Gegner des Gasbohrens erzwingen gründliche Untersuchungen Drucken
Geschrieben von: Ulrich Scharfenorth   
Dienstag, 11. Oktober 2011 um 13:15 Uhr

Um es ins Gedächtnis zurückzurufen: Bei der Suche/Exploration nach/von sogenanntem unkonventionellen Erdgas wird das "hydraulic fracturing" (kurz auch "Fracking" genannt) angewendet. Es zielt auf die Abschöpfung von kleinen Gasblasen, die sich in Gestein, Kohle oder Schiefer quasi "verkapselt" haben – und die mittels Hochdruck, Wasser, Sand und z. T. toxischen Chemikalien nutzbar gemacht werden. Ich hatte im März 2011 über das Verfahren und den Widerstand, der sich gegen eine solche Gasförderung entwickelt hat, berichtet. Derzeit hat sich die Lage an der Fracking-Front trotz des Moratoriums eher verschärft, denn entspannt. Vorerst darf in NRW nicht nach unkonventionellem Gas gebohrt werden – auch nicht für Erkundungszwecke. Dem Widerspruch der Fracking-Gegner stellen Exxon & Co. spektakuläre Meldungen entgegen, etwa die, dass man unter Nordrhein-Westfahlen etwa 2.200 Kubikkilometer des wichtigen Rohstoffes vermute. Und den – so meinen auch Lobbyisten – müsse man angesichts des vereinbarten Atomausstiegs unbedingt nutzen. Diese Rechnung aber geht nicht auf – auch dann nicht, wenn die Befürworter die komplette Bedarfsdeckung Deutschlands für 18 Jahre versprechen. Denn zum einen wird der förderbare Anteil von Experten auf nur 3 -5% geschätzt. Zum anderen glaubt niemand daran, dass in wenigen Monaten eine technisch sichere und verantwortbare Exploration auf den Weg gebracht werden kann. Bei der derzeit geschätzten Vorbereitungszeit von ca. 10 Jahren kommt dieses Gas als Brücke zu den alternativen Energien mit Sicherheit zu spät. Hinzu kommt, dass die Vorbehalte gegenüber dem Fracking wöchentlich zunehmen. Nicht zuletzt deshalb, weil die Medien neben enthusiastischen Vorrats-Phantasien mit neuen Horrormeldungen – vor allem aus den Vereinigten Staaten – aufwarteten. So heißt es in der New York Times vom März 2011, dass in Colorado, Ohio, Pennsylvania, Texas und West Virginia durch Fracking freigesetztes Gas in unterirdische Trinkwasservorräte eingebrochen sei und diese verschmutzt habe. Mehrere US-Studien hätten zudem ergeben, dass im Umkreis von 3 Kilometern rund um die Bohrung nicht nur bedenkliche Mengen von Methan sondern auch Chemikalienreste ausgetreten seien. Der Staat New York wird Bohrungen in Trinkwasserbereichen deshalb verbieten. Ähnliches ist bereits in Frankreich und Teilen Australiens geschehen. Problematisch sei auch die Entsorgung der stark kontaminierten Lagerstätten- und Frackingwässer. Deren Einspeisung in konventionelle Klärwerke ist in Pennsylvania seit Mai 2011 verboten. Gelsenwasser-Chef Manfred Scholle, der sich in den USA ein Bild von der Lage machte, zeigte sich bestürzt. Jetzt hat er Bundeswirtschaftsminister Rösler aufgefordert, sich endlich den drängenden Fragen zur umstrittenen Exploration zu stellen. Inzwischen gehen nicht nur die Bürgermeister relevanter Förder-Orte (Schwerpunkt: Kreis Warendorf), sondern auch verschiedene Wasserversorger, Umweltverbände, kirchliche Gruppen und Brauereien auf die Barrikaden. Darüber hinaus verstärken sich die Zweifel an der Wirtschaftlichkeit des Verfahrens. So sei in verschiedenen Studien festgestellt worden, dass die Förderquote beim Fracking schon nach kurzer Zeit immens abnehme – nach einem Jahr um 60 – 90%. Auch mehrfaches, folgendes Fracken könne den Förderstrom nur kurzzeitig steigern. Wirtschaftlich relevante Gasmengen – so folgern Experten – würden mehrere hundert Bohrungen pro Jahr erfordern. Dafür stehe in NRW weder der Platz, noch die Ausrüstung zur Verfügung. Darüber hinaus verstärkt sich der Eindruck, dass der prinzipielle (CO2-)Vorteil von Gas gegenüber Kohle und Öl durch die negative Spezifik des Frackings zunichte gemacht wird. Neben den bereits bekannten Nachteilen (vgl. "Das Blättchen" 7/2011) ergeben sich weitere, durchaus schwerwiegende: Zusätzliche Luft- und Lärmemissionen (Schwerlast-Verkehr, Generator- und Bohrgeräusche usw.), mögliche radioaktive Belastungen der Luft (Radon), frackingbedingte Erdbeben (AKW Emsland!) sowie ein hoher Verbrauch an Flächen und Wasser. All das dürfte mit verheerenden Folgen für den Tourismus einhergehen. Inzwischen zeigt der von den Anti-Gasbohr-Initiativen ausgeübte Druck Wirkung. So hat das NRW-Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz in Zusammenarbeit mit dem NRW-Wirtschaftsministerium im Juli 2011 eine wichtige Ausschreibung veröffentlicht. Gesucht werden europäische Unternehmen/Institutionen, die „ein Gutachten mit Risikostudie zur Exploration und Gewinnung von Erdgas aus unkonventionellen Lagerstätten in Nordrhein-Westfalen“ erstellen. Im ersten Teil dieses Gutachtens soll es konkret um Kriterien für den Ausschluss von Fördergebieten sowie um eine Übersicht zu möglichen Techniken für die Exploration gehen. Teil 2 soll sich mit den Risiken für den Wasserhaushalt und andere zu schützende Güter befassen. Dabei spielt die Beeinflussung von Deckgebirge und Grundwasser durch Schiefergasförderung und Wasserentnahme eine entscheidende Rolle. Der dritte Teil des Gutachtens soll Aufschluss über die Genehmigungsfähigkeit der Gasförderung in ihrer Gesamtheit geben. Hierbei stehen die Möglichkeiten einer Prozess-Modellierung und eines Prozess–Monitorings im Mittelpunkt. Mit der abschließenden Bearbeitung dieses dritten Teils – der auch Gegenstand eines Zwischenberichtes für die Landesregierung sein soll – wird bis März 2012 gerechnet. Die Landesregierung soll dann entscheiden, ob der vierte und letzte Teil der Ausschreibung notwendig ist. An dieser Stelle nämlich wird darüber befunden, ob es beim Fracking überhaupt weiter geht. Sollte das der Fall sein, würde im vierten Teil des Gutachtens ein Handbuch für die Genehmigungsbehörden erstellt. Die komplette Prozedur soll von allen interessierten Parteien begleitet werden: von der Regierung, vom Geologischen Dienst, von den kommunalen Spitzenverbänden, den Wasserbehörden, den Naturschutzverbänden, der Wasserversorgungswirtschaft, aber auch von den Bürgerinitiativen und der Lobby-Organisation der Industrie. Parallel zur Ausschreibung hat auch Bundesumweltminister Röttgen eine Studie in Auftrag gegeben. Sie soll ebenfalls Rückschlüsse auf die durch Fracking veränderte Trink- und Grundwasser-Situation ermöglichen. Außerdem veröffentlichte das Umwelt-Bundesamt den Entwurf "Einschätzung der Schiefergasförderung in Deutschland", der fast alle Bedenken der Gasbohr-Gegner bestätigte. Inzwischen warten nun auch die Bundesländer Baden-Württemberg, Thüringen und Sachsen-Anhalt auf Ergebnisse aus den in NRW angestoßenen Aktivitäten. Selbst in Niedersachsen ruht (freiwillig) die weitere Erkundung von Schiefer- und Kohleflözgas-Vorkommen. Die Bürgerinitiativen gegen das Gasbohren, die bereits in Düsseldorf (3. Mai), Münster (23. Juli) und Werne (27. August) für Aufsehen sorgten, bemühen sich derweil um eine internationale Vernetzung. Erstes Ergebnis: das internationale Treffen in Lézan/Frankreich (26.- 28. August). Selbst in der Führungsebene der Länder spiegelt sich der Konflikt: Der grüne NRW-Umweltminister Johannes Remmel (der die Vorbehalte der Fracking-Gegner ernst nimmt) attackiert den niedersächsischen FDP-Wirtschaftsminister, Jörg Bode (der das Fracking weiter durchwinken möchte) – und umgekehrt.

Weitere Infos über … http://www.gegen-gasbohren.de/

Nachtrag vom 14. August 2011: Die Fracking-Eiferer legen nach. In einem groß aufgemachten Beitrag geht es um die weltweiten Schiefergasvorkommen. Auch um das Für und Wider zum Prozess selbst. Autor Michael Odenwald gibt sich objektiv, meint dann aber, dass Europa die Nutzung dieses Potentials – zumindest bisher – verschlafen habe. Anders die Amerikaner. Sie seien bereits voll am Ball. Ja mehr noch. Der gesamte Planet sei im Focus. So schätze die US Energy Information Administration, dass in 14 Regionen der Erde gewaltige Reserven schlummerten. Einigen Ländern beschere das u. U. technisch ausbeutbare Mengen zwischen 0,6 und 36,1 Billionen Kubikmetern, was Erdgasreichweiten von 9 bis 2.552 Jahren entspreche. Auch für Norddeutschland werden Zahlen genannt: Allein hier könne mit Schiefergasmengen von 230 Milliarden Kubikmetern gerechnet werden "FOCUS" 30/2011).

Nachtrag vom 3. Oktober 2011: Für die ausufernden Mengenangaben bei unkonventionellem Gas gibt es eine einfache Erklärung. Ähnlich wie beim Erdöl werden die Unternehmen, die Konzessionen für die Gasausbeutung in Aussicht haben oder bereits besitzen umso höher bewertet (Marktwert = Aktienkurs x Anzahl ausgegebener Aktien), je größer die auszubeutenden Vorhaben sind. Hohe (auch geschickt getrickste) Mengenangaben führen zu mehr Ansehen.

Ohne die Nachträge veröffentlicht in „Das Blättchen“, Nr. 20, S. 8-10 - http://das-blaettchen.de/

Illustration: Utz Peter Greis