Feigheit und Totschlagargumente in Salzburg Drucken
Geschrieben von: Ulrich Scharfenorth   
Montag, 18. Juli 2011 um 00:27 Uhr

Ich bin begeistert: ttt berichtet am 17. Juli über die skandalösen Vorgänge im Vorfeld der Salzburger Festspiele. Ein Bericht von Ulf Kalkreuth:

Ende Juli beginnen die Salzburger Festspiele. Die Eröffnungsrede hält traditionell einer, dessen Worte nicht nur Ornament sind, sondern der den Herrschaften was zum Denken aufgibt – im besten Fall was zum Streiten. In diesem Jahr hatte man sich dafür den richtigen eingeladen: Den Soziologen Jean Ziegler. Ziegler gilt als der berühmteste lebende Schweizer. Jahrelang war er UN-Berichterstatter für das Recht auf Ernährung. Ziegler bezeichnet den Zustand unserer Erde als "kannibalische Weltordnung" und für Kriege und Hunger macht er die internationalen Großkonzerne verantwortlich. Diese aber sind gleichzeitig Großsponsoren der Salzburger Festspiele. Noch bevor Ziegler zu reden anheben konnte, hatte man ihn wieder ausgeladen. Für Ziegler ist klar: Da stecken Nestlé, Credit Suisse und Co dahinter. In Salzburg aber wird das heftig bestritten. Die Anziehungskraft der Salzburger Festspiele ist universell: Diejenigen, die Musik lieben kommen, und jene, die den Auftritt davor lieben. Es ist eines der bedeutendsten Musik-Festivals in Europa. Zur Eröffnung wollte man einen Redner von Format, der diese grellbunte Menschenansammlung zum Zuhören bringt. Jean Ziegler sollte es sein. Aber er wurde wieder ausgeladen. Warum? Wer ist dieser Mann? Universitätsprofessor, UN-Emissär – und vor allem Sachbuchautor ist er. Er hat die Schweiz angegriffen, weil sie sich an jüdischem Geld aus dem Holocaust bereichere, er hat Israel angeklagt, wegen der Abriegelung der Palästinensergebiete. Und sein großes Thema ist der Hunger auf der Erde, den er nicht für eine Naturkatastrophe hält, wie er 2009 in einem Interview feststellt: "Zwei Drittel der Menschheit lebt in der südlichen Hemisphäre. Sie wird beherrscht von dieser kannibalischen Weltordnung, die die westlichen Konzerne diesem Planeten aufzwingen." Diese und andere Thesen vertritt Ziegler in seinem Buch "Der Hass auf den Westen". Und die Frau, die ihn als Redner nach Salzburg einlud, hat's gelesen, sie hat fast alle Bücher Zieglers gelesen, sie hat bei ihm studiert, sie schätzt ihn: Salzburgs Landeshauptfrau Gabriele Burgstaller. Im Interview erklärt sie, warum sie bei Ziegler als Redner haben wollte: "Ich habe ihn angefragt, weil ich ihn gut kenne. Und ich habe ihn deshalb angefragt, weil er aufgrund seiner weltpolitischen Aktivitäten und seines Engagement mit Sicherheit was zu sagen hat." Und es war keine fixe Idee, die Frau Burgstaller hatte. Ziegler betont, dass er ein offizielles Schreiben erhalten hat: "Frau Burgstaller hat mich eingeladen. Offiziell, mit einem Brief. Sie hat mich gebeten, diese Eröffnungsrede zu halten. Und sie wollte außerdem, dass ich die Thesen des Buches 'Der Hass auf den Westen' vortrage." Seine Rede sollte "Aufstand des Gewissens" heißen. Die Landeshauptfrau, die Ministerpräsidentin des Landes Salzburg, war von der Demokratiebewegung in Nordafrika dermaßen begeistert, dass es für sie keinen besseren Redner als Ziegler gab. Die Idee hielt ganze vier Wochen, dann war die revolutionäre Luft raus. Ziegler bekam überraschend Post: "Ich bin mit einem Brief, einem sehr offiziellen Brief der Landeshauptfrau, wieder ausgeladen worden." Was war geschehen?

Frau Burgstaller wurde von gut informierten Kreisen in Kenntnis gesetzt, dass Jean Ziegler seit Jahren nach Libyen reist und sogar mit Muammar el Gaddafi Umgang hatte. Eine Tatsache, die die Spatzen von den Dächern pfeifen. Aber die Landeshauptfrau versichert, ahnungslos gewesen zu sein. Und so lud Frau Burgstaller Ziegler wieder aus. Natürlich nur, um ihn vor sich selbst schützen, sagt die Landeshauptfrau im Gespräch: "Wir hätten uns dann einige Tagen und Wochen, damit beschäftigt, wie das nahe Verhältnis zu Gaddafi ist, und nicht mit seiner, mit Sicherheit polarisierenden, aber inhaltlich richtigen Rede." Jean Ziegler durch die Hintertür nach Hause schicken – das ist mit ihm nicht zu machen. Ziegler ging empört an die Öffentlichkeit. Es stimmt, dieser Mann stand Gaddafi nahe. Und er soll sogar 20 Jahre lang einen von Gaddafi ausgelobten Menschenrechtspreis vergeben haben, was Ziegler allerdings bestreitet. Aber das alles ist seit vielen Jahren bekannt. Und Ziegler verweist auf das Nahverhältnis der gesamten westlichen Machtelite zum irren Operetten-Oberst aus Tripolis. Man hätte anlässlich Zieglers Salzburg-Rede trefflich diskutieren können, was Gaddafi so attraktiv gemacht hat. Es überzeugt also nicht, was da aus Salzburg kommt. Und so blühen die Spekulationen. Für Ziegler ist klar, wer eigentlich hinter seinem Rauswurf steckt: "Warum bin ich dann ausgeladen worden, anderthalb Monate später? Ganz sicher auf Druck von zwei Schweizer Großbanken und einem Nahrungsmittelkonzern, die als große, wichtige Sponsoren dieses Festival mitfinanzieren." Gabriele Burgstaller hält dagegen: "Nie hat jemand von den Sponsoren interveniert. Es ist mir wichtig, das festzuhalten." Zieglers Ausladung hat jetzt richtig schön Staub aufgewirbelt. Andreas Unterberger, Ex-Chefredakteur der "Presse" und konservativer Lautsprecher Österreichs, fand die Idee, einen Mann wie Ziegler in Salzburg hören zu müssen, von Anfang an abstrus. Ziegler war der falsche für diese Aufgabe, so Unterberger: "Ziegler ist ja kein Denker, kein Philosoph, kein Kulturmensch. Er ist ein politischer Agitator mit sehr linksradikalen Einstellungen, die ihm ungenommen seien – aber die nicht wirklich das Format für eine Festspieleröffnungsrede haben." Dramatiker und Schriftsteller Peter Turrini, der sich gemeinsam mit Elfriede Jelinek auf die Seite des geschassten Redners stellt, beklagt die Rückgratlosigkeit der Verantwortlichen. Für Turrini ist die Ausladung von Ziegler ein Zeichen von Feigheit: "Ich glaube es ist den Verantwortlichen, nach einer Schrecksekunde, nach dem Nachlesen der Texte Zieglers, schlicht und einfach der Arsch auf Grundeis gegangen. Feige wie sie sind, haben sie gedacht: 'Nur nicht unsere Geldgeber ärgern'." Ob der Hauptsponsor, Nestlé-Chef Brabeck, Frau Burgstaller tatsächlich etwas ins Ohr geflüstert hat – wir werden's nie erfahren. Neben der Eröffnungsrede gibt es auch wieder die traditionelle Ansprache des österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer. Von dem finden sich in den Archiven Fotos mit dem syrischen Präsidenten Assad, der 1.300 Demonstranten niederschießen ließ. Muss man Fischer jetzt auch ausladen? (http://www.daserste.de/ttt/beitrag_dyn~uid,z2am7ovygows44gz~cm.asp).

Leider macht Dieter Moor das Format dann doch noch kaputt – mit Beiträgen über den Chile-Schlächter Kissinger („China“), den eitlen Egomanen Walser („Muttersohn“) und den dumm-naiven Leiter des israelische Kammer-Orchesters Roberto Paternostro (mit dieser Mentalität sind viele Juden den Nazis zum Opfer gefallen) … einfach nicht zum Aushalten !!!