto haben. Das alles würde einfach niemanden interessieren. Es wäre ohne gesellschaftliche Bedeutung. Ferner stelle man sich vor, gesellschaftlich hoch angesehen seien die Fürsorge für andere, Hilfsbereitschaft, Bildung, die Fähigkeit zu musizieren, zu dichten und zu malen, die Gabe, Mitmenschen heiter zu stimmen ... Kurz: Man stelle sich vor, das dem Menschen angeborene und überaus förderliche Ringen um Anerkennung und sozialen Status würde nicht länger als Materialschlacht ausgetragen. Um wieviel könnte die pro Kopf erwirtschaftete Güter- und Dienstemenge schrumpfen, ohne dass dies zu irgendwelchen Wohlstandseinbußen führen würde? Eine ... wirklichkeitsfremde Frage? Das mag sein. Sicher ist jedoch, dass die Menschheit sich ihr in naher Zukunft wird stellen müssen.
S. 55: Vieles spricht dafür, dass in den frühindustrialisierten und vielen anderen Ländern das Wachstum der Wirtschaft nicht mehr nur jenes Licht und Wärme spendende Feuer ist, das während langer Zeit das Leben der Menschen erleichtert und bereichert hat. Vielmehr ist es zu einer Ideologie geworden, die das Denken und Fühlen der Mehrheit steuert und sich nicht zuletzt deshalb rationalen Erwägungen und kritischer Reflexion weitgehend entzieht. Als Ideologie hat das Wachstum der Wirtschaft die prosaische Sphäre des Handfest-Irdischen verlassen und Züge des Metaphysisch-Religiösen angenommen. Wachstum hat sich in gewisser Weise zur Religion unserer Zeit entwickelt und bedarf als solche keiner rationalen Begründungen mehr. Wichtiger ist der Glaube. Die Entrückung des Wachstums ins quasi Kultische wird deutlich, wenn nicht nur einzelne Menschen ..., sondern ganze Völker, die längst zu großem Wohlstand gelangt sind, meinen, ihr Lebensglück hinge von der immer weiteren Mehrung dieses Wohlstandes ab; wenn Regierungen selbst reicher Länder erklären, ohne hohe Wachstumsraten seien ihre Gemeinwesen unregierbar und sei Demokratie nicht zu gewährleisten, wenn grundsolide Wirtschaftsunternehmen sich immer weiter aufblähen, bis sie schließlich platzen. In Fällen wie diesen ist Wachstum nicht mehr Mittel zur Erreichung eines übergeordneten Zwecks. Es ist Selbstzweck. .... Diese Sichtweise hat das wohltuende Feuer des Wachstums zu einem verzehrenden Brand angefacht, dem immer mehr zum Opfer fällt: Menschen, Tiere und Pflanzen; Landschaften, Städte und Kulturen; Familien, Freundschaften und Nachbarschaften; Nächsten-und Fernstenliebe; Lebenssinn und Lebensglück. Wo immer Weichen zu stellen sind – das Wachstum hat Vorrang. Menschen werden zu produktiven, sprich: wachstumsfördernden Gliedern der Gesellschaft erzogen. Pflanzen und Tiere werden unter Gesichtspunkten ihrer (Wachstums-)Nützlichkeit selektiert und manipuliert oder als unnütz ausgesondert. Landschaften und Städte werden nach ihren Wachstumspotentialen bewertet und entsprechend als "gut" oder "schlecht" eingestuft. Wachstumsstärkere Kulturen verzehren wachstumsschwächere. Familien, Freundschaften und Nachbarschaften bleiben auf der Strecke, wenn sie sich bei der Verfolgung materieller Wachstumsziele als hinderlich erweisen .... Nichts entkommt der Dominanz des Wachstums, jedenfalls nicht unbeschädigt.
S. 62: Allein für die Aufrechterhaltung von Lebenszufriedenheit und Funktionsfähigkeit westlicher Gesellschaften veranschlagen diese ein dauerhaftes jahresdurchschnittliches Pro-Kopf-Wachstum von mindestens zwei Prozent. Soll jedoch bei einem derartigen Wachstum in den westlichen Industrieländern die Kluft zwischen Reich und Arm nicht noch größer werden, als sie ohnehin schon ist, müsste sich das globale Brutto-Inlands-Produkt (BIP) – bei einem unterstellten Bevölkerungsanstieg von 6,9 auf 9 Milliarden Menschen – bis etwa 2100 (auf etwa 350 Billionen US-Dollar) versechsfachen .... Und um auch die Kluft zwischen Reich und Arm zu schließen, müsste bei einem jährlichen Pro-Kopf-Wachstum von zwei Prozent in den westlichen Gesellschaften die globale Wachstumsrate sogar auf vier Prozent steigen .... Bei einer rasanten Zunahme der Weltbevölkerung vergrößerte sich das globale BIP seit 1800 von 0,8 Billionen auf 61 Billionen US-Dollar. Numehr soll es bei deutlicher Verlangsamung der Bevölkerungszunahme binnen neunzig Jahren von 61 auf fast 2000 Billionen US-Dollar anschwellen. Erwartet wird nicht nur die Fortsetzung des durch die Industrialisierung in Gang gesetzten menschheitsgeschichtlich beispiellosen Wirtschaftswachstums der zurückliegenden zwei Jahrhunderte, sondern dessen extreme Beschleunigung. Das ist so bizarr und bar jedes Wirklichkeitsbezugs, dass es – freundlich betrachtet – als ein kleines Spiel mit Zahlen oder – weniger freundlich betrachtet – als wilde Phantasterei abgetan werden könnte, wenn nicht einflussreiche Institutionen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft genau solche Positionen vertreten würden. So hielt der Europäische Rat in seiner Lissabon-Strategie 2000 "eine durchschnittliche wirtschaftliche Wachstumsrate von etwa drei Prozent ... für die kommenden Jahre" für durchaus realistisch. 2004 erklärte sich der DGB bereit, "ein jährlich stetiges und nachhaltiges Wachstum von 3 Prozent" zu unterstützen, und er forderte die Bundesregierung auf, „alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, um diese Ziele zu erreichen. 2008 stellte sich die international agierende Unternehmensberatung McKinsey ebenfalls ausdrücklich hinter dieses Drei-Prozent-Postulat.
S.69: Abgesehen von der Verelffachung der Güter- und Dienstemenge, die in diesem Zeitraum pro Kopf der Weltbevölkerung erzielt worden ist, sind die hervorstechenden Merkmale: der voraussichtliche Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung von reichlich dreißig Jahren um 1800 auf etwa achtzig Jahre um 2050, die dadurch verursachte Verzehnfachung der Weltbevölkerung von 0,9 auf 9 Milliarden und der damit einhergehende rapide Verbrauch an natürlichen Ressourcen, Natur und Umwelt (→ rigoroser Verbrauch der Natur) .
S. 79: Könnten die Menschen in den frühindustrialisierten Ländern und nicht nur dort, ihren Empfindungen folgen – viele von ihnen würden aus dem rasenden Gefährt aussteigen, das da heißt: Fortschritt, Wachstum, Wohlstandsmehrung. Acht von zehn Deutschen empfinden ihr Leben als stressig, jeder dritte Berufstätige fühlt sich stark erschöpft oder sogar ausgebrannt. Sie sehnen sich nach Entschleunigung, Verlangsamung, Atempausen. Aber sie können nicht kürzer treten. Eine generationenlange Prägung hindert sie daran. Die wenigen, die es schaffen, bleiben als heimlich bewunderte Käuze am Wegrand zurück.
S. 89: In Deutschland beispielsweise sanken die Wachstumsraten pro Kopf von durchschnittlich sieben Prozent in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts über 3,5 % in den sechziger, 2,8 % in den siebziger, 2,2 % in den achtziger auf 1,5 % in den neunziger Jahren. In der ersten Dekade dieses Jahrhunderts werden sie voraussichtlich weiter auf durchschnittlich 0,5 % fallen ....Dabei kommen selbst die geschrumpften Zuwächse seit geraumer Zeit bei großen Teilen der Bevölkerung nicht mehr an. Das gilt in einem Land wie Deutschland besonders für abhängig Beschäftigte. Der Anteil, der ihnen vom Volkseinkommen als Arbeitseinkommen zufließt, die Bruttolohnquote, verminderte sich in Deutschland seit Anfang der neunziger Jahre von 71 auf 63 % .... Trotz steigender Stundenlöhne sank – in Preisen von 2008 – das durchschnittliche Jahresnettoeinkommen pro Arbeitnehmer von 1980 bis 2008 von rund 18.800 auf 18.000 Euro .... Hinzukommt, dass die Bevölkerung – nicht nur in Deutschland – wachsende Einkommenanteile abzweigen muss, um über die gesetzlichen Sicherungssysteme hinaus privat für das Alter sowie für den Krankheits- und Pflegefall vorzusorgen .... Und weiter werden die Einkommen geschmälert durch eine wachsende Zahl sogenannter Zuzahlungen, Kindergarten- und Studiengebühren und anderes mehr.
S.94: Die Meinungen hierzu prallen hart aufeinander. (Die einen fragen:) Schäden, Verluste? Was für Schäden? Was für Verluste. Das ist doch alles Panikmache. Von Menschen verursachte Klimaerwärmung, ansteigende Meeresspiegel, schmelzende Polkappen, Ozonlöcher, Wüsten ....das alles wiege doch gering im Vergleich zu den Segnungen, die die wirtschaftliche Entwicklung gebracht habe ... Das andere Extrem, zahlenmäßig kleiner, aber durchaus wortgewaltig, bilden jene, die lapidar erklären: Die Menschheit, allen voran die Völker der frühindustrialisierten Länder, haben durch ihre Form des Wirtschaftens, des Produzierens und Konsumierens, Natur und Umwelt bereits so schwer geschädigt, dass deren Gesundung in überschaubaren Zeiträumen ausgeschlossen sei ....
S. 95: Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte geht es um wirkliche Existenzfragen. Doch die Wissenschaft ist sich nicht einig und die Politik ratlos. S. 98: Die Zahl der Opfer verschmutzter Luft wird weltweit jährlich auf zwei bis drei Millionen Menschen veranschlagt. S. 100: Die Kosten, die die Veränderung der Luft verursachen – Verschmutzung und CO2-Befrachtung –, sind gigantisch. An der Spitze steht menschliches Leid: Tote, Kranke, Hungernde, Klimaflüchtlinge. Allein die Zahl Letzterer wird bis 2050 auf bis zu 200 Millionen Menschen geschätzt .... Die EU-Kommission beziffert diese Kosten allein bis 2020 auf weltweit jährlich rund 175 Milliarden Euro.
S. 101 ff: Das macht das Wasserangebot für den Menschen überschaubar: alles in allem kaum mehr als 0,25 % der globalen Wassermenge, ein Teil davon brackig .... Bereits jetzt leiden zwei Milliarden Menschen unter chronischer Wasserknappheit, davon die Hälfte unter akutem Wassermangel. Binnen 15 Jahren dürften sich diese Zahlen nach derzeitigem Kenntnisstand mehr als verdoppeln. S. 105: ... die Zahl solcher so genannter Todeszonen (in den Weltmeeren) nimmt zu. Gegenwärtig wird ihre Fläche auf insgesamt 245.000 Quadratkilometer geschätzt .... Nach einer Studie der Vereinten Nationen treiben heute bis zu 46.000 Plastikteile in jedem Quadratkilometer (Meeresfläche) .... Stellenweise bilden sie ganze Teppiche, den größten im Nordost-Pazifik .... Mittlerweile ist er so groß wie Mitteleuropa. S. 107 ff: Von den verbleibenden 95 Millionen Quadratkilometern (Landfläche) hat die Menschheit bis jetzt reichlich die Hälfte, schätzungsweise 50 Millionen Quadratkilometer, unmittelbar in Beschlag genommen, das entspricht 140-mal der Fläche Deutschlands. Auf ungefähr einem Zehntel der Fläche hat sie ihre Städte, Dörfer und Gehöfte sowie Straßen, Eisenbahnen, Flugplätze und Hafenanlagen errichtet. Auf den übrigen neun Zehnteln ackert, sät und erntet sie, lässt sie ihr Vieh weiden und bewirtschaftet sie ihre Wälder .... Um Acker- und Weideland zu gewinnen, werden täglich etwa 400 Quadratkilometer Wald abgeholzt, ohne wieder aufgeforstet zu werden .... Sollte sich erhärten, was Wissenschaftler meinen erkannt zu haben, dann haben die in neuerer Zeit praktizierten Formen von Ackerbau und Viehzucht dazu geführt, dass zwei Drittel der weltweit landwirtschaftlich genutzten Fläche heute eine deutlich geringere Bodenqualität haben als vor fünfzig Jahren. Vierzig Prozent aktuell oder potentiell nutzbarer Flächen sollen sogar schwer geschädigt sein. Ihre Defizite, abgesehen von zunehmender Versalzung: Nährstoffmangel, übermäßige Bodenverdichtung, chemische Verschmutzung und Verlust an organischem Material .... Eine weitere Ausdehnung landwirtschaftlich nutzbarer Flächen ist aus der Sicht dieser Wissenschaftler nicht mehr möglich. Schon heute verbrauche die Menschheit annähernd ein Drittel mehr an biologischen Ressourcen, als die Erde unbeschadet verkraften könne.
S. 111: Reichlich eine Milliarde Menschen ... hungern zu Beginn des 21. Jahrhunderts genauso wie die Menschen in den schlimmsten Zeiten gehungert haben .... Zu den Hungernden gesellen sich weitere rund zwei Milliarden unfreiwillig Mangelernährter .... Nur knapp ein Drittel der Weltbevölkerung ist im Großen und Ganzen auskömmlich, die anderen reichlich zwei Drittel sind krass unter- bzw. überversorgt.... Untersuchungen zeigen, dass beispielsweise Briten ein Drittel ihrer Esswaren und Österreicher ein Zehntel ihrer verpackten Lebensmittel unangebrochen wegwerfen .... Welche Möglichkeiten bleiben? Fisch statt Fleisch? 88 % der Fischbestände in den europäischen Gewässern sind stark befischt bzw. überfischt. In der übrigen Welt sieht es kaum anders aus. Laut Welternährungsorganisation ist bei 52 % der wichtigsten Fischarten die Höchstgrenze für den Fang erreicht, 19 % gelten als überfischt und mithin gefährdet und weitere 9 % als völlig erschöpft .... Ja, die Erde kann zehn Milliarden Menschen ernähren, aber nach dem derzeitigen Wissens- und Könnensstand nur solche, die jeweils ungefähr so viel – das heißt: so wenig – konsumieren wie heute im Durchschnitt ein Inder. Von Menschen mit den Ess- und Trinkgewohnheiten eines Europäers könnte sie höchstens die Hälfte oder weniger tragen, von Menschen mit den Essgewohnheiten von US-Amerikanern allenfalls 2,5 Milliarden.
S. 118: Insgesamt gelten gegenwärtig 16 Metalle, ohne die technischer Fortschritt nur schwer möglich ist, als knapp oder sehr knapp .... Bei Erdöl ... wird der Gipfel der Förderung für die Zeit um 2020, bei Erdgas für die Zeit um 2035 erwartet (Einspruch: Diese Peaks werden vermutlich sehr viel früher erreicht. Für Öl wird der Höhepunkt der Förderung zwischen 2006 und 2016 verortet. u. s.). Dann werden die Fördermengen ... kontinuierlich zurückgehen. Erdöl dürfte in etwa vierzig Jahren, Erdgas in voraussichtlich sechzig Jahren keine bedeutsame Rolle mehr bei der Energieversorgung spielen. Ähnliches gilt für Uran. Lediglich die Reichweite der Kohle erstreckt sich noch bis ins nächste Jahrhundert. Doch lange ehe das letzte Fass Erdöl, der letzte Kubikmeter Erdgas, das letzte Kilo Uran und die letzte Tonne Kohle verbraucht sein werden, werden die Energiepreise steigen – und zwar selbst dann, wenn Aus- und Aufbau erneuerbarer Energiequellen weiterhin zügig voranschreiten .... Fraglich ist jedoch, wie viel Zeit zwischen dem Ende des Energieflusses aus Kohle, Erdöl, Erdgas und Uran und der vollen Entfaltung alternativer Energieträger liegen wird. Einige Auguren sprechen von einem kaum wahrnehmbaren, gleitenden Übergang, andere von einer längeren Periode knapper und teurer Energie um die Mitte dieses Jahrhunderts oder sogar noch früher. Erst für Ende dieses Jahrhunderts wird mit einiger Verlässlichkeit damit gerechnet, dass der Umstieg auf erneuerbare Energien weitgehend gelungen sein wird.
S. 127 ff: Schon für 2050 erwarten die Vereinten Nationen eine globale Geburtenrate, die nicht mehr sehr viel höher ist als die derzeitige europäische, wobei die Faustregel gilt: Je entwickelter eine Region, desto geringer die Zahl der Kinder. Europa, aber auch Nordamerika und Teile Asiens werden deshalb als künftig besonders kinderarm, Afrika hingegen als noch immer vergleichsweise kinderreich eingeschätzt .... Empirisch eindeutig ist ferner, dass anders als in der vorindustriellen Zeit mit dem Voranschreiten der Industrialisierung nicht nur mehr Individuen, sondern ganze Völker altern – und schließlich die ganze Menschheit .... Von 1950 bis heute erhöhte sich die durchschnittliche Lebenserwartung der Weltbevölkerung von 46 auf 66 Jahre, und bis 2050 dürfte sie um ein weiteres Jahrzehnt auf dann 76 Jahre steigen .... In keinem einzigen frühindustrialisierten Land ... ist die Geburtenrate auf längere Sicht hoch genug, um den Bestand der Bevölkerung zu erhalten .... Was liegt da näher, als sich zu sagen: Kein oder nur ein Kind zu haben ist doch auch recht angenehm. Wozu Kinder? Es gibt doch soviel anderes Schöne auf der Welt! Wo Menschen solche Optionen haben, haben es Kinder schwer. In materiell bedürftigen, wenig gebildeten und deshalb optionsarmen Gesellschaften haben Kinder ein gewisses Monopol bei der Gestaltung von Lebensentwürfen. Was sollen die Menschen sonst tun, als zu arbeiten und Kinder groß zu ziehen? .... Diese Kinder (in den westlichen Gesellschaften) dürfen nicht rasten und ruhen, müssen mit den Besten in der Welt mithalten und sollen möglichst an der Spitze stehen. Vor allem aber sollen sie wirtschaftlich wachsen, wachsen, wachsen. In Gesellschaften, die solchen Maximen anhängen, gibt es nur wenig Raum für Kinder. Sie sind strukturell kinderarm, gleichgültig, wie viele Krippenplätze und Ganztagsschulen sie bereitstellen.
S. 149: Fragt man die Erwerbsbevölkerung Deutschlands, in welchem Alter sie am liebsten in Rente gehen möchte, liegt der Wunschwert bei durchschnittlich 61,1 Jahren. Keine Alters- und Einkommensgruppe wünscht sich auch nur annähernd ein gesetzliches Rentenalter von 65, geschweige denn von 67 Jahren .... Vielen ist ihr Berufsalltag zu stressig. Sie fühlen sich müde, lustlos und ausgebrannt. Von den vierzig Millionen Erwerbstätigen Deutschlands stehen 0,8 Millionen ihr Tagewerk nur bei regelmäßiger Einnahme von Psychopharmaka durch. Weitere zwei Millionen benutzen sie gelegentlich, und acht Millionen finden es in Ordnung, hin und wieder zu ihnen zu greifen ....Doch nicht selten reichen Psychopharmaka, Alkohol und auch meditative Übungen nicht aus. Die Gestressten leiden unter Essstörungen, Angstzuständen, Zwangsvorstellungen oder Depressionen .... Diesen Gescheiterten stehen die überaus Erfolgreichen gegenüber .... Diese Mehrheit ist bislang noch gesellschaftsprägend .... Etwa 2005 war die Einkommensoberschicht in Deutschland auf deutlich mehr als zwanzig Prozent und die Einkommensunterschicht auf deutlich mehr als 25 % angewachsen. Entsprechend stellen mittlere Einkommensbezieher nur noch reichlich die Hälfte der Bevölkerung mit weiter fallender Tendenz. Die westlichen Gesellschaften driften einkommens- und vermögensmäßig auseinander.
S. 156: In ihrem Wachstumswahn haben sich zunächst die Völker der frühindustrialisierten Länder und mittlerweile große Teil der Menschheit heillos übernommen. Nicht nur verbrauchen sie unersetzliche Rohstoffe, Natur und Umwelt in rasender Geschwindigkeit, auch die nachwachsenden Ressourcen reichen nicht aus, um die Gier zu befriedigen. Bis Mitte der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts bestand noch ein Gleichgewicht zwischen dem Verbrauch solcher Ressourcen und ihrer globalen Erneuerungsfähigkeit. Jetzt ist bereits im September aufgezehrt, was bis Silvester hätte reichen müssen .... Die hemmungslose Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Privathaushalten ist zum Normalverhalten westlicher Gesellschaften geworden. Sich zu verschulden gilt als Ausdruck von Lebensfreude, Fortschrittsglauben und Vertrauen in die Zukunft .... So weit hat es die westliche Welt gebracht: Sie hat ihren Wohlstand in erheblichem Maße auf einem Schuldenberg errichtet.
S. 159 ff: Wachstum und Wohlstand – eine echte Symbiose hat es zwischen diesen beiden nie gegeben. Wachstum ist nicht Wohlstand, sondern enthält allenfalls Wohlstandselemente. Um diese zu ermitteln, ist zu klären, wie sich Aufwand und Ertrag, Verlust und Gewinn von Wachstum zueinander verhalten .... Dass der Bau von Wohnungen Wachstum bedeutet, ist unbestritten. Und unbestritten ist auch, dass dieses Wachstum den Wohlstand mehrt, wenn die Bevölkerung nicht ausreichend mit Wohnraum versorgt ist. Was aber ist, wenn es bereits genügend Wohnungen gibt und durch den Bau weiterer der Bestand an Wert verliert. Und welchen Einfluss auf den Wohlstand der Menschen hat die Zersiedelung und Versiegelung von Fläche, der Verbrauch von Ackerland, die Denaturierung von Landschaft oder der Lärm entlang der zusätzlichen Verkehrswege. Wird alles das in die Betrachtung einbezogen, kann sich herausstellen, dass durch den Bau der Wohnungen zwar Wachstum, aber kein Wohlstand erzeugt worden ist .... Kann, darf und muss der Schlafentzug eines lärmgeplagten Bürgers samt möglicher Folgeerkrankungen gegen die Vorteile einer ausgebauten Straße aufgerechnet werden? Oder wie geht das Versiegen einer Quelle in die Rechnung ein oder die zunehmende Zahl verwahrloster Kinder? .... Um die Wohlstandselemente von Wirtschaftswachstum wenigstens annäherungsweise festzustellen, bedarf es weiterer Informationen. Zu ihnen gehören: Erstens, welchen Wert haben die nicht erneuerbaren Ressourcen, die durch das jeweilige Wachstum für alle Zeit verbraucht werden, und hält sich der Einsatz erneuerbarer Ressourcen im Rahmen regionaler und globaler Regenerationsfähigkeit? Zweitens, was sind die Kosten für die Beseitigung aktuell wachstumsbedingter Schäden an Umwelt und Natur? Drittens, was sind die Kosten für die Beseitigung wachstumsbedingter Beeinträchtigungen, die Individuen und Gesellschaft erleiden? Und viertens, wie viel wird von dem jeweiligen Wachstum benötigt, um Altlasten früheren Wirtschaftens ... abzutragen? Nur wenn das Wachstum höher ist als die Summe dieser Aufwendungen, steigt der materielle und vielleicht auch der immaterielle Wohlstand der Bevölkerung .... Fast nirgendwo wurden Rückstellungen für Umweltschäden oder ausgebeutete Rohstoffquellen gebildet, wurde auch nur der Versuch unternommen, Transportkosten zutreffend auszuweisen oder den Aufwand dafür zu beziffern, den der Zerfall von Familien verursacht. .... Die Wohlstandsgewinne, die die Wachstumsraten der Wirtschaft in der Vergangenheit vorgespiegelt haben, sind in erheblichem Umfang auf diese Art der Buchführung zurückzuführen, bei der der Aufwand so weit wie möglich vernachlässigt wurde.
S. 171 ff: Von Jahr zu Jahr wird deutlicher werden, dass der auf Wirtschaftswachstum gegründete Wohlstand die Wohlstandsform einer historischen Epoche war, die mit dem 20. Jahrhundert endete. Der Wohlstand des 21. Jahrhunderts ist ein anderer. Zwar wird auch er bedeutende materielle Komponenten enthalten. Sie werden aber nicht groß genug sein, um die bisherigen Wirtschafts- und Lebensformen fortführen zu können. Vielmehr wird dieser Wohlstand in höherem Maße immateriell sein .... Vordringlich muss der Mensch die Frage beantworten, was Wohlstand für ihn künftig sein soll. Bisher bestand er vornehmlich aus einer großen Menge materieller Güter. Nachdem sich dieses Konzept erschöpft hat, ist die nahe liegende Alternative, möglichst wenig von diesen Gütern zu brauchen, also der Maxime zu folgen: Wohlstand heißt nicht, viel zu haben, sondern wenig zu benötigen. Dies ist kein verkappter Verzichtsappell. Denn wer seine Lebensführung darauf eingestellt hat, wenig zu benötigen, der verzichtet auf nichts, wenn er das Wenige hat. Im Gegenteil. Er hat Zeit und Kräfte frei für Anderes .... Die Menschen sollen leben, wie sie es für richtig halten – ihre Häuser streichen, ihre Kühlschränke füllen und ihre Weihnachtsgeschenke kaufen. Doch sollen sie sich nicht wundern und erst recht nicht klagen, wenn ihr materieller Wohlstand künftig nicht mehr wächst und voraussichtlich sogar abnimmt. Das ist in der Vergangenheit so programmiert worden. Die Wirtschaft mag wachsen, stagnieren oder schrumpfen, die BIP-Zahlen steigen oder fallen – der materielle Wohlstand breitester Bevölkerungsschichten wird so oder so nur in eine Richtung gehen: abwärts .... Allerdings sind alle diese Betrachtungen müßig, weil sich das Vermögen der Reichen zum größten Teil gar nicht verteilen lässt, jedenfalls nicht real. Es besteht nämlich aus Büros, Hotels, Werkshallen, Maschinen, kurz: es besteht weit überwiegend aus Arbeitsplätzen, sei es in Form von Eigen – oder Fremdkapital .... Stagniert oder sinkt der materielle Wohlstand, weil die Grenzen des Wachstums erreicht sind, können die Völker der frühindustrialisierten Länder dem nur in bescheidendem Maße durch Umverteilungsmaßnahmen beikommen. Das wirft schwierige Fragen auf. Denn wie soll sich die Leistung monetär auszahlen und gleichzeitig das Absinken substanzieller Bevölkerungsteile in relative Bedürftigkeit vermieden werden, wenn die Wirtschaft in ihrer Gesamtheit keine Zuwächse materiellen Wohlstands mehr erzeugt ...? Sicher ist die Vermeidung relativer Bedürftigkeit nur dann möglich, wenn sich die Einkommens- und Vermögensschere nicht immer weiter öffnet .... Damit ist eine der empfindlichsten Schwächen wachstums- und wohlstandsfokussierter Gesellschaften angesprochen. Sie können Leistung kaum anders als materiell/monetär honorieren, überindividuelle Wertschätzung kaum anders zum Ausdruck bringen. Ihr Anreiz- und Belohnungssystem ist äußerst beschränkt ... . Nach der Wachstumsfalle drohen die wachstums- und wohlstandsfokussierten Gesellschaften jetzt auch in eine von ihnen selbst gestellte Armutsfalle zu tappen.
S. 190: Der Gesundheits- Pflege- und Betreuungssektor wird in einem Land wie Deutschland Millionen zusätzlicher Arbeitskräfte binden, von deren Wirken maßgeblich individueller und kollektiver Wohlstand abhängen. Wohlstand – das werden künftig weniger prall gefüllte Konten, Güter oder Reisen sein als vielmehr die Einbindung und Versorgung von wachsenden Bevölkerungsteilen, die der Zuwendung durch Dritte bedürfen .... Wer soll das bezahlen? Da zusätzliche Mittel kaum zur Verfügungstehen, werden viele Dienste auch zu bescheidenem Lohn erbracht werden müssen – oder die Bevölkerung verarmt.
S. 196: Im 21. Jahrhundert bietet sich erstmals die wirkliche Chance, dass weitaus mehr Menschen als bisher ihre existentielle Abhängigkeit von einem Arbeitgeber ganz oder wenigstens teilweise beenden können, indem sie ihre eigene Erwerbsgrundlage schaffen. Ursächlich sind hierfür vor allem vier Entwicklungen. Erstens ist die Zahl derer, die unmittelbaren Umgang mit klassischen Produktionsmitteln wie Boden und dergleichen haben, klein geworden. Und auch die eigentliche Produktion benötigt immer weniger Arbeitskräfte .... Zweitens ist der Bildungs- und Informationsstand der Bevölkerung ... erheblich gestiegen. Drittens erlauben neue Kommunikationstechniken und Formen der Arbeitsorganisation selbst in hocharbeitsteiligen Volkswirtschaften einen hohen Grad der Abstimmung und Vernetzung .... Und viertens gibt es anders als in früheren historischen Perioden, kaum Bemühungen, Arbeitsplatzabhängigkeiten zu fördern und zu pflegen. Staat und Gesellschaft sind sogar im Gegenteil bereit, möglichst vielen den Weg in die berufliche Selbstständigkeit zu ebnen ....Wie einst Sklaverei und Leibeigenschaft ihre wirtschaftliche Nützlichkeit und gesellschaftliche Einsichtigkeit verloren, so befindet sich jetzt die abhängige Beschäftigung im Zustand allmählicher Auflösung .... Am Ende dieses Jahrhunderts dürften die westlichen Gesellschaften keine Arbeitnehmergesellschaften mehr sein .... Im 21. Jahrhundert können nicht nur die Barrieren zwischen Erwerbsarbeits- und Nichterwerbsarbeitszeit, sondern auch diejenigen zwischen selbstständiger und abhängiger Beschäftigung abgesenkt oder auch ganz beseitigt werden .... Wo immer möglich sollte abhängige Beschäftigung gepaart sein mit profitabler selbstständiger Tätigkeit .... Anders als bisher wird nicht die schizophrene, sondern die multiple Persönlichkeit gesellschaftsprägend sein. Freilich erfordert dies eine Umgestaltung gesetzlicher und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, zuvorderst die der sozialen Sicherungssysteme .... Sofern das nicht schon geschehen ist, werden sie ihre Verankerung in der abhängigen Beschäftigung und der tradierten Dualität von Arbeitgebern und Arbeitnehmern verlieren.
S. 201 ff: Heute beansprucht der Sozialstaat rund 32 % des Brutto-Inlands-Produktes (BIP) – das sind in Deutschland mehr als 750 Milliarden Euro im Jahr (BIP) .... Solche Summen zu beschaffen ist mühsam, zumal sie von Jahr zu Jahr größer werden. Der Staat steckt in der Klemme. Bei der Bevölkerungsmehrheit war noch nie viel zu holen (Einspruch: Es wurde fast immer nur bei dieser Gruppe abgezockt!), und die zahlende Minderheit ist zunehmend unwillig geworden. Sie weiter zu vergrätzen ist riskant. Denn sie finanziert nicht nur die meisten Arbeitsplätze, sie schafft sie auch .... Dieser Zwickmühle hat sich der Staat bislang immer wieder durch (herkömmliches) Wirtschaftswachstum entziehen können .... Ohne ein solches Wachstum muss die Frage nach dem Sozialstaat von Grund auf neu gestellt werden .... Auch künftig wird der Staat sozial sein, sozial sein müssen, wenn er von Dauer sein will. Gerade deshalb wird er aber nicht umhinkommen, den breiten Strom materieller Leistungen spürbar einzudämmen .... Nimmt der materielle Wohlstand ab, wird es nicht möglich sein, durch Umschichtungen in den öffentlichen Haushalten das derzeitige Sozialleistungsniveau aufrechtzuerhalten .... Deshalb muss die Politik die Bürger darauf vorbereiten, dass sie künftig nicht mehr die gewohnten Sozialleistungen erhalten werden, erhalten können .... Warum nicht freimütig bekennen, dass ... die Alterseinkommen sinken werden. Das ist politisch gewollt und in der Sache richtig .... Und ebenso offen sollten die Leistungskürzungen in den übrigen Sozialsystemen zur Sprache kommen, von der Kranken- über die Pflege- bis hin zur Arbeitslosenversicherung ... (Einspruch: Bevor es erneut an die Leistungskürzungen der Gering- und mäßig Verdienenden geht, sind ... müssen die Vermögenssteuer für die Reichen eingeführt/erhöht, Steuerflucht und Mittelverschwendung eingedämmt und die Ausgaben für die Rüstung gesenkt werden!). Auch dort, wo Sozialdemokraten und Sozialisten regieren, welkt der Sozialstaat .... In zwanzig Jahren werden staatliche Sozialleistungen allenfalls die Existenz der Menschen sichern können, nicht ihren gewohnten Lebensstandard .... In den kommenden Jahrzehnten wird die steuerfinanzierte Grundversorgung im Alter, bei Krankheit, im Pflegefall und bei sonstigen staatlichen Transferansprüchen zur Regel werden .... Die Lücken die beim materiellen Wohlstand auftreten, dürften gefüllt werden durch die immateriellen Wohlstandsgewinne stabilerer zwischenmenschlicher Beziehungen. Die Familie wird hierbei eine zentrale Stellung einnehmen .... Die Familien werden viel von dem auffangen müssen, was dem Staat entgleitet (Einspruch: Geht es mit der Globalisierung so weiter, dann dürfte es nach Horst W. Opaschowski künftig drei Gruppen von Arbeitnehmern geben, u. a. den zahlenmäßig großen Block der so genannten Arbeits-Nomaden mit zwei bis vier Rund-um-die-Uhr-Jobs. Diese Leute sind schon aus dem irrwitzigen Zeitreglement heraus nicht mehr in der Lage, eine Familie zu gründen). .... Menschen- und sozialverträglicher ist es, das enge Korsett des Sozialstaates zu lockern und die Wohlhabenden zu motivieren, freiwillig mehr zu geben, als sie bislang gezwungenermaßen geben müssen. Doch warum sollten sie das tun? ... Die moderne Glücksforschung kommt damit zu keinem anderen Ergebnis als die Menschen früherer Zeiten: Geben ist seliger als Nehmen (Einspruch: Das ist wirklichkeitsfremder Unsinn a la Sloterdijk. Die Reichen werden nie und nimmer bereit sein, freiwillig mehr zu geben als man ihnen heute über Steuern "abzwingt". Zudem ist bei Spendenbeliebigkeit keine feste Planungsgröße gegeben).
S.213: Viele Menschen und viel BIP – darauf ist das Miteinander der Völker zu Beginn des 21. Jahrhunderts im Wesentlichen zusammengeschrumpft. Wer hier hohe Werte vorzuweisen hat, steht – gleichgültig, wie es sonst um sein Land und seine Gesellschaft bestellt ist – weit oben auf der Skala internationalen Ansehens .... Diesen Wettlauf kann sich die Menschheit im 21. Jahrhundert nicht mehr leisten .... Entscheidend ist vielmehr der kulturelle Beitrag der Völker.
S. 219: Zuwanderer, die sich nicht dauerhaft in die aufnehmende Gesellschaft einbringen wollen, sollten konsequent als Menschen mit einem zeitlich begrenzten Aufenthaltsinteresse behandelt werden. Integrationsbemühungen erübrigen sich beiderseitig, ebenso allerdings anhaltende Unterstützungsleistungen von Seiten der einheimischen Bevölkerung. Zweitens muss das Erlernen der Landessprache für alle dauerhaft Zuwandernden obligatorisch sein. Hierzu gehören auch Prüfungen. Und drittens darf es weder offene noch verdeckte Diskriminierung gegenüber denen geben, die sich rechtmäßig in einem Land aufhalten und Glieder seiner Gesellschaft sein wollen .... Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert großer Bevölkerungsströme und – mit ihnen einhergehend – kultureller Umwälzungen sein. Unter dem Druck hinzukommender Kulturen werden sich die Kulturen von Deutschen, Franzosen und allen anderen Völkern nachhaltig verändern.
S. 223: Ohne die beschlossene Anpassung (Rente mit 67 Jahren) würde die Rentenbezugsdauer auf 21 bis 22 Jahre zunehmen und das nach vielleicht 35 Jahren der Erwerbstätigkeit. Solche Ziele können nur Organisationen und Bevölkerungsgruppen verfolgen, die sich mental im 19. Jahrhundert vergraben haben (Einspruch: Wer soll die Voraussetzungen für altersgemäße Arbeitsplätze in der Privatwirtschaft schaffen – ein Diktator?) .... Kein größeres Unternehmen wird auf ältere Arbeitnehmer verzichten können und diejenigen, die sich nicht in allernächster Zeit darauf einstellen ..., werden aus dem Markt ausscheiden (Einspruch: Diese pauschale Annahme ist lächerlich. Nur wenn sich Arbeitnehmer auf stark reduzierte Löhne, ihnen zudiktierte Arbeitsplätze und unbequeme Arbeitsregime, sprich: totale Verfügbarkeit, einstellen und auf diese Weise bisher nicht besetzte Nischen mit entsprechendem Mehrwert für Konzernbosse und Aktionäre bedienen, werden die Arbeitgeber auch verstärkt ältere Mitarbeiter akzeptieren. Doch auch dann wird die Zustimmung branchenbedingt unterschiedlich ausfallen. Als Alternative gibt es immer noch den "Topf" der jüngeren und "preiswerten" Arbeitslosen und Zuwanderer. Letztere dürften im Zuge des Brain Drain nach wie vor in allen Industrieländern auflaufen).
S. 226: Gesellschaften, die im 21. Jahrhundert angekommen ... sind, entwickeln intelligentere und menschlichere Arbeitszeitreglungen. Einerseits geben sie arbeitsfähigen Menschen möglichst lange Gelegenheit, sich auch in Erwerbsarbeit zu entfalten. Für viele Ältere bedeutet das ein interessanteres und erfüllteres Leben, als sie es heute oft führen. Andererseits ist für alle, die nicht das Glück haben, ihren Beruf als Berufung auszuüben, von Beginn des Erwerbslebens an mindestens ein Sechstel des Jahres frei (Einspruch: Hier wäre ein straffer, völlig neu strukturierter Konsens zwischen Staat, Bevölkerung und Privatwirtschaft erforderlich. Den zu erreichen, ist in einer globalisierten, von immer schärferem Wettbewerb bestimmten Welt nicht möglich. Zum einen fühlen sich Privatunternehmen nur ihrer eigenen Existenzfähigkeit, nicht aber dem Gemeinwohl gegenüber verpflichtet – ein Grundprinzip des Kapitalismus und der Marktwirtschaft. Zum anderen droht auch in Zukunft die neoliberale Peitsche, die eine totale Verfügbarkeit von Arbeitskräften – je nach konjunktureller Gegebenheit – fordert).
S. 228: ... Denn alles, was die wirtschaftlich Schwachen in den frühindustrialisierten Ländern heute einsichtig vorbringen, kann von den wirtschaftlich noch Schwächeren dieser Welt mit viel größerer Einsichtigkeit vorgebracht werden Ihr Bedarf an materiellen Gütern ist wirklich ungesättigt. Nicht zuletzt deshalb müssen sich die Völker der frühindustrialisierten Länder bis auf Weiteres hinten in der Reihe anstellen (Einspruch: ein naiver Wunsch, dem die reale Welt schroff entgegensteht!)
S. 230: Mit der gesellschaftlichen Fokussierung auf Wirtschaftswachstum und materielle Wohlstandsmehrung änderten sich die Bildungsideale erneut. Nunmehr hatte Bildung vor allem die Arbeits- und Beruftstauglichkeit zu fördern .... Heute ist der Leitstrahl ... die Befähigung zur Ausübung eines möglichst lukrativen Berufes .... Die Folge sind formal Gebildete, die (von anderen Dingen) kaum etwas wissen .... Das überkommene Bildungswesen hat erheblich dazu beigetragen, dass emotional-soziale Begabungen verkümmert sind oder sich nicht so entwickelt haben, wie dies möglich und auch nötig gewesen wäre. Während intellektuelle Begabungen sorgsam aufgespürt und gefördert und selbst die Unbegabten noch auf intellektuell getrimmt werden, bleiben emotional-sozial Begabte, diejenigen, die das wache Auge für den Mitmenschen und dessen Bedürfnisse haben, häufig unbeachtet. Gerade sie aber werden in einer erschöpften, stark gealterten und kulturell heterogenen Gesellschaft bitter benötigt .... Auch solche Begabungen muss das Bildungssystem des 21. Jahrhunderts fördern und honorieren.
S. 235: Ein solcher Bewusstseinswandel ist Voraussetzung für die Überwindung der immer wieder kehrenden Krisen. Diese Krisen liegen nämlich in der Logik eines Systems, das einerseits alles auf die Karte Wachstum und materielle Wohlstandsmehrung setzt, andererseits aber unfähig ist zu sagen, wann diese Karte ausgereizt ist .... (Frage der IMMERWEITERSO-Apologeten:) Was wollt ihr Kritiker eigentlich? So ist nun einmal dieses Wirtschafts-und Finanzsystem – es gibt kein besseres. Das hätten inzwischen auch Russen, Chinesen und andere erkannt. Gleichgültig, welche politische Orientierung sie hätten .... Die Alternative: Die Völker namentlich der frühindustrialisierten Länder ändern ihre Blickrichtung, geben ihre Fokussierung auf Wirtschaftswachstum und materielle Wohlstandsmehrung auf und orientieren sich neu. Das heißt nicht, dass sie ihre wirtschaftlich-materiellen Grundlagen vernachlässigen. Diese sind und bleiben wichtig. Aber ihre Exklusivität und existentielle Bedeutung verringert sich. Sie werden wieder zu dem, was sie eigentlich sind: Teil einer viel umfassenderen, facettenreicheren menschlichen Kultur, die neben materiellen zahllreiche nichtmaterielle Aspekte umfasst und erst in ihrer Gesamtheit zur Quelle individueller Zufriedenheit und gesellschaftlicher Stabilität wird. Dies wieder bewusst zu machen ist eine zentrale Aufgabe künftiger Bildung (Anmerkung: Das muss dann aber gesamtgesellschaftlich und über die Ländergrenzen hinweg so gewollt sein, denn ein regionaler oder nationaler Paradigmenwechsel ist unter beibehaltenem Wettbewerbsdruck nicht möglich. Hierzu aber sagt Miegel nichts).
S. 238: Es ist die große Schwäche wachstumsfokussierter Gesellschaften, dass sie Wohlstand nicht in seiner ganzen Fülle, sondern vorrangig nur in seinen materiellen Erscheinungsformen entfalten und pflegen. Dadurch sind sie materiell reich und spirituell arm, und die für sie bange Frage ist: Wird die Bevölkerung friedlich und zufrieden bleiben, wenn die spirituelle Armut sichtbar wird, weil der materielle Reichtum schwindet? Die Angst vor der Beantwortung dieser Frage treibt sie an, mit immer riskanteren Vorgehensweisen Wirtschaftswachstum zu erzeugen, oder wenigstens so zu tun. Doch das wird auf Dauer nicht gelingen. Selbst wenn alle wächst, was wachsen kann, ohne die Lebensgrundlagen der Menschheit zu zerstören, wird es nicht reichen, um, wie in der Vergangenheit, durch materielle Wohlstandsmehrung Zufriedenheit und Stabilität zu gewährleisten. Deshalb müssen materielle Wohlstandsverluste durch immaterielle Wohlstandsgewinne zum Ausgleich gebracht werden ... An die Stelle des wachstumsbasierten Wohlstandes tritt ein Wohlstand, der Ausdruck menschlicher Kultur in all ihrer Vielfalt. Zu dieser Vielfalt gehört ohne Zweifel auch die Wirtschaft. Aber ebenso gehören dazu Kunst und Wissenschaft, Philosophie und Religion, Politik und Sport und nicht zuletzt Menschen, die gerne leben.
S. 239: 2009, während dieses Buch geschrieben wurde, stieg der Meeresspiegel wiederum um 3,1 Millimeter, nahm der Kohlendioxidgehalt der Luft weiter zu, verringerte sich die Artenvielfalt um schätzungsweise 17.000, was das reichlich Tausendfache der natürlichen Schwundquote ist, setzte sich die Eisschmelze ... beschleunigt fort, schrumpfte die landwirtschaftlich nutzbare Fläche ... erneut um 60.000 Quadratkilometer (ein Sechstel von Deutschland!), und wurden weitere 73.000 Quadratkilometer Wald abgeholzt .... Im gleichen Zeitraum hungerten mit reichlich einer Milliarde Menschen mehr Menschen denn je zuvor. Etwa neun Millionen starben an Unter- und ebenso viele an Überernährung. Weitere fünf Millionen kamen durch verschmutztes Wasser, verpestete Luft und umweltbedingte Krankheiten zu Tode. Der klimaschädliche Kohlendioxidausstoß lag weltweit etwa sechzig Prozent über dem tolerablen Grenzwert von 2,7 Tonnen pro Kopf und Jahr, wobei Deutsche diesen Wert um mehr als 300 und Amerikaner um recht genau 600 Prozent überschritten. Und abermals nahm die Weltbevölkerung um fast neunzig Millionen auf nunmehr annähernd sieben Milliarden Menschen zu. |