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Geschrieben von: Ulrich Scharfenorth   
Donnerstag, 17. März 2011 um 00:29 Uhr

FASSUNGSLOS: 

Dass sich seit Tagen nur 50 Menschen darum bemühen/bemühen müssen, die entfesselten Reaktoren von Fukushima zu bändigen, ist verordneter Mord oder bewusster Selbstmord. In Tschernobyl sollen die Sowjets ab 1986 mehr als 500.000 Liquidatoren an die "Front" kommandiert haben, die ohne besondere Rücksicht auf ihren Zustand/ihre Gesundheit die Auswirkungen des Gaus auf ganz Europa in Grenzen hielten (http://dokumentation.zdf.de/ZDFde/inhalt/1/0,1872,8230337,00.html). Erst heute, am 17. März 2011, gibt es zu Fukushima einen Krisenstab, der auch Mitglieder außerhalb des Betreibers TEPCO umfasst. In großen Teilen der vom Tsunami heimgesuchten Krisengebieten fehlt bis heute – also fast eine Woche nach dem Erdbeben der Stärke 8,9 –  schweres Räumgerät.

Fazit: Käme es in einer Demokratie zu einem  Unglück von japanischem Ausmaß, dann wäre nicht nur die Bevölkerung des betroffenen Landes, sondern auch die der angrenzender Länder stärker gefährdet als wenn der Gau im Hoheitsbereich einer Diktatur stattfände. Schlussfolgerung: Die Vorsichtsmaßnahmen und Sicherheitsbestimmungen müssen in demokratisch regierten Ländern, in denen es unmöglich ist, den Menschen die eigene Verstrahlung zu befehlen, sehr viel strikter gehandhabt werden als in Diktaturen. Ich persönlich glaube, dass wir unter den heutigen Bedingungen in Europa/Deutschland keinerlei Möglichkeit hätten, einem Super-Gau zu begenen.   

Was tut ein Mensch, der seine Familie verloren hat, sein Haus, ja nicht einmal die Straße, in der er wohnte, wiederfindet, zwei Tage lang nach Wasser anstehen muss, im Dekontaminierungs-Camp seine Kleidung verliert, kein betriebsfähiges Handy zur Verfügung hat, aus Sicherheitsgründen das ihm zugewiesene Sammellager nicht verlassen darf und dann bei plötzlichem Aufkommen "geballter" Strahlung wegen fehlender Transportmittel nicht evakuiert werden kann.

Nachbemerkung, 17. März 2011: Kurz nachdem ich diesen Beitrag auf verschiedene Plattformen gestellt hatte, begann ein z.T. wirrer Disput zum Thema. Man riet mir, die Fakten zu Tschernobyl sorgfältiger zu analysieren. Besonders der Einsatz der von den Sowjets in Tschernobyl eingesetzten Liquidatoren müsse differenziert betrachtet werden. Einmal seien sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten eingesetzt worden und dann auch unterschiedlichen Strahlendosen ausgesetzt gewesen. Und es seien nicht 500.000, sondern geringfügig weniger oder weit mehr Menschen an der Schadensbegrenzung beteiligt gewesen. Dennoch sei es - wegen fehlender Schutzanzüge und Technik - nicht gelungen, erfolgreicher zu arbeiten als heute in Japan. Nun, die Tschernobyl-Fakten kennen wir längst. Man kann sie im Netz mühelos recherchieren. Doch was für ein Unsinn führt man da in Sachen Schutzkleidung und Technik ins Feld? In Japan ist man trotz optischer Unterschiede eben keinen Schritt weiter. Nicht nur, dass die dort eingesetzten Schutzanzüge der starken Strahlung nichts entgegenzusetzen haben; es gibt offenbar auch keinerlei brauchbare Technik, die merkliche Unterschiede zu Tschernobyl begründen könnte. Um eine solche Diskussion ging es mir eher nicht. Mich interessierten Mut, Opferbereitschaft und Kommandosituation, sprich: die Frage, ob man in der Demokratie grundsätzlich schlechtere Bedingungen für die Abwendung eines Gaus vorfinde als in diktatorisch regierten Ländern.  Müsse nicht – setze ich bewusst fort – in der Demokratie, die niemandem befehlen könne, sein Leben zu opfern, alles daran gesetzt werden, um "Havarie-Roboter", sprich: mannlose Maschinen (Räum-, Bergungs-, Montier-, Transport- und Fluggerätegeräte) zu entwickeln?

Auch wenn wir das aus unserer Perspektive nicht hinreichend beurteilen können, steht wohl fest, dass das Katastrophen-Management in Fukushima völlig versagt hat. Die Rettungsmaßnahmen über 5 Tage einem Privatunternehmen zu überlassen, das vor allem durch Betrügereien, Lügen, Tricks und Vertuschung auffällig wurde, war ein Kardinalfehler der Regierung. Da die Chancen, eine Katastrophe abzuwenden, in der Anfangsphase besonders groß sind, hätte man hier im Verbund mit auswärtigen Experten, Militär, Polizei, großen Transportfirmen etc. "den Hahn sofort abdrehen müssen". Aber wahrscheinlich wirkt hier die Scham über eigenes Versagen wie ein gigantischer Hemmschuh. Möglich auch, dass die derzeitige Gesetzeslage solche Vorgehensweisen gar nicht hergibt. Auch die Zurückhaltung gegenüber Angeboten aus dem Ausland ist unverständlich. Immerhin geht es nicht "nur um Beben und Tsunami" und darum, den eigenen Stolz zu wahren (wir werden schon selbst damit fertig), sondern um Ereignisse völlig anderer (nämlich nuklearer) Dimension – die eine Nation allein nicht beherrschen kann. Es wäre zu wünschen, dass die Japaner – ja, dass die ganze Welt jetzt neu schlussfolgert, und zwar an "runden Tischen": Vervielfachte Sicherheit für solche Reaktoren, die aus Gründen der Energiebilanz befristet weiterlaufen müssen, und sofortiger Ausstieg bei Stromüberschuss und greifbaren Alternativen. Leider gibt es gerade jetzt völlig entgegengesetzte Willensbekundungen - vor allem aus den USA, Frankreich, Großbritannien, Schweden, Finnland und Polen (http://www.morgenpost.de/politik/article1576571/Diese-Laender-setzen-weiter-auf-Atomkraft.html; "Rheinische Post", 18. März 2011)   

Derzeit ist die Lage in Japan verheerend. Dass die im Bau befindliche Notwasserleitung (gemeinsam mit einer neuen Notstrom-leitung) bis an die zu kühlenden Orte geführt werden kann und dann ausreichende Kühlung für 6 Reaktorblöcke gewährleistet, ist wenig wahrscheinlich. Dennoch ruhen alle Hoffnungen auf diesem letzten verzweifelten Versuch, den Super-Gau zu verhindern (http://www.ard.de/, 17. März 2011). Gelingt das nicht, dürfte das Land in eine extreme Notsituation gelangen, die durch zeitweilige günstige Winde nur marginal beeinflusst werden kann. Gut möglich, dass die Wirtschaft infolge der Kontamination so schweren Schaden erleidet, dass die Versorgung der Bevölkerung (mit Wasser, Lebensmitteln, Behausungen, Wärme, Licht etc.) grundsätzlich – und nicht nur im Katastrophengebiet – in Frage gestellt ist. Man mag dieses Szenario nicht weiter denken, sollte aber dennoch auf Ausnahmesituationen gefasst sein. Wenn die heute noch für ihre Disziplin bewunderten Japaner einmal aus der Fassung geraten, dürfte es um die Ordnung im Lande geschehen sein. Vermutlich kann dann nur eine Militärdiktatur Reste des Staatswesens erhalten. Gott behüte das Land vor solch einer Zukunft!

ERFREULICH:

"(In NRW geht) das Zurückdrehen schwarz-gelber Reformen weiter. Nach der Abschaffung der Kopfnoten und der Studiengebühren will die rot-grüne Landesregierung noch bis zur Sommerpause umfangreiche kommunalpolitische Änderungen auf den Weg bringen. Die Möglichkeit zur Abwahl von Bürgermeister und Landrat gehört dazu. So soll zunächst bei der Wahl der Hauptverwaltungsbeamten – das sind die Ober- und Bürgermeister sowie die Landräte – der Stichentscheid zwischen den beiden bestplazierten Bewerbern wieder eingeführt werden, den die Vorgängerregierung abgeschafft hatte. Zudem sollen die Bürger die Möglichkeit erhalten, den von ihnen gewählten Hauptverwaltungsbeamten auch wieder absetzen zu können. Allerdings muss dies von einem Drittel der Wahlberechtigten beantragt werden. Bei der Abstimmung soll dann die einfache Mehrheit der Darüber hinaus will die Landesregierung die Möglichkeiten für Bürgerbegehren und Bürgerentscheide deutlich ausweiten. Abgesehen von Fragen des Haushalts, der Finanzen sowie der Planfeststellung dürfen dann auch bisherige "Tabu-Bereiche" (sogenannte Ausschlusstatbestände) von den Bürgern angefochten werden. Dazu zählen nach Angaben der Kommunalexperten Marc Herter (SPD) und Mehrdad Mostofizadeh (Grüne) vor allem die Bereiche Flächennutzungsplan und Bebauungsplan", schrieb RP ONLINE in seiner Ausgabe vom 11. März 2011. Bleibt zu hoffen, dass die Ankündigungen im kommenden Wahlkampf – ich rechne fest damit, dass ein solcher in Kürze akut wird – der jetzigen Koalition in NRW mehr hilft als die traurigen Ereignisse in Japan (die man total unverdient vereinnahmt). 

. Mit Platz drei über 5.000 m hat die fünfmalige Olympiasiegerin Claudia Pechstein bei der Eisschnelllauf-WM in Inzell bewiesen, dass sie auch noch mit 39 Jahren mehr auf dem Kasten hat als viele ihrer sehr viel jüngeren Mitbewerberinnen ("Rheinische Post", 14. März 2011). Sie hat damit die skandalösen Doping-Anschuldigen, die zwischenzeitlich zu einer zweijährigen Sperre geführt hatten, erneut ad absurdum geführt. Den zuständigen Funktionären war mit Blick auf die DDR-Vergangenheit der Sportlerin – wie oft üblich – nicht mehr im Blick als alles marode, alles verdopt …

. Bei Magdalena Neuner  gehen die Superlative nicht aus: Die Weltmeisterschaften der Biathleten im sibirischen Khanty-Mansiysk wurden zur "Neuner-Show". Sechs Starts – fünf Medaillen. Darunter die Weltmeistertitel Nummer acht, neun und zehn – so erfolgreich war in der Geschichte des Biathlonsports noch keine andere Athletin! http://www.magdalena-neuner.de/cms/website.php

GEWALTIG:

270 Milliarden Euro muss die Europäische Union jährlich investieren, damit der CO2-Ausstoß bis 2050 den internationalen Verpflichtungen gemäß zurückgeht. Geplant ist eine Reduktion um 95% gegenüber dem Stand von 1990 ("DIE ZEIT", 10. März 2011).

SCHONUNGSLOS:

Die Ölmultis scheuen nicht davor zurück, auch die letzten, in der Erdkruste vorhandenen Ölreserven auszubeuten. Und nehmen dabei Risiken in Kauf, die angesichts des Potentials alternativer Energien unverantwortbar sind. 2010 gab es weltweit allein im Meer ca. 520 Bohrlöcher, von denen knapp 240 bis in Tiefen von mehr als 2.500 m hinabreichten ("DIE ZEIT", 10. März 2011). Deepwater Horizon lässt grüßen!

RUDIMENTÄR:

Die Kurz- und Knacksprache der Sprachdeutsch-Behinderten hält in der Rheinischen Post Einzug. "Die Queen hat Knie", hieß es am 10. März, und gemeint war wohl, dass Elisa II  Probleme beim beinlichen Auf- und Abwinkeln habe und ab sofort das morgentliche Reiten aufgeben müsse.

HYSTERISCH:

Heute hörte ich, dass Jod-Tabletten und Geigerzähler in Deutschland ausverkauft seien.