Die Jugend macht mobil Drucken
Geschrieben von: Ulrich Scharfenorth   
Donnerstag, 26. November 2009 um 14:41 Uhr

Endlich kommt Bewegung in unser verkrustetes Bildungssystem. Schüler und Studenten begehren auf, haben es satt einer Maschinerie aufzusitzen, die viel Geld schluckt, ihren Bildungsauftrag aber weitgehend verfehlt. Hinzu kommen der z.T. erbärmliche Zustand der Schulen, überfüllte Hörsäle, lehrunwillige Professoren, ein missglückter Bologna-Prozess (Bachelor- und Masterstudiengänge) und hohe (Studien-)Gebühren. Es wird höchst Zeit, dass mit diesen Missständen aufgeräumt wird. Wir alle wissen, dass die EU ihren Bildungszielen seit Jahren hinterherhinkt. Die Zahl der Schulabbrecher sollte bis 2010 auf 10% gesenkt werden. Die Zahl liegt heute bei 15 %. Zudem haben sich die Leseleistungen von 15-Jährigen seit 2000 im Schnitt verschlechtert („Rheinische Post“, 26. November 2009). In dieser Gemengelage schneidet Deutschland besonders schlecht ab. Sicher auch deshalb, weil hier zu Lande weniger in die Bildung investiert wird als im OECD-Durchschnitt. Die vollmundigen Ankündigungen von Kanzlerin Merkel, dass Bildung und Ausbildung zu den wichtigsten Säulen der Regierungspolitik gehörten, stehen hierzu in eklatantem Widerspruch.

Gestern schleppte die Polizei Studenten aus der Düsseldorfer Uni, und auch anderswo wird strikt durchgegriffen. Scharfmacher in verschiedenen Medien sind bereits dabei, die „Revolte“ als Revoluzzerstück linker Einzeltäter zu diskreditieren und schaffen damit eine Atmosphäre, die gesellschaftspolitische Spaltung bezweckt. Wenn wir heute nicht lernen, dass Lehrinhalte und Lernbedingungen grundsätzlich reformiert werden müssen, dass wir einen neuen, gut bezahlten Lehrertyp brauchen, der zukunftstüchtige Schüler und Studenten hervorbringt, koppeln wir uns ab. Wer heute das dreifache Geld für einen sinnlosen Afghanistan-Feldzug ausgibt, lebt nicht in dieser Welt. Denn er verspielt das wenige Kapital, das uns bleibt. Wir brauchen – vor allem für Kinder aus problematischen familiären Milieus – eine gute vorschulische Betreuung (Deutschunterricht!) und eine taugliche Ganztagsschule sowie den Verzicht auf das diskriminierende dreigliedrige Schulsystem. Ebenso nötig sind bessere Bedingungen an den Hochschulen (mehr Unihörsäle und Lehrer, die Reparatur des Bologna-Ansatzes und die Abschaffung der Studiengebühren). Vor allem Chancengleichheit ist geboten. Nur so kann es gelingen, das ganze Potential der Lernwilligen auszuschöpfen und die Schule/Universität zu dem zu machen, was wir dringend benötigen: eine Stätte des Lernens, der kreativen Anreize, der gegenseitigen Achtung von Schülern und Lehrern und der Lebensfreude.

Bei "Anne Will" (ARD) stieß ich am 29. November auf ein paar weitere interessante Fakten: Der Anteil Studierender aus  unbetuchten Familien ist in den letzten 20 Jahren von 64 auf 49% abgesunken. Obwohl 2009 ein Run auf die Hochschulen und Unis zu verzeichen war, haben 18.000 junge Leute das Studium nicht angetreten, weil sie die Gebühren nicht aufbringen konnten. Besser gestellte Leute schicken ihre Kinder lieber auf Privatschulen und Privat-Unis, weil dort die Lernbedingungen (Klassengrößen, Betreuungsgrad) besser seinen. Der Bund überlässt es den Ländern, die Struktur des Studiums (Bachelor und Master) selbst zu bestimmen und dafür Sorge zu tragen, dass Studenten mühelos zwischen den Unis wechseln können. Das ist m. E. ein haarsträubender Unsinn, weil die Kompatibilität nicht hergestellt wird. Jetzt stehen wir nicht nur vor einem gescheiterten Bologna-Prozess, sondern driften darüber hinaus in ein 2-Klassen-System für Bildung und Ausbildung. Die Forderung der meisten Studenten nach Abschaffung der unsozialen Studiengebühren findet bislang kein Gehör.