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Wir leben in einer Zeit, die maßgeblich durch knapper werdende fossile und mineralische Rohstoffe geprägt ist. Doch statt dieser Misere dadurch zu begegnen, dass man alternative Energien rationeller als bisher nutzbar macht und Substitute entwickelt, fördern die Global Player auf immer kostspieligere und gefährlichere Weise Gas- und Öl, während andere, nicht minder mächtige Unternehmen, PCs, Handys, Fernseher und Automobile gerade so konzipieren, dass ihnen wegen fehlender Rohstoffe (z.B. seltene Erden) mittelfristig die Zukunft ausgeht. Erst vor kurzem sind uns die Risiken der maritimen Tiefenbohrungen so richtig bewusst geworden ("Deepwater Horizon"). Doch selbst heute – nach dieser schwerwiegenden Ölkatastrophe – haben die Multis keinerlei Havariekonzepte. Im Gegenteil: Man bohrt "auf Teufel komm raus" weiter und versucht an texanischen Stränden den Eindruck zu erwecken, dass alles Öl "vom Eis" sei (http://programm.ard.de/TV/arte/der-kampf-ums-schwarze-gold/eid_287246202948728#top). Mit Grausen verfolge ich die Bemühungen der "Nordpolanrainer" (Russland, USA, Dänemark, Kanada und Norwegen), ihre Claims tausende Meter unter dem Eis abzustecken. Auch dort sollen Rohstoffe lagern, die für abbauwürdig erachtet werden und ihrer Erschließung harren. Was da so – von welcher Nation auch immer – zu fortschreibungsfähigen Festlandsockeln erklärt wird, ist haarsträubend – wenn nicht widerlich (http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1145802/Wem-gehoeren-Oel-Ressourcen-am-Nordpol%253F#/beitrag/video/1145802/Wem-gehoeren-Oel-Ressourcen-am-Nordpol%3F ).
Auch hier soll es um die Gewinnung von Energie-Rohstoffen gehen, und zwar um Erdgas. Deutschland kann seinen diesbezüglichen Bedarf zu 15-16% selbst decken – vornehmlich durch konventionelle Förderung in Niedersachsen. Das Gas ist flexibel einsetzbar und ökologisch weniger bedenklich als Kohle und Öl. Allerdings schwinden die Vorräte. Was die Gasbranche dazu bewegt, ihr vergleichsweise positives Image dafür einzusetzen, dass ein von der Normalförderung abweichendes, höchst bedenkliches Verfahren zur Gasexploration hoffähig wird: das "hydraulic fracturing" (kurz auch "Fracking" genannt). Es zielt auf die Abschöpfung von kleinen Gasblasen, die sich in Gestein, Kohle oder Schiefer quasi "verkapselt" haben. Ihr tausendfaches "Einzelanbohren" wäre wegen zu geringer Ergiebigkeit höchst uneffektiv. Deshalb wurde bereits vor Jahren die o. a. Technik entwickelt, bei der die Gas führenden Bereiche von außen aufgesprengt werden. Kritisch bei dieser Technologie ist, dass neben Press-Wasser und Sand auch hoch giftige Chemikalien ins Bohrloch geführt werden. Mit Aufbringen des Drucks (300-1000 bar) reißt der Untergrund in 1.000 – 4.000 Meter Tiefe, wobei sich Sand und Chemikalien so in die entstehenden Spalten setzen, dass das vorhandene Gas problemlos zum Bohrloch abfließen kann. Jeder Fracking-Vorgang erzeugt ein Erdbeben, das die Stärke von maximal 3,5 auf der Richterskala erreichen kann. Gravierendere Auswirkungen aber dürfte der Chemiecocktail haben, der zu 20 – 85 % im Boden verbleibt. Auch die mit dem Gas aufsteigenden Wässer – die als Sondermüll entsorgt oder neuerlich in Abbaubereiche injiziert werden – stellen eine Gefahr dar. Sie steckt in den Resten des Chemiecocktails (Toluol, Benzol, Xylol etc.) aber auch im aufsteigenden Lagerstättenwasser, das ebenfalls schädliche Beimengungen (Quecksilber, Benzol etc.) enthalten kann. Immer wieder wird auch von radioaktiven Stoffen (z.B. gasförmigem Radon) im Rücklaufwasser gesprochen. Die aber unterliegen in Deutschland nur dann der staatlichen Überwachung, wenn sie in Jahresmengen von mehr als 2.000t anfallen (http://www.peak-oil.com/2011/02/schiefergas-und-radioaktivitaet/). Ein im Grunde unhaltbarer Zustand. Weder beim Einpressen noch beim Zurückführen des gefährlichen Gemisches dürfen die giftigen Zusätze mit dem Grundwasser in Berührung kommen. Gleiches gilt für die in der Tiefe verbleibenden Flüssigkeitsreste. Gerade Letztere geraten außer Kontrolle, denn niemand weiß, wie sie sich in den Folgejahren/-jahrzehnten durch die Klüfte, Verwerfungslinien und Störungszonen bewegen, um irgendwann Trinkwasserquellen zu kreuzen oder anderweitig die Erdoberfläche zu erreichen. Auch unplanmäßige Gasaustritte bei nicht zentrisch im Bohrloch verlegten (und damit unzuverlässig einzementierten) Stahlrohren stellen eine Bedrohung dar. Exxon hält diese Mutmaßungen für abwegig, da die Bohrziele sehr tief liegen. Seine zweite "Abwehrthese", nämlich die, dass die geologischen Bedingungen in Deutschland anders seien als in den US-amerikanischen "Krisengebieten", musste der Konzern inzwischen zurücknehmen. Stichwort USA: Dort wird das Fracking seit mehreren Jahren angewendet. Sein Förderanteil liegt bei knapp 10 % (für 2020 ist eine Verdopplung geplant). Die Folge sind heute 493.000 Bohrlöcher und ein zerstörtes Landschaftsbild. Hinzu kommt, dass in mehreren Fällen Grundwässer und damit die Trinkwasser-Reservoirs von Ortschaften und Städten kontaminiert wurden. Vorläufiger Höhepunkt war brennbares Methan im Leitungswasser – ein Gas, das sich am Hahn und im Becken trefflich entzünden ließ. Im Staate New York läuft nicht allein wegen dieser Vorkommnisse ein Verbotsverfahren gegen das Fracking (greenpeace magazin 6.10).
Dessen ungeachtet haben die am Gasbohren interessierten Konzerne auch in Europa Erkundungskonzessionen erhalten, u.a. in Polen, Schweden, Großbritannien und Deutschland. In anderen Ländern ist das Fracking nach massiven Bürgerprotesten ausgesetzt worden (Frankreich, Australien), oder man verzichtet gänzlich auf seine Anwendung.
In Niedersachsen hat sich das Fracking quasi schleichend neben der herkömmlichen Gasförderung etabliert. Dort wurde es vor knapp drei Jahren von der schwarz-gelben Regierung "durchgewunken" und den Bewohnern eher dünn besiedelter Gebiete "übergestülpt". Ohne dass so recht klar wurde, dass Gasbohren und Gasbohren zwei verschiedene Schuhe sein können. Bei konventioneller Förderung zieht man das unter Druck stehende Gas aus einer in sich geschlossenen und damit gegenüber dem Umfeld abgeschotteten Blase ab. Dabei kommen weder Wasser, noch toxische Zusatzstoffe zum Einsatz. Mit dem Fracking wird das gasumschließende oder –speichernde Gestein bewusst zerstört, wodurch dem Abwandern von kontaminierten Wässern buchstäblich Tür und Tor geöffnet ist.
Jetzt soll es auch in Nordrhein-Westfalen so richtig krachen. Bereits vor Monaten haben sich neun Konzerne beim Bergamt (es untersteht dem Regierungspräsidenten in Arnsberg) die Rechte für Probebohrungen auf neunzehn Feldern gesichert. Allein die US-amerikanische Exxon verfügt über 12 Claims. Dabei hat sie Bohrungen bei Nordwalde, Drensteinfurt und Borken-Wirthe ins Auge gefasst. Als das Ansinnnen ruchbar wurde, waren die Anlieger schockiert. Nicht nur, dass Kommune und Bürger kein Mitspracherecht bei geologischen Erkundungen, Probebohrungen und Erschließungen haben, auch das Genehmigungsverfahren an sich hat es in sich. Es stammt aus dem Jahre 1873 (mit marginalen Änderungen aus den 1980er Jahren), privilegiert die "ausbeutungswilligen" Unternehmen zu Lasten der Bodenbesitzer und schreibt weder eine wasserrechtliche noch eine Umweltverträglichkeitsprüfung vor. Vor allem die Bürger von Nordwalde sind diesem Konstrukt aus Gift und Gier auf die Schliche gekommen. Seit vielen Wochen protestieren sie gegen die Willkür derer, die vom deregulierten Gasfördern profitieren wollen. Im Fokus der Anklagen steht Exxon. Aber ähnliche Vorwürfe müssen sich auch das Land NRW und der Bund gefallen lassen (http://www.wdr.de/Fotostrecken/wdrde/Kultur/2011/02/stadtgespraech_nordwalde.jsp?hi=Politik; http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2011/exxon133.html und http://www.wdr.de/tv/monitor/sendungen/2010/1118/wasser.php5 ). Denn ersteres hat sich angesichts der mit Exxon vereinbarten Förderabgabe von 16% (des Gasmarktpreises) wenig dafür interessiert, was auf seinem Boden geschieht. Und ... die Regierung? Sie gibt sich trotz eines Protest-Briefes an Frau Merkel unbeeindruckt. Offenbar sind ihr optimale Bedingungen für ausländische Investoren wichtiger als Trinkwasserfragen am Rhein.
Sollte es zu den Bohrgenehmigungen kommen, ist mit 4-6 Bohrstellen pro Quadratkilometer auf gepachtetem oder enteignetem Land zu rechnen. Eine solche Dichte dürfte die agrarisch geprägte Urlaubslandschaft im Münsterland sehr bald ernsthaft beeinträchtigen. Immerhin glaubt man an immense Schätze im Untergrund. Schlaumeier wollten schon mal wissen, dass man die gesamte Bundesrepublik mit dem Gas zwanzig Jahre lang versorgen könnte (WDR-Fernsehen, 16. Februar 2011 - http://www.wdr.de/tv/bab/sendungsbeitraege/2011/0216/erdgas.jsp ). Natürlich sind diese Zahlen "geschossen" und bewusst groß gehalten, um der Aufgabe die nötige Zugkraft zu verleihen.
Inzwischen haben sich in NRW mehrere Bürgerinitiativen gebildet. Die wichtigsten von ihnen agieren in Nordwalde, Borken und Drensteinfurt. Aber auch in Hamm, Hagen und Herbern rumort es. Interessant ist, dass sich selbst die meist CDU-dominierten Gemeinden im Münsterland einstimmig gegen die Pläne von Exxon ausgesprochen haben, während der in NRW regierende SPD-Wirtschaftsminister (wohl angesichts der winkenden Einnahmen) gewaltig rumeiert. Anders der EU-Parlamentarier Reinhard Bütikofer. Er warnte eindringlich vor den Gefahren, die dem Grundwasser drohen und forderte eine Wirtschaftlichkeitsprüfung. Hier müsse festgestellt werden, ob sich eine Förderung unter europäischen Bedingungen mit europäischen Umweltstandards überhaupt lohne. Im Kontext dazu ist es wichtig, die bestehenden Gesetze, sprich: das alte Bergrecht zeitgemäß zu ändern (http://www.wdr.de/tv/bab/sendungsbeitraege/2011/0216/erdgas.jsp ).
Derzeit ist die akute Gefahr von ersten Probebohrungen in Nordwalde und Borken offenbar abgewendet. Der Antragsteller Exxon muss zunächst ein Wassergutachten vorlegen – von Spezialisten, über deren Berufung die so genannten unteren Wasserbehörden befinden. Die Bürgerinitiativen haben bereits angekündigt, dass sie hier ein gewichtiges Wort mitreden wollen. Ihr Votum hat bereits dazu geführt, dass Exxon auf Fachleute der Uni Clausthal verzichtet. Einige von denen haben vor ihrer jetzigen Tätigkeit auf der Gehaltsliste des Konzerns gestanden. Ob das Wassergutachten für den Konzern positiv ausläuft, ob er sich schließlich weiterer Prüfungen und Genehmigungsverfahren unterziehen muss, wird die Zeit zeigen. Die Entscheidungshoheit liegt dann beim Land (und nicht beim Bund).
Für den 17. März 2011 hat Exxon auf Druck der Bürger einen Arbeitskreis einberufen, der alle mit den geplanten Bohrungen zusammenhängenden Probleme beraten soll. Zu diesem Termin wird die Bürgerinitiative einen Katalog vorlegen, der mit "tausend Fragen" prall gefüllt scheint.
Nachtrag: In der letzten Märzwoche mussten die Politiker in Düsseldorf nun doch Farbe bekennen und den Forderungen der Bevölkerung entsprechen. Sie kamen mit Exxon überein, dass weitere Erkundungen bis zum Jahresende ausgesetzt werden. Erst wenn das von der Bergbaubehörde eingeforderte wasserrechtliche Gutachten sowie das Gesamt-Gutachten zum "Fracking" vorliege, könne weiter entschieden werden ("Rheinische Post", 26. März 2011).
Wichtige Informationen, die diesem BLOG zu Grunde liegen, stammen von Helder Yurén, Wettringen (www.wortplus.com), der bei den Bürgerversammlungen in Nordwalde mit dabei ist.
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