Vom Liedermacher zum Hassprediger

Wolf Biermann mag vor und mit seiner Ausbürgerung aus der Ex-DDR ein fortschrittlicher Mensch gewesen sein. Und es wird ihn zutiefst verletzt haben, dass er die DDR verlassen musste. Soweit kann ich verstehen, dass er nicht vergessen und weder den Ex-Bonzen noch den heutigen DDR-Nostalgikern vergeben kann.

Aber mit Biermann, der einst Che Guevara besang, ist mehr passiert. Er hat komplett das Lager gewechselt und dabei den Blick für gut und böse, für schwarz und weiß, eingebüßt. Biermann kungelt jetzt mit CSU und Merkel, und wer letztere – wie heute geschehen – sogar umarmt, ist für die Nachwelt – so sie denn fair und nachhaltig werden soll – verloren. Gewiss, diese meine Meinung ist nicht wichtig, und es wird Biermann nicht jucken, dass ich so über ihn denke … und schreibe. Dennoch bleibt anzumerken, dass der Mann, den die GROKO für heute in den Bundestag geladen hatte, jegliche Souveränität, geschweige denn Größe vermissen ließ. Statt vorrede-los seinen wirklich denkwürdigen Song “Ermutigung” zu präsentieren, zog er platt und böse über die Fraktion der LINKEN her. Fünf Minuten lang pöbelte er geradezu steinzeitlich. Und machte dabei einmal mehr deutlich, dass der politische Mensch von einst im Schleppnetz von Scheindemokratie, Machtgeilheit, Konsum und Wahn verkommen ist. Nur so ist zu erklären, dass Biermann auch 25 Jahre nach dem Mauerfall noch nachschlägt, bei Tiefrot noch immer bewahrte SED und verleugnete stalinistische Knechtschaft verortet. Nein Biermann! Diese gewählten Volksvertreter als reaktionären Rest zu beschimpfen, stellt die Wirklichkeit auf den Kopf. Kasino-Kapitalismus, Privatisierung von Daseinsfürsorge und Staatsbetrieben, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, organisierte Altersarmut, Zweiklassen-Medizin, Korruption bei Abgeordneten, Steuerbetrug in Luxemburg, ein blockierter NSU-Prozess, Tod und Verletzung bei sinnlosen/moralisch verwerflichen Auslandseinsätzen etc. – das ist es, was heute für reaktionäres “Brauchtum” steht. Und nicht die LINKE, die – oft auf verlorenem Posten – für Transparenz, für das Ausbremsen von Günstlingswirtschaft und Kungelei votiert.

Biermann hat sich vom Bundestagspräsidenten das Wort nicht verbieten lassen. Gut so. Doch dass er es für blanke Verleumdung nutzte, dass er neuerlich zur Verkürzung/Verzerrung des DDR-Bildes beitrug, ist echt schlimm. Doch was will man angesichts der laufenden Hysterie, der überbordenden Mauerfall-Kampagne erwarten? Hier tickt doch alles auf neuerliche DDR-Vernichtung – in einem Rummel, der vielen Ostdeutschen, ja selbst vielen Bürgerrechtlern, längst zum Halse heraus hängt. Das alles ist perfekt synchronisiert – und natürlich im doppelten Sinn rückwärtsgewandt. Der “Wessi” und der mutierte “Wossi” haben erneut blank gezogen – in der GROKO, in den Massenmedien, ja selbst in den Kirchen, wo Gauck gegen Rot-Rot-Grün zu Felde zieht. Hier wird bewusst vergessen, was 1989 AUCH geschah. Vielen DDR-Bürgern ist damals die Lebensleistung brutal zerstört worden. Sie wurden Opfer von schamlosen Versicherern und Kredithaien. Ihre Arbeitsstätten wurden abgewickelt, viele ihrer Wohnungen und Häuser zum Spielball der Spekulation. Um genau zu sein: Der Osten versumpfte zur blütenlosen Landschaft, zum Trostlosgebiet, das Hunderttausende verließen und das auch morgen nicht aufholen wird. Ossis Ruf “Wir sind das Volk” ist längst kommerzialisiert, ist längst aufgekauft … vom reichen Westen. Heute brüllen das sogar die NeoNazis.