Hirnforschung HURRA - doch was wird daraus? Drucken
Geschrieben von: Ulrich Scharfenorth   
Donnerstag, 21. Mai 2009 um 17:36 Uhr

Die Hirnforschung ist einer der umstrittensten Wissenschaftsbereiche überhaupt. Vor allem deshalb, weil komplettes Wissen an dieser Stelle, ja schließlich die Existenz eines komplett simulierten menschlichen Gehirns, heftige Befürchtungen weckt. Dennoch hört der Jubel über das, was Henry Markram im "Blue Brain Projekt" (Förderative Polytechnische Universität Lausanne) ansteuert (s. 89), nicht auf ("DIE ZEIT", 14. Mai 2009). Und offenbar gibt es auch nichts, was Hirnforscher wie ihn bremsen könnte. Markram spricht vieles gelassen aus. Was er will, ist screening life – die komplette Durchleuchtung des Lebens. Solange ein solches Ansinnen mit positiven Zielen (z.B. Heilung von Krankheiten) einhergeht, ist es begreifbar. Doch die Gefahren, die sich mit dem gläsernen Menschen auftun dürften, wiegen schwer – vielleicht sogar wesentlich schwerer als mögliche Heilsbringung. Noch ist es unmöglich, die 100 Milliarden Neuronen und ca. 1 Billiarde Synapsen, die unsere Köpfe, den Körper und den Geist "bewegen", genau auszumachen und zuzuordnen. Und bis zum Ende des Jahrhunderts dürfte es dauern, bis die menschlichen Gene verstanden und zugeordnet werden können. Markram weiß das, und erteilt denen, die "mal schnell an irgendwas drehen, ein Gen aus- oder anschalten wollen" durchaus eine Absage. Die Dinge seien zu komplex. Vorgänge im Gehirn unterschieden sich prinzipiell von dem, was in Computern abginge. Im Hirn seien multivalente dynamische Prozesse im Gange. Das Miteinander der "Akteure" sei endlos vernetzt. Komponenten, die Schädliches (z.B. Krankheiten) auslösten, könnten an anderer Stelle durchaus willkommen – also nützlich - sein. Nichts dürfe deshalb a priori als schlecht stigmatisiert werden.

Ob der Forscherdrang zwischen Neuronen, Synapsen und Genen begrüßt oder aber eher als zwanghafter Wahn zurückgedrängt werden muss, bleibt offen. Jeder Bürger kann sich vorstellen, dass mit dem vollständigen Erschließen der "menschlichen Substanz" auch Freiheit und das private Leben gefährdet sein könnten. Wenn Markram meint, dass die während der Forschungsprozesse entstehenden ethischen Probleme gelöst werden müssen, hat er gut Sagen. Bereits die heutige Welt ist voller Regelbedarf, wenn es um sensible Sachlagen geht. Allzuoft verhindern Gruppeninteressen, dass ethisch gehandelt wird, und oft genug überrollen Forschungsergebnisse ihr geisteswissenschaftliches Gegenüber.

Ich selbst bin - was die Hirnforschung angeht - für eine sensible wissenschaftliche Begleitung der Experimente durch unabhängige Experten. Meines Erachtens spricht nichts dagegen, den Ehrgeiz von Forschern zu befriedigen (Renommee, Nobelpreise etc.). Doch Vorrang hat die Prüfung auf den Sinn des Erforschten und dessen ethische Bewertung. Geben wir Hirnforschern und Genetikern die Werkzeuge in die Hand, aus den Menschen Monster (Arbeitstier, Kampfmaschine etc.) zu machen, dann tun sie es auch. Auch bei Leuten wie Markram muss die Frage nach der Verantwortung gestellt werden. Denn was geschähe, wenn alle Ergebnisse seiner Forschung ungeprüft in die Hände von Wirtschaft und Politik gerieten? Ich fordere deshalb für die Hirnforschung – genauso wie für die Aktivitäten am CERN (Europäische Organisation für Kernforschung), die von selbst bestellten Gutachtern reihenweise durchgewunken, aber keinesweg immer auf Herz und Nieren geprüft werden –  eine demokratische Kontrolle. Unabhängige Experten müssen der Wissenschaft auf die Finger schauen – ohne sie auf humanistisch geprägten Feldern zu behindern. Und schon jetzt muss sich die Geisteswissenschaft mit möglichen Folgen eines Total-Sreenings am Menschen beschäftigen. Und der Staat ist - im Verbund mit nationalen und internationalen Ethik-Kommissionen - in der Pflicht, auf Warnsignale unvermittelt zu reagieren und bedenkliche Vorhaben zu verbieten. Das freilich ist leichter gesagt als getan. Umso wichtiger ist es, das Thema in der Öffentlichkeit zu diskutieren.