|
Ich weiß nicht, was sich Volker Herres bei seiner letzten Sonntagsveranstaltung ("ARD-Presseclub", 26. Juli 2009) gedacht hat. War es das: Mal schnell den "Nichtkrieg" in Afghanistan hinterfragen, mal schnell etwas Wahlkampfhilfe für die regierenden ISAF-Befürworter ablassen oder Werbung für das verbreiten, was 69% unserer Bevölkerung nachdrücklich ablehnen. Mich hat das am Kern der Dinge vorbeiplätschernde Gerede bis aufs Blut gereizt. Dass ein Konservativer wie "ZEIT"- Herausgeber Josef Joffe die abgetretenen Argumente für den deutschen Einsatz ins Feld führte, war absehbar. Doch dass dann die politische Korrespondentin der taz, Bettina Gaus, nur artig sekundierte, statt ihre Fakten auf den Tisch zu bringen, blieb bis zuletzt enttäuschend. Allenfalls die Schriftstellerin Siba Shakib vermochte an die wirklichen Probleme zu rühren.
Die meisten von uns wissen, warum in Afghanistan – vier Jahre nach der Beseitigung des Taliban-Regimes – noch immer Krieg geführt wird. Es geht um die (immer noch ausstehenden) Ölpipelines vom Kaspischen zum Arabischen Meer und darum, dass Widersacher des Westens permanent in Schach gehalten werden. Hier zu Lande wird das pauschal "Kampf gegen den Terror "genannt, wobei die Gegner - ganz gleich, ob sie Al-Qaida, Talliban oder aufmüpfige Warlords heißen - recht problemlos zur komplexen Schreckensfigur verschmolzen werden. Statt die Ursachen dafür, dass der Gegner so erfolgreich in der Bevölkerung ankert, endlich zur Kenntnis zu nehmen, betreibt der Westen "Oberflächen-Kosmetik", sprich: Er schlägt drauf, wo er nichts versteht oder nichts verstehen will. Existenzgrundlagen für ein Volk, das zwischen Sand und ausbleibendem Regen existieren möchte, schafft das nimmer.
Was alle am Tisch monierten, war das Fehlen einer Exit-Strategie. Der Westen habe es versäumt, über den Rückzug aus der Krisenregion nachzudenken. Keine Ahnung, was die Beteiligten zu einer solchen Feststellung bewegte. Zweifellos gab es vor dem Isaf-Einsatz konkrete Zielstellungen. Man wollte erst dann wieder raus, wenn alles nach westlichem Gutdünken geregelt war – mit einem Regime, das "Sicherheit" versprach und Sicherung westlicher Interessen meinte. Warum Journalist Hubert Seipel den notwendigen Ausstieg aus dem Krieg in 3 – 4 Jahren anmahnte, blieb in diesem Kontext unverständlich. Griff er in die Luft oder hatte er das mit Insidern beim Bier besprochen? Sehr viel haarstäubender – dabei aber recht nahe an der westlichen Strategie - war die Feststellung von Joffe. Es gebe Situationen, die ein Ende von Konfrontationen auch ausschlössen. Hörte ich richtig? Dieser Mann erwog die permanente Okkupation. Kein Wunder, dass er dann noch mehr Soldaten am Hindukusch forderte. Gänzlich unverständlich war es, dass Herres keinen erklärten Gegner des Afghanistan-Krieges an den Tisch bat. Er verspielte damit nicht nur die Chance für eine tiefer gehende Diskussion. Er erweckte sogar den Eindruck, dass das verhängnisvolle Mandat vom Volkswillen gedeckt ist. Eine beschämende Irreführung. |