Gastautor Helder Yuren wirbt für eine neue Wissenschaft Drucken
Donnerstag, 02. Juni 2011 um 13:32 Uhr

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Ulrich Scharfenorth ist über das internet auf Helder Yuren gestoßen, der sehr ähnlich ambitioniert ist (http://www.weltwissen.com/weltwissen.php) und mit dem er einen forschen Briefwechsel unterhält. Vor allem zum Thema "Gasbohren" ("Fracking") arbeiten beide eng zusammen. Beistehendes Buch wurde bereits unter Buchtipps vorgestellt (http://www.stoerfall-zukunft.de/buchtipp?start=7).  Heute plädiert Yuren für "Gewissensforschung":

 

Plädoyer für eine neue Wissenschaft

Nicht um ein weiteres Spaltprodukt zunehmend spezialisierter Wissenschaft geht es mir, auch nicht um einen neuen Zweig interdisziplinärer Forschung, vielmehr ist der Gegenstand der neuen Wissenschaft seit Jahrtausenden benannt und daher alles andere als unbekannt. Trotzdem lässt das Wissen in der Sache viel zu wünschen übrig. Ein nicht hinnehmbarer Mangel, der im Alltag eine ebenso große Rolle spielt wie in Literatur und Geschichte. Das Desiderat der Forschungslandschaft ist nichts Geringeres als die "Konszientologie" oder kurz G-Wissenschaft, deren Gegenstand das menschliche Gewissen ist. Bezeichnend für die Nicht-Existenz der Disziplin ist im Sprachgebrauch der Terminus 'Gewissenserforschung', der für die Selbstbefragung z.B. der Katholiken vor der Beichte steht. Solche Introspektion ist das glatte Gegenteil einer nachprüfbaren Untersuchung. Überhaupt halten Theologie und Philosophie, seit gut einem Jahrhundert verstärkt durch die Beteiligung der Psychologie, das Terrain besetzt, sodass aus deren Sicht die neue Wissenschaft unnötig bis unerwünscht sein dürfte. Freilich handelt es sich mit Ausnahme gewisser Felder der Psychologie um altehrwürdige Geisteswissenschaften, deren Ethik-Abteilungen ihr Wissen über das Gewissen vor allem aus gelehrten Büchern haben. Der Schwerpunkt der neuen Wissenschaft sei aber das Experiment. Das macht die Erkenntnisse der Tradition nicht samt und sonders obsolet, erweitert sie jedoch beachtlich und verleiht ihnen eine neue Qualität, insofern sie aus dem Dunstkreis bloßer Ansichten ins Licht der unleugbaren Tatsachen gehoben werden. Oder mit anderen Worten: Die Erkenntnisse der neuen Wissenschaft trennen Welten von den Geboten und frommen Wünschen der philosophisch-theologischen Ethik. Welche Auswirkungen die Befunde der G-Wissenschaft im Alltag nach sich ziehen werden, ist nicht absehbar. Klar aber schon, dass viele Lebensbereiche dringend der Stützung durch neue Einsichten bedürfen bzw. von neuen Erkenntnissen in Sachen Gewissen nur profitieren können. Zuerst zu denken ist an das weite Feld der Sozialwissenschaften, ganz besonders an Erziehung und Bildung, wo noch immer die Wissensvermittlung dominiert, die Gewissensbildung dagegen meist dem Zufall, der Moralpredigt und der Dressur überlassen bleibt. Wie auch soll das Gewissen der Heranwachsenden gebildet werden, wenn Pädagogik, wenn Eltern und Ausbilder keinen überprüfbaren Begriff von dem haben, was Gewissen wirklich ist? Der Versuch, ethisch-soziale Einstellungen über die Vermittlung der einen oder anderen Weltanschauung zu etablieren, kann nur selten gelingen, weil sein Erfolg an zu vielen Faktoren hängt. Wissensvermittlung ohne ethisch-soziale Verankerung aber, das heißt, der Schulalltag, ist recht eigentlich verantwortungslos oder in multipler Hinsicht gewissenlos. Denn so werden zu oft nur nützliche Idioten ausgebildet, die nicht wissen, was sie tun - mit absehbaren Konsequenzen für die Gesellschaft. Hier besteht großer Handlungsbedarf, aber zunächst einmal ein großes Wissensdefizit. Nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht hierzulande vor etwa 60 Jahren gab es bald Kommissionen, die das Gewissen der Kriegsdienstverweigerer überprüfen zu können meinten; doch auch die Mitglieder jener Kommissionen hatten allenfalls einen selbstgestrickten Begriff von dem, was sie überprüfen wollten. Die Vorstellungen von der verborgenen Steuerungsinstanz gingen und gehen weit auseinander. Die Skala der Optionen reicht von "gewissenlos" am einen Ende über das häufig anzutreffende "nach bestem Wissen und Gewissen" bis ans andere Ende mit dem Minderheitenstatus der Unbestechlichkeit. Dass auf die Wirksamkeit des Gewissens grosso modo kein Verlass ist, haben die Ereignisse der Nazizeit überdeutlich demonstriert. Aus jener Erfahrung gaben die Verfasser des Grundgesetzes den Gewissensgründen den hohen Rang. Man darf wohl sagen, aus schlechtem Gewissen. Der allgemeine Sprachgebrauch verrät die Unsicherheit über das, was Gewissen ist. Das Adjektiv 'gewissenhaft' ist verkommen zur Andeutung besonderer Sorgfalt und Genauigkeit. Den Schreibtischtätern, die gewissenlos an der Vorbereitung schlimmster Verbrechen beteiligt waren und sind, kann man im Deutschen nachsagen, wohlgemerkt anerkennend, sie hätten "gewissenhaft" gearbeitet. Nun ist aber über die Funktionsweise des Gewissens Bemerkenswertes aus der Alltagserfahrung bekannt, wenn dabei auch überhaupt nicht vom Gewissen die Rede ist. So wird stets wieder darüber berichtet, dass ein Lebensretter in einer spontanen Reaktion unter Einsatz seines Lebens hilfreich eingriff. Jemand ist ins winterkalte Wasser gesprungen, um einen Ertrinkenden zu retten. Ein anderer holte Unbekannte aus dem brennenden Haus oder Auto. Von der Carnegie-Stiftung" werden die Retter als "Heroes" oder "Helden" bezeichnet und geehrt. Die so Gefeierten fühlen sich aber nicht wirklich "heldenhaft". Sie finden ihr Handeln in der Notsituation ganz normal und selbstverständlich. Sie hatten gar keine Zeit, ihr Gewissen zu erforschen. Sie mussten sofort handeln. Alles deutet darauf hin, dass der spontanen Hilfeleistung der Lebensretter ein genetisches Programm zugrunde liegt. Es hat sich in der langen Geschichte der Evolution des Menschen bewährt, dass jemand schnell und ohne Rücksicht auf die Gefahr für ihn selbst rettend reagierte. Unausgesprochen bedeutet die spontane Rettungsreaktion, dass das eigene Leben des Retters nicht mehr gilt als das des Geretteten. So ein Verhalten konnte nur in einer solidarischen Gemeinschaft entstehen. Das unbewusste "Urgewissen", das der Mensch "in grauer Vorzeit" erwarb und das heute wie ein Urgestein der Solidarität in die Allgegenwärtigkeit des Eigennutzes ragt, erinnert daran. Das Schema der spontanen Lebensrettung will so gar nicht zur Vorstellung einer schwierigen Gewissensentscheidung von heute passen. Aber es macht in seiner simplen Art die Funktionsweise des Gewissens klarer als komplizierte Analysen. Wie die angeborene Sprachfähigkeit ist auch die angeborene Grundfunktion des Gewissens ein Gemeinschaftsprodukt, das der Aufrechterhaltung und der Kooperation der Gemeinschaft dient. Biologisch gesprochen ist das Urgewissen eher der Arterhaltung verpflichtet als der Selbsterhaltung. Jene gelebte Gleichheit ging in den fortschrittlichen Jahrtausenden nicht vollkommen unter; sie lebte vielmehr weiter in Freundschaft und Liebe, im Privaten. In den Hierarchien draußen, "im feindlichen Leben", hatte sie kaum noch Platz zwischen Rivalität, Konkurrenz, Mobbing und den sogenannt "höheren Zielen". Von der Extremsituation der Selbstlosigkeit ist es nur ein kleiner Schritt bis zur nächsten Erscheinungsform des Gewissens im Alltag, dem Handeln aus Mitleid, das viel alltäglicher ist als das spontane Durchs-Feuer-Gehen für einen anderen. Aber wiederum geht es um Hilfeleistung. Wenn nicht auch diese innere Bereitschaft zur Hilfe aus Mitleid ein Teil unserer Konstitution als Mensch wäre, hätten die Spendenaufrufe nicht so große Erfolge, besonders bei spektakulären Notfällen, die durchs Fernsehen selbst aus fernen Weltregionen in greifbare Nähe gerückt werden. Ein Markenzeichen des Mitleids ist: Es schert sich nicht um Grenzen, seien es Klassenschranken oder auch solche der Art. Aus Indien wissen wir, dass dort das Mitgefühl für Tiere schon früh zur ideologisch untermauerten Konvention geworden ist. Im Westen ist diese Form des Artgrenzen überschreitenden Mitgefühls nicht unbekannt, aber weit entfernt von der Norm. Barmherzigkeit ist hier eher eine Tugend, die auf Menschen bezogen ist. Die Hilfeleistung in der äußersten Notlage der Lebensgefahr einerseits und in der Alltagssituation des Mitleids andrerseits geschieht vor allem aus dem Bauch heraus, mehr oder minder kopflos. In beiden Fällen ist der emotionale Antrieb zu helfen stärker als die Sorge um die eigene Person. Die Alltagserfahrung lehrt, dass unser Gewissen, sei es im Rettungsreflex oder im Mitgefühl, eine Steuerungsinstanz ist, die uns mahnt oder nötigt, für das Leben von Mensch und Tier einzutreten. Etymologisch ist das Wort Gewissen eine Lehnübersetzung aus dem Lateinischen conscientia, was eigentlich "Mitwissen" bedeutet. Verständlicher wäre es gewesen, wenn die Altvorderen die lateinische Vorlage durch "Mitgefühl" übersetzt hätten oder auch "Mitleid". Denn das entspricht mehr der Alltagserfahrung. Der in Geschichtsbüchern in der Regel gefeierte Fortschritt hebelte durch die hierarchische und auch räumliche Distanz die Chance zu Mitgefühl und spontaner Lebensrettung weitgehend aus. In kühner Ahnungslosigkeit über die Folgen solchen Fortschritts. Unter den Bedingungen der durchhierarchisierten Hochkultur, die es vor tausend Jahren längst schon gab, wenn auch nicht an jedem Ort und zu jeder Zeit so präzise greifend wie heute, und erst recht unter den Bedingungen der hochtechnisierten Gesellschaft sind richtige Reflexe und empathische Fähigkeiten nicht überholt, aber für die Überlebensfähigkeit der Menschheit zu wenig. Das richtige Wissen und das, was die Altdeutschen "gewisseni" nannten, müssen wirkmächtig sein oder aber das Gemeinwesen kollabiert früher oder später. Wie gesagt, es reicht nicht, dass Experten verschiedenster Couleur zu Rate gezogen werden. Atomphysiker z.B. verfügen in der Regel über das nötige Quantum Wissen auf ihrem Gebiet; oft aber fehlt es an dem zugehörigen Gewissen, dass sie mit gutem Gewissen an "verbesserten" Bomben oder Reaktoren bauen. Hier rächt sich die einseitige Ausbildung zum Fachmann, der zu Recht von den 68er Studenten als Fachidiot beschimpft wurde. Zu oft fehlt dem Experten über das Fachwissen hinaus der kritische Blick auf das Weltganze und auf die Folgen seines Tuns für Mensch und Tier. Vom Wissen und Gewissen der Politjongleure, die auf dem Hochseil der Macht tanzen und meist nur juristisch gebildet sind, gar nicht zu reden. Die Zuversicht, dass die G-Wissenschaft neue und bedeutende Einsichten bringen wird, verdanke ich vor allem dem Milgram-Experiment, dem sozialpsychologischen Versuch, der vor fast einem halben Jahrhundert die Gemüter erregte, besonders in den USA, wo das Experiment zuerst stattfand. Der Absicht nach ging es Milgram um die Erforschung der Bedingungen des Gehorsams gegenüber einer Autorität. Milgram wollte den Gehorsam untersuchen, mit dem die Hierarchen aller Weltregionen und Zeitalter es so herrlich weit gebracht hatten. Milgram wörtlich: "von der mühsam um ihr Überleben ringenden Kreatur zum Beherrscher des Planeten." Mal abgesehen von der seltsamen Geschichtsphilosophie, das Gewissen ließ er links liegen. Die Motivation der Versuchsabbrecher, immerhin ein Viertel bis ein Drittel der Teilnehmer/innen, analysierte er nicht genauer. Beiläufig nannte er das Gewissen eine Art Bremsmechanismus, der die Person davor bewahre, anderen zu schaden. Ungewollt aber zeitigte das Milgram-Experiment hochinteressante Einblicke in die Funktionsweise des Gewissens. Die US-Öffentlichkeit war vom Hauptergebnis des Versuchs schockiert, dass die große Mehrheit der Probanden den Anweisungen des Versuchsleiters ziemlich bedenkenlos folgte - ohne Rücksicht auf das Leid und die Lebensgefahr für die Mitspieler. Ein Buchtitel brachte damals die Betroffenheit vieler good Americans auf den Punkt: "Sind wir etwa alle Nazis?" Doch nicht das vor 50 Jahren Schlagzeilen machende Hauptergebnis des Milgram-Experiments ist besonders interessant für die neue Wissenschaft; das sind vielmehr die vielen Teilergebnisse durch die zahlreich abgewandelten Bedingungen des Experiments. Beispielhaft ist die Untersuchung der "Distanzrelation". Auf eine knappe Formel gebracht ist der Befund: Distanz zum Opfer wirkt enthemmend bis zur Gewissenlosigkeit, Nähe hingegen hilft, weil sie via Mitleid kriminelles Verhalten eher ausschließt. Allein diese eine Erkenntnis, dass Distanz zur Gewissenlosigkeit tendiert oder, anders gesagt, dass Distanz dem Menschen keine Chance bietet, aus der Tiefe der evolutionären Erfahrung heraus zu handeln, allein diese eine Erkenntnis des Milgram-Experiments ist schwerwiegender und erhellender als hundert Vorträge oder Bücher über Ethik. Will sagen, das Milgram-Experiment ist in seiner ganzen Tragweite noch längst nicht erkannt, viel weniger sind all seine Resultate ausgeschöpft, speziell in seinen Untersuchungen des Gewissens. Es hält Ansätze bereit, die zu Fortsetzung und Ergänzung herausfordern. Es ist der Steinbruch für die neue Wissenschaft. Und das Milgram-Experiment kann uns eine weitere Kleinigkeit lehren: Wenn der Dialog von Mensch zu Mensch systematisch unterbunden wird wie zwischen Versuchsleiter und Versuchsperson, wo es stets stereotyp hieß: "Machen Sie bitte weiter! Sie haben keine Wahl.", ist das Verhalten bereits vom humanen ins inhumane umgekippt. Feedback wird ausgeklammert, ganz bewusst, um einen bestimmten Zweck zu erreichen. Das Gegenüber wird verdinglicht zum Werkzeug für ein sogenannt höheres Ziel. Sprache als Verständigungsmittel setzt idealiter die Gleichheit der Sprechenden voraus. Das Sprachvermögen erwarb der Mensch in derselben Evolutionszeit, in der sich auch seine genetische Anlage zum Gewissen bildete. In den Warteschleifen der hochkomplexen Industriegesellschaft allerdings versagen die evolutionären Segnungen von Sprache und Gewissen regelmäßig. Die spontane Rettungsreaktion, das Mitgefühl und die Verständigung bleiben buchstäblich auf der Strecke zwischen den Spitzen der Gesellschaft und der Basis. Die Entwicklung der Medien bis hin zum Internet hat dazu geführt, dass heute gern von der Wissensgesellschaft geredet wird. Wenn sie denn überhaupt existiert, müsste sie schleunigst in eine Gewissensgesellschaft fortschreiten, damit sie zukunftsfähig sein kann. Ohne den Auf- und Ausbau der G-Wissenschaft wird das nicht gehen. Denn (s. o.) Wissen ohne Gewissen droht unentwegt der Absturz ins Gewissenlose.