Strom aus Afrika? Drucken
Geschrieben von: Ulrich Scharfenorth   
Freitag, 24. Juli 2009 um 15:54 Uhr

Anfang Juli 2009 haben sich 12 Unternehmen (u. a. die Münchener Rück, E.on, RWE, Siemens, ABB, die Deutsche Bank und die spanische Abengoa) zur sogenannten Desertec-Initiative zusammengeschlossen. Ziel des zunächst lockeren Verbundes ist es, Solarstrom in Afrika zu gewinnen, um ihn für Europa nutzbar zu machen ("SPIEGEL  ONLINE", 13. Juli 2009). Der Gedanke ist nicht neu. Seit vielen Jahren befassen sich Wissenschaftler mit diesem Thema. Ganze Projekte mit ausführlichen Berechnungen stehen mittlerweile im Netz (S. 217). Bisher scheiterte die Idee nicht nur an den vermutlich hohen Kosten, sondern auch an den politischen Rahmenbedingungen. Letztere könnten sich mit Gründung der Mittelmeer-Union etwas verändert haben.

Wer die vorläufigen Skizzen für die vernetzten Solarthermie-Anlagen betrachtet, spürt, um welche Größenordnung es geht. Fachleute schätzen, dass die Investitionen ca. 400 Milliarden Euro verschlingen könnten. Große Teile Nordafrikas – vor allem küstennahe Gebiete – sollen "verdrahtet" werden, um die gemeinsame "Ernte" über ein gewaltiges Gleichstrom-Übertragungs-System gen Norden zu transferieren. 2050 glaubt man so, etwa 15% des europäischen Energiebedarfes decken zu können. Noch sind diese Zahlen ohne einige Wirte gemacht – wenn sie denn überhaupt stimmen. Positiv ist allerdings, dass die Idee aufgegriffen wurde.

Herrmann Scheer, Vorsitzender des Weltrates für Erneuerbare Energien, sieht das offenbar anders ("manager-magazin.de", 13. Juli 2009). Er verurteilt das Vorhaben – vor allem wegen seines Gigantismus. Der nämlich rufe unzählige länderübergreifende Probleme auf den Plan, Probleme, die das Geschehen endlos verzögern würden. Man müsse nicht nur kräftezehrende Verhandlungen mit zahllosen Partnern führen, sondern auch auf ständig steigende Kosten gefasst sein. Die größte Gefahr sieht der SPD-Politiker aber darin, dass die Energiekonzerne die zentrale Energieversorgung Deutschland und damit ihr Monopol auf Dauer festschreiben könnten. Ihm schwebt das sicher fairere Modell der dezentralen Versorgung vor, das als Patchwork aus zahllosen alternativen Quellen (Wind-Energie, Bio-Energie, Photovoltaik, Geothermie, Blockheizwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung – und Hybride daraus) eines Tages ganz Deutschland überziehen soll. Tatsächlich dürften die Probleme, die ein Afrika-Europa-Verbund impliziert, enorm sein. Denn die bloße Tatsache einer Mittelmeer-Union bedeutet noch gar nichts. Wir wissen zwar, dass die vorrangig in Frage kommenden Partnerstaaten Marokko, Tunesien und Ägypten heute vergleichsweise stabil sind. Doch wie sich das Ganze in 10 Jahren stellt, weiß niemand. Bekanntermaßen hat sich Al Qaida auch im Maghreb festgesetzt und dürfte inzwischen über beachtlichen Einfluss verfügen. Hinzukommt, dass die beteiligten Länder darauf bestehen werden, dass ihre historisch-.kulturellen Gepflogenheiten (Nomadentum etc.) geachtet werden und faire Anteile aus dem Stromertrag vor Ort bleiben. Und wer - bitte - denkt an die Sandstürme? Erst wenn diese Details – vor allem auch die Sicherheitsfragen – ausdiskutiert und geklärt sind, dürften die Voraussetzungen für den Start der "Desertec-Operation" gegeben sein. Aber auch dann wäre es naiv anzunehmen, dass das Projekt zeitgleich und in voller Größe in Angriff genommen werden könnte. Sehr viel wahrscheinlicher ist der Start mit zwei, drei Pilotprojekten, die überschaubarer und leichter zu sichern sind.

Scheers Vorbehalte gegenüber den Energieriesen kann ich gut verstehen. Auch mir wäre eine dezentrale Energie-Lösung (S. 194, 197) sehr viel lieber als das fortdauernde Diktat von E.on und Co. Dennoch: Von einer solchen, vorwiegend kommunal organisierten Lösung, vielleicht sogar flächendeckend auszugehen, zeugt von Naivität. Niemand kann im Ernst glauben, dass sich die "üblichen Verdächtigen" so einfach ausklinken lassen. Eine Energiewende gegen sie dürfte schon am akuten Geldmangel in Bund, Ländern und Gemeinden scheitern. Ganz zu schweigen von der tatkräftigen Lobby, die niemals davon ablassen dürfte, ihre Macht auszuüben.

Meine Schlussfolgerung ist folgende: Wir sollten – was die Zukunft angeht – nicht in Extreme verfallen und bestehende Machtstrukturen ernstnehmen. Was dann heißt, einen Mix aus zentraler und dezentraler Stromversorgung zu akzeptieren. Dies sollte aber nur dann geschehen, wenn die großen Stromversorger nachweislich und in steigendem Maße auf alternative Energien zurückgreifen. Staat und Parteien in Deutschland müssen gezwungen werden, Gesetze zu verabschieden, die eine faire Struktur von Energieaufkommen und –verteilung sicherstellen. Das setzt voraus, dass Einzelinitiativen zur dezentralen Strom- und Gaserzeugung noch stärker als bisher gefördert werden. Wir brauchen einen fairen Wettbewerb, dem auch kleinere Anbieter gewachsen sind. Käme er nicht zustande, dann müssten die Verbraucher das heute spürbare Joch von Preisabsprachen weiter tragen. Die Tatsache, dass der Strom dann zu größeren Teilen aus alternativen Quellen sprudelte, wäre zwar umweltrelevant. Der weniger betuchte Bürger aber würde sie – wie immer, wenn es ans Eingemachte geht – geflissentlich übersehen.