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2008 Heiner Labonde Verlag,   
ISBN 978-3-937507-15-6
632 S. ; VK: 34,00 Euro

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Der Autor setzt in der Rubrik "Blog" seine Betrachtungen zu buchrelevanten Themen fort. Dadurch werden wichtige Fakten und Sachverhalte ständig aktualisiert. Der Bezug zu "Störfall Zukunft - SchlussFolgerungen für einen möglichen Anfang" wird durch entsprechende Seitenverweise in den neu entstehenden Texten hergestellt.

Attac setzt auf gesellschaftlichen Wandel Drucken
Geschrieben von: Ulrich Scharfenorth   
Montag, 22. Februar 2010 um 14:22 Uhr

 

  

 

 

Die Zeit ist reif für Veränderungen. Wir durchleben eine Periode, die den Kapitalismus an die Grenzen seiner Existenzfähigkeit verschlägt – und kein „normales systemisches Wechselbad“, wie uns das die Neoliberalen vortäuschen wollen. Die Finanzkrise hat uns gepackt, die arbeitende Bevölkerung leidet in an Jobverlusten, Kurz-, Leih- und prekärer Arbeit, und die Wirtschaft vermag sich trotz dieser Restriktionen nur mühsam auf Wachstumskurs zu bewegen. Allein die Rüstungskonzerne konnten in den zurückliegenden Monate ertragreich zulegen. Doch jetzt steigen auch die Kapitalgeber erneut zu Roß – selbst jene, die vom Staat aus Rettungspaketen bedient wurden. Sie beginnen, sagenhafte Renditen einzufahren und zögern dennoch, ihr Geld – ausreichend und zu annehmbaren Konditionen – in die Realwirtschaft zu investieren. Vor allem kleine Unternehmen, aber auch Unternehmensgründer erleben heute die Verschärfung von Basel II, dieses zum Teil wahnwitzigen Konstrukts, das unter dem Deckmantel „Bonitätsnachweis“ den Mitteltransfer auf die spekulativen Geldmärkte unterstützt. Und jetzt, da die Aufsichtsbehörde BaFin mit der Freigabe der Leerverkäufe auch die letzte Fessel für spekulative Geschäfte beseitigte, kann erneut hemmungslos gepokert werden. Der Finanzsektor ist frei. Für ihn ist alles wie vor der Krise. Und es ist abzusehen, daß er wie eh und je dem verhängnisvollen Blasenzyklus folgt, der uns sehr bald in eine neue, sehr viel gravierendere Rezession hinabreißen könnte. Nichts, aber auch gar nichts deutet darauf, daß sich etwas ändert, geschweige denn durch Reformen verbessert wird. Da können Obama, Sarkozy und Merkel so vollmundig schwätzen wie sie wollen. Was die Steuern angeht, so zielt alles auf die Entlastung von Unternehmen und Besserverdienenden. An die versprochene Beseitigung der „kalten Progression“ für Geringverdienende, an eine Steuer für große Vermögen und die Besserstellung von Kindern aus Hartz-IV-Familien denkt niemand. Ähnlich verheerend sieht es im Umweltbereich aus. Nach dem Scheitern der Kopenhagener Konferenz hat sich die Bundesregierung auf ihr altes Ziel – 20 Prozent CO2-Reduzierung bis 2020 (gegenüber 1990) – zurückgezogen. Und niemand weiß, ob das Geld für die bislang vorgesehene Förderung der alternativen Energien tatsächlich zur Verfügung steht. Im Bundestag scheint die Lage diffus, die Opposition gibt sich hilflos. In der SPD werden Wunden geleckt, die Linke ist zerstritten, und die Grünen sind politisch kaum mehr einzuordnen. Auch die Gewerkschaften leiden an innerer Auszehrung. Die Zahl ihrer Mitglieder ist in den letzten acht Jahren um 21 Prozent gesunken. Viele der Arbeitnehmer fühlen sich nicht mehr ausreichend vertreten, die europaübergreifende gewerkschaftliche Kooperation kommt nicht voran und brauchbare Instrumente gegen den verhängnisvollen Shareholder Value sind nicht in Sicht. Bleiben die außerparlamentarische Kräfte: Attac, Greenpeace, Campact, der BUND … etc. Mir scheint sicher, daß Initiativen zu gesellschaftlicher Veränderung vor allem von ihnen ausgehen müssen. Dabei ist die Lage angesichts von Lügenpolitik und Medienpsychose alles andere als leicht.

Ich setze vor allem auf das international tätige Netzwerk der Globalisierungsgegner, auf Attac. Es verfügt heute über mehr als 90.000 Mitglieder in 50 Ländern. Niemand benennt national und international grassierende Mißstände heute so schonungslos und liefert gleichzeitig überzeugende Argumente zu ihrer Überwindung. Bei Attac geht es nicht um aufgeblasene, klassenkämpferische Losungen, sondern um nachvollziehbare, im Detail beschriebene Denkansätze/Handlungsanweisungen, die jeder Wirtschaftler und Politiker problemlos nachvollziehen kann – wenn er denn will. Mit Jutta Sundermann, Alexis Passadaki, Detlev v. Larcher und Pedram Shayar verfügt Attac Deutschland über kompetente Aktivisten, denen auch prominente Persönlichkeiten wie Heiner Geißler, Friedrich Schorlemmer und andere zur Seite stehen. Hinzu kommt mit Politikberatern (zum Beispiel Professor Harald Müller) und Sympathisanten (u.a. Jean Ziegler, Sven Giegold) eine Vielzahl praxisnaher und zugleich visionärer Unterstützer. Ganz zu schweigen vom weitgefächerten internationalen Netz: Attac Österreich (Christian Felber), Attac Frankreich (Bernard Cassen) etc.

Folglich sind die Bemühungen konservativer Rechter, Attac auf einen Haufen marodierender Revoluzzer zu verkürzen, geradezu irrwitzig und allenfalls”" angetan, Verwirrung zu stiften. Eines ist richtig: Die Bewegung steht links, doch sie läßt keineswegs als “extrem links” verorten. Vielmehr vereint sie Kräfte, die eine gerechtere und solidarische Welt anstreben – unabhängig von sonstiger politischer Gesinnung und Zuordnung. Denn es geht um Schnittmengen. Und so finden sich dort auch Vertreter der bürgerlichen Mitte, von NGOs sowie Mitglieder von Hilfs- und kirchlichen Organisationen.

Ich persönlich stieß im März 2009 auf Attac. Damals besuchte ich die NRW-Regionalkonferenz in Wuppertal – vornehmlich, um mein gerade erschienenes Buch „Störfall Zukunft – SchlussFolgerungen für einen möglichen Anfang“ unter die Leute zu bringen. Ich fand dort auch Gehör, und ich wurde befragt: Was ich denn von Attac hielte. Meine Antwort fiel damals eher spärlich aus – nun, ich hatte kaum Infos. Heute ist mir Attac vertrauter: Ich registriere und seziere. Parallel dazu aber gehe ich Fragen nach, die eher politischer Art sind: Was tut Attac, um Gewalt auf seinen Demos zu verhindern? Wie kommt die Organisation aus ihrer (vom konservativen Lager) verordneten „Schmuddelecke“, und wie gelingt es ihr, große Bevölkerungsgruppen zu erreichen? Diese Themen sind heute überaus relevant, weil sie Existenzberechtigung und Erfolgsaussichten des Netzwerkes substanziell berühren. Thomas Eberhard-Köster, Mitglied von Attac Düsseldorf, antwortet dazu recht unmißverständlich: Attac lehne Gewalt grundsätzlich ab. Ausschließliches Ziel sei es, Mehrheiten für eine neue Politik zu organisieren. Dabei setze man vor allem auf Aktionen des zivilen Ungehorsams. Bei Aktionen und Demos – so Eberhard-Köster weiter – gebe es klare Prinzipien. Immer gehe es um die Sache, und die könne in der Gesellschaft nur ankommen, wenn es friedvoll zuginge. Vor allem in Heiligendamm (2007: 100 000 Menschen gegen die Anmaßungen von G8), aber auch in Frankfurt und Berlin (2009: „Wir zahlen nicht für Eure Krise“) sei klar geworden, daß derartige Proteste nicht nur Sinn haben, sondern auch etwas bewirken können. Immerhin sei die Finanztransaktionssteuer selbst in der schwarz-gelben Koalition ein Thema und das Gros der Bürger auf einen schnellen Abzug aus Afghanistan eingestimmt. Hier habe man Breitenwirkung erreicht. Daß dies auch Mutmaßungen nähre, Attac „verbürgerliche“ oder büße kritisches Potential ein, sei nicht auszuschließen. Er – Eberhard-Köster – aber weise das entschieden zurück. Bereits am 20. März sei man in Essen wieder dabei („Wir zahlen nicht für Eure Krise“). Kurz darauf folge eine Aktion in der Berliner Volksbühne (9.-11. April: „Das Bankentribunal – von Räubern, Rettern und Renditen“).

Hier kann ich mich nur fragen: Wer, bitte sehr, geht der Finanzkrise kritischer und zielstrebiger auf den Grund als … Attac?

(... Auszug aus Heft 3/2010 mit freundlicher Genehmigung des Verlages)

 

 

 

 
Kriminalität oder "systemische Selbstregulierung"? Drucken
Geschrieben von: Ulrich Scharfenorth   
Freitag, 12. Februar 2010 um 13:22 Uhr

Selbstverständlich müssen Bund und Länder die von Insidern angebotenen Daten-CDs kaufen, um Steuerhinterziehern auf die Spur zu kommen. Denn andere Möglichkeiten, mehr Steuergerechtigkeit in Deutschland herzustellen, gibt unser System offenbar nicht her. Sowohl Appelle an die Steuerehrlichkeit von Vermögenden, als auch die, mehr Steuerprüfer in Deutschland einzusetzen, verpuffen regelmäßig. Aus gutem Grrund. Denn solange die Steuerharmonisierung in Europa aussteht, ist in Lichtenstein, der Schweiz, in Luxemburg etc. immer mehr zu holen als anderswo – und das zieht. Und solange die Politik Investoren mit dem Versprechen anlockt, bei der Steuer ein Auge zuzudrücken, wird eher weniger als mehr geprüftRichtig Steuern zahlt nur der Normalbüger, der weder über große Vermögen, noch über Connections zu den Steueroasen verfügt. Dass auch der  hin und wieder Schwarzarbeit leistet oder zulässt (Schattenwirtschaft in Deutschland: ca. 360 Milliarden Euro!) – und damit Steuern hinterzieht – ist bedauerlich, doch angesichts der Wirtschafts- und Arbeitsmarktstruktur auch verständlich. So immens der aus Schwarzarbeit erwachsende Steuerverlust auch ist, spezifisch, d.h. auf den Einwohner bezogen, ist er eher gering. Eben das unterscheidet Otto N. vom superreichen Steuersünder, der als Einzelperson oft Riesenbeträge hinterzieht. Strafbar indes machen sich beide.

Jetzt wird dem Staat vorgeworfen, dass er mit dem Kauf der Datenträger das Denunziantentum befördere, sich wie ein Hehler aufführe und damit gegen das Grundgesetz verstoße. Prinzipiell stimmt das. Doch eine Güterabwägung (2 Mill. Euro gegen geschätzte 200 - 400 Millionen Euro) zeigt recht schnell, was hier womit aufgewogen werden könnte. Freilich: Recht und Gesetz dürfen nicht käuflich sein. Hierauf allerdings hätte sich schon Peer Steinbrück besinnen müssen, als er 2007 in Abstimmung mit der CDU auf ein ähnliches Geschäft einging. Dass ihn damals auch keines der deutschen Gerichte ausbremste, hat ihn als pragmatischen Geldeintreiber eher gestärkt.

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Bewusst nichts gelernt Drucken
Geschrieben von: Ulrich Scharfenorth   
Dienstag, 02. Februar 2010 um 13:14 Uhr

Bisher fiel es leicht, die USA und Großbritannien für die gegenwärtige Finanzkrise und ihre Folgen verantwortlich zu machen (S. 372). Wir Deutsche schrieen empört auf, als wir die Zockerei, die plötzlich ganze Staatswesen gefährdete, wahrnahmen und hauptsächlich außer Landes verorten konnten. Lehmann Brothers stürzte, und wir durften erstmalig eine US-Bank für das Abstürzen/Abschmelzen unseres Anlagevermögen verantwortlich machen. Dieses Empfinden hat sich plötzlich gedreht. Nicht nur, weil ein Großteil der Verluste kompensiert wurden. Sondern vor allem deshalb, weil die Buhmänner jetzt auch in deutschen und europäischen Banken ausgemacht werden. Zwar ist es wieder die Wallstreet, sind es auch staatlich gestützte Banken in den USA, die das spekulative Spiel erneut lostraten, jetzt beispiellos forcieren und gigantische Gewinne einfahren. Doch deutsche Geldinstitute stehen dem in nichts nach ("Rheinische Post", 1. Februar 2010). Vor allem jetzt nicht, da die Bankenaufsicht BAFIN das Verbot von Leerverkäufen (S. 390) aufgehoben hat (ZDF/"heute journal", 1. Februar 2010). Der Normalbürger fragt sich, was er angesichts dieser Entscheidung von den vollmundigen Erklärungen der Politik zur Reform der internationalen Finanzarchitektur halten soll. Obama, Sarkozy und Merkel  übertrafen sich in den letzten Tagen geradezu in ihren Forderungen, die systemischen Bedrohungen aus ungeregelten Finanzmärkten mit Stumpf und Stiel auszurotten. Da ging es vor allem um eine Erhöhung des Eigenkapitals für Banken, mehr Transparenz und Aufsicht bei spekulativen Geschäften, um die Finanztransaktionssteuer, um die Besteuerung der Boni für Bankmanager und speziell in den USA um eine Trennung des normalen Bankgeschäftes vom Investmentbanking. So logisch diese Maßnahmen zum Erhalt des kapitalistischen Systems auch erscheinen – man wird den Eindruck nicht los, dass an diesen Schrauben weder ernsthaft gedreht kann, noch … soll. Denn nicht eine der angeführten Ideen konnte bisher paraphiert, geschweige denn umgesetzt werden.

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Paronoide Wunschträume Drucken
Geschrieben von: Ulrich Scharfenorth   
Montag, 01. Februar 2010 um 19:33 Uhr

Wer "DIE ZEIT" abonniert hat, muss neben einzelnen Highlights auch stramm konservative und dümmliche Kommentare aushalten können. Stößt man auf Letztere, glaubt man sich schnell in der BILD-Zeitung für Intellektuelle. Diesmal hat sich Anne Meyer-Minnemann in dieser "Rubrik" ausgetobt. Unter "Reisen" orakelt sie über mögliche Kuba-Sehnsucht, die jetzt auch Hollywood-Stars wie Michael Douglas befallen haben könnte ("DIE ZEIT", 28. Januar 2010). Der Filmstar sei auf der Insel gewesen, habe sich Fotos mit Einheimischen unterworfen und eine Zigarrenfabrik besucht. Gut möglich – so die Schreiberin – dass ihn danach gelüstete, kommunistisches Rauchwerk zu genießen – heimlich und abseits des lästigen Embargos. Meyer-Minnemann hat mit Douglas kein Wort gewechselt. Weiß also nicht, was der dort in Gänze vorhatte oder getan hat. Wäre doch ebenso möglich, dass er Fidel getroffen und mit ihm über Che und Co. diskutiert hat. Aber nein, Douglas muss ich einreihen in die Gelüste der Superreichen, der hippen Hotellerie, die nichts anderes im Sinn haben, als die Insel für "vor-batistäre Showtime" zurück zu gewinnen. Und so träumt die offenbar lifestyl-geschädigte Journalistin nicht nur vom Ende der beiden Castros, sondern auch vom Ende der "Tristesse". Havanna könnte gut und gern zu einem neuen Mekka der Genusssucht aufsteigen, das South Beach (Miami) und Las Vegas nicht nur in Summe, sondern auch rauchfrei übertreffen würde. Leider müsse der Jetset noch ausharren. Denn es dauere wohl noch, bis die (kommunistischen) Brüder ihr Handtuch würfen. Nun, man muss nicht hölzern und schon gar kein Spielverderber sein. Träumen ist erlaubt. Doch was hier abgeht, ist grotesk. Meyer-Minnemann phantasiert nicht nur, sie wünscht es geradezu herbei – noch mehr Freiraum für Stars und Parasiten, noch mehr Verschwendung, Spielhölle und Dekadenz. Als ob es das nicht schon zur Genüge gäbe. Alle Sonnenplätze dieser Welt sind belegt, und selbst auf Haiti lungern die Superreichen. Erst kürzlich hatte Abramowitsch 1.000 Flaschen Champagner dorthin geordert („RP ONLINE“, 18. Januar 2010). Das – mit Verlaub – war Wochen vor dem schrecklichen Beben. Schade – die Flaschen dürften inzwischen geleert sein.

 
Ein Film, der die Dinge schonungslos auf den Punkt bringt Drucken
Geschrieben von: Ulrich Scharfenorth   
Freitag, 29. Januar 2010 um 04:30 Uhr

Es ist ein Skandal, dass der, der bei ARD online Infos zum Film "Zivilcourage" sucht, zwei Tage nach dessen Ausstrahlung nichts findet. Dabei gehört der Streifen (mit Götz George) zu den besten, die das öffentlich rechtliche Fernsehen in den letzten Jahren ausgestrahlt hat. Gewiss, der Film hat bereits im Vorfeld reichlich Spannung erzeugt. Vor allem deshalb, weil die Tabubewahrer einen Skandal befürchteten. Dabei kann gerade „Zivilcourage“ nicht in den Geruch gelangen, ausländerfeindlich zu sein. Im Gegenteil: Der Film beschreibt, wie die Situation ist, und es wäre mehr als schändlich, das wegzuleugnen. Ebenso wie "Wut" (Regie: Züli Aladağ ) muss der Streifen dazu beitragen, die Befindlichkeiten vor Ort (Berlin- Neuköln) endlich wahrzunehmen, um Lösungen für die Misere anzudenken und anzugehen. Der Konflikt konnte anschaulicher nicht beschrieben werden. Nahezu alle Facetten des Neben- und Gegeneinander von Deutschen und Ausländern wurden ausgeleuchtet: Die Hilflosigkeit und Wut der arbeits- und chancenlosen (ausländischen) Jugendlichen ebenso wie das Bedrohungsszenario, das sich für Deutsche, die in Neuköln verbleiben wollen, aufbaut. Im Konflikt um erlebte Not, Anschauungen und brutale Tätlichkeit droht der Rechtsstaat zu zerbrechen. Wenn der Antiquar (der Protagonist im Film) gezwungen ist, eine Anzeige wegen schwerer Körperverletzung zurückzunehmen, sich schließlich illegal eine Waffe beschaffen muss, um sein Recht, ja mehr noch: sein persönliches Existenzrecht zu sichern, herrscht Selbstjustiz. Regisseur Dror Zahavi  hat die Dinge bewusst auf die Spitze getrieben – weil erst dann, wenn die Uhr zwölf schlägt, der Notstand registriert wird.

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Unabhängige Kritik kann schnell den Kopf kosten Drucken
Geschrieben von: Ulrich Scharfenorth   
Montag, 25. Januar 2010 um 16:41 Uhr

Nachdem Nikolaus Brender  auf Druck der CDU seinen Chefredakteur-Sessel beim ZDF räumen musste, hat es jetzt den Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG), Peter Sawicki, erwischt. Sein bis Ende August 2010 laufender Vertrag wird nicht verlängert („Rheinische Post“, 23. Januar 2010). Als Begründung gilt der Vorwurf, Sawicki habe seiner Dienststelle durch unkorrektes Verhalten einen Schaden von 40.000 Euro verursacht. Nun, schlechte oder falsche Spesenabrechnungen sind immer von Übel – und durch nichts zu rechtfertigen. Hier aber scheinen sie – vor allem im Vergleich zu den ungesühnten Verfehlungen in der Finanzbranche – aufgeblasen und instrumentalisiert. Der Ärzteverband IPPNW spricht dann auch von einem Ablenkungsmanöver, das "mangels hinreichender legitimer und substanzieller Gründe" mit dem Ziel veranstaltet wird, den unbequemen Kritiker loszuwerden ("taz", 21. Januar 2010). Sawicki hatte sich in seiner Amtszeit vor allem für eine strengere Prüfung der von der Pharmaindustrie entwickelten Arzneimittel (Ausdünnung von Schein-Innovationen, unabhängigere Begutachtung, Ausweitung der klinischen Tests etc.) sowie gegen die z. T. willkürlichen Preisfestlegungen der Produzenten (sie allein bestimmen, was ein Arzneimittel kostet!) gewandt und entsprechende Empfehlungen für die staatliche Finanzierung von Gesundheitsleistungen gegeben. Dass er dabei den Pharmakonzernen in die Quere kam, liegt auf der Hand (S. 71). Deren Lobby hat nun Druck gemacht. Die Suppe auslöffeln dürften jetzt die Versicherten, denen höhere Arzneimittelkosten ohne Mehrnutzen ins Haus stehen. SPIEGEL ONLINE beschreibt die Situation noch ungeschminkter. Wörtlich heißt es: "Fünf Jahre lang leitete Prof. Dr. med. Peter Sawicki das von der Bundesregierung eingesetzte Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Seinen Job hat er gut gemacht, davon sind jedenfalls die Krankenkassen und sehr viele Mediziner überzeugt.

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Jetzt ist Solidarität angesagt Drucken
Geschrieben von: Ulrich Scharfenorth   
Montag, 25. Januar 2010 um 11:32 Uhr

Ich muss die Einzelheiten zur Situation in Haiti nicht erläutern. Die Medien haben das in aller Breite getan. Derzeit spricht man von totaler Verwüstung der Infrastruktur, 150.000 erfassten Toten (diese Zahl könnte sich auf 200.000 erhöhen), 194.000 Verletzten und bis zu 1 Million Obdachlosen („Rheinische Post“, 25. Januar 2010) – und das in einem Land, das mit 9,7 Millionen Einwohnern und einem Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt von nur 690 (im Vergleich dazu Deutschland: 30.270) US-$ zu den ärmsten der Welt gehört.

Wer die Geschichte des Landes kennt, weiß, dass Haiti zu keiner Zeit über ein taugliches Staatswesen, dafür aber über ein großes Gewaltpotential und viele korrupte Politiker (Duvalier-Dynastie) verfügte. Hinzu kam eine verhängnisvolle Abhängigkeit vom brutalen Gläubiger Frankreich, dass sich den Verlust von Macht und materiellen Gütern aus seiner Unterdrücker- Periode von 1825 bis 1947 mit 90 Millionen Francs (nach heutigem Geld: 22 Milliarden US-$) bezahlen ließ. Haiti erlangte dadurch seine Unabhängigkeit, blieb aber – von den Lasten erdrückt – ein Territorium, auf dem die einfachen Menschen in Armut und Elend dahinvegetierten. Jetzt ist vor Ort so gut wie alles zerstört, und man erwägt den Bau neuer Siedlungen abseits der Schutthalden. Zahlen dazu, was der Wiederaufbau kostet, gibt es derzeit nicht. Sie dürften im zweistelligen Milliardenbereich liegen. Dagegen nimmt sich die derzeitige Hilfe – so uneigennützig und kraftvoll sie auch daher kommt – wie ein Tropfen auf den heißen Stein aus. Dennoch: Die internationalen Anstrengungen sind – was institutionelles und privaten Engagement angeht – mehr als beachtlich. Zwar erreichen sie derzeit nicht einmal die Hälfte dessen, was zur Schadensbegrenzung nach der Tsunami-Katastrophe auf den Tisch kam. Aber die Hilfeleistungen laufen ja noch. Dennoch ist klar, dass die von der Völkergemeinschaft bereitgestellten Mittel allenfalls ausreichen, um das „gröbste Unglück“ zu beseitigen. Hier wird vor allem im Rahmen der Entwicklungshilfe straff nachgelegt werden müssen. Schon vor dem Gau wurden ca. 80% der staatlichen Investitionen und rund die Hälfte des Gesamtbudgets mit internationalen Krediten und Hilfsgeldern finanziert. So etwas wie Leben war dennoch nur möglich, weil Haitianer aus der Diaspora jährlich rund 1 Milliarde US-$ auf die Insel überwiesen („taz“, 21. Januar 2010). Die neuen zusätzlichen Hilfen dürften sich jetzt – auch angesichts der Finanzkrise – zu einem Problem aufstocken, das kaum zu schultern ist.

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