Apokalypsen? Drucken
Geschrieben von: Ulrich Scharfenorth   
Montag, 29. Juni 2009 um 11:35 Uhr

Während in Deutschland trotz Krise und Jobverlusten die Dekadenz neue Blüten treibt, verschärft sich das Elend in der Dritten Welt. "Ultimate Fighting" – die brutale Arena-Prügelei ("Rheinische Post", 19. Mai 2009), Calixto Bietos' Blut und Sperma-Inszenierungen ("taz.de", 7. April 2009), "feinsinnige" Diskussionen über "positive" Elemente der Pornogaphie ("Literaturen", 6. Juni 2009) und neue, abstruse Auflagen der von Hagen'schen "Körperwelten" (Tote beim Sex - "taz.de", 6. Mai 2009), stehen dann Kämpfen um die bloße Existenz gegenüber. Was dem Westen den letzten Kick verabreicht und reichlich Geld in die Kassen spült, mag in Ländern des Hungers wie ein Update der Hölle erscheinen.

Schon glaubt die Welthungerhilfe, dass das Ziel, die Zahl der weltweit Hungernden bis 2015 auf unter 450 Millionen zu drücken, nicht erreicht wird ("Westdeutsche Zeitung", 29. Mai 2009). Wie auch sollte das stattfinden – bei jetzt 963 Millionen Betroffenen (S. 101). In gleichem Atemzuge macht die UNO die gegenwärtige Krise für eine enorme Steigerung der Kindersterblichkeit verantwortlich. Gleichzeitig geht sie davon aus, dass weitere 53 Millionen Menschen unter die absolute Armutsgrenze von 0,75 US-$/Tag geraten werden. Und das britische Institute of Development Studies ergänzt lakonisch: Menschen in den fünf besonders krisenbetroffenen Ländern essen weniger, nehmen mehr Kinder aus den Schulen, nehmen öfter gesundheitsgefährdende Arbeiten an, schmuggeln und stehlen zunehmend und geben sich mehr denn je dem Drogen- und Alkoholmissbrauch hin. Außerdem suchten sie – intensiver als bisher – Nahrung aus dem Müll und schössen auf wilde Tiere. Mehr Frauen und Kinder verkauften ihre Körper und mehr Alte würden von ihren Familien ausgesetzt ("DIE ZEIT", 28. Mai 2009). Die Ursachen für diese furchtbaren Trends seien vor allem Preissteigerungen und zunehmende Jobverluste – bedingt durch das Zusammenbrechen ganzer Märkte. Peru beispielsweise leide am Kollaps der Wolle-Produktion (Alpaka), und in Kambodscha seien durch Absatzschwierigkeiten bei Baumwolle und Bekleidung schon heute 50.000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Noch schlimmer habe es Indien getroffen. Seine Exportindustrie habe den Verlust von 1,5 Millionen Arbeitsplätzen hinnehmen müssen. Im Kongo wiederum seien die ersten Kobalt-Minen geschlossen worden, weil China kaum noch Handys produziere. Da nehmen sich die Probleme, die durch Einbruch der weltweiten Autoindustrie entstanden sind, eher harmlos aus – vor allem deshalb, weil sie nicht die Ärmsten der Armen, sondern vornehmlich diejenigen treffen, die zuvor gut beschäftigt waren und gewisse Rücklagen besitzen.

Wenn der deutsche Finanzminister heute auf eine gigantische Neuverschuldung um 100 Milliarden Euro zusteuert und für 2010 die Fortsetzung der Substanz-Plünderung ankündigt, beschreibt dies die Wehen in der Wohlstandszone. Zwar weiß niemand, wie kommende Generationen den Schuldenberg abräumen sollen. Dennoch geht es "nur" um Substanzeinbußen, die ein rigides Steuerrecht zu Lasten der Vermögenden (zumindest theoretisch) nivellieren könnte. Dort aber, wo es kaum oder keine Substanz, dafür aber umso mehr Schulden gibt und (künftig) steigende Preise für Rohstoffe sowie Klimadesaster für neuen Stress sorgen, dürfte das Chaos ausbrechen. Der Chef des IWF, Strauss-Kahn, sieht nicht von ungefähr die "Gefahr ziviler Unruhen" ("DIE ZEIT", 28. Mai 2009). Damit freilich bagatellisiert er. Was uns bevorsteht, wird seine Befürchtungen weit in den Schatten stellen. Künftig geht es nicht um kleine Querelen, es geht um Migration und Genozide gewaltigen Ausmaßes.

In was für einer Welt leben wir eigentlich?

Wenn ich höre, dass die Wall Street heute den UN-Finanzgipfel boykottiert und damit Reformen der internationalen Finanzarchitektur vehement ablehnt, ja inzwischen dabei ist, alte Muster der Spekulation wiederzubeleben, wird mir übel. Setzt sich nämlich der von US-Experten für unabdingbar gehaltenen "Finanzblasen-Zyklus" (S. 371) fort, dann dürfte die Welt schon bald mit einer noch übleren Krise konfrontiert sein. Die aber führte zweifellos zum kompletten Blackout.