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Por Cuba!

Alles über Kuba/
Eine Erzählung, Menschen, Leben, Literatur, Statistik, meine Freunde, Evelio, … die neue Zeit?

 

 

Die Story: Als die Condor gegen 20 Uhr 20 Ortzeit auf dem Flughafen Havanna aufsetzt, liegen elfeinhalb Stunden Flugzeit hinter uns. Draußen ist es dunkel, mein Nacken ist verspannt und Joe, der mich begleitet, guckt schief in die Gegend. Wir hatten auf Abendsonne und eine zügige Abfertigung gehofft. Dann natürlich auch auf die nette Dame von SoliArenas, die uns abholen würde. Nichts von dem sollte sich erfüllen, aber davon später. Zunächst hatte ich ein komisches Gefühl im Magen. Es rührte von der Ansage her, die mir gut eine Stunde vor der Landung aus dem Bord-Lautsprecher entgegenschlug. Es ging um den Zoll. Man müsse – so hieß es – auch Geschenke deklarieren – so sie denn für Kubaner bestimmt seien. Nun, ich hatte etwas bei mir. Zwei Kartons, die mir ein UNESCO-Mitarbeiter aus Bonn geschickt hatte. Sie waren für einen Ex-Botschafter der kubanischen Regierung bestimmt. Was so drin war im Paket, konnte ich nur ahnen. Die Absender hatten das AUTOERSATZTEIL genannt. Ich war nicht neugierig, hatte das Paket einfach nicht aufgeschnürt. Jetzt, im aufgegebenen Koffer verstaut, wog es doppelt schwer. Sollte ich auf das Geschenk hinweisen, es aufführen, obwohl nicht sicher war, dass es das war, wofür ich es halten musste. Würde die Anonymität des Gegenstandes oder dessen unbedachte Einfuhr mich oder aber den Empfänger in Schwierigkeiten bringen? Nun, ich hatte kaum Zeit, die Varianten durchzuspielen. Jo und ich gingen bereits die Gangway hinunter. Ein paar Augenblicke später standen wir vor der Passkontrolle. Ich beschloss, gar nichts zu tun, sprich: den Koffer einfach passieren oder eben auffliegen zu lassen. Nun, ich hatte Glück – und kam unbeschadet in die Eingangshalle. Dort bot sich ein buntes Bild – auch bestimmt durch den Schilderwald derer, die Leute aus Frankfurt abholen wollten. Ein Logo unseres Reiseveranstalters war nicht dabei. So war es Jo vorbehalten, die Leute einzeln zu befragen, ob denn irgendwer irgendwo unseren Namen verschluckt habe. Die Suche dauerte. Dann aber hatte Jo Glück und wurde fündig – unter einem Schriftzug, der uns unbekannt war. Als Mensch mit wenig Nachsicht, als Mensch mit wenig flexiblen Vorstellungen zu Information, Kommunikation und Logistik ist man verkehrt auf Cuba. Wer bleiben will, tut gut daran, deutsch-übliche Abfolgen und Verknüpfungen schnell zu vergessen. Die Dinge kommen auch so ins Lot – manchmal etwas spät, dafür aber höchst unaufgeregt.
Wir saßen schließlich in einem Bus, von dem wir nicht wussten, ob er uns ins richtige Hotel bringen würde. Der dann aber losfuhr und genau dort ankam, wo wir hin mussten. Im Foyer stieß José zu uns. Er war Reiseleiter und vertrat Cubanacan, eine inländische Reisegesellschaft, von der wir bisher nichts gehört hatten.
Wer jetzt vermutet, dass die Reiserei auf Kuba ein Problem ist, irrt heftig. Jo und ich jedenfalls würden das nie behaupten. Denn zum einen wussten und wissen wir nicht, ob unser Fall typisch war. Noch machte uns die höchst undeutsche Art zu reisen, wirklich zu schaffen. Immerhin hatte sich im Verlauf der Tour so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft gebildet, die jeder neuen Wendung gespannt entgegen starrte. Abenteuer pur, ungeplant, quasi aus der Hüfte heraus. Während der Standard-Tourist auf den morbiden Mix aus kolonial und „Castro-light“ wartete und beides im Regelwerk des ihm Zugedachten auch vorfand, waren wir im richtigen Kuba. Und kaum mit den geführten Hochglanzfotos beschäftigt.
Die organisatorischen Pannen waren also weniger wichtig. Und José natürlich ein netter Kerl – stämmig, einsachtzig und Patriot. Wie zu erwarten, war der Mann stolz – nicht nur auf Job und Fidel, sondern auch auf sich und so, wie er aussah. Es gebe auf Kuba zweiunddreißig Hautschattierungen, witzelte er: von ganz weiß bis ganz schwarz. Er selbst habe sich bei siebzehn eingeordnet.

Der nächste Morgen verging wie im Zeitraffer. Aufstehen, Früh- stücken, Koffer fassen und los. Kaum dass wir saßen, lag halb Havanna schon hinter uns.
Zuerst war der Westen dran: Ein Ausflug ins Zigarren-Tabakland, in die Cuhiba-Geheimkammern, in denen niemand fotografieren oder filmen durfte, wo die Blattsortierer, -schneider und -roller, eng aufgereiht, am Werk waren – den Betrachtungen, Bemerkungen und gelegentlichen Lachsalven der Besucher ausgesetzt. Dass hier eines der wichtigsten Exportgüter zum Leben fand, war angesichts des druckvollen, aber irgendwie puppenkistenhaften Aufeinandertreffens von Touris und Tabaceros nicht recht greifbar. Gerochen hat es dennoch gut.

Wir haben natürlich die Hemingway-Runde mitgemacht, wir haben die Villa des Schriftstellers besichtigt und bei Cojímar nicht nur an ihn, sondern auch an die vielen Flüchtlingen gedacht, die von hier aus – legal oder illegal – auf tausenden, selbst zurecht gebastelten Flößen in Richtung Florida abfuhren. Da überkam einen glatt das zweifache Heulen, eines wegen der Ertrunkenen, ein anderes wegen der noch immer prekären Lage im Land.

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