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Elbphil-Hysterie

Alle Zeitungen widmen der neuen Elbphilharmonie ganze Seiten.   Was mit Blick auf die  faszinierende Architektur sicher  berechtigt ist.  Aber klar ist auch, dass die Elbphiharmonie  wie kein deutsches Bauprojekt zuvor  für kriminelle Geld- und Zeitverschwendung, für ein unerträgliches Luxusgebaren  steht , wobei das alles sehr bald – wir wissen es bereits –  von Jauchzern des Beeindruckseins überschrieben sein wird. Eine Generation weiter, und niemand erinnert sich mehr. Man wird den Bau betrachten und froh sein, dass Deutschland ein solch architektonisches Meisterwerk besitzt. Ähnlich dürfte es auch dem Stuttgarter Bahnhof und dem Berliner Flughafen ergehen.

Was die Philharmonie betrifft, so fragt sich natürlich, ob der hohe Anspruch erfüllt wurde, ob sich die mit großen Worten beschriebenen architektonischen Wunderheiten tatsächlich in einen phantastischen Klang umsetzen. Oder ob sich eher Sonderklänge und Überlagerungen einstellen – ausgelöst von Reflexionen oder verstärkten Störgeräuschen aus dem Publikum. Letzteres könnte man glatt schlussfolgern, wenn man Goertz‘ Verriss in der Rheinischen Post liest http://www.rp-online.de/kultur/unterm-ufo-staut-sich-der-klang-aid-1.6530832. Der Mann lässt praktisch nichts Gutes am Interieur, ja man hat den Eindruck, dass in Hamburg vieles nichts stimme.

Frag ich mich doch, ob der Mann vor Ort beleidigt wurde und folglich sauer ist. Oder ob seine Einwände und Kritiken Hand und Fuß haben. Sollte Letzteres zutreffen, sollten sich eingeladene Orchester zum Niewieder-Auftritt verabreden, dann wäre die Story „Elbphilharmonie“ durch ein weiteres düsteres Kapitel belastet. Dem Steuerzahler wäre dann nichts, aber auch gar nichts mehr zu vermitteln.

Am Tag der Eröffnung hörte ich nur Lobgesänge. Die interviewten Personen standen voll unter dem Eindruck einer phantastischen Akustik. Fragt sich natürlich, ob diese Äußerungen einem sicheren Gefühl folgten oder das Ergebnis einer Laien- oder Claqueure-Parade waren. Im Übrigen mutete der Spruch des Hamburger Bürgermeisters, dass das Haus jetzt allen gehöre, wie ein böser Witz an. Ein Großteil derer, die die Eröffnung des Hauses im Freien erlebten, dürften auch künftig außen vor sein. Denn billiger wird’s nicht.

Das Vergessen ist wie ein Krebsgeschwür. Es trägt die Hauptschuld am Desaster der Menschheit. Kaum jemand bewahrt Erkenntnisse oder lernt aus der Geschichte. Die alten Fehler pflanzen sich fort. Wenn niemand für die Planungsunfähigkeit/den Planungsbetrug von Hamburg, Berlin und Stuttgart blutet, wird es bald zur Wiederaufführung des Geschehens kommen. Denn Paläste für die kleinen Könige von heute werden immer gebraucht.

Auch bei der Elbphilharmonie haben sich die für die Kostenexplosion Verantwortlichen die Bälle gegenseitig zugeschoben. Der alte, nicht mehr im Amt befindliche Bürgermeister Ole van Beust wiegelt ab, der neue (Olaf Scholz) gibt zu verstehen, dass er die Ausuferung nicht zu vertreten habe.

Irgendwann muss in Deutschland die Frage beantwortet werden, ob der Staat nur über üble Tricks in den Besitz von herausragenden Gebäuden gelangen kann oder ob auf solche Baulichkeiten künftig verzichtet werden muss.  Architektonisch anspruchsvolle Gebäude können extrem teuer sein. So etwas wissen Stadtplaner in der Regel. Normalerweise müssten sie überzogene Pläne bei korrekter Betrachtung sofort aufgeben.  Das geschieht nicht, weil der Auftrag gebende Landesherr, Ober-Bürgermeister etc. sein Spielzeug nicht aufgeben möchte. Die Folge: eine Kungelei unter der Decke.

Die Geschichte lehrt eines: Sobald der Staat Großaufträge vergibt, sind Timing und Kosten in Frage gestellt. Der Auftraggeber möchte die Investition tätigen, hat aber nur beschränkte Mittel. Der Auftragnehmer wünscht sich den Auftrag und liefert ein Angebot, das zum verfügbaren Budget passt (aber unvollständig ist). Der Bauverantwortliche der Stadt akzeptiert einen Vertrag mit Öffnungsklauseln. Damit ist das Unglück geschehen: Alles kommt später, alles wird teurer.

Keine Elbphilharmonie, kein Stuttgarter Bahnhof und kein BER- Flughafen wären in Angriff genommen worden, wenn die sich nach und nach einstellenden wirklichen Kosten bekannt gewesen wären. Vielleicht hat es auch diesmal eines unfähigen, durchtriebenen und/oder korrupten Baudezernenten bedurft, um statt der geplanten 78 Millionen Euro 865 Millionen Euro salonfähig zu machen.

 

Und noch eines sollten Sie wissen: Der Kartenverkauf für die in der Elbphilharmonie geplanten Konzerte entwickelt sich zu einem zweiten kriminellen Akt. Denn Insider haben große Karten-Pakete aufgekauft, um die schon teuren Einzeltickets zu noch horrenderen Preisen (1.500 Euro und mehr) zu verhökern – bei Ebay oder sonst wo.

Kapitalismus ist auch auf diesem Feld einfach … Scheiße

Deutschland im Ranking-Hype: Welches sind die 100 wichtigsten Klassik-Stücke?

Noten-Ranking_14_15_15BestsellerListen, RankingListen – überall drohen Vergleiche, Empfehlungen und Zoff. Auch im Bereich der Musik. Wolfram Goertz, Kulturredakteur der Rheinischen Post, der die TOP 100 bereits für Bücher und Filme ins Blatt geschossen hat (auch darüber ließe sich trefflich streiten – oder auch nicht) , war jüngst auch in Sachen Musik unterwegs. Die seiner Meinung nach 100 wichtigsten Klassikstücke wurden tagelang in der RP ausgebreitet http://www.rp-online.de/kultur/musik/wolfram-goertz-top-100-liebste-musikwerke-bid-1.5571912. Mit dem Ergebnis, dass sich einige Leser mit Alternativen meldeten, die Liste belobigten oder zur Hölle wünschten. Mich hat Goertz samt meiner Charts einen Romantiker genannt. Tschaikowskys Piano-Trio gefalle ihm auch ganz gut – rangiere bei ihm aber erst auf Platz 104. Nun ja, über Geschmack lässt sich nicht streiten. Was bei ihm rangiert, ist für mich zumeist grenzwertig – ein Gemisch aus traditioneller Klassik, Kirchenmusik und modernem Gerassel, Gezirpe und Geklimper (bitte aufschreien!).

 

Einige bedeutende Komponisten (Rachmaninow, Glinka, Elgar, Paganini, Sarasate, Verdi, Leoncavallo, Glass, Satie, Giuliani, Einaudi, etc.) sind nicht aufgeführt, andere (Haydn, Brahms, Cesar Frank, Camille Saint Saen etc.) werden von Goertz – m. E. völlig unvertretbar – auf ihr frömmelndes (sorry!), klerikales Werk reduziert. Violine und Cello sind total unterrepräsentiert, Piano-Trios, die großen Violinen- und Klavierkonzerte kommen gar nicht vor. Alles steht unter kirchenmusikalischem oder patriotisch verklärtem Pathos. Völlig unhörbar u.a. Alban Berg (Wozzeck), Arnold Schönberg (Orchesterstücke op. 16), Pierre Boulez (Le marteau sansmaitre), Paul Hindemith („Mathis“-Symphonie), Varese (Ameriques) – aber das ist natürlich sehr subjektiv beurteilt.
Meine Favoriten:
1. Rachmaninov – Trio élégiaque Nr. 2 in d-moll, Op. 9
2. Dvorak – Piano-Trio g-moll, Op. 26, Largo
3. Tschaikowsky – Piano-Trio 2_2
4. Tschaikowsky – Konzert für Violine und Orchester d- dur
5. Rachmaninov – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3, Allegro
6. Bruch – Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 g-moll, Allegro moderato
7. Beethoven – Konzert für Violine und Orchester d-dur, Allegro ma non troppo
8. Chopin – Klavierkonzert Nr. 1 op. 11
9. Beethoven –Konzert für Klavier, Violine und Violoncello c-dur, op. 56
10. Rachmaninow – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2, Adagio sostenuto
11. Brahms – Konzert für Violine und Orchester d-dur, op. 77, Satz 1
12. Chopin – Nocturne, op. 9, Nr. 1
13. Brahms – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2, Allegro appassionato
14. Dvorak – Konzert für Violoncello und Orchester h-moll, Allegro
15. Mozart – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 21, Andante
16. Beethoven – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4, Allegro moderato
17. Grieg – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1, Allegro molto moderato
18. Liszt – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1, Allegro maestoso
19. Beethoven – Sinfonie Nr. 5, Allegro
20. Mascagni – Cavalleria Rusticana, Intermezzo
21. Leoncavallo – Arlecchini !… Colombina (R. Schock, M. Muszely)
22. Rachmaninow – Prelude op. 23
23. Schumann – Kreisleriana op. 15 II
24. Liszt – Liebestraum (Cello & Piano)
25. Rodrigo – Fantasía par gentilhombre, Adagio
26. Beethoven, Sinfonie Nr. 9, Choral
27. Mozart – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 19, Allegro
28. eethoven – Mondscheinsonate/Adagio
29. Glinka – Die Lerche (Romanze)
30. Hummel – Konzert für Trompete und Orchester, Andante
31. Kreisler – Liebesleid
32. Puccini– La Boheme/ Quando me … (Netrebko)
33. Puccini – Turandot/Nesun dorma (J. Carreras)
34. Beethoven – Piano-Trio, Op. 11
35. Isaac Albéniz – Romanzas de la Zarzuelas/La Parranda En la Huerta De Segura (P. Domingo)
36. Brahms – ungarischer Tanz Nr. 1
37. Brahms – ungarischer Tanz Nr. 4
38. Franck – Sonate für Violine & Klavier in a-dur
39. Bruch – Schottische Fantasie, op. 46, 1. Satz
40. Bruch – Serenade für Violine und Orchester op. 75
41. Chopin – Klavierkonzert Nr. 2, Larghetto
42. Chopin – Piano-Sonate Nr. 3, op.58, Allegro maestoso
43. Chopin – Polonaise Nr. 6 Op. 53
44. Chopin – Sonate h-moll op. 58
45. Debussy – petite Suite „En Bateau“
46. Demarsan – L’oiseau, Belle et sebastien
47. Dvorak – Slawischer Tanz Nr. 1
48. Dvorak – Slawischer Tanz Nr. 2, op. 72
49. Grieg – Per Gynt-Suite Nr. 1
50. Grieg Symphonische Tänze op. 64, Allegretto grazioso
51. Hummel– Konzert für Trompete und Orchester, Allegro
52. Liszt –Années de pélerinage
53. Mendelssohn – Piano-Trio Nr. 2, Andante espressivo
54. Mozart – Piano-Sonate Nr. 11, Andante grazioso
55. Mozart – K.138 Divertimento, Allegro
56. Mozart – Klaviertrio KV 542
57. Mozart – Konzert für Violine und Orchester Nr. 5
58. Giuliani – Gitarrenkonzert
59. Wieniawsky – Polonaise Brillante
60. Addinsell – Warschauer Konzert
61. Schubert – Drei Klavierstücke D.946 Nr. 1
62. Schubert – Impromptu D 899 Nr. 3
63. Schubert – Klavierstücke D 946 Nr. 2
64. Scriabin – Klavierkonzert Nr. 20, Allegro
65. Scriabin – Auswahl für Solo-Piano
66. Shostakovich – Sinfonie Nr. 5, Allegretto
67. Sibelius – Finlandia
68. Smetana – aus Böhmens Hain und Flur/Zyklus “Mein Vaterland“
69. Tschaikowsky– Meditation op. 42
70. Tschaikowsky – Piano-Trio 2_2
71. Tschaikowsky – Symphonie Nr. 4 f-moll, 2. Satz
72. Andrea Chenier – “La Mamma morta” M. Callas
73. Franz Schubert – “Ave Maria”
74. Haydn – “The creation/Die Schöpfung”/Himmlische Heerscharen:”Stimmt an die Saiten, ergreift die Leier”
75. Maravilla – Romanza/Amor, vida de mi vida
76. Mozart – Zauberflöte, der Hölle Rache (Königin der Nacht)
77. Viotti – Violinenkonzert Nr. 16
78. Schubert – Winterreise/”Gute Nacht”
79. Vivaldi – vier Jahreszeiten, Op. 3, Nr. 11
80. Wagner – Die Meistersinger, Vorspiel
81. Weber – Freischütz, Ouvertüre
82. Wagner – Rienzi, Ouvertüre
83. Schumann – Widmung, Op. 25/1
84. Scriabin, Konzert für Klavier und Orchester Nr. 20, Allegro moderato
85. Schubert – Streichquartett D 810
86. Schubert – Moments musicaux D 780
87. Samuel Barber – Adagio for Strings
88. Satie – Gnossiennes Nr. 5
89. Paganini – Terzetto für Flöte, Violoncello und Gitarre, Allegro con Brio
90. Leoncavallo – Bajazzo, Intermezzo
91. Demarsan – L’oiseau/Belle et Bastiene
92. Bach – Konzert für Violine und Orchester Nr. 2, Allegro
93. Bach – Goldberg-Variationen
94. Gonzales – Gogol
95. Glass – Metamorphose Five
96. Helfgott – Etude de Concert No. 3
97. Dvorak – Konzert für Klavier und Orchester g-moll, Andante sostenuto
98. Händel – Wassermusik, Allegro
99. Lecuona – En Tres Por Cuatro
100.Saint Saens – Konzert für Violoncello und Orchester

 

Anmerkung: Das Ganze ist nicht als Ranking-Liste, sondern als bloße Sammlung der mir liebsten Stücke zu betrachten

Havana-open vertont Kuba

Am Donnerstag, dem 26. November 2015, 20 Uhr,  gibt es im Ratinger Tragödchen wieder einmal KARIBIK  PUR! Diesmal sind es drei Musikerinnen, die mit ihren Instrumenten und ihrem Gesang dafür sorgen werden, dass die Herzen höher schlagen. Kubanische Musik ist in ihrer Vielfalt unübertroffen und das Trio „Havana Open“ wird genau das zu beweisen versuchen. Alle drei – Amparo Cesar (Gitarre, Piano, Gesang) , Majela van der Heusen (Bongos, Gesang) und Lauren Munguia (Querflöte) – haben auf kubanischen Akademien studiert. Sie leben seit vielen Jahren als Kulturbotschafter Kubas in Deutschland und haben seitdem regelmäßige Engagements – deutschlandweit. Amparo Cesar hat einen Lehrauftrag an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf – und tritt regelmäßig bei Konzerten, u.a. in der Düsseldorfer Tonhalle im Schloss Dyck auf.
Neben der Musik sorgen Cuba Libre, Zigarren und traditionelle Hüte für das unerlässliche karibische Flair. Eine Ausstellung kubanischer Plakate und Infos über Kuba, vor allem auch über die derzeitigen Reisemöglichkeiten, runden den Abend ab.
Das Konzert findet im Buch-Café Peter & Paula, Grütstr.3-7 (Nähe Marktplatz)Carlos_Kuba_Flyer_11_11_15 statt.
Weitere Informationen unter Tel. 02102 26095 oder www.buch-cafe.com.

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Hommage an Väterchen Franz

Franz Josef Degenhardt (1931-2011) gehört bis heute zu den größten deutschen Liedermachern. Seine überaus kritischen Lieder, aber auch seine Romane haben bis in die Gegenwart nichts von ihrer Bedeutung verloren.

Zu Ehren von Degenhardt veranstalten sechs Musiker, Sänger und Schriftsteller am Freitag, den 6. November 2015, 19 Uhr,  im Ratinger Medienzentrum, Peter-Brüning-Platz 3, ein  Programm, dass Einblicke in sein Leben und Werk gewährt:

Mitwirkende: Susanne Cano, Barbara Ming, Michael Bulcik, Lorenz Görtzen, Ulrich Scharfenorth, Bernhard Schultz

In der taz vom 15. November 2011 heißt es über Degenhardt:

Schon seit geraumer Zeit stand auf der Website von Franz Josef Degenhardt: „Degenhardt lebt in Quickborn bei Hamburg. Sein künstlerisches Gesamtwerk ist abgeschlossen.“ Das ist so lapidar wie klar und frei von aller Larmoyanz. Nun ist auch sein Leben abgeschlossen, im Alter von 79 Jahren starb er am Montag nach langer Krankheit.
Degenhardt war eine Ausnahmefigur im deutschen Kulturbetrieb. Einerseits war er ein großer Verweigerer, andererseits war er sehr erfolgreich. Selten hat sich ein deutschsprachiger Liedermacher, der sein Publikum so konsequent auf sich selbst zurückwarf, sich so großer Zuneigung gewiss sein können. Und kein anderer Liedermacher hat so erfolgreich in die deutschsprachige Popmusik hineingewirkt wie Degenhardt, sowohl Jan Delay als auch die Goldenen Zitronen beziehen sich auf ihn.
Das alles war dem in 1931 in Schwelm geborenen Künstler nicht in die Wiege gelegt worden, obschon er, nach eigener Aussage, aus einer „militant-katholischen“ und antifaschistischen Familie stammte. Er studierte nach dem Abitur Rechtswissenschaften, promovierte und verteidigte in den sechziger Jahren unter anderem APO-Angehörige und RAF-Mitglieder.
Doch weniger wirkte er in der Robe als mit der Gitarre. 1965 erschien das berühmte Album „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“, dessen Titelstück noch heute an jedem Lagerfeuer zum Besten gegeben wird. Schon 1966 war er zum „Väterchen Franz“ geworden, gerade einmal 35 Jahre alt. Er blieb das für viele, obschon er sich in den rund 30 Alben, die er bis 2008 veröffentlichte, stets wandelte.
„Digitale Boheme“
Auf dem Album „Weiter im Text“, das 1996 erschien, findet sich der Song „Warum denn auch nicht“, der mit einem schnellen Technobeat unterlegt ist. Auf seinem letzten Album, „Dreizehnbogen“, heißt der Auftaktsong „Digitale Boheme“.
Besang Degenhardt einerseits die Idylle unterm Pflaumenbaum, so war andererseits stets die Politik sein Feld. Er trat 1961 in die SPD ein und gehörte ihrem linken Flügel an, wurde aber zehn Jahre später ausgeschlossen, nachdem er zur Wahl der DKP aufgerufen hatte. 1978 trat er der DKP bei, der er bis zuletzt treu blieb.
Auch veröffentlichte er, zum Teil mit großem Erfolg, Romane, im Verlag Kulturmaschinen sind aus Anlass seines achtzigsten Geburtstages, den Degenhardt am 3. Dezember gefeiert hätte, soeben die ersten Bände einer Werkausgabe erschienen. Degenhardt war von sich aus auf den kleinen linken Verlag zugegangen, er wollte sein künstlerisches Werk nicht nur abgeschlossen, sondern auch in guten Händen sehen. Sein Roman „Zündschnüre“, in dem er das Aufwachsen während des Zweiten Weltkrieges beschrieben hatte, wurde sogar verfilmt, ebenso auch „Brandstellen“.
Degenhardt hatte ein diffuses Frauenbild, die Frau war „Gefährtin“, „Köchin“, aber auch „Kämpferin“, stand bei ihm jedoch stets in Bezug zum Mann. Seine „Zigeuner“ werden romantisch verklärt bis zur Verkitschung, allerdings wies Degenhardt auch immer wieder darauf hin, dass Sinti und Roma deportiert wurden. Seine einfachen Leute sind oft geborene Antifaschisten, rein und zweifelsfrei.
Seine Naturidyllen sind sehr romanisch, der Wein fließt in Strömen, die Menschen sprechen Plattdeutsch, all dies tun sie, um sich nicht mit den Spießern gemein zu machen. Degenhardt erfand sich sein Ideal-Proletariat, seine widerständigen Arbeiter und Bauern, noch auf dem letzten Album sehnt er sich diese Welt herbei.
Scharfer Kritiker
Dennoch geht mit Degenhardt ein Künstler verloren, den es so kein zweites Mal gab. Seine Kritik war, so sehr seine politische Auffassung von dichotomischen Denken geprägt war, stets scharf, gerade diejenigen, die ihren Frieden mit den Verhältnissen gemacht haben, am Stammtisch aber noch die größten Revoluzzer sind, nahm er immer wieder aufs Korn. So traute er der rot-grünen Bundesregierung nicht einen Augenblick.
Und er weigerte sich, sich in die Reihe der wohlgelittenen Barden, die Wecker, Wader, Hein und Oss darstellen, einzureihen. Die spielen für alle Parteien und politischen Bewegungen, wenn sie sich nur irgendwie links geben. Degenhardt verlangte auch vom eigenen Milieu extreme politische Standhaftigkeit. Er blieb Kommunist, auch wenn es ihm mit seiner Partei schwerfiel.
Als er 2004 auf ein Revival-Konzert zum 40. Jahrestag des ersten, heute legendären Folkfestivals Burg Waldeck eingeladen wurde, lehnte er dankend ab. In seiner Absage schrieb er: „Seit längerem schon – ich lese ja die Waldeck-Zeitung Köpfchen, höre dies und das von alten Freunden und Genossen – wird eine Wende, besser eine Rolle Rückwärts vorgeführt da oben im Hunsrück. […] Zuletzt bin ich in dieser meiner Einschätzung bestärkt worden während einer von ,Arte‘ ausgestrahlten Sendung mit dem Titel ,Get up. Stand Up.
Waldeck-Festival
Die Geschichte von Pop und Politik‘, die überwiegend recht gut und informierend war, bis auf den Abschnitt, der sich auf die Waldeck-Festivals in den Sechzigern bezog. Es wurde überhaupt nicht eingegangen auf das wirklich Neue damals, das die Liedermacherei, Song-Interpretation, Rezeption in der Folge formal und inhaltlich gründlich mitbestimmt hat. Dies durch: die Konkretisierung, Hereinnahme des aktuell Gesellschaftlichen, den gerichteten militanten Antifaschismus, die Kritik am idyllisch gemachten und dargebotenen Liedgut, am Romantizismus, der Skepsis gegenüber den traditionellen Liedformen überhaupt.
Nicht dieses sollte und soll nach der vom neu-alten Waldeck-Geist monopolisierten Interpretation im Gedächtnis bleiben. Vielmehr sollen die Festivals nun gewertet werden vor allem als Anstoß zur Bewahrung der ,guten, alten Lieder‘, die nach Vorstellung eines dieser uns bekannten Waldecker ,nicht verstören sondern gefallen‘ sollen.
Diese uns nur zu bekannte Mischung aus provinziellem Mief und deutsch-nationaler Gefühligkeit ist natürlich das Spiegelbild einer gesamtgesellschaftlichen Haltung und Vorstellung heute hierzulande, und nicht nur hierzulande. Und insofern sind die Waldeck-Knaben wieder mal ,dabei und vorneweg‘ – ihr ewiger Wunsch. Diese Anschlussfähigkeit à tout prix ist besonders widerwärtig.“
Degenhardt war in solchen starken Momenten nicht die Stimme einer Generation – er war ihr Gewissen.

 

 

 

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Liedermacher: Die alten machen sich rar, die jungen stürmen die Bühne

Ich persönlich halte die politischen Liedermacher *, aber auch diejenigen, die sich anderweitig ernsthaft, sprich: lyrisch-literarisch „in unserer Erlebnis- und Gefühlswelt breit machen“, für wichtiger als alle anderen Musik-Interpreten. Weil ihre Töne und Texte nicht auf „bloße Genussbefriedigung/reine Vergnüglichkeit“ aus sind, sondern ernstzunehmende Dinge bewegen und sich „ohrwurmig“ festsetzen. Hier klappt die Kommunikation noch, hier ist Zugang möglich – auch ohne SchlipsKragen und Plattitüden.

Um es kurz zu machen: Die Liedermacher gehören m. E. zum Wichtigsten, was uns heute in dieser Gesellschaft begegnen muss. Da tut es weh, wenn bei Wikipedia Sorgfalt und Aktualisierung fehlen. Nicht nur, dass im Beitrag fast alle ostdeutschen Barden fehlen, man sucht auch viele der aufkommenden jungen vergebens.

Acht Monate lang habe ich auf Websites und unzähligen CDs, sprich: im Liederfundus der letzten Jahre und Jahrzehnte herumgesucht und … pures GOLD geschöpft. 100 Liedermacher-Lieder und Chansons stehen demnächst in meinem Kanon (Aufstellung folgt in Kürze), 204 auf meinem Stick.

Liedermacher waren schon immer etwas Besonderes – vor allem deshalb, weil sie kunstvolle Musik mit anspruchvollen Texten verbanden, und zwar so, dass das eine das andere nicht nur zuließ, sondern auch verstärkte. Liedermacher wollten und wollen auch heute Botschaften vermitteln. Dabei könnte man meinen, dass das kaum möglich ist – weil  modernen Medien über alles, was zum Nachdenken und –sinnen anhält, ihren Schrott ausbreiten. Schlussfolgernd heißt es oft: Junge Menschen hingen nur noch mit ihren PCs, MP3-Playern und Smartphones herum. Sie läsen so gut wie nie und seien mit deutscher Sprache auf Kriegsfuß. Das Analphabetentum ließe nicht nur grüßen, es sei auf dem Vormarsch. Einiges davon trifft sicher zu. Doch keiner der Mängel lässt sich auf die Gesamtheit übertragen. Denn es gibt sie wohl: diejenigen, die über Kopfhörer, Google-Glass und Tellerrand hinaus, in Umwelt und Gesellschaft blicken … und dann auch vehement Schlüsse ziehen.
Wer heute meint, dass das Genre der großen Liedermacher ausstirbt, irrt sich. Zwar sind Franz Joseph Degenhard, Ludwig Hirsch und Reinhard Lakomy vor einigen Jahren gestorben, zwar gehen Hannes Wader und Wolf Biermann auf die achtzig und Hermann van Veen, Ulla Meinicke, Reinhard Mey, Bettina Wegner und Marius Müller-Westernhagen auf die siebzig zu. Und selbst Konstantin Wecker ist nicht mehr der „Frischeste“. Doch neben den großen Barden haben sich längst neue, junge Sängerinnen und Sänger etabliert – die vor allem bei ihresgleichen auf große Resonanz stoßen. Gräbt man z. B. bei Youtube, dann lässt sich schnell feststellen, das Sängerinnen/Sänger wie Tim Bendzko, Xavier Naido, Dota Kehr, Annett Louisan, Oliver Timpe, Enno Bunger, Ulrich Roski, Alin Coen, Anouk Plany, Catharina Sieland (Cäthe), Philipp Poisell, Ich & ich, Joel Brandenstein etc. für einzelne Songs schon mal ein- bis drei Millionen Anklicke bekommen, während sich die Altvorderen mit zehn- bis einhundertfünfzigtausend begnügen müssen. Dass da schon mal Konzerte der Youngster ausverkauft, respektive mit Hunderten bis Tausenden von Jungendlichen „befüllt sind“, ist keine Seltenheit.

Dazwischen toben sich – mehr oder weniger erfolgreich – die „Mittelalten“ aus. So etwa Reinhard Grebe, Ina Müller, Stefan Stoppok, Jost Erhard (Yopi) und einige Größen, die der Ex-DDR entwachsen sind: Veronika Fischer, Stephan Krawczyk, Anna Loos (Silly), Hartmut Krug etc.

Hin und wieder spielt die alte Liedermacher-Burg Waldeck (Foto) eine Rolle, wenngleich der Wahnsinns-Impuls aus den Sechzigern und Siebzigern wohl verpufft ist. Eine Arbeitsgemeinschaft fördert vor allem junge Künstler.

 

Und so tönen die Liedermacher heute! Komponist, Gitarrist & Sänger: Hartmut Krug