Ticker im Oktober Drucken
Geschrieben von: Ulrich Scharfenorth   
Montag, 11. Oktober 2010 um 18:18 Uhr

Manchmal weiß man nicht so recht, ob unsere Kanzlerin uninformiert, taktlos, unsensibel oder einfach nur bösartig ist. Monatelang tut sie geradezu nichts, hält sich clever im Hintergrund – nach dem Motto: Wer nichts sagt, kann auch nichts falsch machen. Jetzt aber – nachdem die CDU-Vorderen mehr Konservatismus einfordern, taucht sie plötzlich auf und ... zieht vom Leder. Mit ihrem jüngsten Spruch: Politische Entscheidungen müssten auch gegen den Mehrheitswillen der Bevölkerung durchgesetzt werden – das sei Ausdruck des Primates der Politik ... hat sie klar gemacht, wie sie mit dem Volk umzuspringen gedenkt. Die Grenzen dafür, wo Anmaßung beginnt und gegebenenfalls endet, hat sie nicht definiert – auch nicht, wie oft und nachhaltig sie gegenüber den sie umgebenden Finanz-und Wirtschaftsgewaltigen einzuknicken gedenke. Eine wahrhaft schwache Veranstaltung. Doch bleiben wir bei den konkreten Fauxpasses: Vor fünf Wochen verpasst sie Sarrazin eine Schelle (obwohl sie dessen Buch noch gar nicht gelesen haben konnte), dann kündigt sie die bestehenden Laufzeitverträge für die AKWs auf (obwohl die Kernkraftbetreiber dafür bereits "belohnt" wurden und sich die Planungssicherheit für alternative Energieerzeuger plötzlich in Nichts auflöst), beleidigt die Demonstranten gegen Stuttgart 21 als technikfeindliche Zukunftsbremsen und hat nach dem jüngsten Länderspiel gegen die Türkei nichts Besseres zu tun, als Mesut Özil in aller Öffentlichkeit zu beglückwünschen. Ein Bild dieser törichten "Handreichung" war dann auch schnell in allen Zeitungen zu finden – was den deutschen Torjäger mit türkischen Wurzeln sicher düpierte. Denn die vieltausendfachen Pfiffe von türkischen Fans gegen ihn mussten sich so vervielfachen.  Merkel  und andere Politiker hatten bereits im Vorfeld betont, dass der Werdegang Özils ein gutes Beispiel für gelungene Integration darstelle. Diesen Schwachsinn, den die Rheinische Post vor einigen Tagen sogar auf die gesamte deutsche Fußballmannschaft ausgedehnt hatte, mag begreifen, wer will. Ich kann es nicht. Als ob die geldgetränkte Integration von Supertalenten mit dem zu tun habe, was ungelöst vor uns hinwabert. Oder wie hat man die Ergebnisse der neuesten Emnid-Umfrage zu deuten, nach der

- 69% der Deutschen einen Beitritt der Türkei in die EU ablehnen,

- 59% glauben, dass Muslime sich nie mit dem Grundgesetz anfreunden werden,

- 71% der Deutschen daran zweifeln, dass Muslime bereit seien, die Gleichberechtigung der Frau im Alltag zu akzeptieren,

- 71% der Deutschen dafür plädieren, dass auf deutschen Schulhöfen nur deutsch gesprochen wird und

- 68% daran zweifeln, dass die große Mehrheit der Zuwanderer aus islamischen Ländern in absehbarer Zeit gut deutsch spricht ("Rheinische Post", 11. Oktober 2010)?

Frau Merkel wäre sicher gut beraten, wenn sie populistische Gesten recht schnell durch konkrete Arbeit ablösen würde. Dazu gehört auch, dass sie Wissenschaftler dazu beruft, auf Sarrazins Thesen fachlich fundiert zu reagieren. Ich habe das zu Beginn der Kontroverse bereits angemerkt. Jetzt allerdings wird das auch von anderer Seite eingefordert ˗ bereits mit dem Zungenschlag, dass Sarrazin mehrheitlich ins Schwarze treffe ("DIE ZEIT", 7. Oktober 2010). Bei rd. 2 Millionen Büchern, die bis Weihnachten verkauft sein dürften, ist es höchste Zeit, den Bürgern eine detaillierte Stellungnahme anzubieten. Bliebe die aus, dann dürfte sich vieles aus dem Text auch dann in den Köpfen verfestigen, wenn Alarmstufe ROT angesagt ist.

 

Wieder einmal wird in einer großen überregionalen Zeitung der deutsche Adel aufgewärmt ("DIE ZEIT", 7. Oktober 2010). Offenbar, weil zu Guttenberg neuerlich glänzte – glänzte … in den Augen derer, die auf gutes Aussehen, perfekte Wortwahl, Gutangezogenheit und höfische Manieren abfahren. Ansonsten – meine ich – hält der Mann doch nur Trauerreden. Dies zweifellos mit dem richtigen Timbre in der Stimme. Möglich, dass ihn die lackierten Äußerlichkeiten in der Beliebtheitsskala (narrisch, närrisch!) ständig auf Platz 1 fixieren. Oder hat das damit zu tun, dass ihn die Reporter jüngst auf dem Rad (also umweltfreundlich) erwischten und er dann noch Zeit hatte, seine Texte zu deutscher Kultur und Integration abzulassen ("Rheinische Post", 9. Oktober 2010). Nun, wir wissen das nicht. Spätestens dann aber, wenn er morgen, oder sagen wir, übermorgen und über-über-morgen und über-über-über-morgen wieder mit seiner Frau in allen Zeitungen posiert, also ... fast gleichauf mit Lena, Klum und Poot die Druckseiten dicht macht, könnte der stete Tropfen auch uns den Keks weich machen. Enzephalomalazie nennt man das – glaube ich – oder? Ganz Recht, Guttenberg sollte besser gegen die joystickgesteuerten Drohnen protestieren – jene verbrecherischen Spielzeuge, die zwischen 2004 und September 2010 vermutlich zwischen 1171 und 1799 Menschen in Pakistan getötet haben. Der Anteil der Zivilisten wird mit ca. 30 % beziffert („DIE ZEIT“, 7. Oktober 2010). Sämtliche Zahlen sind vermutlich frisiert. Weil niemand zugeben würde, noch mehr Menschen, noch mehr Unbeteiligte ermordet zu haben. Doch was ebenso schwer wiegt, ist der Tenor, mit dem die völkerrechtswidrig eingesetzte Waffe in einigen deutschen Zeitungen bewundert wird.

Ian McEwan  hat einen Roman geschrieben (→  "Solar"), der derzeit – vor allem in konservativen Medien – für Furore sorgt. Allein die FAZ hat ihm eineinhalb Seiten (!) gewidmet – nun kein Wunder bei der politischen Aussage! ("Frankfurter Allgemeine Zeitung", 25. September 2010). Glaubt man den Rezensionen, so gibt sich der Autor – wie immer – spitzig. Elegantes, gut Analysiertes, Subversives und Slaptickhaftes Elegantes, gut Analysiertes, Subversives und Slaptickhaftes seien bunt gemischt. Über solchen Äußerlichkeiten scheint unterzugehen, wie platt und unsortiert McEwan das Thema "künftige Energien" angeht. Er setzt offenbar voll auf sauberen Atomstrom – mit dem er sogar die Arktis schützen möchte. Hier freilich lauert Naivität, lauert der Widerspruch in sich. Denn niemand weiß schließlich, was "sauber" mit "Atomstrom" zu tun hat und ... ob der Nordpol zu diesem Zeitpunkt nicht durch Tiefenbohrungen verölt ist.